Dix und Mühlenweg III

 

Der Steigbügel, den Mühlenweg von seinem mongolischen Freund Märin als Abschiedsgeschenk bekam. Sein Freund Dix wollte ihm anders helfen. (Felder-Archiv Bregenz)

Wie eine Beteiligung von Fritz Mühlenweg an der 2. Deutschen Kunstausstellung in Dresden (1949; DDR) zustande kommen konnte, fand ich immer verwunderlich. In den Jahren nach 1946 waren einzelne Bilder von ihm allenfalls in Freiburg, Singen und Konstanz in Ausstellungen zu sehen. Reisen oder die Beförderung von Bildern durchs geteilte Nachkriegsdeutschland waren außerordentlich schwierig und sehr teuer.

Und wen konnte er in Sachsen kennen? Das in Dresden ausgestellte Bild „Bahnübergang“ ist inzwischen, dem Netz sei Dank, in einer Fotografie zu sehen: http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/30121035

Im gerade erschienenen Buch „Otto Dix, Briefe“; hrsg. von Ulrike Lorenz, bearbeitet und kommentiert von Gudrun Schmidt (Wienand 2013) ist nun eine Spur zu finden. In einem Brief vom 30. 5. 1949 aus Hemmenhofen an seinen Meisterschüler (in der DDR/SBZ) Ernst Bursche schreibt Dix: „Die Maler hier sind alle bereit, an der Ausstellung in Dresden mitzumachen.“

Man hätte hier Namen nennen können wie: Heckel, Bissier… die beide am Bodensee lebten, und die mit Dix zusammen im Beiprogramm des „Ingenieurstags“ in Konstanz ausgestellt hatten; (Julius Bissier und Dix trafen sich im Mühlenwegschen Haus am 23. Juni 49.)

In der Anmerkung der verdienstvollen Brief-Edition wird erläutert: „Die Bereitschaft der westdeutschen Maler, sich an der Ausstellung zu beteiligen, bezieht sich wohl auf die Zweite deutsche Kunstausstellung in Dresden, bei der Dix Jurymitglied war.“ So also kam das Bild nach Dresden. Der politische Hintergrund war dramatisch: Der Kalte Krieg hatte schon im Jahr zuvor den zweiten und letzten Schriftstellerkongress scheitern lassen, an dem sich Autoren der getrennten deutschen Zonen beteiligt hatten. Die einzige Zeitschrift, die von der SBZ / DDR aus den kulturpolitischen Zusammenhalt versuchte, Alfred Kantorowicz’ “Ost und West” wurde Ende 1949 eingestellt. Otto Dix, der 1949 noch in der Jury der Dresdner Ausstellung mitentschied, erlebte 1951, dass seine eigenen Bilder in Ostdeutschland ausjuriert wurden.

Mühlenweg war in jenem Frühsommer – als sein Freund Dix ihm die Beteiligung in Dresden vorschlug – mehr am Schreiben interessiert. Im Juni 1949 gab er in einem Brief an Nelly Dix in Hemmhofen die Fortschritte in seinem mäandernden ersten Roman durch, ohne zu ahnen, dass er noch ein weiteres Jahr an Schreibarbeit (oder auch: Schreibvergnügen) vor sich hatte. Ein Zitat aus seinem Brief ist inzwischen im Mühlenweg-Museum Allensbach auf seinem Schreibtisch zu sehen:

„Uns geht es unbeschrieen gut und zu tun haben wir auch, und Großer Tiger ist endlich am Edsingol angelangt, aber ach, wann wird er endlich in Urumtschi eintreffen? Ich habe einen neuen (alten) Schreibtisch gekriegt, nicht weil ich Geburtstag hatte, aber weil sich die Ziehmutter eine besser Arbeitsleistung davon versprach. Er ist prachtvoll mit Lederbänden und Goldschnitt, aber es ind keine Bücher obgleich „Gil Blas Vol I und Vol II“ draufsteht, sondern das sind geheime Schubladen und darum musst Du Dir das selbst betrachten.“

Als “In geheimer Mission durch die Wüste Gobi” 1950 erschien, kürzte Mühlenweg im Vorwort von Sven Hedin eine Stelle, die ihm politisch unklug vorkam und von der er annahm, dass sie das Erscheinen des Buchs in der ostdeutschen Zone erschweren würde. Er wollte sich, wie schon bei seiner Beteiligung an der Dresdner Kunstausstellung, aus den harschen kulturpolitischen Weichenstellungen des Kalten Kriegs heraushalten. Eine Ausgabe seines Romans in einem DDR-Verlag kam dennoch nicht zustande.
 

Dix und Mühlenweg (II)

Mühlenweg nach einem Schlaganfall wird von Dix (rechts) besucht; Ende 50er-Jahre. (Felder-Archiv, Bregenz)

Noch ein wenig Hintergrund zur Ausgabe der Otto-Dix-Briefe, speziell denen an Fritz Mühlenweg?

Zu den interessantesten Beziehungen von Fritz Mühlenweg (FM) zählt – neben der zum schwedischen Asienforscher Sven Hedin – die Freundschaft mit dem Maler Otto Dix. Hedin und Dix waren schon international berühmt als er sie kennenlernte, zu beiden hielt er lebenslang Verbindung.

Kontaktsuche in der Provinz
Den Kontakt zu Dix suchte das Künstler-Ehepaar Mühlenweg schon kurz nach dem Umzug vom Hallstätter See nach Allensbach am Bodensee. Im Juli 1936 erwähnt Elisabeth Mühlenweg (EM), auf deren Initiative es zu einem Treffen kam, in ihrem Tagebuch den ersten Besuch bei Dix im Hegau; dort wohnte er, nachdem er von der Dresdner Akademie verjagt worden war, mit seiner Familie bei Verwandten in Randegg.

Dix war nicht der Einzige, der von den Neuankömmlingen im weiteren Bodenseeraum besucht wurde. Damals versuchten die Mühlenwegs – EM hatte im Konstanzer Kunstverein eine Einzelausstellung –, auch in der größten Stadt am See mit Malern in Verbindung zu kommen: Alexander Rihm, Werner Rohland, Sepp Biehler); das entwickelte sich anfangs eher harzig, erst zwei Jahre später gründeten sie mit ihnen die „Konstanzer Malergruppe 1938“.
Auch Leerstellen zeigen sich in der Überlieferung: Mit dem einzigen in Allensbach lebenden Künstler, Otto Marquard, einem der bemerkenswerten badischen Maler, sind keine Begegnungen oder Einschätzungen nachzuweisen. Ein Austausch mit Adolf Dietrich am Thurgauer Ufer war bald durch die Kriegsgrenze unmöglich; das ist umso bedauerlicher, als Zeitgenossen eine innere Nähe sahen, in Ausstellungen der Nachkriegszeit wurden Mühlenwegs Bilder neben denen von Dietrich gehängt.

Familienfreundschaften
Mit Otto Dix gelang die Verbindung mühelos, nicht nur, weil sich da in der verhockten Provinz großstadterfahrene Menschen mit weit ausgreifenden Interessen trafen – die Mühlenwegs aus Wien, die Dix‘ aus Berlin und Dresden. Grundlegend wurde eine Freundschaft der Familien. Als „die Dixe“ 1936 ihr neues Haus in Hemmenhofen am Untersee bezogen, waren das: Otto und Martha Dix mit ihren Kindern Nelly (13), Ursus und Jan. Die Mühlenwegs kamen schon im Dezember 36 erstmals zu Besuch – mit ihren beiden Kleinkindern Regina und Christian; danach begannen wechselseitige Wochenendbesuche mit Übernachtung, die Treffen an Geburtstagen und zu gemeinsamen Fastnachtsfesten, die Hilfen im Alltag. Freundschaften zwischen den Kindern wirkten verstärkend; viel später (1961) verhalf Regina Mühlenweg nach dem frühen Tod ihrer bewunderten Freundin Nelly Dix, deren unveröffentlichten Erzählungen zum Druck; das Vorwort dazu schrieb Fritz Mühlenweg in den letzten Wochen seines Lebens.

Verkehrsmittel
Im gastfreundlichen Allensbacher Haus fanden die Hemmenhofener auch noch Platz, als die Familie Mühlenweg auf sieben Kinder angewachsen war. Dass die Dixe öfter zu den Mühlenwegs kamen als umgekehrt, lag an schlichten Gegebenheiten der Mobilität: Wenn sie im eigenen Auto nach Konstanz fuhren, führte die Straße unmittelbar am Mühlenweg-Haus vorbei. FM, ein früher Gegner des Autoverkehrs, hatte nicht einmal einen Führerschein.
Wenn die Mühlenwegs ihre Freunde auf der Höri besuchen wollten, ruderten sie in den wärmeren Monaten über den See zur Insel Reichenau und nahmen von dort das Motorschiff nach Hemmenhofen. Im Winter ging es per Bahn bis Radolfzell, danach mit einem der – eher seltenen – Busse oder auch zu Fuß noch zehn Kilometer. Briefe schrieb man sich nur, wenn kein direkter Austausch möglich war – also wenn Otto Dix im fernen Dresden lebte, FM in Bordeaux stationiert war, oder auch in den notvollen letzten Kriegs- und den Nachkriegsjahren. Beide Familien pflegten eine mündliche Kultur, mal spontan, mal sorgsam vorbereitet. Die zufällig erhaltenen Briefen sind Strandgut eines einst lebhaften Wellengangs.
Dabei hatte jede Familie ihren schreibenden Außenminister: Über die besondere Briefbeziehung zwischen Nelly Dix und FM gibt es im Zusammenhang mit dem MühlenwegMuseum hier etwas zu lesen: http://libelle.ch/apps/wordpress/?p=246 .

(wird womöglich fortgesetzt…)

Otto Dix und Fritz Mühlenweg (I)

Das letzte Foto einer Freundschaft: Otto Dix (rechts) beim schwer erkrankten Fritz Mühlenweg. (Felder-Archiv, Bregenz)

Neulich erschien mit mehr als tausend Seiten die bislang umfangreichste Sammlung mit Briefen von Otto Dix. Erstmals ist so im Druck zu lesen: das Dutzend Briefe und Karten von Dix an Fritz Mühlenweg. Das ist nicht nur gut, weil die steile, fahrige Handschrift von Dix auch auf den zweiten Blick schwer entzifferbar war. Es gibt auch Gelegenheit, für Mühlenweg nachzureichen, was die Bearbeiterinnen des Bands bei den zahlreichen Adressaten nicht ausführen konnten.
Also: Otto Dix, Briefe; hrsg. von Ulrike Lorenz, bearbeitet und kommentiert von Gudrun Schmidt (Wienand 2013). Ein Klopper von einem Buch, türkisblaues Leinen mit grünem Schnitt, lesbar schön gedruckt. Ich kannte die Briefe vom privaten Entziffern her, sie lassen einen Saum menschlicher Entwicklung ahnen: vom ersten Dokument 1936 an, in dem Dix noch an „Dr. Mühlenweg“ schreibt – ein Indiz vielleicht für die ernsthaft-distanzierte Wirkung des Malers bei der ersten Begegnung; Mühlenweg stand zudem eben damals in der Zeitung mit seinem Vortrag über Sven Hedin und die Mongolei. (Dix wird gelacht haben, als ihn Mühlenweg aufklärte: dass er freiwillig ohne Abitur von der Schule wegwollte; und weit entfernt blieb vom Bildungskodex der wilhelminischen Akademiker.) Zum Schluss dann das Du in den Briefen, schon in der Nachkriegszeit, Mühlenweg ist ein aufsteigender Stern unter den literarischen Bestsellerautoren (und versucht heimlich seinem minderverdienenden Freund Dix Illustrationsaufträge beim Herder Verlag zu verschaffen).

Es wäre unfair, von den Dix-Forscherinnen Detailkenntnisse bei jedem der Briefadressaten zu erwarten. Dennoch. Ob die sie die fundierte Arbeit der Kunsthistorikerin Barbara Stark über FMs Malerei und seinen Austausch mit Dix kannten (in: Fritz Mühlenweg – Malerei; Libelle 1998), bleibt ungewiss.
Der Band spart sich ein Register, im Personenverzeichnis hätten (hätten!) die Fundstellen der betreffenden Briefe angegeben werden können, zumal der Band durch die Aufteilung an verschiedene „Adressatenkreise“ die historische Vernetzung der Briefe eher verundeutlicht. Mit einiger Geduld sind die Schreiben an Mühlenweg jenseits der Seite 484 verstreut zu finden.
In einer zweiten, verbesserten Auflage könnte die einzige Anmerkung (zu einer Postkarte von Dix an FM am 16. 8. 1944) verändert werden: „Da die Karte nach Allensbach adressiert ist, war Fritz Mühlenweg wohl von der Wehrmacht entlassen.“ Weil aber FM von 1939 bis in den April 1945 nicht bei der Wehrmacht, sondern beim Zolldienst eingezogen war, klänge es so besser: „Die Karte ist nach Allensbach adressiert. Dix wusste, dass Mühlenweg an Sonntag vom Zolldienst in Konstanz zu seiner Allensbacher Familie durfte.“
Über Dix und Mühlenweg: hier bald mehr.

11. Dezember 2013. Heute vor 115 Jahren….


Die Straße, in der Mühlenweg aufwuchs

Die Straße, in der Mühlenweg aufwuchs. in der Bildmitte rechts, neben dem Rathaus: Das Elternhaus mit der Drogerie Kornbeck

 

Mosaiksteine um Fritz Mühlenwegs Geburtstag

Konstanz

„Er hätte im Westfälischen aufwachsen können oder auch im Königreich Württemberg. Dass er am 11. Dezember 1898 in Konstanz geboren wurde, kam von der Umtriebigkeit zweier Kaufleute, denen der wirtschaftliche Liberalismus der Kaiserzeit den Impuls zu größeren Ortsveränderungen gegeben hatte: Richard Kornbeck, der Schwabe, begann ab 1872 an jenem badischen Ufer des Bodensees tätig zu werden, das dem Wirtschaftsraum der Schweiz am nächsten lag. Zwanzig Jahre später kam der Westfale Ludwig Mühlenweg nach Konstanz, als Angestellter in Kornbecks Drogerie; er wurde bald auch sein Schwiegersohn.
Man könnte ins Gehölz dieser sehr unterschiedlichen Stammbäume klettern. Aber Fritz Mühlenweg selbst war nicht ahnenstolz. Die Versuchung, eine gesellschaftliche Geltung über Geschlechterabfolgen zu reklamieren oder sich mit jahrhundertealten Sesshaftigkeiten großzutun, war ihm fremd; so fremd wie ein Ausdenken von landsmannschaftlichen Blutwellen. Auch dies hat ihn, als der deutsche Rassismus in den Jahren nach 1933 virulent wurde, distanziert bleiben lassen.
Stille Dankbarkeiten gegenüber der Eltern- und Großelterngeneration sollten wir dennoch annehmen. Fast dreißig Jahre lang hat das angesparte Vermögen seiner Vorfahren diesem Fritz Mühlenweg die Existenzform eines freien Künstlers unterfüttert.“

Die Stadt, ihre Enge

„Am 11. Dezember 1898, einem Sonntag gegen neun Uhr, war Elise Mühlenweg in ihrer Wohnung von ihrem zweiten Sohn entbunden worden. Die junge Frau war damals bereits in einem »Ernst des Lebens«, auf den sie später nicht ohne eine leise Bitterkeit zurückblickte: Sie hatte kurz nach ihrer Hochzeitsreise, nach einer Erkrankung ihrer Mutter, den großen Haushalt übernehmen müssen. Die Last der Kinderbetreuung blieb ihr fast allein, denn die ersten Jahre war ihr Mann für das Geschäft oft unterwegs, als »Reisender« der Firma in einem wachsenden Netz von Kunden und Lieferanten.
Was die Zeitungsleser damals im Geburtsmonat von Fritz Mühlenweg beschäftigte, ist leicht nachzulesen: In der Konstanzer Zeitung galt als nationales Topthema – die Gedenkreden auf den verstorbenen Bismarck hallten noch nach –, dass es dem Zentrum gelungen war, die Wahl eines Sozialdemokraten zum Schriftführer des Reichstags zu verhindern; der sarkastische Ton des Berichts passt zu einer politischen Konstellation der Stadt, wo die junge sozialdemokratische Partei zwar Wahlhilfe für Zentrum und Demokraten gegen das liberale Besitzbürgertum leisten durfte, aber nur wenig Dank bekam.
Im lokalen Teil wurden die Hausbesitzer daran erinnert, dass sie nun Hausnummern anzubringen hätten. Auch hatten gerade die Bauarbeiten für das neue Krankenhaus begonnen. Die Stadt wuchs unaufhaltsam, zwischen 1890 und 1905 hatte sich die Einwohnerzahl um die Hälfte erhöht, auf fast 25 000.
Das Stadttheater gab gerade die Lustspiel-Novität »Im weißen Rössl«; das notorisch defizitäre Theater versuchte mit einem überwiegenden Anteil leichter Unterhaltung die Konstanzer zu locken. Dennoch brachte es der Intendant Oppenheim in der klerikal indoktrinierten Stadt immer wieder zu einem Theaterskandal. Als er ein Stück inszenierte, in dem eine lange Zeit erniedrigte Frau aus der Ehe mit einem brutalen Weinhändler flüchtet, reichte das Gezeter der Zentrums-Vertreter nach Zensur bis in die städtischen Haushaltsberatungen.
In der Kunsthandlung J. A. Pecht im Wessenberghaus gab es vor Weihnachten verbilligte Heliogravuren mit Genre- und religiösen Bildern zu kaufen. Der offizielle Kunstgeschmack ist damit schon illustriert, er wurde von einem dumpf-autoritären Journalismus noch zusätzlich verkleistert. Als 1885 auf der alljährlich in Konstanz gezeigten Schweizer Kunstausstellung auch ein Bild des jungen Ferdinand Hodler zu sehen war, endete der süffisante Zeitungsbericht mit dem Satz: »Schwamm drüber!«

 

Die Straße, Ausblicke

„Im Renaissance-Haus an der Kanzleistraße, mit einem überaus geräumigen Treppenhaus, hohen, und nicht mehr sehr belastbaren Speichern, ist Fritz Mühlenweg aufgewachsen. So nah am Konstanzer Rathaus, dass ein Lagerschuppen des weitläufigen Hinterhofs der Kornbecks an den Sitz der Stadtregierung grenzte. Direkt nebenan firmierte das Wolf’sche Atelier, aus dem die bedeutendste Fotografie-Sammlung der Stadt hervorging (auch ein Bild der Kornbeck’schen Hundezucht ist auf Glasplatte bewahrt…). Vis-à-vis lag die Buchhandlung Ackermann, die bis über die Jahrhundertwende auch die Zentrale des städtischen Fremdenverkehrs beherbergte. In Ackermanns Verlag erschien von Jakob Christoph Heer ein touristikkompatibles Büchlein (»Freiluft«) mit der ersten Bodensee-Schilderung aus der Perspektive eines Luftschiffs. Der Buchhändler empfahl den Klassenlehrern der Oberrealschule dann die (deutschnationalen…) Preisbücher, wenn für den Schüler Fritz Mühlenweg wieder eine Auszeichnung fällig war. In dieser Buchhandlung wurden später auch die Pakete mit Lesestoff für den Drogistensohn in der Wüste Gobi gepackt. Einem Verlagsvertreter des Insel-Verlags, der Ackermann regelmäßig besuchte und sich im Lauf der Jahre mit dem Buchhändler anfreundete, werden wir später als Fritz Mühlenwegs erstem Verleger wieder begegnen.“

(aus : Ekkehard Faude „Fritz Mühlenweg – Vom Bodensee in die Mongolei“ Libelle 2005)

Das Buch, das aus der Gobi kam

Der Maler wird Autor (Felder Archiv, Bregenz)

Im heutigen „Südkurier“ steht über Fritz Mühlenweg als „Jugendbuch-Autor“ eine für die Zeitung gekürzte Fassung: http://www.suedkurier.de/nachrichten/kultur/aktuelles/kultur/In-geheimer-Mission;art410935,5811587

Hier der volle Stoff:

Ein Leser im Herbst 2012

„In Peking gab es Bürgerkrieg… Christian und Großer Tiger waren die besten Freunde. Sie waren bereits zwölf und sie hatten fast immer die gleichen Gedanken.“ So steht es (mit einem großen Smily) auf einem farbig gemalten Plakat, das im November 2012 kam. Die Handschrift eines jungen Lesers mit der Kurzfassung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“, über die Abenteuerreise von Großer Tiger und Christian, die Begegnung mit einem General, der sie mit einer Geheimbotschaft durch die Wüste Gobi schickt. Und dass die beiden Jungen mit einem Soldaten namens Glück und einem gefährlichen Mörder zusammen reisen.
Natürlich freut uns solche Post. Aber faszinierender noch war, was wir über den Briefschreiber erfuhren: Bis dahin war er nicht an die Bücher zu bringen gewesen. Lesen überhaupt fand er langweilig und anstrengend. Als der gut 600 Seiten dicke Schmöker von Fritz Mühlenweg auf seinem Geburtstagstisch lag, war wenig zu hoffen.
Aber dann begann er zu lesen und las weiter, und war in den Wochen danach von der spannenden Geschichte kaum wegzubringen. Und so fasziniert, dass er das Buch unbedingt in seiner Klasse vorstellen wollte. Nun will er unbedingt auch das Mühlenweg-Museum in Allensbach sehen. Dort könnte eigentlich seine Buchbeschreibung nun ausgestellt werden, neben den begeisterten Malbriefen, die eine ganze Schulklasse Anfang der 50er-Jahre an den Autor schrieb.
Es gibt keinen besseren Beweis für die Stärke eines Textes, die Macht einer erfundenen Geschichte und die Wirkung von Sprache. Über das Fortleben eines Buchs bestimmen begeisterte Leser, nicht die Literaturkritiker.
Denn dieser Roman ist vor über 60 Jahren geschrieben worden, von einem Mann, der bis dahin eher als Maler bekannt. Freilich ein Maler mit einer aufregenden Vergangenheit. Bevor sich Fritz Mühlenweg 1935 in Allensbach niederließ, war er mehrmals in der Mongolei gewesen, zudem mit einem Tross von 300 Kamelen und mit einer Expedition, deren Leiter ein damals weltberühmter Forscher war: Sven Hedin.
Mühlenweg hatte damals von einheimischen Kameltreiber Mongolisch gelernt und viel über Land und Leute der Mongolei erfahren. Die Freundlichkeit und Bedachtsamkeit der Mongolen und die Einsamkeit in der Wüste hatten ihn etwas gelehrt, das ihn die gewohnte europäisches Lebensart in kritischem Abstand sehen ließ.

Ein Maler, der 1948 brotlos ist, schreibt einen Roman

Vieles von diesen Erfahrungen brachte er in die Erfindungen seines Romans unter. Er begann 1948 an einer Geschichte zu schreiben, die nahm ihren Anfang mit einer unfreiwilligen Zugfahrt seiner (etwa zwölfjährigen) Helden in Peking. Er schrieb drauflos, mit Bleistift in unbenutzte Kontobücher, er schrieb ohne Plan, und die Geschichte wuchs über viele spannende, geheimnisvolle und naturnahe Episoden auf 500 Seiten. Dann waren seine Helden endlich in Urumtschi angekommen. Das karge, harte Leben der Nomaden in seinem Roman war zugleich die exotische Folie für den Mangel, den viele Deutsche in jenen Nachkriegsjahren selbst erlebten.
Das Manuskript war ungewöhnlich umfangreich für jene Zeit, im Frühjahr 1950 schickte er 350 engzeilig getippte Blätter an zwei Hamburger Belletristik-Verlage und schrieb dazu, er habe für Leser „von 12 bis 70“ geschrieben. Dass die Erlebnisse von Großer Tiger und Christian quer durch die Altersstufen Begeisterung weckten, hatte er erlebt: Seine eigenen Kinder hatten bei häuslichen Lesungen zugehört, aber auch erwachsene Freunde der Familie. Die in Weltliteraturen belesene Mittzwanzigerin Nelly Dix hatte das Manuskript während der Entstehung bekommen und ungeduldig auf Fortsetzungen gewartet.
Mühlenweg hoffte auf den Rowohlt Verlag. Aber dort lehnte eben der Lektor den Roman ab, der selber (unterm Namen Ceram) einen Generationen übergreifenden Bestseller geschrieben hatte („Götter, Gräber und Gelehrte“). Mühlenwegs Buch gehöre in die Jugendliteratur, meinte er.

Ein Roman für alle Lesealter wird als Jugendbuch vermarktet

Fast gleichzeitig erfuhr der Herder Verlag, für den Mühlenwegs Frau Elisabeth seit Jahren religiöse Bücher illustrierte, von dem Romanmanuskript. Herder, ein finanzstarker Verlag mit eigener Druckerei und Buchhandlungen in mehreren Ländern, war zwar streng katholisch ausgerichtet, versuchte aber gerade, sein Jugendbuchprogramm zu erweitern. Mit diesem Abenteueroman, der in der Mongolei spielte, wollte Herder die Dominanz der Karl-May-Bücher auf dem lukrativen Jugendbuchmarkt brechen. Dass der Verlag Fritz Mühlenweg als „den besseren Karl May“ aufbaute und ihn mit seinen authentischen Fotos aus der Wüste Gobi jahrelang auf Dia-Vortragsreisen schickten, war nur konsequent. Als großer Unterschied zu Karl May wurde herausgestellt, dass Mühlenweg das exotische Land seines Romans aus eigener Anschauung kannte. Dafür übersahen sie bei Herder einen anderen Unterschied komplett: Karl May hatte ein kitschiges Christentum in seinen Romanen verarbeitet; Mühlenwegs Romanfiguren werden in eine Welt eingeführt, in der es Gier, Grausamkeit und Rache gibt, aber sie kommen ohne Religion zurecht und stärken einander mit einer Ethik aus Vertrauen, Respekt und gegenseitiger Hilfe.

Jugendbuchautor? Den Ausschlag gab für Mühlenweg, dass ihm Herder ein monatliches Honorarfixum anbot; seine Familie brauchte Geld, in den Wochen seiner erfolglosen Verlagssuche hatte Elisabeth Mühlenweg ihr siebtes Kind zur Welt gebracht.
Tatsächlich machte ihn sein Roman vom Start weg zum bekannten Schriftsteller mit hohen Auflagen. Die alljährlichen Lesereisen wurden zur besseren Einnahmequelle als die Mickerhonorare aus den Übersetzungen seines Romans in Amerika, England, Spanien, Italien…

Der Jugendbuchautor kann nicht mehr wechseln

Aber Mühlenweg merkte rasch, dass er als Jugendbuchautor ein Schriftsteller im Mitteldeck des Dampfers Buchhandel blieb. Die Trennung zwischen (Erwachsenen-)Belletristik und dem weniger angesehenen Jugendbuch war in den frühen 50er-Jahren noch rigide. Die Kollegen von der „Literatur“ hatten nicht nur größeres Renommee, ihre Lesungen wurden auch besser honoriert.
Zur gesellschaftlichen Aufwertung trug erst der 1956 vom Innenministerium gestiftete Jugendbuchpreis bei, auch die wissenschaftliche Erforschung der Jugendliteratur und eine Anzahl von Stipendien und Preisen. Vor allem aber, dass später hochkarätige und erfolgreiche Autoren wie Peter Härtling, Uwe Timm oder David Grossman zugleich immer wieder Bücher für Kinder schrieben.
Fritz Mühlenweg realisierte, dass er in einen Marketingkäfig geraten war, das vor allem dem Verlag nützte, ihn aber auf fatale Weise festlegte. Sein zweiter Mongoleiroman spielte zwar nur noch unter Erwachsenen, er wurde aber von Herder dennoch wie ein Karl-May verkauft.
Das Leben als freier Autor ließ ihm wenig Wahl: In den Jahren danach lieferte er, wofür Herder den Markt hatte. Er schrieb Erzählungen und Kinderbücher („Nuni“); als der Jugendbuchpreis erstmals vergeben wurde, war er als Übersetzer von „Der glückliche Löwe“ unter den Ausgezeichneten.

In der Eile sind Fehler: Mühlenwegs anschwellender Erfolg bei neuen Lesern

Nach Mühlenwegs frühem Tod (1961) wurde sein Hauptwerk nur noch in einer gekürzten Ausgabe gedruckt. Dass kein Lexikon an ihn erinnerte und er fast komplett aus der literarischen Überlieferung gefallen war, hatte aber langfristig einen Vorteil.
Als wir bei Libelle den schwer unterschätzten Autor ab 1991 mit Neuausgaben seiner wichtigsten Werke wieder zugänglich machten, konnten wir das Malheur des Jahrs 1950
bereinigen. Seine Bücher erscheinen fest gebunden und wurden zunächst als Belletristik (für Erwachsene) platziert. Der Buchhandel hatte inzwischen die Kategorie „All-Age-Literatur“, für jene raren Könner wie Tolkien, Kipling oder Saint-Exupery, die für Jung und Alt verständlich und spannend sind, auf jeweils andere Weise gewinnbringend. In dieser Liga kann Fritz Mühlenweg nun wahrgenommen werden. Seit diesem Jahr hat er sogar ein eigenes Museum.

PS: Ja, wir haben inzwischen auch begeisterte Leserechos von über 80jährigen Mühlenweg-Leserinnen.

Master’s Voice

 

Christbaum von Hami

Der Christbaum von Hami, fotografiert von Fritz Mühlenweg. (Felder-Archiv, Bregenz)

Fürs Museum einen Mitschnitt mit Fritz Mühlenwegs Originalstimme zu bekommen, war leider unmöglich. Alle Anfragen mit den genauen Aufnahmeterminen an Rundfunksender und Funkarchive in Stuttgart, Baden-Baden, Frankfurt a. M., Köln, Wien und Graz blieben entweder unbeantwortet oder kamen mit negativem Bescheid zurück. In all diesen Städten hatte Mühlenweg während seiner Lesereisen Interviews gegeben oder live im Sender geredet.
Der Mann ist nun über 50 Jahre tot, der Klang seiner Stimme aber sollte doch irgendwo überlebt haben…

Die Furie des Verschwindens
Es gibt in unserer Welt des raschen Entsorgens und der pingeligen Aufräumer hin und wieder ja die Einzelnen, die der Furie des Verschwindens still entgegenarbeiten. Sammler aus Leidenschaft, aus Kenntnis des Werts, der über den Alltag hinausgeht. Die Basler sind vor kurzem zu einem Filmarchiv gekommen, weil einer in der Nachkriegszeit die beschränkt einsetzbaren Zelluloid-Kopien, die die Kinos wegwarfen, jeweils aus der Mülltonne geholt und aufbewahrt hatte.

Über die Funkaufnahmen wissen wir einigermaßen Bescheid, weil Mühlenweg von unterwegs fast jeden Tag an seine Frau in Allensbach schrieb. Im November 1955 machte er auch im Taunus Halt, und schrieb aus Kronberg; Saarbrücken und Rauxel hatte er hinter sich, weiter ging es dann nach Göttingen, aber nun erst die Lesung in der Waldschule:

„Wer noch zum Vortrag kommt, außer den 50 Buben, die hier untergebracht sind, weiß ich nicht. Da Herr Dr. Michels von den Vortragenden jede Rede auf Tonband aufnimmt, konnte ich Waggerl hören und Wolf v. Niebelschütz, er hat eine ganze Sammlung…“

Wilhelm Michels war mir als früher Leser und Förderer von Arno Schmidt bekannt, ihm ist sogar Schmidts unvergleichlicher Roman „Das steinerne Herz“ gewidmet. Michels: Ein promovierter Literaturwissenschaftler, der in London seine Habilitationsarbeit abbrach und in den Lehrerberuf ging. In den 30er-Jahren hatte er gemeinsam mit seiner Frau Erika die Waldschule (mit Internat) in Schönberg im Taunus gegründet, beide unterrichteten auch in Kronberg. In der Nachkriegszeit organisierte Michels über viele Jahre hinweg Lesungen mit den interessantesten Autoren für seine Schüler. Und da er literaturhistorisch dachte, nahm er die Lesungen auf Band auf, ein sehr bedachtsam modernes Verfahren fürs frühe Westdeutschland…

Zufallsfund, durch fremde Sorgfalt vorbereitet
Ich hatte vor zweidrei Jahren auf gut Glück an die Arno Schmidt-Stiftung geschrieben, dort konnte in der akribischen, von Jan Philipp Reemtsma großzügig finanzierten Schmidt-Forschung am ehesten noch etwas über die Tonbänder zu erfahren sein. Der Herr Bernd Rauschenbach dort antwortete nicht einmal. Und nachdem mir die Sachbearbeiter bei den Rundfunksendern alle ausgiebig erzählt hatten, warum auf Bänder der 50er-Jahre in Sendearchiven nicht mehr zu rechnen sei (man hat das teure Material wieder überspielt; man konnte diese Mengen gar nicht aufheben; die Qualität von Bändern nach dieser Zeit, oh!) – war meine Hoffnung ohnehin gering.

Aber es lebe die unkontrollierte, absichtslose, herrliche Querleserei … Vor ein paar Wochen fiel mir im „Tagebuch aus dem Jahr 1956“ von Alice Schmidt etwas auf – sie notierte ein paar Jahre lang in kurzen Einträgen den harten Alltag mit und neben dem ewig arbeitsamen Schriftsteller. Man erfährt von den Einkaufssorgen übers Picheln bis zu Katzengeschichten vielerlei Interessantes, sozialhistorisches Unterfutter der Adenauerzeit, und Alice Schmidt notierte eben auch über die Besuche des Ehepaars Michels. Dem Buch sind zwei CDs beigegeben: mit einer Lesung von Arno Schmidt „im Waldschülerheim Schönberg im Taunus am 18. 2. 1956“.
Ecco. Nur gerade drei Monate vorher hatte Fritz Mühlenweg dort gelesen.
Diesmal schrieb ich per Adresse der Arno Schmidt-Stiftung an die Herausgeberin des Tagebuchs, Susanne Fischer, die auch das vorzügliche Vorwort geschrieben hatte. Und bekam rasche und präzise Antwort mit der Adresse der Tochter des Ehepaar Michels, die noch zahlreiche Tonbänder verwahre. Schrieb also dorthin. Und heute (Nikolausabend besonderer Prägung) kam ein direkter Anruf dieser freundlichen Dame. Das Tonband ist gefunden. Nun beginnt das Warten darauf, ob eine Konvertierung möglich ist.

“and the women come and go / talking of Michelangelo”
Wir hätten dann die Stimme des 57-jährigen Fritz Mühlenweg, aus jenem Jahr 1955, in dem er – neben Max Frisch in Braunschweig – seinen wichtigsten Preis bekam, und den wenig später der Bundespräsident Heuss im Rahmen des ersten (westdeutschen) Jugendbuch-Preises für seine Übersetzung von „Der glückliche Löwe“ auszeichnete.

Die Stimme eines Mannes auch, der nicht ahnen konnte: dass ihn nur 16 Monate später ein Schlaganfall treffen würde, nach dem alle weiteren Lesereisen unmöglich wurden.

La Rochelle, von Bordeaux aus

Sommer 1944, Insel Reichenau: Elisabeth (links) mit Kindern bei Fritz Mühlenweg, Hilfszöllner. Am rechten Bildrand: Tami Oelfken. (Unbekannter Fotograf, Felder-Archiv, Bregenz)

Das Mühlenweg-Museum. Seit der Eröffnung vor acht Wochen war ich nur einmal wieder dort, weil noch eine Führung für Vermieter von Touristenzimmern anstand.
Die ersten erfreulichen Einwände kamen auch schon, interessant. Einer Besucherin fiel auf, dass die ausgestellten Ski nicht die gewesen sein können, die Mühlenweg in der Gobi mit dabei hatte: die Skier auf den Fotos aus China sind stärker gebogen. (Prima beobachtet; deshalb ist die Legende in der Vitrine auch betont knapp gehalten, denn die Nachbarin der Mühlenwegs, die seine Ski aufbewahrt hatte, konnte nichts Genaueres über deren Alter sagen.)
Ebenso erfreulich: die Geschichte jenes spanischen Touristen, der eher zufällig ins Museum ging, als er das Mongolen-Foto im Bahnhof sah. Er kam nach reichlicher Zeit wieder aus den Räumen zurück, verblüfft darüber, dass er einem Lieblingsautor seiner spanischen Kindheit wieder begegnet war. Seine Ausgabe der 50er-Jahre ist im „Literatur-Raum“ in der breiten Schublade mit sieben anderen Übersetzungen ausgestellt:

En misión secreta a través del desierto de Gobi, 4 Bände
Bd. 1: Monte-de-Brújula y Gran-Tigre, 316 Seiten Bd. 2: Hacia el Edsin-Gol, 260 Seiten Bd. 3: Dampignak, 348 Seiten Bd. 4: Hacia Urumchi, 271 Seiten
Herder, Barcelona 1956 Übersetzung: Juan Godó Costa, Vorwort: Sven Hedin Illustration: María und Erwin Bechtold.

Ich bleibe also erstmal dort weg. Technik des Loslassens. Das Museum soll sich ohne Overcontrolling (des Erfinders? Bestückers? das Wort Kurator klänge grausam prätenziös…) fortentwickeln. Nun aber hat sich der Elektriker Pius Wehrle, der die Installationen im Museum betreute, eines Bilds erinnert, das seine Eltern einst von Fritz Mühlenweg bekamen. Er stellt das Aquarell dem Museum zur Verfügung, und Claudia Gnädinger, die weiterhin die Gestaltung verbessert, braucht eine Legende.

Es braucht eine Beschriftung

Eine Hafenansicht, französisch, signiert mit „FM 41“. Die mündliche Überlieferung weiß, dass es La Rochelle darstellt, in der Gegend dort war der Allensbacher Fritz Wehrle als Leuchtturmwächter der deutschen Besatzungsmacht eingesetzt.
Über Fritz Mühlenwegs Zeit am Atlantik konnte im Museum ohnehin nichts ausgestellt werden. Eine gute Gelegenheit also, mit diesem Bild knapp die Umstände anzudeuten.

„Fritz Mühlenweg, Hafen von La Rochelle (Aquarell, 1941; Leihgabe von Familie Wehrle)   Seit Juni 1940 ist Mühlenweg u. a. als Dolmetscher zum Zolldienst nach Bordeaux abgeordnet. Im April 1941 kann er im Rahmen eines “Arbeitsurlaubs” in La Rochelle und an der Atlantikküste malen. Er erprobt sich in der Aquarelltechnik.

Den Hafen mit seinen Türmen malt er mehrfach, nicht nur wegen der romantischen Ansicht: Seine Vorgesetzten wollen Bilder für ihre Büros, sie sollen Gebäude und Landschaften berücksichtigen, die für den Grenzschutz der besetzten Gebiete bedeutsam sind.
1947 wird das Bild ein Hochzeitsgeschenk für den Allensbacher Fritz Wehrle, der wie Mühlenweg am Atlantik stationiert war.“

Aus dem historischen Bildraum

Kein Platz war in der Legende für den größeren Hintergrund. Mühlenwegs Frau erwartet in Allensbach ihr fünftes Kind, das im März 1941 zu Welt kommen soll. Seit Monaten versucht der Maler, der in Bordeaux neben öden Büroarbeiten auch wegen seiner Französischkenntnisse im Außendienst eingesetzt wird, wieder an den Bodensee zurückzukommen. Es werden ihm wenig Hoffnungen gemacht: Die Wehrmacht braucht Soldaten an den neuen Fronten auf dem Balkan und in Griechenland, Hitler plant mit seinen Generälen bereits den Angriffskrieg auf die Sowjetunion; an der gesicherten Atlantikküste entlasten die älteren Zollhilfskräfte die Besatzungstruppen.
Zudem will ihn sein Chef nicht mehr missen, er schätzt Mühlenwegs zuverlässiges Arbeiten, hintertreibt womöglich dessen Versetzungswünsche sogar.

Unverhoffte Malerferien mitten im Krieg

Als im Februar 1941 ein weiterer Antrag abgelehnt wird, bekommt Mühlenweg stattdessen einen „Arbeitsdienst“ als Freizeit, die nicht mit dem Urlaub verrechnet wird. Bei einer Inspektion ist an seiner Wand ein Blumenaquarell und überhaupt seine Malkunst aufgefallen. Er soll im nächsten Grenzschutz-Kommando Royan malen, 10 bis 14 Tage lang. Von seinen Bildern, die diskret Anlagen des Grenzschutzes oder Uniformierte zitieren sollen, will die Behörde bei Gefallen etwas ankaufen, sonst kann er arbeiten, was er will.
Die Aquarelle wecken bald Begehrlichkeiten bei mehreren kleinen Chefs, auch braucht man ein Geschenk für den Generalinspekteur. So kommt Mühlenweg zu fast sechs Wochen Malerurlaub, nach Royan noch in den Stützpunkten La Rochelle und Le Sables. Er genießt diese erste Möglichkeit seit mehr als einem Jahr, wieder jeden Tag zu malen. Von den gut zwei Dutzend Aquarellen hält er nur wenige für gelungen, das schreibt er in Briefen an seine Frau Elisabeth, die in Allensbach sonst seine kritische Instanz ist.

“Er ist nicht böse” (Kindermund in La Rochelle)

Ein seltsamer Deutscher. Die für die Besatzungsarmee gezeigten deutschen Filme sind ihm zu langweilig, er geht lieber in die kleinen Kinos und sieht sich die neuen Filme mit Sascha Guitry an. Als er für seine Frau ein Kleid aus schwarzer Spitze kauft, sagt ihm die Verkäuferin ganz verwundert: er sei der erste Deutsche, schwarzer Stoff erscheine sonst nur den Franzosen als chic. In den Straßen von La Rochelle spricht sich bei den Kindern rasch herum: „Il n‘est pas méchant“; worauf er ein Dutzend von ihnen im Gefolge hat, die er bald alle mit Namen kennt – an solchen Tagen leidet die Malerei im Freien ein wenig…
Und er will vor der Rückkehr nach Bordeaux in der Gegend unbedingt noch die Villa von Clémenceau besichtigen, jenes entschiedenen Journalisten, Dreyfus-Verteidigers und furios deutschfeindlichen Politikers, der ihn so fasziniert, dass er einige Zeit lang mit dem Plan einer Biographie umgeht.

Kriegsende am See

Die übrig gebliebenen Aquarelle konnte Mühlenweg schon im Mai 1941 an den Bodensee mitnehmen. Beim Grenzamt Konstanz hatte sich ein Ersatzmann gemeldet, der lieber in Bordeaux Dienst tun wollte. Bis zum Ende des Kriegs, den man sich damals für 1942 erhoffte und der doch vier weitere grausame Jahre lang fortdauern sollte, ging Fritz Mühlenweg in Meersburg, auf dem Schienerberg und in Konstanz auf Patrouille; seine Familie konnte er nur sonntags besuchen.
In Grenzeruniform ist er im Museum auch zusehen, mit Elisabeth und den Kindern auf einem Bootssteg der Reichenau, im Hintergrund das Löchnerhaus. Am rechten Bildrand: Tami Oelfken. Im Raum „Seitenblicke“ gibt es eine Schubladen-Vitrine über Schriftstellerin Tami Oelfken, die nach Schließung ihrer Berliner Reformschule und Berufsverbot durch Deutschland irrte und schließlich in Überlingen unterkam. 1944 feierte sie bei den Mühlenwegs Weihnachten, die „Malerfreunde in Allensbach“ nennt sie auch in ihrem 1946 erschienenen Bericht über die Jahre ihrer Inneren Emigration („Fahrt durch das Chaos“).

Der Adler ist gelandet, fliegt weiter

MühlenwegMuseum – Literatur-Raum: Von den Manuskripten bis zum mongolischen Image (Foto Claudia Knupfer, Konstanz)

Am 22. Juni 2012, also vorgestern, wurde in Allensbach das Mühlenweg Museum eröffnet. Mehr als 200 zum Teil von weit her angereiste Gäste erlebten eine heitere Feier und am Samstag einen Tag der offenen Tür. Die Führungen durch die sechs Räume des Museums im Bahnhofsgebäude waren, vorsichtig gesagt: überaus gut besucht…

Mir wurde da besonders leicht ums Herz, denn hier kam etwas zu einem Ende, das damit begonnen hatte, dass in Allensbach etwas zu wörtlich verstanden wurde. 2006 hatte ich die Allensbacher Ausstellung mit Gemälden von Fritz und Elisabeth Mühlenweg mit einer Rede in der rhetorischen Figur eines Gangs durch ein noch nicht existierendes Mühlenweg-Museum eröffnet.

Ehrlich, ich hatte es nicht ernst meinen können, weil ich soviel überschüssige Hoffnung dann doch nicht wagte. Aber Sabine Schürnbrand vom Kultur- und Touristik-Büro nahm meinen Vorschlag auf, überzeugte ihren Bürgermeister und 2008 wurde ich gefragt, ob ich die Konzeption des Museums übernehmen würde.

Es gibt Fragen, die kann man nicht abschlägig beantworten, nur weil man sich etwas nicht zutraut. Zwei Räume im engen Heimatmuseum waren vorgesehen. Kein gutes Ambiente für einen Autor solcher Weltoffenheit. Glücklicherweise wurden im Sommer 2009 Räume im alten Bahnhof frei. Ich machte ein Konzept, von dem die Gestalterin später behauptete, es hätte einen Louvre füllen können. Die Allensbacher haben mich dann downgesized, ein herber und hilfreicher Prozess. Um die Jahreswende 2011/12 wurden die Räume renoviert. Dass bis zum Juni nun alles, oder fast alles, fertig wurde, gehört zu den Wundern dieser Welt.

Mit dieser Rede am 22. Juni versuchte ich die Hintergründe des Wunders zu beleuchten. (Für alle, die nicht dabei waren:)

 

„Der Adler ist gelandet“ 

Meine Damen und Herren, Freundinnen und Freunde des Autors, liebe Familie Mühlenweg,

mit diesen Worten, die einst ein Astronaut kurz vor seinem ersten Schritt auf den Mond gesprochen hat, ist die Gefühlslage dieses Tags wohl am besten umschrieben. Eine Erleichterung, eine überirdische. Der Satz kommt noch aus dem Jahrzehnt, in dem Fritz Mühlenweg gestorben ist, jener Mann, der einem kleinen Mädchen namens „Nuni“ eigens hilfreiche Nachtgestirne vom Firmament geschickt hat, damit es wieder nach Hause finden konnte. Dass Heimwege gelingen können, nach den Ängstigungen der Weglosigkeit: das gehörte zu seinem Erfahrungswissen. Die Mühlenweg-Leser unter Ihnen werden es verstehen können: Auch beim Gang durch die Alltagswüste dieser Museumsentwicklung ist öfter das Mantra aus Ergebenheit und Zuversicht aufgesagt worden: „Es gibt keine Hilfe“ – „Keine Besorgnis deswegen.“

„Der Adler ist gelandet“: Das passt. Die Eröffnung eines Museums bietet die Schwelle, an der man die Mühen der Planung, den öfter verschobenen Start, den von allerlei Meteoriten-Schlägen begleiteten Flug so langsam vergessen kann. Was haben wir Raketenstufen verglühen sehen, Ideen, Stoff, Architekturdetails, die uns eine Zeit lang Schub gespendet hatten, die wir aber hinter uns lassen mussten, damit der Weiterflug gelingen konnte. Wer die Konstruktion von Erinnerung ernst nimmt, muss sich von Ballast lösen können.

Noch beim Landeanflug kam es zu kleinen Wundern… Landeanflug? Gemeint sind die heiteren Chaostage, als es um die Feinanpassung der Texte in knappen Räumen ging. Claudia Gnädinger musste ja irgendwie noch meine ca. 150.000 Buchstaben über Leben, Werk und Epoche sowie die paarhundert Fotos und Exponate gestaltend verteilen, in ihrer Kunstlandschaft aus Bildschirmen, Vitrinen und den Lesezeichen an der Wand. Und welches Erlebnis dann, als uns Freddy Overlack, der Meisterschreiner aus Radolfzell, – nebenbei: ein Mühlenwegfan –, in den frisch renovierten Räumen noch schöne und praktikable Lösungen vorschlug. Auch jene geschrägte Wandvitrine im „Asienraum“, die Ihnen anschaulich machen soll, wie Mühlenweg von Kamelmännern durch Zuhören und Nachfragen Mongolisch lernte…

…denn das ist ja der Wunsch, der hinter diesem Angebot namens Museum steht: dass beim genaueren Anschauen eines beleuchteten Steigbügels, einer handgeschrieben Wörterliste, beim Lesen einer Seite des Expeditionstagebuchs, aus dem Puzzle sich die Ahnung eines Gesamtbildes fügt – eine Ahnung davon: welche Beharrlichkeit, welche vorurteilslose Neugier dieser Mann vom Bodensee erst entwickeln musste, dieser Aussteiger aus einem wirtschaftlich gebeutelten Europa, dieser zu rascher Flucht bereite Körpermensch…

…  bis der westliche, der abgleichende Blick dieses Fritz Mühlenweg eine neue Art des Sehens lernte und er selbst empfänglicher wurde: bis hin zu jener „Bereitschaft des Herzens“, die seiner literarischen Kulturvermittlung später den Grund gab. Er hatte in der Wüste unter Schweiß, Kälte, Langeweile, Glück, Neugier und Staunen etwas erfahren, das hielt sich nach seiner Rückkehr als Sehnsuchtsbezirk, das wollte er sichern.

 

 All Age

Die Gestaltung seiner neuen Sehweise suchte er als Maler, aber erst als Schriftsteller fand er zu jenem Stil aus humorvoller Leichtigkeit, leiser Spannung, Schlichtheit und Ernst, der ihn unverwechselbar macht. Unter kräftig anschwellendem Lebenslärm von sieben Kindern, ohne literarische Theorien und Lautsprecherei, auch ohne die Pfauentänze des Literaturbetriebs, hat er sich von seinem Haus in Allensbach aus an einen Brückenbau gemacht.

Dieses enge, immer gastfreundliche Haus hat nun einen eigenen Museumsraum bekommen, erinnert mit dem wuchtigen Schreibmöbel an die Umtriebigkeit, in der das Künstlerpaar Mühlenweg eine gemeinsame Produktivität entwickelte; lässt auch die Enge spüren, die sich Fritz Mühlenweg weit machen konnte im Schreiben seiner Fantasiereisen, hin zur inneren Landschaft seiner Mongolei. Er fasste sie in einer Erzählweise, die das Zuhören seiner eigenen Kinder miteinbezog. „All-Age“, für alle Altersstufen, nennen wir solche Kunst der literarischen Kommunikation, sie ist unprätentiös und sie bleibt ihren Lesern noch nach Jahrzehnten.

 

Ein Roman, nach 60 Jahren

„I will be happy to write you about my fitfy-five-year-long love affair with Big Tiger and Christian“.

Vor kurzem erreichte uns dieser Satz in der Mail eines Landkarten-Spezialisten aus North Carolina. Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist Denis Wood die amerikanische Mühlenweg-Ausgabe ein Lieblingsbuch. Einer seiner Studenten, Brad Houk, schickte uns sogar seine umfangreiche Magisterarbeit im Fach Geographie („Big Ger and Little Brad: Their Adventures in China“), über die Abenteuer auf der Strecke von Peking in Richtung Urumtschi. Er war begeistert von „Big Tiger and Christian“ mit einem Freund per Fahrrad losgefahren..

Die Strahlkraft seines Romans könnte noch an vielen Beispielen gezeigt werden. Neulich verabschiedete sich die Mongolistik-Professorin Veronika Veit in der Rede bei ihrer Emeritierung in Bonn mit einem Zitat von Fritz Mühlenweg – denn durch seinen Roman war sie einst zum Thema ihres Lebens gekommen. Und wer in den letzten Wochen Brigitte Kramers Film über Ulrike Ottinger gesehen hat, weiß aus der Episode, die im Mühlenweg-Haus in Allensbach gedreht wurde, wie entscheidend sein Roman und eine frühe Begegnung mit dem weitgereisten Autor für die Heranwachsende geworden war.

 

 Ein Allensbacher Ruhmesblatt

Dass diese Allensbacher Raumstation einem Werk gilt, das seinen Flug in mehr als einem Kontinent noch fortsetzt, war beim Museumsmachen mit die stärkste Motivation. Dieser Adler fliegt noch weiter. Er hat nun aber eine feste Basis, in Allensbach, einem besonders freundlichen Himmelskörper.

Was nun folgen muss ist der Lobpreis auf Allensbach. – Ich brauche da nichts erfinden. In dem sozialen Experiment unterm Arbeitstitel „Jeder von uns macht zum ersten Mal ein Museum, aber keiner soll‘s merken“, zu dem mich die Gemeinde hier vor Ort lockte, hat mich besonders dieser hervorragend moderierte politische Prozess beeindruckt: wie die Verantwortlichen im Gemeinderat unter ebenso entschiedener wie geduldiger Befürwortung ihres Bürgermeisters Helmut Kennerknecht zum Beschluss kamen: Ja, so viel ist es uns wert, dieser Mühlenweg ist einer, auf den wir stolz sein können, der taugt mit seinen Brüchen, seiner Eigeninitiative, den kühnen Richtungswechseln und der Beharrlichkeit seiner Anstrengung als ein Vorbild. Ein Gehäuse für ein Lebenswerk, von dem auch weiterhin wünschbare Weltsichten ausgehen. In Marbach ließ sich der Leiter der literarischen Gedenkstätten Baden-Württembergs, Jochen Schmidt, von der Initiative der Gemeinde Allensbach für einen Autor, der bislang vom offiziösen Kanon vergessen worden war, überzeugen: Das Mühlenweg Museum wurde ins Marbacher Förderprogramm aufgenommen, zu dem auch die Museen für Johann Peter Hebel in Hausen, Hermann Hesse in Gaienhofen, Wieland in Biberach und Jünger in Wilflingen gehört.

Sie haben nun mit einem stabilen Ort für die Erinnerung einen Gegenpol zum rasanten Gemenge der Instabilitäten unserer Jahre eingerichtet. Mühlenweg wird nicht in die Cloud ausgelagert, nicht einfach in Servern abgelegt. Einiges Wichtige über ihn bleibt in gesicherter Form zugänglich, hier in Allensbach und an 5 Tagen der Woche, im Real Life.

 

Noch einmal: Schreibhandwerk zu Zeiten des Papiers

Im Übergang zwischen zwei Räumen haben wir dies zu einem ganz harmlos aussehenden Thema gemacht: Dort wird gezeigt, beginnend mit Mühlenwegs allererster Romanseite, handgeschrieben, vielfach verändert, sowie über zwei weitere Manuskriptstufen und Lektoratsbriefe bis hin zum gedruckten Buch – noch einmal  wird gezeigt, wie Schreibhandwerk und Literatur in den Zeiten des Papiers und der gefestigten Verlage möglich wurden. Wer von uns über 40 ist, für den war‘s das einzig Vorstellbare.

All das werden in Kürze aber Museumsbesucher sehen, denen unsere digitalen Aufschreibesysteme die Mühen der Handschrift komplett abgenommen haben, die ihre Korrekturversionen nicht mehr sichern und überliefern, und die ihre Texte auch ohne die Hilfe von Verlagslektoren selbst publizieren können.

 

 Wohlwollen von weit her

Ich komme sehr langsam zum Schluss. Es braucht noch eine kleine Tour, auf der deutlich wird, welches Wohlwollen von Außen dieses Werk ermöglicht hat und welche neuen Fäden Allensbach nun mit einer größeren Welt verbinden.

Aus Stockholm, von der Sven Hedin Foundation, kam die Erlaubnis, dass wir im Museum den Expeditionsfilm zeigen dürfen. Sie werden, Willy Meyer sei Dank, Ausschnitte auf den Bildschirmen des Asien-Raums sehen, auch: wie effektvoll der Filmemacher Paul Lieberenz  1927 die Mühen und Freuden der Expedition inszenierte. Sie werden sehen, dass er den immer auch zu Jux aufgelegten jungen Mühlenweg dazu brachte, nur für die Kamera mit seinen Skiern eine Abfahrt auf Sanddünen der Gobi zu mimen.

Lieberenz hat einen der letzten Stummfilme gemacht, und wie vielsagend ästhetisch schöne Bilder dann doch noch werden könnten, sei an diesem einen Beispiel angedeutet: Neben Mühlenweg werden Sie einen Mann in Lederhosen sehen, der den Jux auf den Skiern mitgemacht hat. Das war Franz Josef Walz, einer der höchstdekorierten Kampfflieger im 1. Weltkrieg, im Privatleben ein hurmorvoller Bayer. Mit ihm hat Mühlenweg zwei Jahre nach der Expedition noch Auswanderungspläne geschmiedet, beide wollten weg aus Deutschland. Ein sensibler Pfundskerl, den die Mühlenweg-Kinder umschwärmten, als er sich 1941 eine Woche lang im Allensbacher Haus erholte – kurz bevor er in Hitlers Armee zum Generalleutnant befördert wurde.

Soviel zu: Stockholm und Allensbach.

Fäden gibt es auch von Mannheim her: Ich suchte ein Foto von der Verleihung des ersten Deutschen Jugendbuchpreises, Mühlenweg nahm 1956 als Übersetzer des amerikanischen Bestsellers „Der glückliche Löwe“ die Auszeichnung in der Sparte Kinderbuch entgegen. Der jungen Bundesrepublik war der Preis so wichtig, dass Bundespräsident Heuss anreiste. Vom hilfreichen Stadtarchiv Mannheim bekam ich eine Fotoserie übermittelt, nicht nur mit den strahlenden Herren Heuss und Mühlenweg beim Handschlag … – da war auch ein ganz unerwartetes Bild, auf dem geht eine inzwischen weltbekannte Frau auf den Papa Heuss zu: trotz Hut unschwer zu erkennen als Astrid Lindgren. Für „Mio mein Mio“ bekam sie damals einen Ehrenpreis. Ja doch, das Foto mit Lindgren ist auch in unserer Vitrine, neben der Speisekarte jenes Abendessens, auf dem Sie nachlesen können, was im kleinen Kreis mit dem Bundespräsidenten geschmaust wurde.

Im Raum daneben, unterm wandfüllenden Foto jener Konstanzer Drogerie, von der sich Mühlenweg in die Gobi absetzte, können Sie in zwei dicken Bänden eines Drogistenhandbuchs blättern: beim Verfasser dieses Werks hatte Mühlenweg 1921 an der Braunschweiger Drogistenakademie gelernt. Wer die Seiten wendet, kann ahnen, mit welchem naturwissenschaftlichen Feinblick dieser Drogist in die asiatische Steppe und Wüstenwelt kam. Auch in diesem Buch haben wir dann, wie an manchen Orten des Museums, Sächelchen versteckt, geduldige Betrachterinnen werden sie finden. In diesem Fall einen Mühlenweg-Brief, den das Stadtarchiv Braunschweig bewahrt hat: ein hocherfreuter Allensbacher Autor bedankt sich darin für die Nachricht, dass Braunschweig ihn mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis auszeichnen wollte.

 Mühlenweg nach 2000

Allensbach hat nun ein feine Station, sie kreist auf einer Satellitenbahn von Museen, die ihre sorgsam ausgewählten Fäden für die Textur öffentlicher Erinnerung beisteuern.

In einem noch nicht recht vorstellbaren Ausmaß kann die Station eine Zukunftsinvestition sein. Denn gerade erst beginnen Menschen in der Mongolei und in China sich für Mühlenwegs Bücher zu interessieren, finden in ihnen die dichterisch genauen Bilder einer früheren Zeit, finden eine Fantasiesprache, die noch in ganz anderen Kulturen verstanden wird.

Aus Ulaanbaatar bekamen wir für das Thema „Mühlenweg nach 2000“ den Scan einer Zeitungsseite vom 12. Mai 2012. Der Bericht über ein Kinderferiendorf, ein Foto zeigt, wie ein Saal voller Kinder auf ein hochgehaltenes Buch schaut: Die mongolische Ausgabe von Fritz und Elisabeth Mühlenwegs letztem Kinderbuch „Der Familienausflug“.

Allensbach-Ulaanbaatar also. Für den Herbst haben sich Besucher von dort angesagt.

Vom Familienarchiv zum öffentlich zugänglichen Fundus

Die ganze Station aber wäre nicht einmal ins Stadium schöner Träume gelangt, wenn nicht hier in Allensbach über Jahrzehnte hinweg von den Kindern des Autors das künstlerische Erbe bewahrt und durch Suche sogar noch vermehrt worden wäre. Privatinitiative einer Familie mit Dankbarkeit, Geschichtsbewusstsein. Es waren Regina und Sabine Mühlenweg, die diesem Fundus Sorge trugen. Ich habe seit 1991 von ihrer Großzügigkeit profitiert, mit der sie mir Einsicht in Werke, Notizen und Briefe gewährten. Und als sich die Mühlenwegs vor fünf Jahren entschlossen, den Nachlass im Literaturarchiv des Landes Vorarlberg zu sichern und so einer professionellen Erschließung zugänglich zu machen, wurde Fritz Mühlenweg auch auf neue Weise im Netz sichtbar.

Dank ans Bregenzer Felder-Archiv

Bei Ihrem Rundgang im Museum, meine Damen und Herren, werden Sie an den sehr vielen Nachweisen sehen, in welchem Maß das Vorarlberger Felder-Archiv unser Museum begünstigt hat. Ich habe da persönlich meinem Freund Jürgen Thaler zu danken, der mit erheblicher Geduld meine Arbeit begeleitet hat und dann auch die Wünsche nach Exponaten erfüllte: Mühlenwegs Schreibmaschine, der hölzerne Diakasten mit den Glasdias für seine Vortragsreisen, die Faksimiles seiner Manuskripte und vieles andere. Von der Aufgeschlossenheit der Vorarlberger für einen tätigen Zusammenhang der Bodenseekultur, die sich sonst öfter in scheelsüchtig gehüteten Heimatmuseen isoliert, kann nur gelernt werden.

 Fußfall der Verehrung

Aber man übergibt ja selbst einem Felder-Archiv nicht alles. Auch für die Familie Mühlenweg gab es noch Preziosen, der sie mit besonderen Anhänglichkeiten verbunden blieben. Nun haben sie sich fürs Museum von einigen Lieblingsstücken getrennt. Valerie Arias muss in Zürich mit der Lücke zurecht kommen, die der Schreibschrank ihrer Großeltern hinterlassen hat. Ihr Vater Christian Osterwalder spendete das Widmungsexemplar dees „Stiller“, in dem Max Frisch sich bei Mühlenweg mit launigen Worten bedankt.

Kornelia Mühlenweg brachte aus Ivry-sur-Seine einen getrockneten mongolischen Schafskäse – der ist nun unweit der mongolischen Essschale zu sehen, – das Gefäß kommt, wie auch das Originalbild „Pyramus und Thisbe“ von Anna Mühlenweg in Allensbach.

Die großzügige Auswahl unter kostbaren Dingen, die mir Sabine Mühlenweg in Singen ermöglichte, nebst vielerlei Auskünften und Hilfen, wären einen Fußfall der Verehrung wert. Es war für mich, ich gesteh’s, ein besonderer Moment, als ich dort erstmals ein Kinderbuch mit einem handschriftlichen Klebeschildchen des Elf-Zwölfjährigen Fritz sah. Der Titel: „Seereise wider Willen“.

Als er‘s las, konnte dieser Junge nicht ahnen, welch außerordentliche Reisen ihm gelingen würden.

Er hat was rausgekriegt und es uns zurückgelassen.

Allen Beifall für Fritz Mühlenweg!

 

Museum im Bahnhof (III)

In einem Museum bleibt ein Hallraum zurück, den die Besucher nicht mitbekommen. Die Echos der ausgearbeiteten und wieder aufgegebenen Themen. Eines davon: Ich hätte gern im Foyer oder Treppenhaus von Mühlenwegs Verhältnis zum Bahnfahren erzählt.

Ein Foto, das die Familie Mühlenweg auf dem Heimweg von der Kommunionsfeier im April 1948 zeigt, im Hintergrund das Allensbacher Bahnhofsgebäude, in dem nun das Museum beheimatet ist. Man hätte folgenden Text dazu gelesen:

Fritz Mühlenweg lehnte Autos ab. Dass exakte Fahrpläne, wie er sie von Deutschland her kannte, nicht überall zu erwarten waren, lernte er in Asien.
Bahnfahren schätzte er als geselliges Reisen. Im Februar 1927 zum Beispiel von Berlin nach Moskau und mit der Transsibirischen bis Peking, 14 Tage lang und über 10.000 km weit.
Als Autor machte er später auch seine Lesereisen per Bahn, tausende Kilometer pro Jahr: vom Allensbacher Bahnhof aus.

Man hätte eines seiner besonders schönen, Balthus-nahen Originale dazu hängen können: Konstanzer Bahnhof aus einer surealen Perspektive von Kreuzlingen her (1948 gemalt, 65×80 Öl/Leinwand). Im selben Jahr 1948 schrieb er an seinem Roman, den er mit einer unfreiwilligen Zugfahrt in Peking beginnen lässt.

Männerphantasien, Fahrpläne

Als Nebenerzählung, die seine Genauigkeit zeigt, vielleicht auch das Überkontrollierte des in Buchhaltung erfahrenen Kaufmanns, zwei Beispiele von Fahrplanbriefen für geliebte Frauen.
Dazu als gedrucktes Zitat oder gestaltetes Faksimile:

„Ich habe mir schon ein Kursbuch gekauft und daraus gesehen, dass Du am besten mit dem Schnellzug fährst, der 9 Uhr 22 abends in Nürnberg eintrifft. Du müsstest allerdings, soviel ich sehe, früh aufstehen und bis Immendingen Bummelzug benützen:
Freiburg ab 4.41 (8.26?) Immendingen an: 8.59 (11.25)
Immendingen ab: 10.12 (11.27) Stuttgart an: 12.37 (15.04)
Stuttgart ab: 17.51 Nürnberg an: 21.22“

Fritz Mühlenweg aus Berlin an Pierina Zandonella in Freiburg i. Br., 6. Juni 1928. Mühlenweg, soeben von der Mongolei-Expedition zurück, schreibt an seine Jugendfreundin Pierina, die in Freiburg i. Br. studiert. Seit 18 Monaten hat sie ihn nicht mehr gesehen. Er will umgehend ein Treffen in Nürnberg. Pierina sagt ab, will nicht umsteigen; sie hat inzwischen den Mann ihres Lebens kennengelernt.

Ein zweites gedrucktes Zitat oder gestaltetes Faksimile:
„Ich werde also 5.39 am Bahnhof sein und höre, wenn dieser Zug nicht stimmen sollte, dann bin ich 12.53 eben zum zweitenmal dort und Du brauchst mir nicht zu telegrafieren.“ Fritz Mühlenweg, Brief aus Beaucaire an Elisabeth Kopriwa, die von Wien kommen wollte.
Mühlenweg fuhr der geliebten Studienfreundin per Bahn am 29. Juni 1933 vom südfranzösischen Beaucaire aus 300 km entgegen, um sie in Genf abzuholen. Der Zug kam pünktlich. Zwei Monate später heiratete das Paar in Beaucaire.

Ein bahnbegeisterter Grüner?

Wie gesagt, dieses wohl zu assoziative Mosaik blieb unausgeführt. Ich hätte gern diesen konservativen Grünen avant-la-lettre mit dem ziemlich einzigen Technikthema gezeigt, das er lebenslang verfolgte.
Das Motiv, dass Mühlenweg ein überzeugter Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel war, haben wir nun aber im Museum auf einer Wand im „Literatur“-Raum: Dort sind auf einer stilisierten Landkarte fast zwei Dutzend Städte und Städtchen markiert, zu denen er ab 1951 per Bahn und Bus auf seinen wochenlangen Lesereisen fuhr. Bei jedem Ort zwischen Freiburg, Hamburg, München, Graz und Bern kann ein längeres Briefzitat gelesen werden. An seine Frau Elisabeth von unterwegs geschrieben, im Zug, im Gasthaus, zwischen zwei Vorträgen.  Ein ziemlich gehetzter Autor, dem der Verlag während der Reise noch neue Auftrittstermine nachschickte. Sozialgeschichtliche Streiflichter auf die Buchszene der frühen Fünfzigerjahre.
PS.
Pierina Zandonella, die seinen Fahrplan verwarf, hat es heimlich dennoch ins Museum geschafft. Auf einem Foto vor einer Berghütte, vielleicht im Jahr 1925. Wir zeigen dort den jungen Drogisten als Outdoor-Typ, im Achter rudernd, mit Skier im Gletschergebiet der Bernina mit Blick auf die Crast‘ Agüzza und kühn kletternd in den Felsen bei Baoutou (China). Ohne diese Vorgeschichte seiner Körperlichkeit hätte er die Strapazen der Gobi schwerlich durchgestanden.

Museum (II)

Ein Museum: das sind aufgefächerte Einzelheiten, auch einer Epoche. Ein Zusammenhang soll geliefert werden, die Vogelperspektive der Nachgeborenen, mit Konstrukten auf dem jeweiligen Stand der Wissenschaft womöglich.
Die Einzelheiten, Exponate genannt, sind aber bestenfalls Steine in einem Fluss, dessen Wasser schon weiter sind und ein gegenüberliegendes Ufer nicht zu ahnen. Stoff für Tagträume der Betrachter.
Was bei den Besuchern dann Aufmerksamkeit erregt, ist unwägbar. Zuweilen hallt ein schönes Etwas nach, das mit dem Thema der Ausstellung soviel zu tun hat, wie Hühnerkacke mit einem differenziert gebratenen Spiegelei. Vom Besuch des anmutig gestalteten J. P. Hebel-Museum in Hausen bleibt mir seit Jahren: ein mit Gazegespinst verhängter alter Webstuhl in einem Nebenraum, den ich zuerst übersehen hatte. Hebels Vater sei Weber gewesen, war in einer sozialgeschichtlichen Erläuterung zu lesen. Aber dieser Vater starb schon im ersten Lebensjahr des kleinen Johann Peter…

Das enge Haus, in dem ein mongolisches Road-Movie entstand

Manchmal hängt es von Tagesaktualitäten ab, was Menschen im Schauraum in Erregung versetzt. Das war dieser Tage beim Pressegespräch zu sehen, das in den neuen Räumen im Allensbacher Bahnhof stattfand.

Es gibt dort den Raum, den wir „Allensbach“ nennen: Mühlenwegs Lebensumstände der Jahre nach 1935 werden dort angetuscht. Also jene Kontinuitätsleistung, die ihm nach dem Ausstieg aus dem gesicherten Kaufmannsleben, seinen Brüchen, Fluchtphantasien, Auswanderungsplänen ab 1935 gelang: als freischaffender Künstler, der sich zusammen mit seiner Frau Elisabeth die Absatzmöglichkeiten für Bilder, dann auch Texte erst finden musste, als Vater einer auf sieben Kindern anwachsenden Familie; in einem Haus, das von endlosen Besuchertrupps bevölkert wurde.
Wir zeigen den Architekturplan an der Wand, mit Briefzitaten über das ständige Zurechtkommen mit dem engen Wohnraum. Wenn sich die Dix-Familie zu fünft zum Übernachten ansagte, war das eine Freude für alle, und wer in der Waschküche schlafen musste, wurde auch noch geregelt. (Die Besuche der österreichischen Verwandtschaft dauerten länger. Als der beste Freund aus Expeditionstagen kam, Franz Josef Walz, kurz vor seiner Beförderung zum Generalleutnant der Hitler-Armee, blieb er eine ganze Woche: Ein humorvoller Bayer, im Ersten Weltkrieg als Kampfflieger u. a. mit dem „Pour le Mérite“ ausgezeichnet; mit Mühlenweg war in den Felsen bei Baoutou herumgeklettert und beide hatten für den Kameramann Lieberenz Skiabfahrt auf Sanddünen der Gobi gespielt. Walz, den die Mühlenwegkinder liebten.)

An der Wand: ein Original

In diesem Allensbach-Zimmer ist eines der schönsten Originale von Fritz Mühlenweg zu sehen; Öl/Leinwand, 60 x 74 cm. Das Pyramus-und-Thisbe-Motiv, ein Mann und eine Frau, unsichtbar für einander, getrennt durch eine Mauer in einer surrealistischen Landschaft. Er hat es 1955 gemalt, in dem Jahr, als er mit dem Gerstäcker-Preis einen seiner größten öffentlichen Erfolge hatte.
Aber jenes Jahr 1955 hatte mit der schrecklichsten Nachricht begonnen, im Januar war Nelly Dix gestorben, erst 31-jährig. Sie war ihm und seiner Frau die nächste und inspirierendste Freundin gewesen; Fritz und Nelly hielten jeweils als Außenminister die Kommunikation zwischen den Familien aufrecht, wenn wechselseitige Besuche zwischen Hemmenhofen und Allensbach nicht möglich waren. Von den ca. 120 überlieferten Briefen sind 40 vom „Ziehvater“ an die „Ziehtochter“ geschrieben, vom Fünfzigjährigen an die Fünfundzwanzigjährige, viele in einem humorvollen Ton, der gemeinsame Sprachspiele aufnahm. Mit dem Motiv um Pyramus und Thisbe – für Mühlenweg waren Stoffe der klassischen Antike eher exotisch –, hatte sich Nelly Dix in kunsthandwerklichen Arbeiten beschäftigt.

Medienhype

Beim Pressegspräch also war mir, als ob das große Original kaum beachtet wurde. Aufsehen erregte hingegen die viel kleinere Reproduktion eines „Allensbach“-Bilds von Otto Dix an der Wand daneben, in einem Kontext der Freundschaft zwischen beiden Maler.

Idyllischer Untersee mit Zwiebelkirchenturm, der im malerischen Dorf bleibt. Dix hat es 1938 gemalt, auf einem der Malerausflüge mit Mühlenweg am Untersee. Neben dieses Farbbild haben wir einen Dix-Brief montiert, im selben Jahr 38 geschrieben an den Freund in Allensbach. Dix schrieb vermutlich aus Dresden, wo er monateweise lebte. Mit deutlichen Worten über das „Münchner Geschmierz“, womit er wohl auf die Ausstellung „Deutsche Kunst“ anspielte, die parallel zur berüchtigten „Entartete Kunst“ in München gezeigt wurde. Dix, von dem die Nazis viele Dutzend Werke aus den Museen entfernt hatten, schrieb an Mühlenweg: „Bleiben wir die Alten, es lebe die Entartung“.
Um dieses softe Landschaftsbild von Dix also erhob sich ein mehrstimmiges Gespräch, aus dem ich erfuhr, dass es Tage zuvor bei einer Hauswedell & Nolte-Auktion für 220.000 Euronen zu haben war. FAZ müsste man gelesen haben. Bürgermeister Kennerknecht erzählte zudem von einem Anruf, in dem der Gemeinde das Bild zu eben diesem Preis angeboten worden war. Er hatte auf seine professionell karge Weise die passende Antwort: So teuer kommt uns nicht einmal das ganze Mühlenweg-Museum, in dem von einiges Dix zu sehen ist.
Der Tageshype um das Dix-Bild wird abschwellen. Vermutlich werden viele vom „Allensbach“-Raum das imposante Schreibmöbel mit der heruntergeklappten Lade in Erinnerung behalten; man kann dort Schublädchen aufziehen und findet Geschichten. Angeschafft hat es Elisabeth Mühlenweg im Juni 1949 von ihrem Honorar als vielbeschäftigte Illustratorin. Ihr Mann schrieb damals schon über ein Jahr an seinem wild wachsenden Roman um die beiden jugendlichen Geheimnisträger „Großer-Tiger“ und „Kompass-Berg“.