Category Archives: Mongolei

M wie Museum (I.)

Nächste Woche wird es eröffnet. Was ein Museum alles sein kann, weiß ich immer noch nicht. Ein Ort, an dem dieser merkwürdige Könner nun für geraume Zeit nicht mehr verlorengehen kann? Immerhin ist ihm das einmal fast schon passiert: 1991, als ich den ersten Text von ihm aus einem antiquarischen Buch las, gab es im deutschen Buchhandel nur einen, dazu noch gekürzten Roman von Mühlenweg, bei dtv-junior.

Ist das Museum eine stabile Durchgangsstation auf dem Weg zu einer künftig noch viel größeren Bekanntheit? Nicht ausgeschlossen.
Denn es hat eine Drift begonnen, die seine Bücher in die Länder bringt, deren ganz andere Kultur er uns vermitteln wollte. 2011 gab es die mongolische Ausgabe seines Kinderbuchs „Der Familienausflug“, übersetzt von Khulan Khatanbaatar. Und nicht ausgeschlossen, dass im nächsten Jahr die chinesische Ausgabe von „Nuni“ erscheint.

Mit dem Ablauf der Schutzfrist 2031 (nur noch schmale 19 Jahre, nach bisherigem Urheberrecht) wird auch jener ungute Filmvertrag seine Sperrkraft verlieren, der seit 1989 die Verfilmung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ immer weiter verschiebt und so blockiert. Wir hatten in den letzten drei Jahren Anfragen von englischen Filmemachern, auch von einem Hollywood-Profi. Sie hatten die englischsprachige Übersetzung von Isabel and Florence McHugh („Big Tiger and Christian“) gelesen, und den großen Stoff darin gespürt. Es wird – „in der Eile sind Fehler“ – irgendwann eine Verfilmung geben; auch bei Tolkien hat es Jahrzehnte gebraucht.

Literarische Gedenkstätte?

Ist ein Museum eine Kuriositätensammlung? Gewiss auch, wenn man‘s so versteht: dass das Entdecken schöner Einzelheiten eine Neugier entfacht, die dann aufs schriftstellerische Werk aus ist.
Kurios, ja. Von welchem Schriftsteller sonst kann ein Paar uralte Skier ausgestellt werden? Die er, geschultert, auf den Säntis getragen hat, Silvester beim Wetterwart und dann einmal hinab ins Tal… Bretter, die damals noch “Schneeschuhe“ genant wurden und die er auf die Transsibirische mitnahm bei der ersten Reise nach Peking. Mit ihnen lief er im März 1927 dort auf der frisch beschneiten Großen Mauer. Körpergeschichte. Selbstvertrauen in die eigene Kraft und Geschicklichkeit. Witz.

Merkwürdig auch: der Holzkasten mit den 50 großformatigen Glasdias für seine Vortragsreisen – eine Leihgabe des Felder-Archivs in Bregenz. Mühlenweg schleppte ab 1951 zwei solcher Kästen, dazu den Projektor und die Leibwäsche für zwei Wochen mit sich, auf seinen Lesereisen per Bahn. Nach Hamburg, Saarbrücken, Bern, Graz; auch nach Thalmässing, weil ihm von dort jeder Schüler einer Hauptschulklasse einen Brief geschrieben hatte… Seine Erzählungen über die Mongolei zu 100 Schwarz-Weiß-Dias. Er reiste in den letzten Jahren vor dem Fernsehen. Ab 1954 merkte er eine gelinde Enttäuschung bei den Zuhörern: Sie erwarteten bewegte Bilder oder wenigstens farbige.

Max Frisch, keckernd

Kurios auch das Widmungsexemplar von Max Frisch in einer Schubladenvitrine: Frisch schickte ihm den „Stiller“ in der Woche nach einer Begegnung in Braunschweig, wo beiden ein Literaturpreis überreicht worden war. Dazu ein Foto, das gewiss nirgends abgedruckt wurde: auf dem beide ganz unfeierlich feixend lachen. Sehr unpassend in kulturfeierlichem Ambiente der Adenauerzeit.
Dieses Museum gilt ja unter anderem einem sanften Humoristen. Der das Leben ernst zu nehmen gelernt hatte, aber nicht die Welt. Der sich als Leser über die Zähfädigkeit von Selma Lagerlöfs berühmtesten Roman ärgerte, lieber den „Don Quijote“ dreimal las und als Fünfzigjähriger ganz begeistert war von einem Stück Weltliteratur mit dem Titel „Puh der Bär“.

Die Mongolisch-Kladde

Mein Lieblingsding in diesem Museum? In dem von Freddy Overlack – meisterlicher Schreiner in Radolfzell – wunderschön gestalteten schrägen Schaustück im „Asienraum“, direkt neben den Projektionen des Originalfilms aus der Gobi-Expedition, sieht man beleuchtet: Die abgegriffene Kladde, in der sich Mühlenweg die ersten mongolischen Wörter nach Gehör aufschrieb, die er beim Aufsatteln oder an Lagerfeuer bei den Kamelmännern erfragte. Und darunter in eigenem Durchsichtgefäß: ein metallner Steigbügel, seltsames schweres messingschimmerndes, klobiges Ding. Daneben ist die Geschichte zu lesen, in das dieses Ding verstrickt ist:

Sein mongolischer Freund Märin breitete, nach der gut einjährigen gemeinsamen Expeditionszeit auf Hochebene der Gobi und am Edsin-Gol, am allerletzten Tag vor Mühlenweg seine kleine Habe aus und ließ ihn ein Abschiedsgeschenk auswählen. Mühlenweg wusste, dass er in Europa keine Steigbügel mehr brauchte. Aber er wählte das wertvolle Geschenk, weil er so dem Freund seine eigene Wertschätzung zeigen konnte. Dieses schimmernde solitäre Ding nun im Museum, 80 Jahre nach einem Abschied für immer.
Kann ein Museum ein Ort sein, an dem auch Emotionen überliefert werden? Erinnerungen an den gegenseitigen Respekt, in dem sich Menschen unterschiedlicher Kulturen finden können –?

Der Christbaum von Hami

Christbaum von Hami

Der Christbaum von Hami, fotografiert von Fritz Mühlenweg. (Felder-Archiv, Bregenz)

Fehlt noch irgendwo eine Weihnachtsgeschichte zum Vorlesen – eine ohne kitschiges Dekor, aber mit der Sehnsucht nach einem Fest?

Fritz Mühlenweg schrieb sie vor fast 60 Jahren, eine Auftragsarbeit für die Jugendzeitschrift („Buchfink“) seines Hausverlags Herder. Ob sie dort bemerkt haben, dass die Geschichte ohne christliche Motive auskam, ist nicht überliefert… Damals war Mühlenweg schon ein viel begehrter Autor: „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ erschien in immer neuen Auflagen, Kurt Wolff ließ ihn gerade für seinen Pantheon Verlag in New York übersetzen. Als der amerikanische Verleger ihn im August 1952 in Allensbach besuchte, hatte er gerade seinen zweiten Roman fertig: „Tal ohne Wiederkehr“. Eine Erzählung über sein dramatischstes Abenteuer aus der Hedin-Expedition war ihm immer weiter gewachsen. Der Roman – inzwischen heißt er „Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit“ – endete in der Wüstenstadt Hami, wenige Tage vor Weihnachten. Ein Christbaum kam darin nicht vor.

Den machte der Autor zum Thema in einer fast gleichzeitig verfassten Erzählung, humorvoll und mit sanfter Spannung. Die Suche nach einem grünen Nadelbäumchen am Rand der Gobi. In diesem schlanken Text lässt er eine seiner existenziellen Erfahrungen anklingen: Europäische Ungeduld trifft auf  das andere Zeitmaß der Asiaten, das Verfehlen eines selbst gesetzten Ziels kann glückhafte neue Begegnungen bewirken. „Der Christbaum von Hami“: Man kann es als poetische Erfindung lesen, aber es gab ihn wirklich. Das Bäumchen ist sogar fotografiert worden. Es lohnt sich, die abenteuerliche Vorgeschichte dieser Weihnacht im Grenzland von Sinkiang (Xinjiang) als Hintergrund zu denken:

Auf dem Weg nach Hami

Die Hedin-Expedition, zu der Mühlenweg im Februar 1927 in Peking gestoßen war, kam erst im Juli wirklich in Fahrt, ins Grasland und die Wüste der Inneren Mongolei. Die bessere Zeit der Kamelzüge dauerte dann nur bis Oktober. In getrennt vorrückenden Karawanen sollte ein möglichst großflächiges Gebiet erforscht werden. Die schwedischen und chinesischen Archäologen freuten sich über Steinzeitfunde. Ein deutscher Meteorologe verfolgte sein penibles Programm von Windmessungen mit gasgefüllten Ballons. In Klöstern wurden an Mönchen Schädelmessungen durchgeführt. Sven Hedin kartographierte vom Rücken seines Kamels aus. Männer, scharf auf die Vermessung der Welt. (Fritz Mühlenweg fing entlaufene Kamele wieder ein, ärgerte sich über fehlende Belege für seine Buchhaltung und lernte unterdes von den Kameltreibern die ersten paar hundert Worte Mongolisch.) Die weltenvermessenden Männer hatten aber die Strecken und den dazu nötigen Proviant fatal falsch eingeschätzt… Noch im frühen Sommer hatte Hedin die Ankunft in Urumtschi, der Hauptstadt von Sinkiang, vollmundig für November vorausgesagt.

Aber im November waren viele erschöpfte Kamele schon verloren und die Expedition hatte immer noch 600 km vor sich, um auch nur die nächste größere Stadt auf der Strecke nach Urumtschi zu erreichen: Hami. Pro Tag waren nur 15-20 km zu schaffen, durch trostlose Kiesebenen, an salzigen Brunnen vorbei, manchmal verhinderten Schneestürme tagelang den Weitermarsch.

Vier Wochen vor Weihnachten wurde Fritz Mühlenweg von Hedin losgeschickt: Mit einem Mongolen und einem Chinesen zusammen sollte er Proviant für die entkräftete Expedition beschaffen. In einer Wüstenkälte, die in den Stiefeln die Strümpfe anfrieren ließ. Für den Job wurde er bestimmt, weil er als einziger der Deutschen bereits Mongolisch gelernt hatte. Drei Männer auf Kamelen, die wenig benutzten Wüstenwege waren schwer zu finden. Alle paar Tage: fremde Karawanen, aber keine Lebensmittel. Vereiste Quellen, die aufgeschlagen werden mussten, um wenigstens ans Wasser für einen Tee zu kommen. In der ersten Dezemberwoche wurden sie von einem Trupp Bewaffneter gestellt, die sich als Soldaten aus Sinkiang ausgaben, sie sahen aber eher nach Räubern aus.

Mühlenweg traute ihnen nicht, der Mongole Pantje noch weniger, beide flohen lieber zusammen bei Nacht in die Wüste, zu Fuß, eine entschlossene und dann nur noch verzweifelte Anstrengung ins Weglose. Grausam erschöpft fanden sie nach drei Tagen schließlich Unterkunft und Hilfe. Es war nicht mehr weit von Hami, wo sie einige Kameraden aus einem Vortrupp der Expedition bereits vorfanden – auch sie als Gefangene des Militärs. Eine Vorweihnachtswoche unter Bewachung nahm ihren Anfang. Denn die Soldaten waren wirklich Grenztruppen gewesen. Mühlenweg hatte eine lebensgefährliche Gewaltstour vergeblich unternommen. Ein Muster der Ungeduld dieses jungen Mannes wird deutlich; keine zehn Jahre zuvor war er allein und bei Nacht tollkühn aus französischer Kriegsgefangenschaft geflüchtet; seine Kameraden kamen nur wenige Wochen später regulär frei. Unternehmertum der besonderen Art, das auf den Mehrwert von Abenteuern aus war.

Der Wunsch nach einem Baum 

Hami war eine gesegnete Stadt, so kam es den Männern nach Wochen in der eisigen Wüste vor. Schon an der Zufahrtstraße wuchsen Pappeln und alte Rundweiden. Die Stadt an der Karawanenstraße zwischen Tientsin und Peking war (zu anderer Jahreszeit) durch ihre Melonen berühmt, deren Felder durch ein von weit her geführtes Bewässerungssystem unterhalten wurden. Dass ihre Bewohner in multikultureller Vielfalt lebten – Chinesen, Türken, Dunganen – deutet Mühlenweg an, es verstand sich für Ostturkestan von selbst.

Auf den Postmeister der Stadt richtete sich die größte emotionale Erwartung der Europäer. Die Männer, jeder für sich einsam in der Kumpanei der Expedition, waren schon fast ein Jahr fern von ihren Familien und seit August ohne Briefe. Die Nachrichtenflaute hing nicht nur mit fehlenden Poststationen in der Wüste zusammen. Eine postkoloniale Machtverschiebung wirkte sich aus. Die langnasigen Weißen hatten mit ihrem seltsamen Zug in Richtung Sinkiang einen Argwohn erregt, der im Lauf der Monate bis zum Gerücht einer bewaffneten Invasionsarmee angeschwollen war. Daraufhin leiteten die Behörden in Urumtschi vorsichtshalber alle Postsendungen für die „Sino-Swedish-Expedition“ zur Prüfung nach Peking weiter. Als Fritz Mühlenweg, verlaust, mit verfilzten Haaren und Bart zehn Tage vor Weihnachten in Hami eintraf, fand er weder Pakete noch Briefe vor. Die verunsicherten Männer wollten dann wenigstens einen Baum fürs Fest organisieren.

Weihnachtsbaum-Phantasien

Mit diesem Wunsch nach einem Weihnachtsbaum und einem Ausflug zur Ablenkung beginnt Mühlenwegs Erzählung… Es ließe sich eine mehrbändige Kulturgeschichte über die Weihnachtsbaum-Phantasien schreiben, an denen sich Europäer jener Generation wärmten. Im immergrünen Baum hielten sich Lichterglanz und das Lametta absterbender Erinnerungen an Familie und Heimatlichkeit. Auch das Innehalten der bürgerlichen Psychodramen für die Zeit des Kerzenscheins. Beispiele? Der Wahlberliner Harry Graf Kessler hat 1895 aufs frische Grab seines Vaters in Paris einen schön dekorierten Tannenbaum stellen lassen. Walter Benjamin rief sich in seinem Pariser Exil der 30er Jahre Erinnerungen an seine „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ zurück, besonders eindrücklich die heimliche Stunde allein mit dem noch unbeleuchteten Christbaum. Und am Weihnachtsabend 1927, immer noch Tagreisen von Hami entfernt, in einem vom Schneesturm umtobten Zelt, nach einem Tag mit Fleisch von notgeschlachteten Kamelen und verzweiflungsvoll geschafften drei Kilometern Marsch, tröstet sich der Filmoperateur Paul Lieberenz mit der Vorstellung: welche Riten hin zum festlich entzündeten Baum seine Familie in Berlin gerade erlebte. „Man wirft uns Deutschen vor, dass wir sentimental sind“, leitet er die Passage ein. Im Nachbarzelt, geheizt und mit schwedischen Leckereien, suchte Hedin nach einem Baumersatz und fand ihn in einem siebenarmigen Leuchter; (den hat er dann 15 Jahre später, in einem Forschungsbericht seiner Hitler-treuen Zeit, nur noch als „home made candlestick“ erinnert.)

Nach der Bescherung

Als Mühlenweg am ersten Weihnachtsfeiertag seiner Mutter und seiner Schwester in die Konstanzer Kanzleistraße schrieb, konnte er von angenehmen Überraschungen berichten: „Gestern zum Heiligen Abend, als wir 7 Expeditionsteilnehmer, die vorläufig in Hami zusammentrafen, eben uns mit dem Gedanken vertraut machten, mit gar nichts als einer etwas miserablen Stimmung Weihnachten zu feiern, kamen auf einmal Postpaketchen ins Haus geschneit. Ich war der Reichste, denn ich bekam 13 Pakete mit den schönen Sachen, die ich gerade so sehr gut brauchen konnte. Gleich habe ich mir nach vier Wochen zum ersten Mal wieder die Zähne geputzt, dann wurde Schokolade geschleckt und Stumpen geraucht. Da auch die anderen Paketchen bekommen hatten, wurde gegenseitig großartig geschenkt. Und auf einmal war der Weihnachtsbaum, den wir durch Vermittlung eines freundlichen Chinesen aus Barkul bekamen, nicht umsonst geschmückt worden.“

Der hilfreiche Postmeister Herr Chen, den Mühlenweg später zu einer stillen Hauptfigur im „Christbaum von Hami“ machte, es gab ihn also wirklich. In Sven Hedins Bericht „Auf großer Fahrt“ heißt er Cheng, er ist sogar auf einem Foto zu sehen, ein freundlicher, bebrillter Herr, der in modisch-europäischem Mantel und Pelzmütze vor einem Wandteppich postiert, zusammen mit seinem verlegen blickenden Töchterchen. Vielleicht hat er den Christbaum telegrafisch bestellt, zur Lieferung über die Karawanenstraße, die von Barkul her nach Hami führte, drei-vier Tagesritte entfernt. Als die Expedition Anfang Februar 1928 dann nach Urumtschi aufbrach, verabschiedete der Postmeister seine neuen Freunde mit einem Gastmahl aus 38 Gängen, die er einen nach dem anderen in deren Gästehaus servieren ließ. Er selbst blieb dem Abschiedsessen fern, wohl aus politischer Vorsicht, denn die Fremden waren in einflussreichen Kreisen immer noch nicht so herzlich willkommen, wie es Hedin sehen wollte. Letztlich schenkte er aber sein Essen so wie er den Weihnachtsbaum in der Geschichte offeriert hatte: aus großzügigem Abstand.  

Ein Bäumchen vom Himmel her

In der Erzählung nehmen die Europäer einen Fuchsschwanz mit, um den Christbaum zu fällen. Sie fanden ihn dann zwar nicht… Aber es gibt eine geheime Schnittstelle des Bäumchens, die noch auf eine ganz andere Herkunft deutet. In Mühlenwegs Text liegt das Bäumchen zur großen Verblüffung der Europäer auf einmal am Weg, wie vom Himmel gefallen. Gut möglich, dass sich der listige Erzähler im Stillen so die Überblendungen von zwei ganz unterschiedlichen Erinnerungsfilmen an Weihnachten in der Gobi leistete.

Denn auch bei Mühlenwegs letztem Aufenthalt in der Mongolei kamen die Männer überraschend zu einem Bäumchen. Es wurde von einem Flugzeug gebracht (einer einmotorigen, wassergekühlten Junkers W-33, Reisegeschwindigkeit 170 km/h, wie den Erinnerungen des Bordmonteurs Max Springweiler zu entnehmen ist). Mühlenweg hat damals das erste Flugzeug gesehen, das von Peking aus den Edsingol erreichte, in nur einem Tag. Auf Kamelrücken, so rechneten sich die Männer im Zelt aus, hätte das Bäumchen 70 Tage gebraucht. Mühlenweg spürte den eisigen Hauch einer technischen Weltbeschleunigung. Der schwedische Geologe Nils Hörner schwärmte noch nach Jahrzehnten von dem Bäumchen „that just had come from heaven“. Er hatte an jener Weihnacht 1931 am Edsingol auch zahlreiche frischgemalte Aquarelle an der Zeltwand gesehen. Der Kaufmann Mühlenweg, dem die Familie in Päckchen einen Malkasten nachschickte, hatte in der Gobi etwas erlebt, was er als seine Berufung zum freien Künstler deutete. Malerei wurde nach seiner Rückkehr nach Europa der Anfang.

Hier könnte es zum Buch gehen, 4. Auflage 2011:

http://www.libelle.ch/backlist/909081400.html

Ein Traum am Edsin-Gol

 

Günter Eich und Fritz Mühlenweg. Eine Konstellation.

 

Für Günter Eich war im Frühjahr 1950 „Der Traum am Edsin-Gol“ eine leichte Art, in die Hörspiel-Produktion der westdeutschen Sender einzusteigen. Der Süddeutsche Rundfunk suchte Stoffe für eine Sendereihe früher deutscher Hörspiele. Sie sollte das Repertoire an szenischen Mitteln hörbar machen, das nach der flüchtigen Radio-Ausstrahlung (und anders nach dem Traditionsbruch der Hitlerzeit) in Vergessenheit geraten war. Eich hatte ein Hörspiel, das seit fast 20 Jahren fertig war. Das Manuskript war freilich verloren, verbrannt mit anderem im Feuer nach einem Bombardement. Aber es lag gedruckt vor, in einem Heft, das er sich ausleihen konnte für eine Abschrift.

„Ein Traum am Edsin-Gol“ war nicht das erste Hörspiel, das der 1907 geborene Günter Eich geschrieben hatte, aber das erste, das er einst als junger Literat gedruckt sah: 1932, im letzten Heft der kurzlebigen Literaturzeitschrift „Die Kolonne“. Sein erster Gedichtband war damals schon erschienen, von Gedichten konnte keiner leben, aber der Lyriker traute sich zu, mit Hörspiel-Arbeiten für die neuen Radiosender eine Existenz als freier Autor zu versuchen. Ein literarischer Freundeskreis in Dresden heizte eine wechselweise Produktivität an,

Im Januar 1933 sollte „Ein Traum am Edsin-Gol“ gesendet werden. Aber in jenem Monat – Hitler wurde Reichskanzler – veränderten sich manche Radioprogramme. Eich ahnte noch nicht, in welche Selbstentfremdung er sich in den Jahren danach bringen würde; gegen gutes Honorar hat er bis in den Krieg hinein für den nationalsozialistisch kontrollierten Rundfunk zahlreiche Hörtexte geschrieben, die von Blut-und-Boden-Mythos bis zu anti-englischen Kampagnen vieles mitmachten.

Hörspiel mit vagen Echos 

„Ein Traum am Edsin-Gol“: Ein Hörspiel-Sujet, das im chinesischen Großraum spielt, ist beim jungen Eich nicht verwunderlich. Er hatte ab 1925 Sinologie studiert, erst in Berlin, 1928/29 auch ein Jahr lang in Paris. Im Wintersemester 1926/27 hatte er in Leipzig bei dem mongolistisch spezialisierten Sinologen Erich Haenisch gehört. Er wird damals nicht erfahren haben, dass in eben jenen Monaten die deutschen Teilnehmer der Hedin-Expedition, darunter Fritz Mühlenweg, in streng diplomatischer Geheimhaltung von Berlin aus nach Ostasien fuhren.

Möglich ist, dass Günter Eich Ende der 20er-Jahre Sven Hedins Expeditionsbericht „Auf großer Fahrt“ kennen lernte; darin sind die Grundlagen wissenschaftlicher Wetterbeobachtung und das Lager am Edsin-Gol  ausführlich geschildert. Er kann auch den Expeditionsfilm gesehen haben, der ab Mai 1929 im Berliner Ufa-Palast lief, ein Stummfilm, zu dessen Begleitung noch ein richtiges Orchester spielte (Mühlenweg lässt sich in einer Action-Szene für den Regisseur aus einem Boot in den Edsin-Gol fallen). Vielleicht ist Eich aber auch dem Desaster am Edsin-Gol als sensationeller Medienstoff begegnet. „Mord und Totschlag in der Wüste Gobi“: was Eich in seinem Hörspiel einen Zeitungsverkäufer ausrufen lässt, kann er sehr wohl in Berliner Zeitungen gelesen haben.

Denn in jener Wetterstation am Edsin-Gol, die von der Hedin-Expedition eingerichtet worden war, hatte nach zwei Jahren in der Wüste ein junger Chinese durchgedreht, es war zu Mord und Selbstmord gekommen. (Mühlenweg wurde Ende 1929 zur Heimführung des deutschen Stationsleiters nach China geschickt. Im Museum zeigen wir Sven Hedins handschriftlichen Brief, in dem er seine Version des Unglücks am Edsin-Gol zu Protokoll gibt.)

 Europäische Leere, projiziert in die Gobi

Eichs Hörspiel ist fast monologisch angelegt, gibt aber über Traum- und Alptraumsequenzen anderen Stimmen immer wieder Raum. Es spielt in einem Zelt am Edsin-Gol. Zwei Jahre schon harren dort die jungen Wissenschaftler Ludwig Krämer und Bernhard Godemann aus, um täglich Wetterbeobachtungen festzuhalten. Eich hat seinen Stoff durch das Tagesdatum aktualisiert: Alles spielt sich am 1./2. Oktober 1931 ab. Ludwig hat seinen Gefährten, der am 10 km entfernten Fluss Edsin-Gol Wasserstandsmessungen ausführen will, mit vergiftetem Trinkwasser losgeschickt und halluziniert allein und bei steigendem Alkoholspiegel, dass sein Mord glückt. Er wird als Universalerbe den Reichtum seines Gefährten erben und hofft, dass auch dessen ferne Geliebte Maria, auf deren Briefe sich Ludwig freut, ihm zufallen wird. Eine paar Stunden lang halluziniert er sich in ein Glück, das ihm seine soziale Herkunft und sein bisheriges Leben vorenthalten haben. Gegen das christlich-bürgerliche „Wer hat, dem wird gegeben“ setzt er den Protest „Hat ein Mensch das Recht, glücklicher zu sein als ein anderer?“

Er wird bald von den Stimmen der Rache und Angst verfolgt. Am andern Morgen kehrt aber überraschend der Totgewähnte zurück. (Trick aus der Literatenkiste: Das vergiftete Wasser war zufällig stehen geblieben.) Ludwig kann die Spur seines Anschlags verwischen und findet zurück aus seinem Wunschwahn, in ein glücklicheres Leben umsteigen zu können. Das Stück endet in der resignativen Selbstbescheidung („Keiner verliert sein Glück, weil ein anderer es will, und niemand wird glücklicher mit Gewalt.“)

Günter Eich wählte die Wüstenszenerie als Ort für den perfekten Mord, weit ab von aller Zivilisation und Beobachtung durch andere. In der leeren Landschaft und der betäubenden Stille können sich Wahnideen und Wünsche ungehindert entfalten.

Eich würzte sein Stück mit Passagen jenes surrealen Humors, der zum Kennzeichen späterer Hörspiele wurde. Das realistische Inventar, das er verwendet, bleibt erstaunlich. In einem Zelt der Hedin-Expedition hatte tatsächlich ein Grammophon gestanden, wie es im Hörspiel vorkommt. Die geographische Situierung des Edsin-Gol stimmt aufs Breiten- und Längengrad genau. Sogar die angegebene Temperatur der Wetterbeobachtung, 8,2 Grad, ist für Oktoberanfang realistisch; die wirkliche Expedition hat erst zu Beginn der zweiten Oktoberwoche ein Absinken der Temperaturen unter den Gefrierpunkt erlebt  – nachzulesen, freilich fürs Jahr 1927, bei Sven Hedin (Auf großer Fahrt, 1928, S. 180).

Mühlenweg hätte das Motiv der entsetzlichen Langeweile wie auch des Lebensverlusts an eine stur messende Wissenschaft in Ludwigs Monologen („Vier Jahre meines Lebens versäumte ich, um zu erfahren, wieviel Regen am Edsin-Gol-Fluss fällt“), nach den vielen Monaten Wetterbeobachtung in der Gobi leicht bestätigen können. Er hätte für sich sogar den Namen der weiblichen Phantasmagorie des Hörspiels vertauschen können: „Aber Maria, wo ist Maria? Wissenschaft: Wasserstand am Edsin-gol, und unterdessen geht Maria durch die Straßen, schlank und braunhäutig.“ (Eich, Ein Traum vom Edsingol, S. 12). Pierina oder Lotte hätte er sagen können, statt Marie. Im Oktober 1931, nicht dem fiktiven, den sich der Literat Eich als Zeitraum seiner Mordphantasie griff, im wirklichen Oktober 1931 richtete der Kamelführer Mühlenweg am herbstlichen Edsin-Gol das Winterlager seiner letzten Expedition ein.

“Und was heißt sogar Mongolei?”

Günter Eich hätte die Aufmerksamkeit für sein realistisches Dekor nur am Rand interessiert. Ihm war der Edsin-Gol ein exotisch klingender Vorwand für sein psychologisches Drama, die Wüste wurde ihm Metapher für die Leere einer verwirrenden Existenz, in ihr leben keine Mongolen, nur ausgesetzte Wissenschaftler gehen ihren abendländischen Mess-Obsessionen nach. Am Anfang des Monologs sagt sein potenzieller Mörder: „Und was heißt sogar Mongolei, was heißt Fluss und Himmel? Nicht wahr, das sind alles Dinge, die es nicht gibt, alles bloß Worte, damit wir uns im Leeren zurechtfinden?“ (Eich, S. 11)

 

 

(Mit speziellem Dank an Adrian Winkler vom WDR: ein Mühlenweg-Leser, der mich vor Jahren auf Eichs Hörspiel aufmerksam machte.)

 

Am Rand der Wüste

 

Felder-Archiv, Bregenz

Fritz Mühlenweg 1932 (Felder-Archiv, Bregenz)

Das Konterfei des Wüstenfahrers: Es ist im Frühjahr 1932 entstanden, vielleicht in Peking, vielleicht in Tientsin. Der 33-jährige Fritz Mühlenweg hat seinen letzten Job als Karawanenführer hinter sich, fünfzehn Monate in der Gobi, zuständig für mongolische Kamelmänner, chinesische Köche, medizinische Versorgung, ein paar Dutzend Kamele und Gerätschaften.

Männergesellschaft, aus der er seine Einsamkeiten suchte. An einem Oktobermorgen 1931 fand er die solitäre Stille, früh morgens auf dem Berg Yaga allein zeichnend: das beglückende Erlebnis, wie ihm die Gestaltung der Landschaftsformation mit ihren Schwingungen gelingt, Stift auf Papier, ein Erweis des eigenen Blicks und das Geschick der Hände. Schon vier Jahre vorher, bei der ersten Expedition hatte er Mal-Utensilien dabei. Schöne, handwerklich strenge Bilder sind damals entstanden: der Innenhof in Paotou, in dem er Nachtwache absolvierte über die Expeditionsgüter. Ein chinesisches Tempelchen (feiner, exotischer Nippes). Diesmal war es anders. Unweit vom Edsin-Gol, wo er für Monate im Winterlager dann lebte, stimmte seine Innenwelt mit der Fertigkeit der Hand überein.

Aber der Wüstenfahrer:  Nun ist er aus der Expedition befreit, sie war zuletzt vor allem langweilig geworden. Und er geht in ein Fotoatelier. Was er im Moment des Blitzes gedacht hat? Eine leuchtende Selbstsicherheit lässt sich aus seinem Blick lesen. Man kann das Foto aber auch mit seinem entwickelten Sinn als Ulk anschauen. Es gibt von ihm – seit seiner Kindheit – einige Aufnahmen, auf denen er Faxen macht. Er hat sich den Scherz erlaubt, an jenem Tag in China noch ein zweites Foto machen zu lassen, nach dem Gang zum Friseur: derselbe Anzug mit Krawatte, das wettergegerbte Gesicht, aber schon mit kurzem Haarschnitt, die freigelegten Halspartien mit hellen Flecken. Der Mann hatte Humor genug, dem Rudel seiner Iche ins Auge zu sehen.

Das Foto vom Wüstenmann, vom Halbwilden. Die Gesichtsfarbe kommt nicht aus den Sommermonaten in der Kieswüste: an Wintertagen musste er am Edsin-Gol fünf Mal am Tag, auch bei weniger als Minuszwanzig Grad, auf dem Holzturm der meteorologischen Station, Messgeräte ablesen und Listen führen („eine ekelhaft stumpfsinnige Arbeit“, schreibt er in einem Brief).

Denn die Expedition diente einem wissenschaftlichen Zweck, der Chef war ein deutscher Meteorologe, der für das übergreifende Projekt, die seit 1927 laufende Zentralasiatische Expedition von Sven Hedin, die Wetterbeobachtungen übernommen hatte. Mühlenweg war schon am Anfang mit dabei gewesen, als Angestellter der neu gegründeten deutschen „Luft Hansa“. Für sie sollte der Kaufmann aus Konstanz die Ausgaben überwachen und die Buchhaltung führen, denn die Reichsregierung sponserte die Expedition mit viel Geld.

Es ging nicht nur um die Erforschung des Klimas in den Wüsten, die von Berlin aus überflogen werden sollten, nach Peking. Vom Berliner Außenamt war diskret ein halbes Dutzend deutscher Militärs in die Expedition infiltriert worden. Das Flugwesen hatte sich schließlich durch die technischen Erfahrungen der Militärflieger im Weltkrieg rasant entwickelt. Deren Augen sahen mehr.

Sein Chef freilich war kein Militär; er hat, ohne Mühlenwegs Namen zu nennen, über die Messarbeiten – beschönigend, wie es der Brauch war – später einen Aufsatz geschrieben. (Waldemar Haude: Reisen und Arbeiten der meteorologischen Sondergruppe 1931732; in: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 1934)

Ein inszeniertes Foto, Mühlenweg dokumentiert den Moment, in dem der Wüstenfahrer bereits in den städtischen Anzug geschlüpft ist. Abends mag er in Peking zu einer Fete gegangen sein. In seinem Adressbuch standen noch Namen von Frauen, mit denen er vor Beginn der Expedition beim Fasching im diplomatischen Viertel getanzt hatte.

Eigentlich wäre er gern noch ein-zwei Jahre in Nordchina geblieben. In der Mongolei war ihm in einer magischen Stunde möglich erschienen, dass ihm ein Leben als Künstler gelingen könnte. Vom ersparten Lohn der Expeditionsarbeit ließ sich ein sparsames Leben auf dem Land finanzieren. Malen im fremden Land. Eine ganz andere biographische Weichenstellung scheint hier auf…

Gerüchte über politische Veränderungen waren nur selten in die Gobi gedrungen, am ehesten von Durchreisenden in den Wüstenoasen. Aber nun erfuhr er, dass die Japaner die Mandschurei besetzt hatten. Das Leben in China wurde zu gefährlich. (Der große Zusammenhang blieb vorerst unsichtbar: Japanische Militärs hatten ihren imperialistischen Raubzug begonnen, sie nutzten den Bürgerkrieg zwischen den Kuomintang-Truppen des Mehrheitsführers Chiang Kai-shek und der erstarkenden Revolutionsbewegung um den Nationalkommunisten Mao Zedong und griffen sich Teile von China. Die Japaner zündeten eine Lunte, die den  Zweiten Weltkrieg von Ostasien her schon anfeuerte.)

 

Übersetzungen

Wenn sich die interkulturell turnenden Exzellenzforscher dereinst für Mühlenweg interessieren wollen: es gäbe Stoff genug. Nicht nur die abgegriffenen Notizbücher, in denen er in den ersten Wochen der Expedition 1927 in der Gobi begann, mongolische Wörter nach dem Gehör aufzuschreiben. Alltagswörter, brauchbar. Erfragt von den mongolischen Kamelmännern. Es ging um Tiere, Essen, Wetter, Wassersuche, Einrichten und Abbruch des Lagers. Eine intuitive Methode des Lernens, sie brachte ihn zugleich den Lebensgewohnheiten und dem Wissen der Nomaden näher.

Im Roman “In geheimer Mission“ lässt Mühlenweg (20 Jahre später) in Kapitel 32 den jungen Christian auf solche Weise sein Wörterbuch beginnen: indem er sich von der gleichaltrigen Mongolin Siebenstern die bedeutsamen, weil nützlichen Wörter erfragt. Die Zahlen bis Zehn, die Benennungen für Fluss, Hund, Stern, für Kaltes und Schmales … Zu thematisch geordneten Vokabellisten, immerhin mit gut 500 Wörtern, war er selbst erst während ruhiger Wochen am Edsin-Gol gekommen. Im Monat darauf wurde er von Sven Hedin mit einem Mongolen und einem Chinesen auf Sondermission geschickt, um Proviant für die Expedition zu besorgen: weil er als einziger unter den Deutschen der Expedition sich auf Mongolisch verständigen konnte. Ein Abenteuer, das ihn auf den „Pfad der Nachdenklichkeit“ führte.

Im Allensbacher Museum zeigen wir im Raum „Asien“ das Abschiedsgeschenk des Tschachar-Mongolen Märin. Von ihm hatte er am meisten gelernt hatte. Mühlenweg durfte / sollte sie – dem Brauch folgend – im Frühjahr 1932 aus Märins Habe selbst aussuchen, nach gemeinsamen Monaten in einer meteorologischen Expedition. Grund zur Dankbarkeit hatten die Mongolen: auch die medizinische Versorgung hatte zu Mühlenwegs Aufgaben gehört. Er wählte Märins Steigbügel. Dass er diese klumpigen Eisenbügel nicht gebrauchen konnte, wusste er. In den Augen seines Freundes aber bewies er seine Wertschätzung, indem er etwas Wertvolles annahm, ohne das ein Mann in der Wüste nicht sein konnte. Mühlenweg selbst wünschte sich damals noch, dass er später in die Gobi zurückkäme. Es hat nicht sollen sein. Noch im selben Jahr begegnete er in Wien der Frau, die seinen tiefergehenden Wunsch nach Sesshaftigkeit (zögernd) erfüllte. Und die Besetzung der Mandschurei durch die Japaner trieb ohnehin die meisten Europäer aus China hinaus.

Dies war nur die Einleitung für ein ganz anderes Desiderat interkultureller Forschung: die Rezeption Mühlenwegs in Übersetzungen nämlich. Dass er eine Wirkung nicht nur in Europa hatte, seit den acht Ausgaben in anderen Ländern, die über den Verlag Herder ab 1952 zustande kamen, erfahren wir bei Libelle noch heute. Gestern – wir sind im Juli 2011 – meldete sich Brad Houx (aus Chester, Vermont, USA) über LinkedIn, er hat mit einem Freund in den späten Achtziger Jahren auf den Spuren von „Big Tiger and Christian“ die Reise des Mühlenweg-Romans von Peking nach Urumtschi per Fahrrad angetreten. (Das chinesische Militär war not amused.)

Wer sich für die Titel der Übersetzungen von Mühlenwegs Hauptwerk interessiert, in der Reihenfolge des Erscheinens – sie sind alle im Netz zu finden, am einfachsten über http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.html

US-Amerikanisch: Big Tiger and Christian. Their Adventures in Mongolia. Italienisch: Attraverso il deserto di Gobi: Missione Segreta. Englisch: Big Tiger and Christian. Their Adventures in Mongolia. Niederländisch: Kompas-Berg en Grote-Tijger. Schwedisch: På hemligt uppdrag i Gobiöknen. Spanisch: En misión secreta a través del desierto de Gobi. Französisch: L’heure du dragon. Dänisch: I hemmelig mission gennem Gobi-Ørkenen. Allein was man über die US-Ausgabe bedenken könnte…

Es war Kurt Wolff von seinem New Yorker Pantheon Verlag her, dem als erster der sensationelle Erfolg eines unbekannten Autors bei Herder auffiel. Als in Freiburg schon die vierte Auflage lief (Dezember 1951) fragte er wegen einer Lizenz an, aber mit harten Bedingungen: Er wollte den Roman nur gekürzt machen und das Geleitwort von Sven Hedin sowieso weglassen, das sei politisch nicht akzeptabel für den US-Markt. (Das Geleitwort war nebulös, enthusiastisch und unverdächtig. Aber der große Asienforscher Hedin war nach 1945 persona non grata für die Alliierten. Er hatte Hitlers Berliner Olympiade mit einer Rede miteingeweiht, und als das Reich schon in Schutt und Asche lag, März 1945, hofierte die NS-Wochenschau den Deutschland-Freund anlässlichs eines 80. Geburtstags.) Herder legte Mühlenweg nah, den Bedingungen zuzustimmen.

Ob ihm Kurt Wolff ein Begriff war? Eher nicht. Als KW sein Namenskürzel so langsam zum Begriff eines Kultverlags machte, hatte Fritz Mühlenweg mit Büchern weniger im Sinn gehabt. Da war er Drogistenlehrling, dann Soldat, dann hart arbeitender Kaufmann in den Inflationsjahren gewesen – und in der Freizeit eher auf Wandern, Skifahren, Rudern aus. Dass KW damals Georg Trakl entdeckte, als Erster den deutschschreibenden Böhmen Franz Kafka verlegte, Heinrich Manns „Untertan“ zum Seller machte: das wurde ihm erst Jahrzehnte später zum Kranz geflochten.

(Männer-Geschichtsschreibung: Immer ist nur von KW die Rede, wenn männliche Verleger sein Podest beleuchten.  Er hatte seiner feinen Literaturnase, seinem Sinn für neue literarische Qualitäten zunächst auch dank dem Geld seiner ersten Ehefrau bedenkenlos folgen können. Und seine zweite Frau Helen, die mit ihm vor dem Zugriff der Nazideutschen über Italien, Frankreich nach den USA floh: ohne diese Helen Wolff wäre der Aufbau des Pantheon Verlags in NY so nicht denkbar gewesen. Mühlenweg bekam ab 1951 von Helen Wolff ermunternde Lektoratsbriefe, die ihn auf gutem Kurs halten sollten… Sie hat nach dem Tod ihres Mannes dann noch 30 Jahre lang Verlagsarbeit geleistet und u. a. Günter Grass in den USA bekannt gemacht.)

Die Pantheon-Ausgabe von „Big Tiger and Christian“, feinsinnig übersetzt von den Engländerinnen Isabel und Florence McHugh, erschien 1952, zwar gekürzt, dafür aber marktgerecht illustriert von einem Berliner Emigranten: Rafaello Busoni, der noch in Deutschland begonnen hatte, Klassiker der Weltliteratur zu illustrieren. Und ich habe dieser Tage erst über einen Blog von amerikanischen Mühlenweg-Fans erfahren, dass die Wolffs den Erfolg ihres Buchs mit einem dezenten Trick beförderten: Der eine der beiden Helden, Christian, Sohn eines deutschen Arztes in Peking, der bei Mühlenweg deutsch und chinesisch spricht und versteht, der versteht sich in der Pantheon-Ausgabe auf Chinesisch und Amerikanisch, und wenn er etwas aus seinem Land erzählt, dann ist es “America”.   http://www.allthingsransome.net/rrreviews/bigtigerandchristian.html

Fellmütze, vor 60 Jahren (zweiter Teil)

Lotte Eckener also machte im Allensbacher Haus jenes Foto, das für Mühlenwegs Schriftstellerlaufbahn der Fünfzigerjahre eine Weiche stellte.

Die Verkleidung aus der Reisekiste hatte er so in der Mongolei wohl nie getragen, nur die Fellmütze ist von einem Foto aus dem eiskalten Winter 1927 in Hami bekannt: Der verlegen Grinsende trägt da aber einen dicken halblangen europäischen Überzieher, dazu die über die Kniee reichenden Filzstiefel, denen man noch die tagelange Flucht zu Fuß durch die Gobi ansieht. Neben ihm sein mongolischer Gefährte Pantje, ohne Fellmütze, den Kopf mit einer Filzkappe bedeckt, im schmucklosen fast bodenlangen Gewand, kein Pelzbesatz, aber mit breiter Bauchbinde.

Im frühen Sommer 1951 spielte Mühlenweg im exotischen Habit für die Fotografin den entschlossen dreinblickenden Asienreisenden, – wir wollen annehmen: mit jenem Vergnügen, das er auch bei Fasnachtskostümierungen empfand. Die Marketingstrategie seines Verlags brauchte die Fiktion: Das Outfit passte zum Vorwort, das Sven Hedin für den Roman geschrieben und in dem er jahrelange „gemeinsame Wanderungen“ durch die Wüsten Zentralasiens beschworen hatte. Es passte auch zu den Fotos in den zehnkiloschweren Diakasten, die der Autor zu seinen Lesungen mitschleppte.

Denn er sollte als „der bessere Karl May“ aufgebaut werden, einer der nicht wild herum geflunkert hatte übers Indianerland, sondern Land und Leuten begegnet war, die in seinem Roman vorkamen. Und er trat in Städten auf, in denen noch die Plakate der anderen Asienhändlern hingen, die in Vorträgen aus eigener Erfahrung berichteten: Heinrich Harrer und Wilhelm Filchner reisten in Sachen Tibet.

Als ob das so einfach ginge: den Leuten aus einem Roman zu begegnen. Mühlenweg machte in einer seiner ersten Lesungen vor Schülern eine bizarre, eigentlich dramatische Erfahrung: Sie fragten ihn nach den Figuren seiner erfundenen Handlung, sie wollten wissen, wie es Naidang, Siebenstern und Großer Tiger seither ergangen sei. Er musste lernen, sich herauszureden, um die schlichte Identifikation der jungen Leser nicht allzu sehr zu enttäuschen. Und um den Balanceakt durchzuhalten, den eine doppeldeutige Positionierung seines Romans  auf dem Markt erforderte.

Lotte Eckeners Mongolen-Foto mit der Fellmütze begleitete in der Werbemaschine des Herder Verlags seinen immer noch zunehmenden Erfolg.  Als Mühlenweg im Herbst 1951 die erste seiner langen Lesereisen begann, war das Auditorium Maximum in Freiburg mit 900 Zuhörern überfüllt. In Düsseldorf meldeten sich 2000 an, er wurde gebeten, seinen Vortrag drei Mal zu halten.  Honorar? Meist 20 DM. Seltener 50. Die Übernachtungen  zahlte er selbst. Eine Netzkarte spendierte der Verlag erst im Jahr darauf.

Im Jahr darauf begann er auch zu ahnen, dass er in eine Falle lief. Er war als Jugendbuchschriftsteller und auf einer Mongolenschiene festgeschrieben. In seinem zweiten Roman („Tal ohne Wiederkehr“, 1952, – für uns heißt das Buch: „Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit“) kommen zwar keine Heranwachsenden mehr vor; aber weil die mehrheitlich jugendlichen Leser sehnsüchtig einen weiteren Mühlenweg erwarteten, erschien auch dieser Text als Jugendbuch.

Das Lektoratsgutachten hielt präzise fest: „Ab 14 Jahren, nach oben nicht begrenzt. Jüngere Leser werden in dem Buch vermissen, dass keine Jugendlichen vorkommen. Auch ist es sachlicher erzählt als das erste Buch, so dass das Lesealter etwas höher rückt.“ – Auch dieses Buch wurde ein Erfolg, inklusive der Übersetzungen; noch fünf Jahre nach dem Tod des Autors hat Herder Großauflagen von 100.000 gewagt.

Im November 1955 schreibt der 57-Jährige, der immer noch tourt, zwischen Vorträgen in Lünen und Iserlohn an seine Frau: „Nein, wie mir die liebe Mongolei allmählich verleidet wird. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Hoffentlich gelingt mir das angefangene Buch, denn wie leicht lautet die Kritik: „Schuster, bleib bei deinem Leisten“ (sprich Jugendbuch), es sei denn, ich brächte es zu einem guten Ende.“

Das angefangene Buch war der Roman über einen Kunstraub in Gent, an dem er seit Jahren arbeitete. Er gelang ihm nicht mehr. Mühlenweg blieb nur noch ein gutes Jahr, dann schlug bei diesem körperlich immer gesunden, immer starken Mann der erste Schlaganfall zu. Er verlor seine Handschrift. Der zweite Schlag – im November 1958 während eines Besuch beim Malerfreund Julius Bissier – machte ihm für Monate ein Gehen ohne Hilfe unmöglich.

Als Herder anlässlich Mühlenwegs 60. Geburtstag den Buchhändlern eine Schaufensterwerbung anbot, konnten sie sich auch das Mongolen-Foto bestellen. Sein treuer Lektor Theo Rombach tröstete ihn mit Nachrichten um seine sieben lieferbaren Bücher und seine vier Übersetzungen. Mühlenweg malte, mit seiner Linken, eines seiner wundersamen surrealistischen Bilder: „Das Kartenhaus“.