Category Archives: Der Maler

Dix und Mühlenweg (II)

Mühlenweg nach einem Schlaganfall wird von Dix (rechts) besucht; Ende 50er-Jahre. (Felder-Archiv, Bregenz)

Noch ein wenig Hintergrund zur Ausgabe der Otto-Dix-Briefe, speziell denen an Fritz Mühlenweg?

Zu den interessantesten Beziehungen von Fritz Mühlenweg (FM) zählt – neben der zum schwedischen Asienforscher Sven Hedin – die Freundschaft mit dem Maler Otto Dix. Hedin und Dix waren schon international berühmt als er sie kennenlernte, zu beiden hielt er lebenslang Verbindung.

Kontaktsuche in der Provinz
Den Kontakt zu Dix suchte das Künstler-Ehepaar Mühlenweg schon kurz nach dem Umzug vom Hallstätter See nach Allensbach am Bodensee. Im Juli 1936 erwähnt Elisabeth Mühlenweg (EM), auf deren Initiative es zu einem Treffen kam, in ihrem Tagebuch den ersten Besuch bei Dix im Hegau; dort wohnte er, nachdem er von der Dresdner Akademie verjagt worden war, mit seiner Familie bei Verwandten in Randegg.

Dix war nicht der Einzige, der von den Neuankömmlingen im weiteren Bodenseeraum besucht wurde. Damals versuchten die Mühlenwegs – EM hatte im Konstanzer Kunstverein eine Einzelausstellung –, auch in der größten Stadt am See mit Malern in Verbindung zu kommen: Alexander Rihm, Werner Rohland, Sepp Biehler); das entwickelte sich anfangs eher harzig, erst zwei Jahre später gründeten sie mit ihnen die „Konstanzer Malergruppe 1938“.
Auch Leerstellen zeigen sich in der Überlieferung: Mit dem einzigen in Allensbach lebenden Künstler, Otto Marquard, einem der bemerkenswerten badischen Maler, sind keine Begegnungen oder Einschätzungen nachzuweisen. Ein Austausch mit Adolf Dietrich am Thurgauer Ufer war bald durch die Kriegsgrenze unmöglich; das ist umso bedauerlicher, als Zeitgenossen eine innere Nähe sahen, in Ausstellungen der Nachkriegszeit wurden Mühlenwegs Bilder neben denen von Dietrich gehängt.

Familienfreundschaften
Mit Otto Dix gelang die Verbindung mühelos, nicht nur, weil sich da in der verhockten Provinz großstadterfahrene Menschen mit weit ausgreifenden Interessen trafen – die Mühlenwegs aus Wien, die Dix‘ aus Berlin und Dresden. Grundlegend wurde eine Freundschaft der Familien. Als „die Dixe“ 1936 ihr neues Haus in Hemmenhofen am Untersee bezogen, waren das: Otto und Martha Dix mit ihren Kindern Nelly (13), Ursus und Jan. Die Mühlenwegs kamen schon im Dezember 36 erstmals zu Besuch – mit ihren beiden Kleinkindern Regina und Christian; danach begannen wechselseitige Wochenendbesuche mit Übernachtung, die Treffen an Geburtstagen und zu gemeinsamen Fastnachtsfesten, die Hilfen im Alltag. Freundschaften zwischen den Kindern wirkten verstärkend; viel später (1961) verhalf Regina Mühlenweg nach dem frühen Tod ihrer bewunderten Freundin Nelly Dix, deren unveröffentlichten Erzählungen zum Druck; das Vorwort dazu schrieb Fritz Mühlenweg in den letzten Wochen seines Lebens.

Verkehrsmittel
Im gastfreundlichen Allensbacher Haus fanden die Hemmenhofener auch noch Platz, als die Familie Mühlenweg auf sieben Kinder angewachsen war. Dass die Dixe öfter zu den Mühlenwegs kamen als umgekehrt, lag an schlichten Gegebenheiten der Mobilität: Wenn sie im eigenen Auto nach Konstanz fuhren, führte die Straße unmittelbar am Mühlenweg-Haus vorbei. FM, ein früher Gegner des Autoverkehrs, hatte nicht einmal einen Führerschein.
Wenn die Mühlenwegs ihre Freunde auf der Höri besuchen wollten, ruderten sie in den wärmeren Monaten über den See zur Insel Reichenau und nahmen von dort das Motorschiff nach Hemmenhofen. Im Winter ging es per Bahn bis Radolfzell, danach mit einem der – eher seltenen – Busse oder auch zu Fuß noch zehn Kilometer. Briefe schrieb man sich nur, wenn kein direkter Austausch möglich war – also wenn Otto Dix im fernen Dresden lebte, FM in Bordeaux stationiert war, oder auch in den notvollen letzten Kriegs- und den Nachkriegsjahren. Beide Familien pflegten eine mündliche Kultur, mal spontan, mal sorgsam vorbereitet. Die zufällig erhaltenen Briefen sind Strandgut eines einst lebhaften Wellengangs.
Dabei hatte jede Familie ihren schreibenden Außenminister: Über die besondere Briefbeziehung zwischen Nelly Dix und FM gibt es im Zusammenhang mit dem MühlenwegMuseum hier etwas zu lesen: http://libelle.ch/apps/wordpress/?p=246 .

(wird womöglich fortgesetzt…)

Otto Dix und Fritz Mühlenweg (I)

Das letzte Foto einer Freundschaft: Otto Dix (rechts) beim schwer erkrankten Fritz Mühlenweg. (Felder-Archiv, Bregenz)

Neulich erschien mit mehr als tausend Seiten die bislang umfangreichste Sammlung mit Briefen von Otto Dix. Erstmals ist so im Druck zu lesen: das Dutzend Briefe und Karten von Dix an Fritz Mühlenweg. Das ist nicht nur gut, weil die steile, fahrige Handschrift von Dix auch auf den zweiten Blick schwer entzifferbar war. Es gibt auch Gelegenheit, für Mühlenweg nachzureichen, was die Bearbeiterinnen des Bands bei den zahlreichen Adressaten nicht ausführen konnten.
Also: Otto Dix, Briefe; hrsg. von Ulrike Lorenz, bearbeitet und kommentiert von Gudrun Schmidt (Wienand 2013). Ein Klopper von einem Buch, türkisblaues Leinen mit grünem Schnitt, lesbar schön gedruckt. Ich kannte die Briefe vom privaten Entziffern her, sie lassen einen Saum menschlicher Entwicklung ahnen: vom ersten Dokument 1936 an, in dem Dix noch an „Dr. Mühlenweg“ schreibt – ein Indiz vielleicht für die ernsthaft-distanzierte Wirkung des Malers bei der ersten Begegnung; Mühlenweg stand zudem eben damals in der Zeitung mit seinem Vortrag über Sven Hedin und die Mongolei. (Dix wird gelacht haben, als ihn Mühlenweg aufklärte: dass er freiwillig ohne Abitur von der Schule wegwollte; und weit entfernt blieb vom Bildungskodex der wilhelminischen Akademiker.) Zum Schluss dann das Du in den Briefen, schon in der Nachkriegszeit, Mühlenweg ist ein aufsteigender Stern unter den literarischen Bestsellerautoren (und versucht heimlich seinem minderverdienenden Freund Dix Illustrationsaufträge beim Herder Verlag zu verschaffen).

Es wäre unfair, von den Dix-Forscherinnen Detailkenntnisse bei jedem der Briefadressaten zu erwarten. Dennoch. Ob die sie die fundierte Arbeit der Kunsthistorikerin Barbara Stark über FMs Malerei und seinen Austausch mit Dix kannten (in: Fritz Mühlenweg – Malerei; Libelle 1998), bleibt ungewiss.
Der Band spart sich ein Register, im Personenverzeichnis hätten (hätten!) die Fundstellen der betreffenden Briefe angegeben werden können, zumal der Band durch die Aufteilung an verschiedene „Adressatenkreise“ die historische Vernetzung der Briefe eher verundeutlicht. Mit einiger Geduld sind die Schreiben an Mühlenweg jenseits der Seite 484 verstreut zu finden.
In einer zweiten, verbesserten Auflage könnte die einzige Anmerkung (zu einer Postkarte von Dix an FM am 16. 8. 1944) verändert werden: „Da die Karte nach Allensbach adressiert ist, war Fritz Mühlenweg wohl von der Wehrmacht entlassen.“ Weil aber FM von 1939 bis in den April 1945 nicht bei der Wehrmacht, sondern beim Zolldienst eingezogen war, klänge es so besser: „Die Karte ist nach Allensbach adressiert. Dix wusste, dass Mühlenweg an Sonntag vom Zolldienst in Konstanz zu seiner Allensbacher Familie durfte.“
Über Dix und Mühlenweg: hier bald mehr.