Category Archives: In geheimer Mission durch die Wüste Gobi

Das Buch, das aus der Gobi kam

Der Maler wird Autor (Felder Archiv, Bregenz)

Im heutigen „Südkurier“ steht über Fritz Mühlenweg als „Jugendbuch-Autor“ eine für die Zeitung gekürzte Fassung: http://www.suedkurier.de/nachrichten/kultur/aktuelles/kultur/In-geheimer-Mission;art410935,5811587

Hier der volle Stoff:

Ein Leser im Herbst 2012

„In Peking gab es Bürgerkrieg… Christian und Großer Tiger waren die besten Freunde. Sie waren bereits zwölf und sie hatten fast immer die gleichen Gedanken.“ So steht es (mit einem großen Smily) auf einem farbig gemalten Plakat, das im November 2012 kam. Die Handschrift eines jungen Lesers mit der Kurzfassung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“, über die Abenteuerreise von Großer Tiger und Christian, die Begegnung mit einem General, der sie mit einer Geheimbotschaft durch die Wüste Gobi schickt. Und dass die beiden Jungen mit einem Soldaten namens Glück und einem gefährlichen Mörder zusammen reisen.
Natürlich freut uns solche Post. Aber faszinierender noch war, was wir über den Briefschreiber erfuhren: Bis dahin war er nicht an die Bücher zu bringen gewesen. Lesen überhaupt fand er langweilig und anstrengend. Als der gut 600 Seiten dicke Schmöker von Fritz Mühlenweg auf seinem Geburtstagstisch lag, war wenig zu hoffen.
Aber dann begann er zu lesen und las weiter, und war in den Wochen danach von der spannenden Geschichte kaum wegzubringen. Und so fasziniert, dass er das Buch unbedingt in seiner Klasse vorstellen wollte. Nun will er unbedingt auch das Mühlenweg-Museum in Allensbach sehen. Dort könnte eigentlich seine Buchbeschreibung nun ausgestellt werden, neben den begeisterten Malbriefen, die eine ganze Schulklasse Anfang der 50er-Jahre an den Autor schrieb.
Es gibt keinen besseren Beweis für die Stärke eines Textes, die Macht einer erfundenen Geschichte und die Wirkung von Sprache. Über das Fortleben eines Buchs bestimmen begeisterte Leser, nicht die Literaturkritiker.
Denn dieser Roman ist vor über 60 Jahren geschrieben worden, von einem Mann, der bis dahin eher als Maler bekannt. Freilich ein Maler mit einer aufregenden Vergangenheit. Bevor sich Fritz Mühlenweg 1935 in Allensbach niederließ, war er mehrmals in der Mongolei gewesen, zudem mit einem Tross von 300 Kamelen und mit einer Expedition, deren Leiter ein damals weltberühmter Forscher war: Sven Hedin.
Mühlenweg hatte damals von einheimischen Kameltreiber Mongolisch gelernt und viel über Land und Leute der Mongolei erfahren. Die Freundlichkeit und Bedachtsamkeit der Mongolen und die Einsamkeit in der Wüste hatten ihn etwas gelehrt, das ihn die gewohnte europäisches Lebensart in kritischem Abstand sehen ließ.

Ein Maler, der 1948 brotlos ist, schreibt einen Roman

Vieles von diesen Erfahrungen brachte er in die Erfindungen seines Romans unter. Er begann 1948 an einer Geschichte zu schreiben, die nahm ihren Anfang mit einer unfreiwilligen Zugfahrt seiner (etwa zwölfjährigen) Helden in Peking. Er schrieb drauflos, mit Bleistift in unbenutzte Kontobücher, er schrieb ohne Plan, und die Geschichte wuchs über viele spannende, geheimnisvolle und naturnahe Episoden auf 500 Seiten. Dann waren seine Helden endlich in Urumtschi angekommen. Das karge, harte Leben der Nomaden in seinem Roman war zugleich die exotische Folie für den Mangel, den viele Deutsche in jenen Nachkriegsjahren selbst erlebten.
Das Manuskript war ungewöhnlich umfangreich für jene Zeit, im Frühjahr 1950 schickte er 350 engzeilig getippte Blätter an zwei Hamburger Belletristik-Verlage und schrieb dazu, er habe für Leser „von 12 bis 70“ geschrieben. Dass die Erlebnisse von Großer Tiger und Christian quer durch die Altersstufen Begeisterung weckten, hatte er erlebt: Seine eigenen Kinder hatten bei häuslichen Lesungen zugehört, aber auch erwachsene Freunde der Familie. Die in Weltliteraturen belesene Mittzwanzigerin Nelly Dix hatte das Manuskript während der Entstehung bekommen und ungeduldig auf Fortsetzungen gewartet.
Mühlenweg hoffte auf den Rowohlt Verlag. Aber dort lehnte eben der Lektor den Roman ab, der selber (unterm Namen Ceram) einen Generationen übergreifenden Bestseller geschrieben hatte („Götter, Gräber und Gelehrte“). Mühlenwegs Buch gehöre in die Jugendliteratur, meinte er.

Ein Roman für alle Lesealter wird als Jugendbuch vermarktet

Fast gleichzeitig erfuhr der Herder Verlag, für den Mühlenwegs Frau Elisabeth seit Jahren religiöse Bücher illustrierte, von dem Romanmanuskript. Herder, ein finanzstarker Verlag mit eigener Druckerei und Buchhandlungen in mehreren Ländern, war zwar streng katholisch ausgerichtet, versuchte aber gerade, sein Jugendbuchprogramm zu erweitern. Mit diesem Abenteueroman, der in der Mongolei spielte, wollte Herder die Dominanz der Karl-May-Bücher auf dem lukrativen Jugendbuchmarkt brechen. Dass der Verlag Fritz Mühlenweg als „den besseren Karl May“ aufbaute und ihn mit seinen authentischen Fotos aus der Wüste Gobi jahrelang auf Dia-Vortragsreisen schickten, war nur konsequent. Als großer Unterschied zu Karl May wurde herausgestellt, dass Mühlenweg das exotische Land seines Romans aus eigener Anschauung kannte. Dafür übersahen sie bei Herder einen anderen Unterschied komplett: Karl May hatte ein kitschiges Christentum in seinen Romanen verarbeitet; Mühlenwegs Romanfiguren werden in eine Welt eingeführt, in der es Gier, Grausamkeit und Rache gibt, aber sie kommen ohne Religion zurecht und stärken einander mit einer Ethik aus Vertrauen, Respekt und gegenseitiger Hilfe.

Jugendbuchautor? Den Ausschlag gab für Mühlenweg, dass ihm Herder ein monatliches Honorarfixum anbot; seine Familie brauchte Geld, in den Wochen seiner erfolglosen Verlagssuche hatte Elisabeth Mühlenweg ihr siebtes Kind zur Welt gebracht.
Tatsächlich machte ihn sein Roman vom Start weg zum bekannten Schriftsteller mit hohen Auflagen. Die alljährlichen Lesereisen wurden zur besseren Einnahmequelle als die Mickerhonorare aus den Übersetzungen seines Romans in Amerika, England, Spanien, Italien…

Der Jugendbuchautor kann nicht mehr wechseln

Aber Mühlenweg merkte rasch, dass er als Jugendbuchautor ein Schriftsteller im Mitteldeck des Dampfers Buchhandel blieb. Die Trennung zwischen (Erwachsenen-)Belletristik und dem weniger angesehenen Jugendbuch war in den frühen 50er-Jahren noch rigide. Die Kollegen von der „Literatur“ hatten nicht nur größeres Renommee, ihre Lesungen wurden auch besser honoriert.
Zur gesellschaftlichen Aufwertung trug erst der 1956 vom Innenministerium gestiftete Jugendbuchpreis bei, auch die wissenschaftliche Erforschung der Jugendliteratur und eine Anzahl von Stipendien und Preisen. Vor allem aber, dass später hochkarätige und erfolgreiche Autoren wie Peter Härtling, Uwe Timm oder David Grossman zugleich immer wieder Bücher für Kinder schrieben.
Fritz Mühlenweg realisierte, dass er in einen Marketingkäfig geraten war, das vor allem dem Verlag nützte, ihn aber auf fatale Weise festlegte. Sein zweiter Mongoleiroman spielte zwar nur noch unter Erwachsenen, er wurde aber von Herder dennoch wie ein Karl-May verkauft.
Das Leben als freier Autor ließ ihm wenig Wahl: In den Jahren danach lieferte er, wofür Herder den Markt hatte. Er schrieb Erzählungen und Kinderbücher („Nuni“); als der Jugendbuchpreis erstmals vergeben wurde, war er als Übersetzer von „Der glückliche Löwe“ unter den Ausgezeichneten.

In der Eile sind Fehler: Mühlenwegs anschwellender Erfolg bei neuen Lesern

Nach Mühlenwegs frühem Tod (1961) wurde sein Hauptwerk nur noch in einer gekürzten Ausgabe gedruckt. Dass kein Lexikon an ihn erinnerte und er fast komplett aus der literarischen Überlieferung gefallen war, hatte aber langfristig einen Vorteil.
Als wir bei Libelle den schwer unterschätzten Autor ab 1991 mit Neuausgaben seiner wichtigsten Werke wieder zugänglich machten, konnten wir das Malheur des Jahrs 1950
bereinigen. Seine Bücher erscheinen fest gebunden und wurden zunächst als Belletristik (für Erwachsene) platziert. Der Buchhandel hatte inzwischen die Kategorie „All-Age-Literatur“, für jene raren Könner wie Tolkien, Kipling oder Saint-Exupery, die für Jung und Alt verständlich und spannend sind, auf jeweils andere Weise gewinnbringend. In dieser Liga kann Fritz Mühlenweg nun wahrgenommen werden. Seit diesem Jahr hat er sogar ein eigenes Museum.

PS: Ja, wir haben inzwischen auch begeisterte Leserechos von über 80jährigen Mühlenweg-Leserinnen.

I-Ging und Nachwirkungen

Ein Autor, der Herz und Hirn seiner Leser beeindruckt und ihre Phantasie dabei freisetzt, bekommt etwas zurück, und sei‘s im Mosaik seines Nachruhms.

Damit sind nicht die Umsetzungen in andere Medien gemeint, obwohl auch sie bei Mühlenweg dazu gehören: Die Übersetzung der Erzählungen ins Italienische („Segreti della Mongolia“ von Anna Ruchat, 2002), die Hörspielfassung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ durch den SWR (2008) oder die auch 2011 noch laufende Bühnenfassung von „Nuni“ durch das Freie Werkstatt Theater in Köln.

Hier geht es um etwas anderes: Leserbegeisterung, die tätig wird, just for the fun of it. In Siegen ist ein Journalist neben seinem Tagwerk einem Motivstrang nachgegangen, der allen Mühlenweg-Lesern vertraut ist. Er macht eine Facette der sprachlichen Wirkung aus.

Denn zum eigentümlichen Gewebe der Roman-Prosa gehören zwar auch sparsam verwendete Adjektive und entschlossen übersichtliche Satzkonstruktionen: Sie haben Mühlenwegs Prosa so alterungsbeständig gehalten, vergleichbar der Sprache seiner Jahrgangsgenossen Bert Brecht und Erich Kästner, und sie öffnen diese Erzählung für „all age“. In einem Verlagsordner finden sich handschriftliche Fanbriefe von Elfjährigen und von 83-Jährigen.

Zudem gibt es, quer über die 700 Seiten der Handlung gestreut, seltsam eindrückliche Sprüche. Mühlenweg hat sie mehreren Romanfiguren zugeteilt, die meisten von ihnen aber dem jungen Chinesen Großer-Tiger in den Mund gelegt. Der will mit weisheitlich anmutenden Sätzen seinem deutschen Freund Christian (Kompass-Berg) eine andere, zuwartende, achtsamere Verhaltensweise und Weltsicht näher bringen. Wenn Sie am Bodensee oder an der Frankfurter Buchmesse oder in Blogs Sätzen begegnen wie: „In der Eile sind Fehler“ oder „Es gibt keine Hilfe“ oder „Keine Besorgnis deswegen“ oder „Unvorsichtiger, du trittst dem Tiger auf den Schwanz“ oder „Die Anfangsschwierigkeit bringt Gelingen“ – dann seien Sie getrost, es sind Leser von „In geheimer Mission“ nahe. Man kann ihnen trauen.

Fritz Mühlenweg traute jugendlichen Lesern (ab dem Schulalter) so viel zu wie Erwachsenen: Bei seinen Lesungen aus dem unfertigen Roman hörten im Allensbacher Haus seine Kinder und erwachsene Freunde zu. Die begeistertste Leserin der ersten Fassung war die damals 25-jährige Nelly Dix. Dieser autodidaktisch sich vorarbeitende Erzähler zielte auf ein Vergnügen am Text, das die Generationen verbinden konnte. Aber er war ein realistischer Autor eigener Prägung: Die Weisheitssprüche klangen aus dem Mund eines Zwölfjährigen doch komisch altklug. So ließ er denn die Herkunft der Sätze von Großer-Tiger auf Belehrungen seines ehrwürdigen Großvaters zurückführen.

Die „Sprüche des Großvaters“ werden von den Erwachsenen im Roman oft mit respektvollem Humor aufgenommen. Sie kommen aber von weiter her. In Mühlenwegs Bücherregal stand die deutsche Übersetzung des „I Ging“. Zuletzt noch, Jahrzehnte nach seinem Tod, stand sie in der Konstanzer Wohnung von Regina Mühlenweg. Mit ihr konnte sich der Siegener Mühlenweg-Leser Peter Barden 2005 noch austauschen, als ihn die Herkunft der „Sprüche des Großvaters“ zu interessieren begann. Der Journalist Barden fand bei genauerer Lektüre heraus, wie viele Dutzend wörtliche Zitate und noch mehr Anklänge aus der I-Ging-Übersetzung des großen Richard Wilhelm von Mühlenweg in das wachsende Manuskript eingearbeitet wurden.

Als Peter Barden sein Manuskript an unseren Verlag schickte („Beharrlichkeit bringt Heil“. Beobachtungen zum Gebrauch des I Ging in Fritz Mühlenwegs „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“), stand darin der Satz: „Dem I Ging in IGM nachzugehen, war mir einfach ein Bedürfnis.“

Ein Bedürfnis; Ja. Wir haben auch eine Examensarbeit aus dem Departement of Landscape Architecture der North Carolina State University von einem anderen Mühlenweg-Begeisterten zugeschickt bekommen: „Big Ger and Little Brad: Their Adventures in China“, Typoskript, 202 Seiten – der Autor Brad Houx, ein Leser der Pantheon-Ausgabe „Big Tiger and Christian“, ist vor reichlich 20 Jahren mit einem Freund per Fahrrad auf die Strecke von Peking nach Urumtschi gegangen … Wenn wir irgendwann einen Sammelband machen mit den Spezialarbeiten von Mühlenweg-Lesern, dann sollte darin auch der Aufsatz der Sinologin Gabriele Goldfuß stehen: Fritz Mühlenweg: Tausendjähriger Bambus: Nachdichtungen aus dem Schi-King (1998 im Bochumer Jahrbuch zur Ostasienforschung abgedruckt).

Im Allensbacher Museum sollen mehr als zwei Dutzend der Sprüche im Treppenhaus hörbar werden. Seltsame Sätze, treppauf. Woher die geheimnisvollen Sätze kommen, liest sich irgendwo an der Wand so:

Der Mühlenweg-Sound und das I-Ging

Die Sprüche der akustischen Installation sind dem Roman „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ entnommen. Dort gibt Großer-Tiger die Sätze meist als Weisheiten seines chinesischen Großvaters aus. Für Mühlenweg-Leser wurden viele zu geflügelten Worten.

Tatsächlich hat Mühlenweg seinen Personen vierzig wortgenaue Zitate und Dutzende Anklänge aus dem „Buch der Wandlungen“ (I-Ging) in den Mund gelegt. Dieses älteste chinesische Weisheits- und Orakelbuch hält erhellende Sätze für typische Situationen im menschlichen Leben bereit. Es weist den Einzelnen in eine Weltordnung ein, in welcher stetige Veränderbarkeit und das Ausgleichen von Extremen grundlegend sind.

In der 1924 erschienenen ersten Übersetzung durch Richard Wilhelm machte das I-Ging die Generation um Hermann Hesse und C. G. Jung auf chinesisches Weltwissen aufmerksam.

Leserpost (Ein Anfang)

Lieber Libelle Verlag,

könnten Sie uns wohl bitte angeben, wo sich genau die ff. Textstelle aus Fritz Mühlenweg, In geheimer Mission findet: Sie wird dem Buch als letztes Zitat vorangestellt:

“Es muss dir etwas einfallen! Es geht nicht, dass wir mutlos sind.” ,,Dann”, sagte Christian, ,,müssen wir einen Vertrag machen: Nur einer von uns darf verzweifelt sein und ,Es gibt keine Hilfe’ sagen.”
(usw….) und dann musste beide lachen.

Wir möchten es in unserer Hochzeitsfeier verwenden, haben schon alle Mühlenweg Bücher gelesen und zahlreiche Male diesen Satz verwendet. Aber den Ort genau dieser Stelle finden wir gerade nicht.

Für Ihre heutige Auskunft wären wir Ihnen sehr dankbar.


Der Brief kam im Mai 2011. Auch die Dringlichkeit im letzten Satz hat mir gefallen. Wann kann man schon, von der Leserpost-Abteilung des Verlags aus, einer unbekannten Braut behilflich sein …

Die Stelle ließ sich rasch finden (S. 232 der laufenden Ausgabe, im 24. Kapitel); wie oft habe ich diesen Roman schon gelesen – fünfmal, sechsmal?

Dieser Schnellkurs über das Abmachen eines Vertrags zwischen den heranwachsenden Helden bleibt, in einer spannenden Passage als Verzögerungsmoment eingebaut, tiefgründig faszinierend. Die leichte, humorvolle Art, mit der dieser Autor jüngeren und dann zugleich älteren Lesern eine Lebenskunst weitergab. Leben ist gefährlich, Verzagtheit kann vorkommen. Es braucht eine Einübung in Beistand und Durchhalten. Bei aller Freiheit und allen wünschlichen Abenteuern ging es um Verbindlichkeiten.

Mühlenweg, ein getaufter Protestant, Sohn eines freimaurerischen Vaters, hatte mit kirchlichen Religionen nichts im Sinn; ich frage mich immer noch, ob sie das im damals heftig katholischen Herder Verlag (da wurde sogar des Verlegers Kind von Pius XII. getauft…) überhaupt bemerkt haben, als sie den Roman zum Flaggschiff ihres Jugendbuchprogramms machten. Die unaufdringliche Botschaft hinter allen spannenden Begegnungen in Grasland und Wüste hat im Klima des christlichen Rollbacks der westdeutschen Nachkriegszeit wie ein Trojaner gewirkt. (Nein, das ist nicht erforscht. Könnte sich mal jemand dahintermachen? Zuerst vielleicht die Interviews mit den bekannteren Mühlenweg-Lesern der ersten Generation, die oben in der Rubrik „Über Fritz Mühlenweg“ genannt sind?)

Mühlenwegs Menschen fehlt kein Gott, sie handeln – in einer Welt, die ohne Verbrecher, Geldgier, von Menschen gemachtes Unheil und eine höchst gefährliche Natur nicht zu haben ist –  aus einer diesseitigen Ethik heraus. Es geht darum, dem anderen zuwartend, höflich auch, mit respektvollem Interesse, und wenn immer möglich mit Humor zu begegnen.

Eine heitere Gelassenheit, die er aus der Mongolei mitbrachte. Dass er im Jahr 2011 das Motto für eine Hochzeit liefert… „Euer Weg sei leicht und gut!“ hätte er vielleicht mit einem Lächeln gesagt. Dass der Weg von sich aus nicht leicht und nicht immer gut sein kann, wusste er nach einem Vierteljahrhundert Ehe, aber noch im Monat vor seinem Tod konnte er sich ein Leben ohne seine Frau nicht vorstellen.

Im September jährt sich Mühlenwegs Tod zum fünfzigsten Mal. Wir bekommen fast jede Woche von unbekannten Lesern Nachfragen zu diesem Autor. Ja, diese seltsame Lebendigkeit, die von seinen Spracherfindungen ausgeht und die seine Leser immer neu beweisen…