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Dix und Mühlenweg III

 

Der Steigbügel, den Mühlenweg von seinem mongolischen Freund Märin als Abschiedsgeschenk bekam. Sein Freund Dix wollte ihm anders helfen. (Felder-Archiv Bregenz)

Wie eine Beteiligung von Fritz Mühlenweg an der 2. Deutschen Kunstausstellung in Dresden (1949; DDR) zustande kommen konnte, fand ich immer verwunderlich. In den Jahren nach 1946 waren einzelne Bilder von ihm allenfalls in Freiburg, Singen und Konstanz in Ausstellungen zu sehen. Reisen oder die Beförderung von Bildern durchs geteilte Nachkriegsdeutschland waren außerordentlich schwierig und sehr teuer.

Und wen konnte er in Sachsen kennen? Das in Dresden ausgestellte Bild „Bahnübergang“ ist inzwischen, dem Netz sei Dank, in einer Fotografie zu sehen: http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/30121035

Im gerade erschienenen Buch „Otto Dix, Briefe“; hrsg. von Ulrike Lorenz, bearbeitet und kommentiert von Gudrun Schmidt (Wienand 2013) ist nun eine Spur zu finden. In einem Brief vom 30. 5. 1949 aus Hemmenhofen an seinen Meisterschüler (in der DDR/SBZ) Ernst Bursche schreibt Dix: „Die Maler hier sind alle bereit, an der Ausstellung in Dresden mitzumachen.“

Man hätte hier Namen nennen können wie: Heckel, Bissier… die beide am Bodensee lebten, und die mit Dix zusammen im Beiprogramm des „Ingenieurstags“ in Konstanz ausgestellt hatten; (Julius Bissier und Dix trafen sich im Mühlenwegschen Haus am 23. Juni 49.)

In der Anmerkung der verdienstvollen Brief-Edition wird erläutert: „Die Bereitschaft der westdeutschen Maler, sich an der Ausstellung zu beteiligen, bezieht sich wohl auf die Zweite deutsche Kunstausstellung in Dresden, bei der Dix Jurymitglied war.“ So also kam das Bild nach Dresden. Der politische Hintergrund war dramatisch: Der Kalte Krieg hatte schon im Jahr zuvor den zweiten und letzten Schriftstellerkongress scheitern lassen, an dem sich Autoren der getrennten deutschen Zonen beteiligt hatten. Die einzige Zeitschrift, die von der SBZ / DDR aus den kulturpolitischen Zusammenhalt versuchte, Alfred Kantorowicz’ “Ost und West” wurde Ende 1949 eingestellt. Otto Dix, der 1949 noch in der Jury der Dresdner Ausstellung mitentschied, erlebte 1951, dass seine eigenen Bilder in Ostdeutschland ausjuriert wurden.

Mühlenweg war in jenem Frühsommer – als sein Freund Dix ihm die Beteiligung in Dresden vorschlug – mehr am Schreiben interessiert. Im Juni 1949 gab er in einem Brief an Nelly Dix in Hemmhofen die Fortschritte in seinem mäandernden ersten Roman durch, ohne zu ahnen, dass er noch ein weiteres Jahr an Schreibarbeit (oder auch: Schreibvergnügen) vor sich hatte. Ein Zitat aus seinem Brief ist inzwischen im Mühlenweg-Museum Allensbach auf seinem Schreibtisch zu sehen:

„Uns geht es unbeschrieen gut und zu tun haben wir auch, und Großer Tiger ist endlich am Edsingol angelangt, aber ach, wann wird er endlich in Urumtschi eintreffen? Ich habe einen neuen (alten) Schreibtisch gekriegt, nicht weil ich Geburtstag hatte, aber weil sich die Ziehmutter eine besser Arbeitsleistung davon versprach. Er ist prachtvoll mit Lederbänden und Goldschnitt, aber es ind keine Bücher obgleich „Gil Blas Vol I und Vol II“ draufsteht, sondern das sind geheime Schubladen und darum musst Du Dir das selbst betrachten.“

Als “In geheimer Mission durch die Wüste Gobi” 1950 erschien, kürzte Mühlenweg im Vorwort von Sven Hedin eine Stelle, die ihm politisch unklug vorkam und von der er annahm, dass sie das Erscheinen des Buchs in der ostdeutschen Zone erschweren würde. Er wollte sich, wie schon bei seiner Beteiligung an der Dresdner Kunstausstellung, aus den harschen kulturpolitischen Weichenstellungen des Kalten Kriegs heraushalten. Eine Ausgabe seines Romans in einem DDR-Verlag kam dennoch nicht zustande.
 

11. Dezember 2013. Heute vor 115 Jahren….


Die Straße, in der Mühlenweg aufwuchs

Die Straße, in der Mühlenweg aufwuchs. in der Bildmitte rechts, neben dem Rathaus: Das Elternhaus mit der Drogerie Kornbeck

 

Mosaiksteine um Fritz Mühlenwegs Geburtstag

Konstanz

„Er hätte im Westfälischen aufwachsen können oder auch im Königreich Württemberg. Dass er am 11. Dezember 1898 in Konstanz geboren wurde, kam von der Umtriebigkeit zweier Kaufleute, denen der wirtschaftliche Liberalismus der Kaiserzeit den Impuls zu größeren Ortsveränderungen gegeben hatte: Richard Kornbeck, der Schwabe, begann ab 1872 an jenem badischen Ufer des Bodensees tätig zu werden, das dem Wirtschaftsraum der Schweiz am nächsten lag. Zwanzig Jahre später kam der Westfale Ludwig Mühlenweg nach Konstanz, als Angestellter in Kornbecks Drogerie; er wurde bald auch sein Schwiegersohn.
Man könnte ins Gehölz dieser sehr unterschiedlichen Stammbäume klettern. Aber Fritz Mühlenweg selbst war nicht ahnenstolz. Die Versuchung, eine gesellschaftliche Geltung über Geschlechterabfolgen zu reklamieren oder sich mit jahrhundertealten Sesshaftigkeiten großzutun, war ihm fremd; so fremd wie ein Ausdenken von landsmannschaftlichen Blutwellen. Auch dies hat ihn, als der deutsche Rassismus in den Jahren nach 1933 virulent wurde, distanziert bleiben lassen.
Stille Dankbarkeiten gegenüber der Eltern- und Großelterngeneration sollten wir dennoch annehmen. Fast dreißig Jahre lang hat das angesparte Vermögen seiner Vorfahren diesem Fritz Mühlenweg die Existenzform eines freien Künstlers unterfüttert.“

Die Stadt, ihre Enge

„Am 11. Dezember 1898, einem Sonntag gegen neun Uhr, war Elise Mühlenweg in ihrer Wohnung von ihrem zweiten Sohn entbunden worden. Die junge Frau war damals bereits in einem »Ernst des Lebens«, auf den sie später nicht ohne eine leise Bitterkeit zurückblickte: Sie hatte kurz nach ihrer Hochzeitsreise, nach einer Erkrankung ihrer Mutter, den großen Haushalt übernehmen müssen. Die Last der Kinderbetreuung blieb ihr fast allein, denn die ersten Jahre war ihr Mann für das Geschäft oft unterwegs, als »Reisender« der Firma in einem wachsenden Netz von Kunden und Lieferanten.
Was die Zeitungsleser damals im Geburtsmonat von Fritz Mühlenweg beschäftigte, ist leicht nachzulesen: In der Konstanzer Zeitung galt als nationales Topthema – die Gedenkreden auf den verstorbenen Bismarck hallten noch nach –, dass es dem Zentrum gelungen war, die Wahl eines Sozialdemokraten zum Schriftführer des Reichstags zu verhindern; der sarkastische Ton des Berichts passt zu einer politischen Konstellation der Stadt, wo die junge sozialdemokratische Partei zwar Wahlhilfe für Zentrum und Demokraten gegen das liberale Besitzbürgertum leisten durfte, aber nur wenig Dank bekam.
Im lokalen Teil wurden die Hausbesitzer daran erinnert, dass sie nun Hausnummern anzubringen hätten. Auch hatten gerade die Bauarbeiten für das neue Krankenhaus begonnen. Die Stadt wuchs unaufhaltsam, zwischen 1890 und 1905 hatte sich die Einwohnerzahl um die Hälfte erhöht, auf fast 25 000.
Das Stadttheater gab gerade die Lustspiel-Novität »Im weißen Rössl«; das notorisch defizitäre Theater versuchte mit einem überwiegenden Anteil leichter Unterhaltung die Konstanzer zu locken. Dennoch brachte es der Intendant Oppenheim in der klerikal indoktrinierten Stadt immer wieder zu einem Theaterskandal. Als er ein Stück inszenierte, in dem eine lange Zeit erniedrigte Frau aus der Ehe mit einem brutalen Weinhändler flüchtet, reichte das Gezeter der Zentrums-Vertreter nach Zensur bis in die städtischen Haushaltsberatungen.
In der Kunsthandlung J. A. Pecht im Wessenberghaus gab es vor Weihnachten verbilligte Heliogravuren mit Genre- und religiösen Bildern zu kaufen. Der offizielle Kunstgeschmack ist damit schon illustriert, er wurde von einem dumpf-autoritären Journalismus noch zusätzlich verkleistert. Als 1885 auf der alljährlich in Konstanz gezeigten Schweizer Kunstausstellung auch ein Bild des jungen Ferdinand Hodler zu sehen war, endete der süffisante Zeitungsbericht mit dem Satz: »Schwamm drüber!«

 

Die Straße, Ausblicke

„Im Renaissance-Haus an der Kanzleistraße, mit einem überaus geräumigen Treppenhaus, hohen, und nicht mehr sehr belastbaren Speichern, ist Fritz Mühlenweg aufgewachsen. So nah am Konstanzer Rathaus, dass ein Lagerschuppen des weitläufigen Hinterhofs der Kornbecks an den Sitz der Stadtregierung grenzte. Direkt nebenan firmierte das Wolf’sche Atelier, aus dem die bedeutendste Fotografie-Sammlung der Stadt hervorging (auch ein Bild der Kornbeck’schen Hundezucht ist auf Glasplatte bewahrt…). Vis-à-vis lag die Buchhandlung Ackermann, die bis über die Jahrhundertwende auch die Zentrale des städtischen Fremdenverkehrs beherbergte. In Ackermanns Verlag erschien von Jakob Christoph Heer ein touristikkompatibles Büchlein (»Freiluft«) mit der ersten Bodensee-Schilderung aus der Perspektive eines Luftschiffs. Der Buchhändler empfahl den Klassenlehrern der Oberrealschule dann die (deutschnationalen…) Preisbücher, wenn für den Schüler Fritz Mühlenweg wieder eine Auszeichnung fällig war. In dieser Buchhandlung wurden später auch die Pakete mit Lesestoff für den Drogistensohn in der Wüste Gobi gepackt. Einem Verlagsvertreter des Insel-Verlags, der Ackermann regelmäßig besuchte und sich im Lauf der Jahre mit dem Buchhändler anfreundete, werden wir später als Fritz Mühlenwegs erstem Verleger wieder begegnen.“

(aus : Ekkehard Faude „Fritz Mühlenweg – Vom Bodensee in die Mongolei“ Libelle 2005)

Das Buch, das aus der Gobi kam

Der Maler wird Autor (Felder Archiv, Bregenz)

Im heutigen „Südkurier“ steht über Fritz Mühlenweg als „Jugendbuch-Autor“ eine für die Zeitung gekürzte Fassung: http://www.suedkurier.de/nachrichten/kultur/aktuelles/kultur/In-geheimer-Mission;art410935,5811587

Hier der volle Stoff:

Ein Leser im Herbst 2012

„In Peking gab es Bürgerkrieg… Christian und Großer Tiger waren die besten Freunde. Sie waren bereits zwölf und sie hatten fast immer die gleichen Gedanken.“ So steht es (mit einem großen Smily) auf einem farbig gemalten Plakat, das im November 2012 kam. Die Handschrift eines jungen Lesers mit der Kurzfassung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“, über die Abenteuerreise von Großer Tiger und Christian, die Begegnung mit einem General, der sie mit einer Geheimbotschaft durch die Wüste Gobi schickt. Und dass die beiden Jungen mit einem Soldaten namens Glück und einem gefährlichen Mörder zusammen reisen.
Natürlich freut uns solche Post. Aber faszinierender noch war, was wir über den Briefschreiber erfuhren: Bis dahin war er nicht an die Bücher zu bringen gewesen. Lesen überhaupt fand er langweilig und anstrengend. Als der gut 600 Seiten dicke Schmöker von Fritz Mühlenweg auf seinem Geburtstagstisch lag, war wenig zu hoffen.
Aber dann begann er zu lesen und las weiter, und war in den Wochen danach von der spannenden Geschichte kaum wegzubringen. Und so fasziniert, dass er das Buch unbedingt in seiner Klasse vorstellen wollte. Nun will er unbedingt auch das Mühlenweg-Museum in Allensbach sehen. Dort könnte eigentlich seine Buchbeschreibung nun ausgestellt werden, neben den begeisterten Malbriefen, die eine ganze Schulklasse Anfang der 50er-Jahre an den Autor schrieb.
Es gibt keinen besseren Beweis für die Stärke eines Textes, die Macht einer erfundenen Geschichte und die Wirkung von Sprache. Über das Fortleben eines Buchs bestimmen begeisterte Leser, nicht die Literaturkritiker.
Denn dieser Roman ist vor über 60 Jahren geschrieben worden, von einem Mann, der bis dahin eher als Maler bekannt. Freilich ein Maler mit einer aufregenden Vergangenheit. Bevor sich Fritz Mühlenweg 1935 in Allensbach niederließ, war er mehrmals in der Mongolei gewesen, zudem mit einem Tross von 300 Kamelen und mit einer Expedition, deren Leiter ein damals weltberühmter Forscher war: Sven Hedin.
Mühlenweg hatte damals von einheimischen Kameltreiber Mongolisch gelernt und viel über Land und Leute der Mongolei erfahren. Die Freundlichkeit und Bedachtsamkeit der Mongolen und die Einsamkeit in der Wüste hatten ihn etwas gelehrt, das ihn die gewohnte europäisches Lebensart in kritischem Abstand sehen ließ.

Ein Maler, der 1948 brotlos ist, schreibt einen Roman

Vieles von diesen Erfahrungen brachte er in die Erfindungen seines Romans unter. Er begann 1948 an einer Geschichte zu schreiben, die nahm ihren Anfang mit einer unfreiwilligen Zugfahrt seiner (etwa zwölfjährigen) Helden in Peking. Er schrieb drauflos, mit Bleistift in unbenutzte Kontobücher, er schrieb ohne Plan, und die Geschichte wuchs über viele spannende, geheimnisvolle und naturnahe Episoden auf 500 Seiten. Dann waren seine Helden endlich in Urumtschi angekommen. Das karge, harte Leben der Nomaden in seinem Roman war zugleich die exotische Folie für den Mangel, den viele Deutsche in jenen Nachkriegsjahren selbst erlebten.
Das Manuskript war ungewöhnlich umfangreich für jene Zeit, im Frühjahr 1950 schickte er 350 engzeilig getippte Blätter an zwei Hamburger Belletristik-Verlage und schrieb dazu, er habe für Leser „von 12 bis 70“ geschrieben. Dass die Erlebnisse von Großer Tiger und Christian quer durch die Altersstufen Begeisterung weckten, hatte er erlebt: Seine eigenen Kinder hatten bei häuslichen Lesungen zugehört, aber auch erwachsene Freunde der Familie. Die in Weltliteraturen belesene Mittzwanzigerin Nelly Dix hatte das Manuskript während der Entstehung bekommen und ungeduldig auf Fortsetzungen gewartet.
Mühlenweg hoffte auf den Rowohlt Verlag. Aber dort lehnte eben der Lektor den Roman ab, der selber (unterm Namen Ceram) einen Generationen übergreifenden Bestseller geschrieben hatte („Götter, Gräber und Gelehrte“). Mühlenwegs Buch gehöre in die Jugendliteratur, meinte er.

Ein Roman für alle Lesealter wird als Jugendbuch vermarktet

Fast gleichzeitig erfuhr der Herder Verlag, für den Mühlenwegs Frau Elisabeth seit Jahren religiöse Bücher illustrierte, von dem Romanmanuskript. Herder, ein finanzstarker Verlag mit eigener Druckerei und Buchhandlungen in mehreren Ländern, war zwar streng katholisch ausgerichtet, versuchte aber gerade, sein Jugendbuchprogramm zu erweitern. Mit diesem Abenteueroman, der in der Mongolei spielte, wollte Herder die Dominanz der Karl-May-Bücher auf dem lukrativen Jugendbuchmarkt brechen. Dass der Verlag Fritz Mühlenweg als „den besseren Karl May“ aufbaute und ihn mit seinen authentischen Fotos aus der Wüste Gobi jahrelang auf Dia-Vortragsreisen schickten, war nur konsequent. Als großer Unterschied zu Karl May wurde herausgestellt, dass Mühlenweg das exotische Land seines Romans aus eigener Anschauung kannte. Dafür übersahen sie bei Herder einen anderen Unterschied komplett: Karl May hatte ein kitschiges Christentum in seinen Romanen verarbeitet; Mühlenwegs Romanfiguren werden in eine Welt eingeführt, in der es Gier, Grausamkeit und Rache gibt, aber sie kommen ohne Religion zurecht und stärken einander mit einer Ethik aus Vertrauen, Respekt und gegenseitiger Hilfe.

Jugendbuchautor? Den Ausschlag gab für Mühlenweg, dass ihm Herder ein monatliches Honorarfixum anbot; seine Familie brauchte Geld, in den Wochen seiner erfolglosen Verlagssuche hatte Elisabeth Mühlenweg ihr siebtes Kind zur Welt gebracht.
Tatsächlich machte ihn sein Roman vom Start weg zum bekannten Schriftsteller mit hohen Auflagen. Die alljährlichen Lesereisen wurden zur besseren Einnahmequelle als die Mickerhonorare aus den Übersetzungen seines Romans in Amerika, England, Spanien, Italien…

Der Jugendbuchautor kann nicht mehr wechseln

Aber Mühlenweg merkte rasch, dass er als Jugendbuchautor ein Schriftsteller im Mitteldeck des Dampfers Buchhandel blieb. Die Trennung zwischen (Erwachsenen-)Belletristik und dem weniger angesehenen Jugendbuch war in den frühen 50er-Jahren noch rigide. Die Kollegen von der „Literatur“ hatten nicht nur größeres Renommee, ihre Lesungen wurden auch besser honoriert.
Zur gesellschaftlichen Aufwertung trug erst der 1956 vom Innenministerium gestiftete Jugendbuchpreis bei, auch die wissenschaftliche Erforschung der Jugendliteratur und eine Anzahl von Stipendien und Preisen. Vor allem aber, dass später hochkarätige und erfolgreiche Autoren wie Peter Härtling, Uwe Timm oder David Grossman zugleich immer wieder Bücher für Kinder schrieben.
Fritz Mühlenweg realisierte, dass er in einen Marketingkäfig geraten war, das vor allem dem Verlag nützte, ihn aber auf fatale Weise festlegte. Sein zweiter Mongoleiroman spielte zwar nur noch unter Erwachsenen, er wurde aber von Herder dennoch wie ein Karl-May verkauft.
Das Leben als freier Autor ließ ihm wenig Wahl: In den Jahren danach lieferte er, wofür Herder den Markt hatte. Er schrieb Erzählungen und Kinderbücher („Nuni“); als der Jugendbuchpreis erstmals vergeben wurde, war er als Übersetzer von „Der glückliche Löwe“ unter den Ausgezeichneten.

In der Eile sind Fehler: Mühlenwegs anschwellender Erfolg bei neuen Lesern

Nach Mühlenwegs frühem Tod (1961) wurde sein Hauptwerk nur noch in einer gekürzten Ausgabe gedruckt. Dass kein Lexikon an ihn erinnerte und er fast komplett aus der literarischen Überlieferung gefallen war, hatte aber langfristig einen Vorteil.
Als wir bei Libelle den schwer unterschätzten Autor ab 1991 mit Neuausgaben seiner wichtigsten Werke wieder zugänglich machten, konnten wir das Malheur des Jahrs 1950
bereinigen. Seine Bücher erscheinen fest gebunden und wurden zunächst als Belletristik (für Erwachsene) platziert. Der Buchhandel hatte inzwischen die Kategorie „All-Age-Literatur“, für jene raren Könner wie Tolkien, Kipling oder Saint-Exupery, die für Jung und Alt verständlich und spannend sind, auf jeweils andere Weise gewinnbringend. In dieser Liga kann Fritz Mühlenweg nun wahrgenommen werden. Seit diesem Jahr hat er sogar ein eigenes Museum.

PS: Ja, wir haben inzwischen auch begeisterte Leserechos von über 80jährigen Mühlenweg-Leserinnen.

Master’s Voice

 

Christbaum von Hami

Der Christbaum von Hami, fotografiert von Fritz Mühlenweg. (Felder-Archiv, Bregenz)

Fürs Museum einen Mitschnitt mit Fritz Mühlenwegs Originalstimme zu bekommen, war leider unmöglich. Alle Anfragen mit den genauen Aufnahmeterminen an Rundfunksender und Funkarchive in Stuttgart, Baden-Baden, Frankfurt a. M., Köln, Wien und Graz blieben entweder unbeantwortet oder kamen mit negativem Bescheid zurück. In all diesen Städten hatte Mühlenweg während seiner Lesereisen Interviews gegeben oder live im Sender geredet.
Der Mann ist nun über 50 Jahre tot, der Klang seiner Stimme aber sollte doch irgendwo überlebt haben…

Die Furie des Verschwindens
Es gibt in unserer Welt des raschen Entsorgens und der pingeligen Aufräumer hin und wieder ja die Einzelnen, die der Furie des Verschwindens still entgegenarbeiten. Sammler aus Leidenschaft, aus Kenntnis des Werts, der über den Alltag hinausgeht. Die Basler sind vor kurzem zu einem Filmarchiv gekommen, weil einer in der Nachkriegszeit die beschränkt einsetzbaren Zelluloid-Kopien, die die Kinos wegwarfen, jeweils aus der Mülltonne geholt und aufbewahrt hatte.

Über die Funkaufnahmen wissen wir einigermaßen Bescheid, weil Mühlenweg von unterwegs fast jeden Tag an seine Frau in Allensbach schrieb. Im November 1955 machte er auch im Taunus Halt, und schrieb aus Kronberg; Saarbrücken und Rauxel hatte er hinter sich, weiter ging es dann nach Göttingen, aber nun erst die Lesung in der Waldschule:

„Wer noch zum Vortrag kommt, außer den 50 Buben, die hier untergebracht sind, weiß ich nicht. Da Herr Dr. Michels von den Vortragenden jede Rede auf Tonband aufnimmt, konnte ich Waggerl hören und Wolf v. Niebelschütz, er hat eine ganze Sammlung…“

Wilhelm Michels war mir als früher Leser und Förderer von Arno Schmidt bekannt, ihm ist sogar Schmidts unvergleichlicher Roman „Das steinerne Herz“ gewidmet. Michels: Ein promovierter Literaturwissenschaftler, der in London seine Habilitationsarbeit abbrach und in den Lehrerberuf ging. In den 30er-Jahren hatte er gemeinsam mit seiner Frau Erika die Waldschule (mit Internat) in Schönberg im Taunus gegründet, beide unterrichteten auch in Kronberg. In der Nachkriegszeit organisierte Michels über viele Jahre hinweg Lesungen mit den interessantesten Autoren für seine Schüler. Und da er literaturhistorisch dachte, nahm er die Lesungen auf Band auf, ein sehr bedachtsam modernes Verfahren fürs frühe Westdeutschland…

Zufallsfund, durch fremde Sorgfalt vorbereitet
Ich hatte vor zweidrei Jahren auf gut Glück an die Arno Schmidt-Stiftung geschrieben, dort konnte in der akribischen, von Jan Philipp Reemtsma großzügig finanzierten Schmidt-Forschung am ehesten noch etwas über die Tonbänder zu erfahren sein. Der Herr Bernd Rauschenbach dort antwortete nicht einmal. Und nachdem mir die Sachbearbeiter bei den Rundfunksendern alle ausgiebig erzählt hatten, warum auf Bänder der 50er-Jahre in Sendearchiven nicht mehr zu rechnen sei (man hat das teure Material wieder überspielt; man konnte diese Mengen gar nicht aufheben; die Qualität von Bändern nach dieser Zeit, oh!) – war meine Hoffnung ohnehin gering.

Aber es lebe die unkontrollierte, absichtslose, herrliche Querleserei … Vor ein paar Wochen fiel mir im „Tagebuch aus dem Jahr 1956“ von Alice Schmidt etwas auf – sie notierte ein paar Jahre lang in kurzen Einträgen den harten Alltag mit und neben dem ewig arbeitsamen Schriftsteller. Man erfährt von den Einkaufssorgen übers Picheln bis zu Katzengeschichten vielerlei Interessantes, sozialhistorisches Unterfutter der Adenauerzeit, und Alice Schmidt notierte eben auch über die Besuche des Ehepaars Michels. Dem Buch sind zwei CDs beigegeben: mit einer Lesung von Arno Schmidt „im Waldschülerheim Schönberg im Taunus am 18. 2. 1956“.
Ecco. Nur gerade drei Monate vorher hatte Fritz Mühlenweg dort gelesen.
Diesmal schrieb ich per Adresse der Arno Schmidt-Stiftung an die Herausgeberin des Tagebuchs, Susanne Fischer, die auch das vorzügliche Vorwort geschrieben hatte. Und bekam rasche und präzise Antwort mit der Adresse der Tochter des Ehepaar Michels, die noch zahlreiche Tonbänder verwahre. Schrieb also dorthin. Und heute (Nikolausabend besonderer Prägung) kam ein direkter Anruf dieser freundlichen Dame. Das Tonband ist gefunden. Nun beginnt das Warten darauf, ob eine Konvertierung möglich ist.

“and the women come and go / talking of Michelangelo”
Wir hätten dann die Stimme des 57-jährigen Fritz Mühlenweg, aus jenem Jahr 1955, in dem er – neben Max Frisch in Braunschweig – seinen wichtigsten Preis bekam, und den wenig später der Bundespräsident Heuss im Rahmen des ersten (westdeutschen) Jugendbuch-Preises für seine Übersetzung von „Der glückliche Löwe“ auszeichnete.

Die Stimme eines Mannes auch, der nicht ahnen konnte: dass ihn nur 16 Monate später ein Schlaganfall treffen würde, nach dem alle weiteren Lesereisen unmöglich wurden.

Der Christbaum von Hami

Christbaum von Hami

Der Christbaum von Hami, fotografiert von Fritz Mühlenweg. (Felder-Archiv, Bregenz)

Fehlt noch irgendwo eine Weihnachtsgeschichte zum Vorlesen – eine ohne kitschiges Dekor, aber mit der Sehnsucht nach einem Fest?

Fritz Mühlenweg schrieb sie vor fast 60 Jahren, eine Auftragsarbeit für die Jugendzeitschrift („Buchfink“) seines Hausverlags Herder. Ob sie dort bemerkt haben, dass die Geschichte ohne christliche Motive auskam, ist nicht überliefert… Damals war Mühlenweg schon ein viel begehrter Autor: „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ erschien in immer neuen Auflagen, Kurt Wolff ließ ihn gerade für seinen Pantheon Verlag in New York übersetzen. Als der amerikanische Verleger ihn im August 1952 in Allensbach besuchte, hatte er gerade seinen zweiten Roman fertig: „Tal ohne Wiederkehr“. Eine Erzählung über sein dramatischstes Abenteuer aus der Hedin-Expedition war ihm immer weiter gewachsen. Der Roman – inzwischen heißt er „Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit“ – endete in der Wüstenstadt Hami, wenige Tage vor Weihnachten. Ein Christbaum kam darin nicht vor.

Den machte der Autor zum Thema in einer fast gleichzeitig verfassten Erzählung, humorvoll und mit sanfter Spannung. Die Suche nach einem grünen Nadelbäumchen am Rand der Gobi. In diesem schlanken Text lässt er eine seiner existenziellen Erfahrungen anklingen: Europäische Ungeduld trifft auf  das andere Zeitmaß der Asiaten, das Verfehlen eines selbst gesetzten Ziels kann glückhafte neue Begegnungen bewirken. „Der Christbaum von Hami“: Man kann es als poetische Erfindung lesen, aber es gab ihn wirklich. Das Bäumchen ist sogar fotografiert worden. Es lohnt sich, die abenteuerliche Vorgeschichte dieser Weihnacht im Grenzland von Sinkiang (Xinjiang) als Hintergrund zu denken:

Auf dem Weg nach Hami

Die Hedin-Expedition, zu der Mühlenweg im Februar 1927 in Peking gestoßen war, kam erst im Juli wirklich in Fahrt, ins Grasland und die Wüste der Inneren Mongolei. Die bessere Zeit der Kamelzüge dauerte dann nur bis Oktober. In getrennt vorrückenden Karawanen sollte ein möglichst großflächiges Gebiet erforscht werden. Die schwedischen und chinesischen Archäologen freuten sich über Steinzeitfunde. Ein deutscher Meteorologe verfolgte sein penibles Programm von Windmessungen mit gasgefüllten Ballons. In Klöstern wurden an Mönchen Schädelmessungen durchgeführt. Sven Hedin kartographierte vom Rücken seines Kamels aus. Männer, scharf auf die Vermessung der Welt. (Fritz Mühlenweg fing entlaufene Kamele wieder ein, ärgerte sich über fehlende Belege für seine Buchhaltung und lernte unterdes von den Kameltreibern die ersten paar hundert Worte Mongolisch.) Die weltenvermessenden Männer hatten aber die Strecken und den dazu nötigen Proviant fatal falsch eingeschätzt… Noch im frühen Sommer hatte Hedin die Ankunft in Urumtschi, der Hauptstadt von Sinkiang, vollmundig für November vorausgesagt.

Aber im November waren viele erschöpfte Kamele schon verloren und die Expedition hatte immer noch 600 km vor sich, um auch nur die nächste größere Stadt auf der Strecke nach Urumtschi zu erreichen: Hami. Pro Tag waren nur 15-20 km zu schaffen, durch trostlose Kiesebenen, an salzigen Brunnen vorbei, manchmal verhinderten Schneestürme tagelang den Weitermarsch.

Vier Wochen vor Weihnachten wurde Fritz Mühlenweg von Hedin losgeschickt: Mit einem Mongolen und einem Chinesen zusammen sollte er Proviant für die entkräftete Expedition beschaffen. In einer Wüstenkälte, die in den Stiefeln die Strümpfe anfrieren ließ. Für den Job wurde er bestimmt, weil er als einziger der Deutschen bereits Mongolisch gelernt hatte. Drei Männer auf Kamelen, die wenig benutzten Wüstenwege waren schwer zu finden. Alle paar Tage: fremde Karawanen, aber keine Lebensmittel. Vereiste Quellen, die aufgeschlagen werden mussten, um wenigstens ans Wasser für einen Tee zu kommen. In der ersten Dezemberwoche wurden sie von einem Trupp Bewaffneter gestellt, die sich als Soldaten aus Sinkiang ausgaben, sie sahen aber eher nach Räubern aus.

Mühlenweg traute ihnen nicht, der Mongole Pantje noch weniger, beide flohen lieber zusammen bei Nacht in die Wüste, zu Fuß, eine entschlossene und dann nur noch verzweifelte Anstrengung ins Weglose. Grausam erschöpft fanden sie nach drei Tagen schließlich Unterkunft und Hilfe. Es war nicht mehr weit von Hami, wo sie einige Kameraden aus einem Vortrupp der Expedition bereits vorfanden – auch sie als Gefangene des Militärs. Eine Vorweihnachtswoche unter Bewachung nahm ihren Anfang. Denn die Soldaten waren wirklich Grenztruppen gewesen. Mühlenweg hatte eine lebensgefährliche Gewaltstour vergeblich unternommen. Ein Muster der Ungeduld dieses jungen Mannes wird deutlich; keine zehn Jahre zuvor war er allein und bei Nacht tollkühn aus französischer Kriegsgefangenschaft geflüchtet; seine Kameraden kamen nur wenige Wochen später regulär frei. Unternehmertum der besonderen Art, das auf den Mehrwert von Abenteuern aus war.

Der Wunsch nach einem Baum 

Hami war eine gesegnete Stadt, so kam es den Männern nach Wochen in der eisigen Wüste vor. Schon an der Zufahrtstraße wuchsen Pappeln und alte Rundweiden. Die Stadt an der Karawanenstraße zwischen Tientsin und Peking war (zu anderer Jahreszeit) durch ihre Melonen berühmt, deren Felder durch ein von weit her geführtes Bewässerungssystem unterhalten wurden. Dass ihre Bewohner in multikultureller Vielfalt lebten – Chinesen, Türken, Dunganen – deutet Mühlenweg an, es verstand sich für Ostturkestan von selbst.

Auf den Postmeister der Stadt richtete sich die größte emotionale Erwartung der Europäer. Die Männer, jeder für sich einsam in der Kumpanei der Expedition, waren schon fast ein Jahr fern von ihren Familien und seit August ohne Briefe. Die Nachrichtenflaute hing nicht nur mit fehlenden Poststationen in der Wüste zusammen. Eine postkoloniale Machtverschiebung wirkte sich aus. Die langnasigen Weißen hatten mit ihrem seltsamen Zug in Richtung Sinkiang einen Argwohn erregt, der im Lauf der Monate bis zum Gerücht einer bewaffneten Invasionsarmee angeschwollen war. Daraufhin leiteten die Behörden in Urumtschi vorsichtshalber alle Postsendungen für die „Sino-Swedish-Expedition“ zur Prüfung nach Peking weiter. Als Fritz Mühlenweg, verlaust, mit verfilzten Haaren und Bart zehn Tage vor Weihnachten in Hami eintraf, fand er weder Pakete noch Briefe vor. Die verunsicherten Männer wollten dann wenigstens einen Baum fürs Fest organisieren.

Weihnachtsbaum-Phantasien

Mit diesem Wunsch nach einem Weihnachtsbaum und einem Ausflug zur Ablenkung beginnt Mühlenwegs Erzählung… Es ließe sich eine mehrbändige Kulturgeschichte über die Weihnachtsbaum-Phantasien schreiben, an denen sich Europäer jener Generation wärmten. Im immergrünen Baum hielten sich Lichterglanz und das Lametta absterbender Erinnerungen an Familie und Heimatlichkeit. Auch das Innehalten der bürgerlichen Psychodramen für die Zeit des Kerzenscheins. Beispiele? Der Wahlberliner Harry Graf Kessler hat 1895 aufs frische Grab seines Vaters in Paris einen schön dekorierten Tannenbaum stellen lassen. Walter Benjamin rief sich in seinem Pariser Exil der 30er Jahre Erinnerungen an seine „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ zurück, besonders eindrücklich die heimliche Stunde allein mit dem noch unbeleuchteten Christbaum. Und am Weihnachtsabend 1927, immer noch Tagreisen von Hami entfernt, in einem vom Schneesturm umtobten Zelt, nach einem Tag mit Fleisch von notgeschlachteten Kamelen und verzweiflungsvoll geschafften drei Kilometern Marsch, tröstet sich der Filmoperateur Paul Lieberenz mit der Vorstellung: welche Riten hin zum festlich entzündeten Baum seine Familie in Berlin gerade erlebte. „Man wirft uns Deutschen vor, dass wir sentimental sind“, leitet er die Passage ein. Im Nachbarzelt, geheizt und mit schwedischen Leckereien, suchte Hedin nach einem Baumersatz und fand ihn in einem siebenarmigen Leuchter; (den hat er dann 15 Jahre später, in einem Forschungsbericht seiner Hitler-treuen Zeit, nur noch als „home made candlestick“ erinnert.)

Nach der Bescherung

Als Mühlenweg am ersten Weihnachtsfeiertag seiner Mutter und seiner Schwester in die Konstanzer Kanzleistraße schrieb, konnte er von angenehmen Überraschungen berichten: „Gestern zum Heiligen Abend, als wir 7 Expeditionsteilnehmer, die vorläufig in Hami zusammentrafen, eben uns mit dem Gedanken vertraut machten, mit gar nichts als einer etwas miserablen Stimmung Weihnachten zu feiern, kamen auf einmal Postpaketchen ins Haus geschneit. Ich war der Reichste, denn ich bekam 13 Pakete mit den schönen Sachen, die ich gerade so sehr gut brauchen konnte. Gleich habe ich mir nach vier Wochen zum ersten Mal wieder die Zähne geputzt, dann wurde Schokolade geschleckt und Stumpen geraucht. Da auch die anderen Paketchen bekommen hatten, wurde gegenseitig großartig geschenkt. Und auf einmal war der Weihnachtsbaum, den wir durch Vermittlung eines freundlichen Chinesen aus Barkul bekamen, nicht umsonst geschmückt worden.“

Der hilfreiche Postmeister Herr Chen, den Mühlenweg später zu einer stillen Hauptfigur im „Christbaum von Hami“ machte, es gab ihn also wirklich. In Sven Hedins Bericht „Auf großer Fahrt“ heißt er Cheng, er ist sogar auf einem Foto zu sehen, ein freundlicher, bebrillter Herr, der in modisch-europäischem Mantel und Pelzmütze vor einem Wandteppich postiert, zusammen mit seinem verlegen blickenden Töchterchen. Vielleicht hat er den Christbaum telegrafisch bestellt, zur Lieferung über die Karawanenstraße, die von Barkul her nach Hami führte, drei-vier Tagesritte entfernt. Als die Expedition Anfang Februar 1928 dann nach Urumtschi aufbrach, verabschiedete der Postmeister seine neuen Freunde mit einem Gastmahl aus 38 Gängen, die er einen nach dem anderen in deren Gästehaus servieren ließ. Er selbst blieb dem Abschiedsessen fern, wohl aus politischer Vorsicht, denn die Fremden waren in einflussreichen Kreisen immer noch nicht so herzlich willkommen, wie es Hedin sehen wollte. Letztlich schenkte er aber sein Essen so wie er den Weihnachtsbaum in der Geschichte offeriert hatte: aus großzügigem Abstand.  

Ein Bäumchen vom Himmel her

In der Erzählung nehmen die Europäer einen Fuchsschwanz mit, um den Christbaum zu fällen. Sie fanden ihn dann zwar nicht… Aber es gibt eine geheime Schnittstelle des Bäumchens, die noch auf eine ganz andere Herkunft deutet. In Mühlenwegs Text liegt das Bäumchen zur großen Verblüffung der Europäer auf einmal am Weg, wie vom Himmel gefallen. Gut möglich, dass sich der listige Erzähler im Stillen so die Überblendungen von zwei ganz unterschiedlichen Erinnerungsfilmen an Weihnachten in der Gobi leistete.

Denn auch bei Mühlenwegs letztem Aufenthalt in der Mongolei kamen die Männer überraschend zu einem Bäumchen. Es wurde von einem Flugzeug gebracht (einer einmotorigen, wassergekühlten Junkers W-33, Reisegeschwindigkeit 170 km/h, wie den Erinnerungen des Bordmonteurs Max Springweiler zu entnehmen ist). Mühlenweg hat damals das erste Flugzeug gesehen, das von Peking aus den Edsingol erreichte, in nur einem Tag. Auf Kamelrücken, so rechneten sich die Männer im Zelt aus, hätte das Bäumchen 70 Tage gebraucht. Mühlenweg spürte den eisigen Hauch einer technischen Weltbeschleunigung. Der schwedische Geologe Nils Hörner schwärmte noch nach Jahrzehnten von dem Bäumchen „that just had come from heaven“. Er hatte an jener Weihnacht 1931 am Edsingol auch zahlreiche frischgemalte Aquarelle an der Zeltwand gesehen. Der Kaufmann Mühlenweg, dem die Familie in Päckchen einen Malkasten nachschickte, hatte in der Gobi etwas erlebt, was er als seine Berufung zum freien Künstler deutete. Malerei wurde nach seiner Rückkehr nach Europa der Anfang.

Hier könnte es zum Buch gehen, 4. Auflage 2011:

http://www.libelle.ch/backlist/909081400.html

60 Jahre danach (erster Teil)

In mongolischer Tracht ... (Foto: Lotte Eckener)

Weil es gerade 60 Jahre her ist: Im Juni 1951 brauchte Mühlenweg Fotos, mit denen der Herder Verlag seine Lesereisen unterstützen wollte. Der Erfolg seines ersten Romans  –über 50.000 im ersten Halbjahr – schürte das Interesse an diesem neuen Autor. Erste, ein wenig chaotische Erfahrungen hatte er im späten Winter auf Lesungen bereits gesammelt, viel Ärger mit dem Dia-Apparat zum Beispiel. Denn er las nicht einfach aus seinem Buch, er reiste mit Dias seiner Originalfotos aus der Mongolei. Glasdias, im älteren Format wohlgemerkt: 9 x12. Wenn es geht, wird man die massiven Holzkästen bald im Museum sehen – man darf ja die Vorgänger der easy-going-downloads nicht einfach vergessen.

Der Verlag wollte Fotos für einen Prospekt, den er den Veranstaltern zur Verfügung stellen wollte. Für Herder war das einfach und billig, man hatte eine der leistungsstärksten deutschen Druckereien im Haus. Mit dem neuen Werbemedium der Lesereisen experimentierte der starke Verlag offensiv;  im 150. Jahr des Bestehens wollte er sich ein moderneres Image verpassen.

Neben konventionellen Porträts wünschten sich die Strategen in Freiburg etwas Besonderes: Fritz Mühlenweg in mongolischer Tracht. Die hatte er, inklusive einer Pelzmütze, einst mitgebracht, sie ruhte seit 20 Jahren auf dem Estrich seines Allensbacher Hauses.

Nicht ganz zufällig hatte Mühlenweg eine hervorragende Fotografin in seinem Bekanntenkreis, Lotte Eckener. Mit ihr hatte er schon im Januar 1948 im Gründungsausschuss des „Kulturbunds“ zusammen gesessen. (Aufgeschlossene Konservative, Liberale aus künstlerischen Berufen, trafen sich im nahen Konstanz regelmäßig. Der Feuilletonleiter des Südkurier L. E. Reindl sorgte u. a. für stramme Abgrenzung gegen links. Man war frankophil, mit der freundlich gewordenen französischen Besatzungsmacht gut vernetzt, – die Anfänge der Deutsch-Französischen Gesellschaft.)

Lotte Eckener also: Sie führte auch nach der Verheiratung mit dem Konstanzer Zahnarzt Paul Simon ihren Geburtsnamen, mit dem sie schon in Berlin als künstlerische Fotografin bekannt geworden war. Ihr berühmter Vater lebte noch, jener Luftschiff-Pionier Hugo Eckener, der Nachfolger des Grafen Zeppelin geworden war.

Die ersten Bodensee-Bildbände mit ihren stimmungsvollen Fotos hatten Lotte Eckener in der Region am See endlich auch bekannt gemacht. Sogar Verlegerin war sie (Simon und Koch: Seit Dorothea Cremer-Schacht sich um die Geschichte der Bodensee-Fotografie kümmert, wissen wir endlich mehr: http://www.sch-8.de/FAB/Kuenstler_LotteEckener.htm. )

//Und weil das nun zu lang wird: Fortsetzung morgen, mit Rezeptionsgeschichte der Fellmütze.//