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M wie Museum (I.)

Nächste Woche wird es eröffnet. Was ein Museum alles sein kann, weiß ich immer noch nicht. Ein Ort, an dem dieser merkwürdige Könner nun für geraume Zeit nicht mehr verlorengehen kann? Immerhin ist ihm das einmal fast schon passiert: 1991, als ich den ersten Text von ihm aus einem antiquarischen Buch las, gab es im deutschen Buchhandel nur einen, dazu noch gekürzten Roman von Mühlenweg, bei dtv-junior.

Ist das Museum eine stabile Durchgangsstation auf dem Weg zu einer künftig noch viel größeren Bekanntheit? Nicht ausgeschlossen.
Denn es hat eine Drift begonnen, die seine Bücher in die Länder bringt, deren ganz andere Kultur er uns vermitteln wollte. 2011 gab es die mongolische Ausgabe seines Kinderbuchs „Der Familienausflug“, übersetzt von Khulan Khatanbaatar. Und nicht ausgeschlossen, dass im nächsten Jahr die chinesische Ausgabe von „Nuni“ erscheint.

Mit dem Ablauf der Schutzfrist 2031 (nur noch schmale 19 Jahre, nach bisherigem Urheberrecht) wird auch jener ungute Filmvertrag seine Sperrkraft verlieren, der seit 1989 die Verfilmung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ immer weiter verschiebt und so blockiert. Wir hatten in den letzten drei Jahren Anfragen von englischen Filmemachern, auch von einem Hollywood-Profi. Sie hatten die englischsprachige Übersetzung von Isabel and Florence McHugh („Big Tiger and Christian“) gelesen, und den großen Stoff darin gespürt. Es wird – „in der Eile sind Fehler“ – irgendwann eine Verfilmung geben; auch bei Tolkien hat es Jahrzehnte gebraucht.

Literarische Gedenkstätte?

Ist ein Museum eine Kuriositätensammlung? Gewiss auch, wenn man‘s so versteht: dass das Entdecken schöner Einzelheiten eine Neugier entfacht, die dann aufs schriftstellerische Werk aus ist.
Kurios, ja. Von welchem Schriftsteller sonst kann ein Paar uralte Skier ausgestellt werden? Die er, geschultert, auf den Säntis getragen hat, Silvester beim Wetterwart und dann einmal hinab ins Tal… Bretter, die damals noch “Schneeschuhe“ genant wurden und die er auf die Transsibirische mitnahm bei der ersten Reise nach Peking. Mit ihnen lief er im März 1927 dort auf der frisch beschneiten Großen Mauer. Körpergeschichte. Selbstvertrauen in die eigene Kraft und Geschicklichkeit. Witz.

Merkwürdig auch: der Holzkasten mit den 50 großformatigen Glasdias für seine Vortragsreisen – eine Leihgabe des Felder-Archivs in Bregenz. Mühlenweg schleppte ab 1951 zwei solcher Kästen, dazu den Projektor und die Leibwäsche für zwei Wochen mit sich, auf seinen Lesereisen per Bahn. Nach Hamburg, Saarbrücken, Bern, Graz; auch nach Thalmässing, weil ihm von dort jeder Schüler einer Hauptschulklasse einen Brief geschrieben hatte… Seine Erzählungen über die Mongolei zu 100 Schwarz-Weiß-Dias. Er reiste in den letzten Jahren vor dem Fernsehen. Ab 1954 merkte er eine gelinde Enttäuschung bei den Zuhörern: Sie erwarteten bewegte Bilder oder wenigstens farbige.

Max Frisch, keckernd

Kurios auch das Widmungsexemplar von Max Frisch in einer Schubladenvitrine: Frisch schickte ihm den „Stiller“ in der Woche nach einer Begegnung in Braunschweig, wo beiden ein Literaturpreis überreicht worden war. Dazu ein Foto, das gewiss nirgends abgedruckt wurde: auf dem beide ganz unfeierlich feixend lachen. Sehr unpassend in kulturfeierlichem Ambiente der Adenauerzeit.
Dieses Museum gilt ja unter anderem einem sanften Humoristen. Der das Leben ernst zu nehmen gelernt hatte, aber nicht die Welt. Der sich als Leser über die Zähfädigkeit von Selma Lagerlöfs berühmtesten Roman ärgerte, lieber den „Don Quijote“ dreimal las und als Fünfzigjähriger ganz begeistert war von einem Stück Weltliteratur mit dem Titel „Puh der Bär“.

Die Mongolisch-Kladde

Mein Lieblingsding in diesem Museum? In dem von Freddy Overlack – meisterlicher Schreiner in Radolfzell – wunderschön gestalteten schrägen Schaustück im „Asienraum“, direkt neben den Projektionen des Originalfilms aus der Gobi-Expedition, sieht man beleuchtet: Die abgegriffene Kladde, in der sich Mühlenweg die ersten mongolischen Wörter nach Gehör aufschrieb, die er beim Aufsatteln oder an Lagerfeuer bei den Kamelmännern erfragte. Und darunter in eigenem Durchsichtgefäß: ein metallner Steigbügel, seltsames schweres messingschimmerndes, klobiges Ding. Daneben ist die Geschichte zu lesen, in das dieses Ding verstrickt ist:

Sein mongolischer Freund Märin breitete, nach der gut einjährigen gemeinsamen Expeditionszeit auf Hochebene der Gobi und am Edsin-Gol, am allerletzten Tag vor Mühlenweg seine kleine Habe aus und ließ ihn ein Abschiedsgeschenk auswählen. Mühlenweg wusste, dass er in Europa keine Steigbügel mehr brauchte. Aber er wählte das wertvolle Geschenk, weil er so dem Freund seine eigene Wertschätzung zeigen konnte. Dieses schimmernde solitäre Ding nun im Museum, 80 Jahre nach einem Abschied für immer.
Kann ein Museum ein Ort sein, an dem auch Emotionen überliefert werden? Erinnerungen an den gegenseitigen Respekt, in dem sich Menschen unterschiedlicher Kulturen finden können –?

Ein Traum am Edsin-Gol

 

Günter Eich und Fritz Mühlenweg. Eine Konstellation.

 

Für Günter Eich war im Frühjahr 1950 „Der Traum am Edsin-Gol“ eine leichte Art, in die Hörspiel-Produktion der westdeutschen Sender einzusteigen. Der Süddeutsche Rundfunk suchte Stoffe für eine Sendereihe früher deutscher Hörspiele. Sie sollte das Repertoire an szenischen Mitteln hörbar machen, das nach der flüchtigen Radio-Ausstrahlung (und anders nach dem Traditionsbruch der Hitlerzeit) in Vergessenheit geraten war. Eich hatte ein Hörspiel, das seit fast 20 Jahren fertig war. Das Manuskript war freilich verloren, verbrannt mit anderem im Feuer nach einem Bombardement. Aber es lag gedruckt vor, in einem Heft, das er sich ausleihen konnte für eine Abschrift.

„Ein Traum am Edsin-Gol“ war nicht das erste Hörspiel, das der 1907 geborene Günter Eich geschrieben hatte, aber das erste, das er einst als junger Literat gedruckt sah: 1932, im letzten Heft der kurzlebigen Literaturzeitschrift „Die Kolonne“. Sein erster Gedichtband war damals schon erschienen, von Gedichten konnte keiner leben, aber der Lyriker traute sich zu, mit Hörspiel-Arbeiten für die neuen Radiosender eine Existenz als freier Autor zu versuchen. Ein literarischer Freundeskreis in Dresden heizte eine wechselweise Produktivität an,

Im Januar 1933 sollte „Ein Traum am Edsin-Gol“ gesendet werden. Aber in jenem Monat – Hitler wurde Reichskanzler – veränderten sich manche Radioprogramme. Eich ahnte noch nicht, in welche Selbstentfremdung er sich in den Jahren danach bringen würde; gegen gutes Honorar hat er bis in den Krieg hinein für den nationalsozialistisch kontrollierten Rundfunk zahlreiche Hörtexte geschrieben, die von Blut-und-Boden-Mythos bis zu anti-englischen Kampagnen vieles mitmachten.

Hörspiel mit vagen Echos 

„Ein Traum am Edsin-Gol“: Ein Hörspiel-Sujet, das im chinesischen Großraum spielt, ist beim jungen Eich nicht verwunderlich. Er hatte ab 1925 Sinologie studiert, erst in Berlin, 1928/29 auch ein Jahr lang in Paris. Im Wintersemester 1926/27 hatte er in Leipzig bei dem mongolistisch spezialisierten Sinologen Erich Haenisch gehört. Er wird damals nicht erfahren haben, dass in eben jenen Monaten die deutschen Teilnehmer der Hedin-Expedition, darunter Fritz Mühlenweg, in streng diplomatischer Geheimhaltung von Berlin aus nach Ostasien fuhren.

Möglich ist, dass Günter Eich Ende der 20er-Jahre Sven Hedins Expeditionsbericht „Auf großer Fahrt“ kennen lernte; darin sind die Grundlagen wissenschaftlicher Wetterbeobachtung und das Lager am Edsin-Gol  ausführlich geschildert. Er kann auch den Expeditionsfilm gesehen haben, der ab Mai 1929 im Berliner Ufa-Palast lief, ein Stummfilm, zu dessen Begleitung noch ein richtiges Orchester spielte (Mühlenweg lässt sich in einer Action-Szene für den Regisseur aus einem Boot in den Edsin-Gol fallen). Vielleicht ist Eich aber auch dem Desaster am Edsin-Gol als sensationeller Medienstoff begegnet. „Mord und Totschlag in der Wüste Gobi“: was Eich in seinem Hörspiel einen Zeitungsverkäufer ausrufen lässt, kann er sehr wohl in Berliner Zeitungen gelesen haben.

Denn in jener Wetterstation am Edsin-Gol, die von der Hedin-Expedition eingerichtet worden war, hatte nach zwei Jahren in der Wüste ein junger Chinese durchgedreht, es war zu Mord und Selbstmord gekommen. (Mühlenweg wurde Ende 1929 zur Heimführung des deutschen Stationsleiters nach China geschickt. Im Museum zeigen wir Sven Hedins handschriftlichen Brief, in dem er seine Version des Unglücks am Edsin-Gol zu Protokoll gibt.)

 Europäische Leere, projiziert in die Gobi

Eichs Hörspiel ist fast monologisch angelegt, gibt aber über Traum- und Alptraumsequenzen anderen Stimmen immer wieder Raum. Es spielt in einem Zelt am Edsin-Gol. Zwei Jahre schon harren dort die jungen Wissenschaftler Ludwig Krämer und Bernhard Godemann aus, um täglich Wetterbeobachtungen festzuhalten. Eich hat seinen Stoff durch das Tagesdatum aktualisiert: Alles spielt sich am 1./2. Oktober 1931 ab. Ludwig hat seinen Gefährten, der am 10 km entfernten Fluss Edsin-Gol Wasserstandsmessungen ausführen will, mit vergiftetem Trinkwasser losgeschickt und halluziniert allein und bei steigendem Alkoholspiegel, dass sein Mord glückt. Er wird als Universalerbe den Reichtum seines Gefährten erben und hofft, dass auch dessen ferne Geliebte Maria, auf deren Briefe sich Ludwig freut, ihm zufallen wird. Eine paar Stunden lang halluziniert er sich in ein Glück, das ihm seine soziale Herkunft und sein bisheriges Leben vorenthalten haben. Gegen das christlich-bürgerliche „Wer hat, dem wird gegeben“ setzt er den Protest „Hat ein Mensch das Recht, glücklicher zu sein als ein anderer?“

Er wird bald von den Stimmen der Rache und Angst verfolgt. Am andern Morgen kehrt aber überraschend der Totgewähnte zurück. (Trick aus der Literatenkiste: Das vergiftete Wasser war zufällig stehen geblieben.) Ludwig kann die Spur seines Anschlags verwischen und findet zurück aus seinem Wunschwahn, in ein glücklicheres Leben umsteigen zu können. Das Stück endet in der resignativen Selbstbescheidung („Keiner verliert sein Glück, weil ein anderer es will, und niemand wird glücklicher mit Gewalt.“)

Günter Eich wählte die Wüstenszenerie als Ort für den perfekten Mord, weit ab von aller Zivilisation und Beobachtung durch andere. In der leeren Landschaft und der betäubenden Stille können sich Wahnideen und Wünsche ungehindert entfalten.

Eich würzte sein Stück mit Passagen jenes surrealen Humors, der zum Kennzeichen späterer Hörspiele wurde. Das realistische Inventar, das er verwendet, bleibt erstaunlich. In einem Zelt der Hedin-Expedition hatte tatsächlich ein Grammophon gestanden, wie es im Hörspiel vorkommt. Die geographische Situierung des Edsin-Gol stimmt aufs Breiten- und Längengrad genau. Sogar die angegebene Temperatur der Wetterbeobachtung, 8,2 Grad, ist für Oktoberanfang realistisch; die wirkliche Expedition hat erst zu Beginn der zweiten Oktoberwoche ein Absinken der Temperaturen unter den Gefrierpunkt erlebt  – nachzulesen, freilich fürs Jahr 1927, bei Sven Hedin (Auf großer Fahrt, 1928, S. 180).

Mühlenweg hätte das Motiv der entsetzlichen Langeweile wie auch des Lebensverlusts an eine stur messende Wissenschaft in Ludwigs Monologen („Vier Jahre meines Lebens versäumte ich, um zu erfahren, wieviel Regen am Edsin-Gol-Fluss fällt“), nach den vielen Monaten Wetterbeobachtung in der Gobi leicht bestätigen können. Er hätte für sich sogar den Namen der weiblichen Phantasmagorie des Hörspiels vertauschen können: „Aber Maria, wo ist Maria? Wissenschaft: Wasserstand am Edsin-gol, und unterdessen geht Maria durch die Straßen, schlank und braunhäutig.“ (Eich, Ein Traum vom Edsingol, S. 12). Pierina oder Lotte hätte er sagen können, statt Marie. Im Oktober 1931, nicht dem fiktiven, den sich der Literat Eich als Zeitraum seiner Mordphantasie griff, im wirklichen Oktober 1931 richtete der Kamelführer Mühlenweg am herbstlichen Edsin-Gol das Winterlager seiner letzten Expedition ein.

“Und was heißt sogar Mongolei?”

Günter Eich hätte die Aufmerksamkeit für sein realistisches Dekor nur am Rand interessiert. Ihm war der Edsin-Gol ein exotisch klingender Vorwand für sein psychologisches Drama, die Wüste wurde ihm Metapher für die Leere einer verwirrenden Existenz, in ihr leben keine Mongolen, nur ausgesetzte Wissenschaftler gehen ihren abendländischen Mess-Obsessionen nach. Am Anfang des Monologs sagt sein potenzieller Mörder: „Und was heißt sogar Mongolei, was heißt Fluss und Himmel? Nicht wahr, das sind alles Dinge, die es nicht gibt, alles bloß Worte, damit wir uns im Leeren zurechtfinden?“ (Eich, S. 11)

 

 

(Mit speziellem Dank an Adrian Winkler vom WDR: ein Mühlenweg-Leser, der mich vor Jahren auf Eichs Hörspiel aufmerksam machte.)

 

Am Rand der Wüste

 

Felder-Archiv, Bregenz

Fritz Mühlenweg 1932 (Felder-Archiv, Bregenz)

Das Konterfei des Wüstenfahrers: Es ist im Frühjahr 1932 entstanden, vielleicht in Peking, vielleicht in Tientsin. Der 33-jährige Fritz Mühlenweg hat seinen letzten Job als Karawanenführer hinter sich, fünfzehn Monate in der Gobi, zuständig für mongolische Kamelmänner, chinesische Köche, medizinische Versorgung, ein paar Dutzend Kamele und Gerätschaften.

Männergesellschaft, aus der er seine Einsamkeiten suchte. An einem Oktobermorgen 1931 fand er die solitäre Stille, früh morgens auf dem Berg Yaga allein zeichnend: das beglückende Erlebnis, wie ihm die Gestaltung der Landschaftsformation mit ihren Schwingungen gelingt, Stift auf Papier, ein Erweis des eigenen Blicks und das Geschick der Hände. Schon vier Jahre vorher, bei der ersten Expedition hatte er Mal-Utensilien dabei. Schöne, handwerklich strenge Bilder sind damals entstanden: der Innenhof in Paotou, in dem er Nachtwache absolvierte über die Expeditionsgüter. Ein chinesisches Tempelchen (feiner, exotischer Nippes). Diesmal war es anders. Unweit vom Edsin-Gol, wo er für Monate im Winterlager dann lebte, stimmte seine Innenwelt mit der Fertigkeit der Hand überein.

Aber der Wüstenfahrer:  Nun ist er aus der Expedition befreit, sie war zuletzt vor allem langweilig geworden. Und er geht in ein Fotoatelier. Was er im Moment des Blitzes gedacht hat? Eine leuchtende Selbstsicherheit lässt sich aus seinem Blick lesen. Man kann das Foto aber auch mit seinem entwickelten Sinn als Ulk anschauen. Es gibt von ihm – seit seiner Kindheit – einige Aufnahmen, auf denen er Faxen macht. Er hat sich den Scherz erlaubt, an jenem Tag in China noch ein zweites Foto machen zu lassen, nach dem Gang zum Friseur: derselbe Anzug mit Krawatte, das wettergegerbte Gesicht, aber schon mit kurzem Haarschnitt, die freigelegten Halspartien mit hellen Flecken. Der Mann hatte Humor genug, dem Rudel seiner Iche ins Auge zu sehen.

Das Foto vom Wüstenmann, vom Halbwilden. Die Gesichtsfarbe kommt nicht aus den Sommermonaten in der Kieswüste: an Wintertagen musste er am Edsin-Gol fünf Mal am Tag, auch bei weniger als Minuszwanzig Grad, auf dem Holzturm der meteorologischen Station, Messgeräte ablesen und Listen führen („eine ekelhaft stumpfsinnige Arbeit“, schreibt er in einem Brief).

Denn die Expedition diente einem wissenschaftlichen Zweck, der Chef war ein deutscher Meteorologe, der für das übergreifende Projekt, die seit 1927 laufende Zentralasiatische Expedition von Sven Hedin, die Wetterbeobachtungen übernommen hatte. Mühlenweg war schon am Anfang mit dabei gewesen, als Angestellter der neu gegründeten deutschen „Luft Hansa“. Für sie sollte der Kaufmann aus Konstanz die Ausgaben überwachen und die Buchhaltung führen, denn die Reichsregierung sponserte die Expedition mit viel Geld.

Es ging nicht nur um die Erforschung des Klimas in den Wüsten, die von Berlin aus überflogen werden sollten, nach Peking. Vom Berliner Außenamt war diskret ein halbes Dutzend deutscher Militärs in die Expedition infiltriert worden. Das Flugwesen hatte sich schließlich durch die technischen Erfahrungen der Militärflieger im Weltkrieg rasant entwickelt. Deren Augen sahen mehr.

Sein Chef freilich war kein Militär; er hat, ohne Mühlenwegs Namen zu nennen, über die Messarbeiten – beschönigend, wie es der Brauch war – später einen Aufsatz geschrieben. (Waldemar Haude: Reisen und Arbeiten der meteorologischen Sondergruppe 1931732; in: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 1934)

Ein inszeniertes Foto, Mühlenweg dokumentiert den Moment, in dem der Wüstenfahrer bereits in den städtischen Anzug geschlüpft ist. Abends mag er in Peking zu einer Fete gegangen sein. In seinem Adressbuch standen noch Namen von Frauen, mit denen er vor Beginn der Expedition beim Fasching im diplomatischen Viertel getanzt hatte.

Eigentlich wäre er gern noch ein-zwei Jahre in Nordchina geblieben. In der Mongolei war ihm in einer magischen Stunde möglich erschienen, dass ihm ein Leben als Künstler gelingen könnte. Vom ersparten Lohn der Expeditionsarbeit ließ sich ein sparsames Leben auf dem Land finanzieren. Malen im fremden Land. Eine ganz andere biographische Weichenstellung scheint hier auf…

Gerüchte über politische Veränderungen waren nur selten in die Gobi gedrungen, am ehesten von Durchreisenden in den Wüstenoasen. Aber nun erfuhr er, dass die Japaner die Mandschurei besetzt hatten. Das Leben in China wurde zu gefährlich. (Der große Zusammenhang blieb vorerst unsichtbar: Japanische Militärs hatten ihren imperialistischen Raubzug begonnen, sie nutzten den Bürgerkrieg zwischen den Kuomintang-Truppen des Mehrheitsführers Chiang Kai-shek und der erstarkenden Revolutionsbewegung um den Nationalkommunisten Mao Zedong und griffen sich Teile von China. Die Japaner zündeten eine Lunte, die den  Zweiten Weltkrieg von Ostasien her schon anfeuerte.)

 

I-Ging und Nachwirkungen

Ein Autor, der Herz und Hirn seiner Leser beeindruckt und ihre Phantasie dabei freisetzt, bekommt etwas zurück, und sei‘s im Mosaik seines Nachruhms.

Damit sind nicht die Umsetzungen in andere Medien gemeint, obwohl auch sie bei Mühlenweg dazu gehören: Die Übersetzung der Erzählungen ins Italienische („Segreti della Mongolia“ von Anna Ruchat, 2002), die Hörspielfassung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ durch den SWR (2008) oder die auch 2011 noch laufende Bühnenfassung von „Nuni“ durch das Freie Werkstatt Theater in Köln.

Hier geht es um etwas anderes: Leserbegeisterung, die tätig wird, just for the fun of it. In Siegen ist ein Journalist neben seinem Tagwerk einem Motivstrang nachgegangen, der allen Mühlenweg-Lesern vertraut ist. Er macht eine Facette der sprachlichen Wirkung aus.

Denn zum eigentümlichen Gewebe der Roman-Prosa gehören zwar auch sparsam verwendete Adjektive und entschlossen übersichtliche Satzkonstruktionen: Sie haben Mühlenwegs Prosa so alterungsbeständig gehalten, vergleichbar der Sprache seiner Jahrgangsgenossen Bert Brecht und Erich Kästner, und sie öffnen diese Erzählung für „all age“. In einem Verlagsordner finden sich handschriftliche Fanbriefe von Elfjährigen und von 83-Jährigen.

Zudem gibt es, quer über die 700 Seiten der Handlung gestreut, seltsam eindrückliche Sprüche. Mühlenweg hat sie mehreren Romanfiguren zugeteilt, die meisten von ihnen aber dem jungen Chinesen Großer-Tiger in den Mund gelegt. Der will mit weisheitlich anmutenden Sätzen seinem deutschen Freund Christian (Kompass-Berg) eine andere, zuwartende, achtsamere Verhaltensweise und Weltsicht näher bringen. Wenn Sie am Bodensee oder an der Frankfurter Buchmesse oder in Blogs Sätzen begegnen wie: „In der Eile sind Fehler“ oder „Es gibt keine Hilfe“ oder „Keine Besorgnis deswegen“ oder „Unvorsichtiger, du trittst dem Tiger auf den Schwanz“ oder „Die Anfangsschwierigkeit bringt Gelingen“ – dann seien Sie getrost, es sind Leser von „In geheimer Mission“ nahe. Man kann ihnen trauen.

Fritz Mühlenweg traute jugendlichen Lesern (ab dem Schulalter) so viel zu wie Erwachsenen: Bei seinen Lesungen aus dem unfertigen Roman hörten im Allensbacher Haus seine Kinder und erwachsene Freunde zu. Die begeistertste Leserin der ersten Fassung war die damals 25-jährige Nelly Dix. Dieser autodidaktisch sich vorarbeitende Erzähler zielte auf ein Vergnügen am Text, das die Generationen verbinden konnte. Aber er war ein realistischer Autor eigener Prägung: Die Weisheitssprüche klangen aus dem Mund eines Zwölfjährigen doch komisch altklug. So ließ er denn die Herkunft der Sätze von Großer-Tiger auf Belehrungen seines ehrwürdigen Großvaters zurückführen.

Die „Sprüche des Großvaters“ werden von den Erwachsenen im Roman oft mit respektvollem Humor aufgenommen. Sie kommen aber von weiter her. In Mühlenwegs Bücherregal stand die deutsche Übersetzung des „I Ging“. Zuletzt noch, Jahrzehnte nach seinem Tod, stand sie in der Konstanzer Wohnung von Regina Mühlenweg. Mit ihr konnte sich der Siegener Mühlenweg-Leser Peter Barden 2005 noch austauschen, als ihn die Herkunft der „Sprüche des Großvaters“ zu interessieren begann. Der Journalist Barden fand bei genauerer Lektüre heraus, wie viele Dutzend wörtliche Zitate und noch mehr Anklänge aus der I-Ging-Übersetzung des großen Richard Wilhelm von Mühlenweg in das wachsende Manuskript eingearbeitet wurden.

Als Peter Barden sein Manuskript an unseren Verlag schickte („Beharrlichkeit bringt Heil“. Beobachtungen zum Gebrauch des I Ging in Fritz Mühlenwegs „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“), stand darin der Satz: „Dem I Ging in IGM nachzugehen, war mir einfach ein Bedürfnis.“

Ein Bedürfnis; Ja. Wir haben auch eine Examensarbeit aus dem Departement of Landscape Architecture der North Carolina State University von einem anderen Mühlenweg-Begeisterten zugeschickt bekommen: „Big Ger and Little Brad: Their Adventures in China“, Typoskript, 202 Seiten – der Autor Brad Houx, ein Leser der Pantheon-Ausgabe „Big Tiger and Christian“, ist vor reichlich 20 Jahren mit einem Freund per Fahrrad auf die Strecke von Peking nach Urumtschi gegangen … Wenn wir irgendwann einen Sammelband machen mit den Spezialarbeiten von Mühlenweg-Lesern, dann sollte darin auch der Aufsatz der Sinologin Gabriele Goldfuß stehen: Fritz Mühlenweg: Tausendjähriger Bambus: Nachdichtungen aus dem Schi-King (1998 im Bochumer Jahrbuch zur Ostasienforschung abgedruckt).

Im Allensbacher Museum sollen mehr als zwei Dutzend der Sprüche im Treppenhaus hörbar werden. Seltsame Sätze, treppauf. Woher die geheimnisvollen Sätze kommen, liest sich irgendwo an der Wand so:

Der Mühlenweg-Sound und das I-Ging

Die Sprüche der akustischen Installation sind dem Roman „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ entnommen. Dort gibt Großer-Tiger die Sätze meist als Weisheiten seines chinesischen Großvaters aus. Für Mühlenweg-Leser wurden viele zu geflügelten Worten.

Tatsächlich hat Mühlenweg seinen Personen vierzig wortgenaue Zitate und Dutzende Anklänge aus dem „Buch der Wandlungen“ (I-Ging) in den Mund gelegt. Dieses älteste chinesische Weisheits- und Orakelbuch hält erhellende Sätze für typische Situationen im menschlichen Leben bereit. Es weist den Einzelnen in eine Weltordnung ein, in welcher stetige Veränderbarkeit und das Ausgleichen von Extremen grundlegend sind.

In der 1924 erschienenen ersten Übersetzung durch Richard Wilhelm machte das I-Ging die Generation um Hermann Hesse und C. G. Jung auf chinesisches Weltwissen aufmerksam.