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Dix und Mühlenweg (II)

Mühlenweg nach einem Schlaganfall wird von Dix (rechts) besucht; Ende 50er-Jahre. (Felder-Archiv, Bregenz)

Noch ein wenig Hintergrund zur Ausgabe der Otto-Dix-Briefe, speziell denen an Fritz Mühlenweg?

Zu den interessantesten Beziehungen von Fritz Mühlenweg (FM) zählt – neben der zum schwedischen Asienforscher Sven Hedin – die Freundschaft mit dem Maler Otto Dix. Hedin und Dix waren schon international berühmt als er sie kennenlernte, zu beiden hielt er lebenslang Verbindung.

Kontaktsuche in der Provinz
Den Kontakt zu Dix suchte das Künstler-Ehepaar Mühlenweg schon kurz nach dem Umzug vom Hallstätter See nach Allensbach am Bodensee. Im Juli 1936 erwähnt Elisabeth Mühlenweg (EM), auf deren Initiative es zu einem Treffen kam, in ihrem Tagebuch den ersten Besuch bei Dix im Hegau; dort wohnte er, nachdem er von der Dresdner Akademie verjagt worden war, mit seiner Familie bei Verwandten in Randegg.

Dix war nicht der Einzige, der von den Neuankömmlingen im weiteren Bodenseeraum besucht wurde. Damals versuchten die Mühlenwegs – EM hatte im Konstanzer Kunstverein eine Einzelausstellung –, auch in der größten Stadt am See mit Malern in Verbindung zu kommen: Alexander Rihm, Werner Rohland, Sepp Biehler); das entwickelte sich anfangs eher harzig, erst zwei Jahre später gründeten sie mit ihnen die „Konstanzer Malergruppe 1938“.
Auch Leerstellen zeigen sich in der Überlieferung: Mit dem einzigen in Allensbach lebenden Künstler, Otto Marquard, einem der bemerkenswerten badischen Maler, sind keine Begegnungen oder Einschätzungen nachzuweisen. Ein Austausch mit Adolf Dietrich am Thurgauer Ufer war bald durch die Kriegsgrenze unmöglich; das ist umso bedauerlicher, als Zeitgenossen eine innere Nähe sahen, in Ausstellungen der Nachkriegszeit wurden Mühlenwegs Bilder neben denen von Dietrich gehängt.

Familienfreundschaften
Mit Otto Dix gelang die Verbindung mühelos, nicht nur, weil sich da in der verhockten Provinz großstadterfahrene Menschen mit weit ausgreifenden Interessen trafen – die Mühlenwegs aus Wien, die Dix‘ aus Berlin und Dresden. Grundlegend wurde eine Freundschaft der Familien. Als „die Dixe“ 1936 ihr neues Haus in Hemmenhofen am Untersee bezogen, waren das: Otto und Martha Dix mit ihren Kindern Nelly (13), Ursus und Jan. Die Mühlenwegs kamen schon im Dezember 36 erstmals zu Besuch – mit ihren beiden Kleinkindern Regina und Christian; danach begannen wechselseitige Wochenendbesuche mit Übernachtung, die Treffen an Geburtstagen und zu gemeinsamen Fastnachtsfesten, die Hilfen im Alltag. Freundschaften zwischen den Kindern wirkten verstärkend; viel später (1961) verhalf Regina Mühlenweg nach dem frühen Tod ihrer bewunderten Freundin Nelly Dix, deren unveröffentlichten Erzählungen zum Druck; das Vorwort dazu schrieb Fritz Mühlenweg in den letzten Wochen seines Lebens.

Verkehrsmittel
Im gastfreundlichen Allensbacher Haus fanden die Hemmenhofener auch noch Platz, als die Familie Mühlenweg auf sieben Kinder angewachsen war. Dass die Dixe öfter zu den Mühlenwegs kamen als umgekehrt, lag an schlichten Gegebenheiten der Mobilität: Wenn sie im eigenen Auto nach Konstanz fuhren, führte die Straße unmittelbar am Mühlenweg-Haus vorbei. FM, ein früher Gegner des Autoverkehrs, hatte nicht einmal einen Führerschein.
Wenn die Mühlenwegs ihre Freunde auf der Höri besuchen wollten, ruderten sie in den wärmeren Monaten über den See zur Insel Reichenau und nahmen von dort das Motorschiff nach Hemmenhofen. Im Winter ging es per Bahn bis Radolfzell, danach mit einem der – eher seltenen – Busse oder auch zu Fuß noch zehn Kilometer. Briefe schrieb man sich nur, wenn kein direkter Austausch möglich war – also wenn Otto Dix im fernen Dresden lebte, FM in Bordeaux stationiert war, oder auch in den notvollen letzten Kriegs- und den Nachkriegsjahren. Beide Familien pflegten eine mündliche Kultur, mal spontan, mal sorgsam vorbereitet. Die zufällig erhaltenen Briefen sind Strandgut eines einst lebhaften Wellengangs.
Dabei hatte jede Familie ihren schreibenden Außenminister: Über die besondere Briefbeziehung zwischen Nelly Dix und FM gibt es im Zusammenhang mit dem MühlenwegMuseum hier etwas zu lesen: http://libelle.ch/apps/wordpress/?p=246 .

(wird womöglich fortgesetzt…)

11. Dezember 2013. Heute vor 115 Jahren….


Die Straße, in der Mühlenweg aufwuchs

Die Straße, in der Mühlenweg aufwuchs. in der Bildmitte rechts, neben dem Rathaus: Das Elternhaus mit der Drogerie Kornbeck

 

Mosaiksteine um Fritz Mühlenwegs Geburtstag

Konstanz

„Er hätte im Westfälischen aufwachsen können oder auch im Königreich Württemberg. Dass er am 11. Dezember 1898 in Konstanz geboren wurde, kam von der Umtriebigkeit zweier Kaufleute, denen der wirtschaftliche Liberalismus der Kaiserzeit den Impuls zu größeren Ortsveränderungen gegeben hatte: Richard Kornbeck, der Schwabe, begann ab 1872 an jenem badischen Ufer des Bodensees tätig zu werden, das dem Wirtschaftsraum der Schweiz am nächsten lag. Zwanzig Jahre später kam der Westfale Ludwig Mühlenweg nach Konstanz, als Angestellter in Kornbecks Drogerie; er wurde bald auch sein Schwiegersohn.
Man könnte ins Gehölz dieser sehr unterschiedlichen Stammbäume klettern. Aber Fritz Mühlenweg selbst war nicht ahnenstolz. Die Versuchung, eine gesellschaftliche Geltung über Geschlechterabfolgen zu reklamieren oder sich mit jahrhundertealten Sesshaftigkeiten großzutun, war ihm fremd; so fremd wie ein Ausdenken von landsmannschaftlichen Blutwellen. Auch dies hat ihn, als der deutsche Rassismus in den Jahren nach 1933 virulent wurde, distanziert bleiben lassen.
Stille Dankbarkeiten gegenüber der Eltern- und Großelterngeneration sollten wir dennoch annehmen. Fast dreißig Jahre lang hat das angesparte Vermögen seiner Vorfahren diesem Fritz Mühlenweg die Existenzform eines freien Künstlers unterfüttert.“

Die Stadt, ihre Enge

„Am 11. Dezember 1898, einem Sonntag gegen neun Uhr, war Elise Mühlenweg in ihrer Wohnung von ihrem zweiten Sohn entbunden worden. Die junge Frau war damals bereits in einem »Ernst des Lebens«, auf den sie später nicht ohne eine leise Bitterkeit zurückblickte: Sie hatte kurz nach ihrer Hochzeitsreise, nach einer Erkrankung ihrer Mutter, den großen Haushalt übernehmen müssen. Die Last der Kinderbetreuung blieb ihr fast allein, denn die ersten Jahre war ihr Mann für das Geschäft oft unterwegs, als »Reisender« der Firma in einem wachsenden Netz von Kunden und Lieferanten.
Was die Zeitungsleser damals im Geburtsmonat von Fritz Mühlenweg beschäftigte, ist leicht nachzulesen: In der Konstanzer Zeitung galt als nationales Topthema – die Gedenkreden auf den verstorbenen Bismarck hallten noch nach –, dass es dem Zentrum gelungen war, die Wahl eines Sozialdemokraten zum Schriftführer des Reichstags zu verhindern; der sarkastische Ton des Berichts passt zu einer politischen Konstellation der Stadt, wo die junge sozialdemokratische Partei zwar Wahlhilfe für Zentrum und Demokraten gegen das liberale Besitzbürgertum leisten durfte, aber nur wenig Dank bekam.
Im lokalen Teil wurden die Hausbesitzer daran erinnert, dass sie nun Hausnummern anzubringen hätten. Auch hatten gerade die Bauarbeiten für das neue Krankenhaus begonnen. Die Stadt wuchs unaufhaltsam, zwischen 1890 und 1905 hatte sich die Einwohnerzahl um die Hälfte erhöht, auf fast 25 000.
Das Stadttheater gab gerade die Lustspiel-Novität »Im weißen Rössl«; das notorisch defizitäre Theater versuchte mit einem überwiegenden Anteil leichter Unterhaltung die Konstanzer zu locken. Dennoch brachte es der Intendant Oppenheim in der klerikal indoktrinierten Stadt immer wieder zu einem Theaterskandal. Als er ein Stück inszenierte, in dem eine lange Zeit erniedrigte Frau aus der Ehe mit einem brutalen Weinhändler flüchtet, reichte das Gezeter der Zentrums-Vertreter nach Zensur bis in die städtischen Haushaltsberatungen.
In der Kunsthandlung J. A. Pecht im Wessenberghaus gab es vor Weihnachten verbilligte Heliogravuren mit Genre- und religiösen Bildern zu kaufen. Der offizielle Kunstgeschmack ist damit schon illustriert, er wurde von einem dumpf-autoritären Journalismus noch zusätzlich verkleistert. Als 1885 auf der alljährlich in Konstanz gezeigten Schweizer Kunstausstellung auch ein Bild des jungen Ferdinand Hodler zu sehen war, endete der süffisante Zeitungsbericht mit dem Satz: »Schwamm drüber!«

 

Die Straße, Ausblicke

„Im Renaissance-Haus an der Kanzleistraße, mit einem überaus geräumigen Treppenhaus, hohen, und nicht mehr sehr belastbaren Speichern, ist Fritz Mühlenweg aufgewachsen. So nah am Konstanzer Rathaus, dass ein Lagerschuppen des weitläufigen Hinterhofs der Kornbecks an den Sitz der Stadtregierung grenzte. Direkt nebenan firmierte das Wolf’sche Atelier, aus dem die bedeutendste Fotografie-Sammlung der Stadt hervorging (auch ein Bild der Kornbeck’schen Hundezucht ist auf Glasplatte bewahrt…). Vis-à-vis lag die Buchhandlung Ackermann, die bis über die Jahrhundertwende auch die Zentrale des städtischen Fremdenverkehrs beherbergte. In Ackermanns Verlag erschien von Jakob Christoph Heer ein touristikkompatibles Büchlein (»Freiluft«) mit der ersten Bodensee-Schilderung aus der Perspektive eines Luftschiffs. Der Buchhändler empfahl den Klassenlehrern der Oberrealschule dann die (deutschnationalen…) Preisbücher, wenn für den Schüler Fritz Mühlenweg wieder eine Auszeichnung fällig war. In dieser Buchhandlung wurden später auch die Pakete mit Lesestoff für den Drogistensohn in der Wüste Gobi gepackt. Einem Verlagsvertreter des Insel-Verlags, der Ackermann regelmäßig besuchte und sich im Lauf der Jahre mit dem Buchhändler anfreundete, werden wir später als Fritz Mühlenwegs erstem Verleger wieder begegnen.“

(aus : Ekkehard Faude „Fritz Mühlenweg – Vom Bodensee in die Mongolei“ Libelle 2005)

La Rochelle, von Bordeaux aus

Sommer 1944, Insel Reichenau: Elisabeth (links) mit Kindern bei Fritz Mühlenweg, Hilfszöllner. Am rechten Bildrand: Tami Oelfken. (Unbekannter Fotograf, Felder-Archiv, Bregenz)

Das Mühlenweg-Museum. Seit der Eröffnung vor acht Wochen war ich nur einmal wieder dort, weil noch eine Führung für Vermieter von Touristenzimmern anstand.
Die ersten erfreulichen Einwände kamen auch schon, interessant. Einer Besucherin fiel auf, dass die ausgestellten Ski nicht die gewesen sein können, die Mühlenweg in der Gobi mit dabei hatte: die Skier auf den Fotos aus China sind stärker gebogen. (Prima beobachtet; deshalb ist die Legende in der Vitrine auch betont knapp gehalten, denn die Nachbarin der Mühlenwegs, die seine Ski aufbewahrt hatte, konnte nichts Genaueres über deren Alter sagen.)
Ebenso erfreulich: die Geschichte jenes spanischen Touristen, der eher zufällig ins Museum ging, als er das Mongolen-Foto im Bahnhof sah. Er kam nach reichlicher Zeit wieder aus den Räumen zurück, verblüfft darüber, dass er einem Lieblingsautor seiner spanischen Kindheit wieder begegnet war. Seine Ausgabe der 50er-Jahre ist im „Literatur-Raum“ in der breiten Schublade mit sieben anderen Übersetzungen ausgestellt:

En misión secreta a través del desierto de Gobi, 4 Bände
Bd. 1: Monte-de-Brújula y Gran-Tigre, 316 Seiten Bd. 2: Hacia el Edsin-Gol, 260 Seiten Bd. 3: Dampignak, 348 Seiten Bd. 4: Hacia Urumchi, 271 Seiten
Herder, Barcelona 1956 Übersetzung: Juan Godó Costa, Vorwort: Sven Hedin Illustration: María und Erwin Bechtold.

Ich bleibe also erstmal dort weg. Technik des Loslassens. Das Museum soll sich ohne Overcontrolling (des Erfinders? Bestückers? das Wort Kurator klänge grausam prätenziös…) fortentwickeln. Nun aber hat sich der Elektriker Pius Wehrle, der die Installationen im Museum betreute, eines Bilds erinnert, das seine Eltern einst von Fritz Mühlenweg bekamen. Er stellt das Aquarell dem Museum zur Verfügung, und Claudia Gnädinger, die weiterhin die Gestaltung verbessert, braucht eine Legende.

Es braucht eine Beschriftung

Eine Hafenansicht, französisch, signiert mit „FM 41“. Die mündliche Überlieferung weiß, dass es La Rochelle darstellt, in der Gegend dort war der Allensbacher Fritz Wehrle als Leuchtturmwächter der deutschen Besatzungsmacht eingesetzt.
Über Fritz Mühlenwegs Zeit am Atlantik konnte im Museum ohnehin nichts ausgestellt werden. Eine gute Gelegenheit also, mit diesem Bild knapp die Umstände anzudeuten.

„Fritz Mühlenweg, Hafen von La Rochelle (Aquarell, 1941; Leihgabe von Familie Wehrle)   Seit Juni 1940 ist Mühlenweg u. a. als Dolmetscher zum Zolldienst nach Bordeaux abgeordnet. Im April 1941 kann er im Rahmen eines “Arbeitsurlaubs” in La Rochelle und an der Atlantikküste malen. Er erprobt sich in der Aquarelltechnik.

Den Hafen mit seinen Türmen malt er mehrfach, nicht nur wegen der romantischen Ansicht: Seine Vorgesetzten wollen Bilder für ihre Büros, sie sollen Gebäude und Landschaften berücksichtigen, die für den Grenzschutz der besetzten Gebiete bedeutsam sind.
1947 wird das Bild ein Hochzeitsgeschenk für den Allensbacher Fritz Wehrle, der wie Mühlenweg am Atlantik stationiert war.“

Aus dem historischen Bildraum

Kein Platz war in der Legende für den größeren Hintergrund. Mühlenwegs Frau erwartet in Allensbach ihr fünftes Kind, das im März 1941 zu Welt kommen soll. Seit Monaten versucht der Maler, der in Bordeaux neben öden Büroarbeiten auch wegen seiner Französischkenntnisse im Außendienst eingesetzt wird, wieder an den Bodensee zurückzukommen. Es werden ihm wenig Hoffnungen gemacht: Die Wehrmacht braucht Soldaten an den neuen Fronten auf dem Balkan und in Griechenland, Hitler plant mit seinen Generälen bereits den Angriffskrieg auf die Sowjetunion; an der gesicherten Atlantikküste entlasten die älteren Zollhilfskräfte die Besatzungstruppen.
Zudem will ihn sein Chef nicht mehr missen, er schätzt Mühlenwegs zuverlässiges Arbeiten, hintertreibt womöglich dessen Versetzungswünsche sogar.

Unverhoffte Malerferien mitten im Krieg

Als im Februar 1941 ein weiterer Antrag abgelehnt wird, bekommt Mühlenweg stattdessen einen „Arbeitsdienst“ als Freizeit, die nicht mit dem Urlaub verrechnet wird. Bei einer Inspektion ist an seiner Wand ein Blumenaquarell und überhaupt seine Malkunst aufgefallen. Er soll im nächsten Grenzschutz-Kommando Royan malen, 10 bis 14 Tage lang. Von seinen Bildern, die diskret Anlagen des Grenzschutzes oder Uniformierte zitieren sollen, will die Behörde bei Gefallen etwas ankaufen, sonst kann er arbeiten, was er will.
Die Aquarelle wecken bald Begehrlichkeiten bei mehreren kleinen Chefs, auch braucht man ein Geschenk für den Generalinspekteur. So kommt Mühlenweg zu fast sechs Wochen Malerurlaub, nach Royan noch in den Stützpunkten La Rochelle und Le Sables. Er genießt diese erste Möglichkeit seit mehr als einem Jahr, wieder jeden Tag zu malen. Von den gut zwei Dutzend Aquarellen hält er nur wenige für gelungen, das schreibt er in Briefen an seine Frau Elisabeth, die in Allensbach sonst seine kritische Instanz ist.

“Er ist nicht böse” (Kindermund in La Rochelle)

Ein seltsamer Deutscher. Die für die Besatzungsarmee gezeigten deutschen Filme sind ihm zu langweilig, er geht lieber in die kleinen Kinos und sieht sich die neuen Filme mit Sascha Guitry an. Als er für seine Frau ein Kleid aus schwarzer Spitze kauft, sagt ihm die Verkäuferin ganz verwundert: er sei der erste Deutsche, schwarzer Stoff erscheine sonst nur den Franzosen als chic. In den Straßen von La Rochelle spricht sich bei den Kindern rasch herum: „Il n‘est pas méchant“; worauf er ein Dutzend von ihnen im Gefolge hat, die er bald alle mit Namen kennt – an solchen Tagen leidet die Malerei im Freien ein wenig…
Und er will vor der Rückkehr nach Bordeaux in der Gegend unbedingt noch die Villa von Clémenceau besichtigen, jenes entschiedenen Journalisten, Dreyfus-Verteidigers und furios deutschfeindlichen Politikers, der ihn so fasziniert, dass er einige Zeit lang mit dem Plan einer Biographie umgeht.

Kriegsende am See

Die übrig gebliebenen Aquarelle konnte Mühlenweg schon im Mai 1941 an den Bodensee mitnehmen. Beim Grenzamt Konstanz hatte sich ein Ersatzmann gemeldet, der lieber in Bordeaux Dienst tun wollte. Bis zum Ende des Kriegs, den man sich damals für 1942 erhoffte und der doch vier weitere grausame Jahre lang fortdauern sollte, ging Fritz Mühlenweg in Meersburg, auf dem Schienerberg und in Konstanz auf Patrouille; seine Familie konnte er nur sonntags besuchen.
In Grenzeruniform ist er im Museum auch zusehen, mit Elisabeth und den Kindern auf einem Bootssteg der Reichenau, im Hintergrund das Löchnerhaus. Am rechten Bildrand: Tami Oelfken. Im Raum „Seitenblicke“ gibt es eine Schubladen-Vitrine über Schriftstellerin Tami Oelfken, die nach Schließung ihrer Berliner Reformschule und Berufsverbot durch Deutschland irrte und schließlich in Überlingen unterkam. 1944 feierte sie bei den Mühlenwegs Weihnachten, die „Malerfreunde in Allensbach“ nennt sie auch in ihrem 1946 erschienenen Bericht über die Jahre ihrer Inneren Emigration („Fahrt durch das Chaos“).

Kindheit am Bodensee

Mit Hunden im Seerhein (Foto: privat; Franz Michael Felder-Archiv Bregenz)

Lässt sich eine Kindheit beziffern? Fünfzehn Jahre und acht Monate dauerte Mühlenwegs Konstanzer Kinderzeit, gerechnet von seiner Geburt im Dezember 1898 bis zu jenem Juli 1914, als er die Oberrealschule und dann auch die Stadt verließ. Den Abgang von der Schule nahm er selbstbestimmt, seine Mutter meinte später: er habe ihn ertrotzt. Die Abschlussfeier seiner Schulzeit fiel mit dem Beginn eines unvorstellbar grausamen Kriegs zusammen. Er selbst wäre gern unter die Soldaten gegangen, ein Bubenwunsch, der zum nationalistischen Taumel einer Garnisonsstadt passte. Sein pazifistischer Vater musste ihm das nicht ausreden, er war 1914 schlicht zu jung.
Die Lehrzeit in Westfalen, der elende Soldatentod seines Bruders Hans in Flandern, das Jahr an der Front (Ukraine, Frankreich), dann 14 Monate Kriegsgefangenschaft und die Rückkehr in ein demokratisch ungesichertes Deutschland, das von Tag zu Tag in heftigere Inflation und Arbeitslosigkeit getrieben wurde: Gut möglich, dass ihm von dort her seine Kindheit in vielem idyllisch erschien.

Aufwachsen in einer Friedenszeit

Er war in einer für europäische Verhältnisse langen Friedensepoche aufgewachsen, in einer optimistisch gestimmten Gesellschaft. In einer alten Stadt am See, deren Grenze zum Thurgau als südlichem Hinterland noch offen und im Alltag kaum spürbar war. Ein Leben mit Eltern und Großeltern, deren unablässige Arbeit im Geschäft als vorbildlich galt – auch dem kritischen Blick, mit dem alteingesessene Konstanzer diese Zugezogenen beäugten.
Dass Fritz mit seinem Bruder Hans bei den frisch gegründeten Pfadfindern mitmachen durfte – ihr viel jüngeres Schwesterchen Gertrud blieb noch abseits –, dass die Kinder reichlich Bücher bekamen, sind Indizien für einen anregenden Stil familiärer Erziehung. Das Alltagslernen im Geschäftshaus bot dazu noch ungewöhnlichen Stoff: Die überaus aktive Ausweitung des Warenangebots in der Drogerie Kornbeck vermittelte wie nebenbei eine Grunderfahrung an Weltoffenheit. Tägliche Warenlieferungen, noch mit Pferdefuhrwerken vom Bahnhof her, chemische Produkte und Lebensmittel kamen aus vielen europäischen Ländern. Im Büro die handgeschriebenen Wechsel aus Genf, Paris, Stuttgart und London. Ein Kinderspiel, das der Schriftsteller später aus jener Zeit erwähnen wird, bestand aus Sammelkarten der Firma Liebig, bunte Szenen aus fernen Ländern und Kulturen, auch aus Kolonialkriegen.

Man wüsste gern mehr über diese Jahre, in denen Fritz Mühlenweg seine Heiterkeit und Ernsthaftigkeit ausloten konnte, seine körperliche Fähigkeit zum Durchhalten wie auch den Spieltrieb zu humoristischer Distanz. Aber zum Tagebuchschreiben über Kinderentwicklung blieb seinen Eltern keine Zeit. Und Mühlenweg selbst zeigte Sehnsucht nach Vergangenem später nur in Richtung seiner Mongoleierfahrungen. In die Wüste schrieb er sich für die Dauer von zwei Romanen zurück, aber seine Jugendjahre in der Kanzleistraße im alten „Haus zur Gans“, mit den Großeltern Kornbeck, seinen Eltern und Geschwistern, inspirierten ihn nicht zu Texten.
Vielleicht hängt dies mit seinem Abbruch, seinem Aufbruch gegen Ende einer langen Adoleszenz zusammen. Als sein Vater 1925 starb, erlebte er die Beerdigung als Bestätigung einer bürgerlichen Lebensleistung, die ihm selbst unerreichbar schien: Eine überwältigende Anteilnahme von Verbänden, Vereinen und Bürgergruppen manifestierte auf dem Konstanzer Friedhof, in welch breitem Spektrum zwischen Witschaftslobby und Freimaurerloge der Kaufmann Ludwig Mühlenweg energisch und aufopfernd tätig gewesen war.
Die Konturen der bürgerlich-liberalen Wirksamkeit des Vaters: Der Sohn kannte das mühselige Gewirr aus Fäden und Knoten, das auf der Rückseite eins solchen Teppichs nötig war. Er wollte ein anderes Leben. Ein Jahr später brach er aus. Die harte Freiheit in der Mongolei, die unentschlossenen Jahre in Berlin und Wien, die Erfahrung einer experimentelle Produktivität beim Malen – man kann sich vieles ausdenken, was ihm im Nachhinein seine Kindheit wie ein Gegenbild aus Enge und Kleinteiligem formatierte.

Wildes Spiel auf Fotografien

Aufgehoben hat er ein Dutzend Fotos: Sorgsam gestellte Gruppenaufnahmen der Familie sind darunter. Nicht von jenem bekanntesten Konstanzer Fotografen, der bis 1890 im Nebenhaus wohnte. German Wolf hat nur „Kornbecks Hunde“ auf Platte gebannt: Der Drogist Richard Kornbeck, Großvater des kleinen Fritz, gehörte auch wegen des allmorgendlichen Spaziergangs über die Marktstätte an den See zum Stadtbild, oft mit mehreren Bernhardinern.
Vom schwäbischen Großvater Kornbeck, einem Dekanssohn, der lieber Kaufmann geworden war und so bis Ägypten kam, kann Mühlenweg die Unbedenklichkeit zum Aufbrechen aus Familientraditionen und die Lust auf die Ferne geerbt haben. Auch den alltäglichen Umgang mit Tieren. Jemand hat den heranwachsenden Fritz während einer wilden Hundeschule auf einer Wiese am Seerhein fotografiert, der Zwölfjährige hält mit seinen durch Bissschutz gepolsterten Armen einen hart angreifenden Schäferhund in Schach. Dressur und riskantes Spiel zugleich. Genaues Hinschauen, rasche Reaktion und Kühnheit. Was er im Umgang mit Tieren lernte, hat ihm später während der Expedition in der Gobi geholfen. Dass er Kamele bei Flussüberquerungen durch Untiefen ritt, in denen sie sich schon aufgeben wollten, dass er ermattete Tiere im Schneesturm zum nächsten Lager zwang, notierten Expeditionskameraden verwundert.
Mehrere Hunde sind auch auf einem Foto von Wasserspielen im Rhein mit dabei: Fritz mit Freunden beim unerlaubten Bad, in langen Hosen, mit Schülermütze; überm Fluss der qualmende Schlot der Stromeyer-Fabrik, die sich auf Zeltfabrikation spezialisiert hatte und Zulieferer des Heeres wurde.

Eine Stadt in wirtschaftlichem Aufschwung

Der Rauch kam damals noch aus zahlreichen Kaminen eines Industriegebiets, das sich jenseits der Stadt am nördlichen Rheinufer ausweitete. Denn nach Überwindung der Wirtschaftskrise der 1880er-Jahre hatte für Konstanz eine lange Periode stetigen und stürmischen Wachstums begonnen.
Als der Großvater Kornbeck 1871 an den See zog, kam er in eine Stadt mit zehntausend Einwohnern. Noch während Mühlenwegs Kinderzeit wuchs die Bevölkerung von bereits 19.000 noch einmal um mehr als ein Drittel. Die Industrie zog Arbeitskräfte an, auch tausende italienische Arbeiter und Handwerker. Eine geschickte Stadtverwaltung schuf Arbeitsplätze durch Großprojekte der Infrastruktur (Wasserleitung, Gasversorgung) und investierte in Bildung: innerhalb von 10 Jahren wurden eine Oberrealschule, zwei Gymnasien und eine Volksschule neu gebaut.
Von der zunehmenden Konsumkraft der Einwohner – die Offiziersfamilien der Garnison gehörten dazu – konnten findige Kaufleute wie die Kornbeck-Mühlenwegs profitieren. Sie bauten nicht nur ihr Geschäftshaus aus, leisteten sich einen großen Obstgarten am Höhenweg: Investiert wurde auch in eine Lagerhalle mit Gleisanschluss im Industriegebiet. Dieses Grundstück war auf eine fortdauernde friedliche Wirtschaft ausgerichtet und groß genug, um auf einer eigenen Farbenfabrik Platz zu bieten…
Rauchfahnen am See? Sie gehörten auch zum wachsenden Fremdenverkehr. Die Buchhandlung Ackermann – vis à vis Mühlenwegs Elternhaus in der Kanzleistraße und zugleich zentrale Anlaufstelle für die Touristen – verkaufte Ansichtskarten, auf denen der Qualm aus den Schornsteinen der Dampfschiffe oder der Eisenbahn oft durch Retuschen noch verstärkt wurde: Dampfkraft, Verkehr, Motorisierung galten als sichtbares Zeichen des allgemeinen Fortschritts.

Pferdekutschen, kaum Autoverkehr

Aber noch tauchten Autos in Konstanz nur so selten auf, dass die Fußgänger mitten auf den Straßen gingen und Kinder beim Spielen nicht beeinträchtigt wurden. Eine Welt vor den Verheerungen durch den Individualverkehr.
Die Mühlenwegs schickten erst ihren Sohn Hans, danach auch Fritz auf die neu gegründete Oberrealschule. Im Allensbacher Museum wird zu lesen sein:
„1903 erbaut auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs, ist die Oberrealschule die einzige dieses neuen Schultyps in Südbaden. Die modernste städtische Schule zieht fast 400 Jugendliche aus der weiten Region an. Mit Naturwissenschaften als Schwerpunkt bekommt der künftige Drogist eine passendere Bildung als auf einem klassischen Gymnasium. Dazu gehört eine tägliche Französischstunde sowie Englisch. Zu Mühlenwegs Zeit (1908–1914), bestimmt ein weitblickender Direktor das Schulklima. Wilhelm Schmidle setzt z. B. die Aufnahme von Schülerinnen durch und wehrt nationalistische Propaganda ab. Obwohl mehrfach Klassenbester, beharrt der 15-jährige Fritz gegenüber Eltern und Direktor auf seinem Abgang von der Schule.“

Das Haus

Ein Brief aus New York: Kurt Wolff, der bei Pantheon Books "Big Tiger and Christian" verlegt, kündigt seinen Besuch in Allensbach an. (Felder-Archiv, Bregenz)

 

Eine Unterschrift ohne Berufsbezeichnung

Am 7. Januar 1935 unterzeichnen Fritz und Elisabeth Mühlenweg in Gailingen den Mietvertrag für das Haus am Allensbacher Ortsrand: 6 Zimmer, Küche Kellerräume, eingebautes Bad mit WC.  Zum Haus gehörig: 1 Waschkessel, 1 Ofen im Gartenzimmer, 1 Herd mit Zentralheizung. Das ist fortschrittlicher Komfort in einer Zeit, da selbst in Konstanz noch der Alltag in vielen Wohnungen mit Plumpsklo und Zimmeröfen stattfindet.

Inklusive Garten zahlen sie 75 Reichsmark Miete, ein moderater Preis. Die Mühlenwegs unterzeichnen beide – das ist kein unwichtiges Detail in einem Jahrhundert, in dem Männer ihre Ehefrauen noch lange wirtschaftlich entmündigt halten. Dass sie im Gegensatz zum Vermieter („Apotheker Dr.“) keine Berufsbezeichnung in den Vertrag setzen können, zeigt ihren ungewissen sozialen Status.

Sie werden sich ihren Status erst erarbeiten und sie tun das beharrlich und erfinderisch: In den ersten drei Jahren werden sie sich mit Otto Dix und seiner Familie in Hemmenhofen befreunden, sie werden mit neu gewonnenen Freunden in Konstanz – mit Rohland, Rihm, Biehler –  eine eigene Künstlergruppe zur Vermarktung ihrer Bilder gründen, Elisabeth Mühlenweg wird im Konstanzer Kunstverein eine Einzelausstellung haben und Fritz aktiviert seine alten Sportsbeziehungen, um zu einer Öffentlichkeit zu kommen. Seine ersten Vorträge über Sven Hedin und die Mongolen werden vom Ruderverein in Konstanz und dem Alpenverein in Singen organisiert.

 

Raumaufteilung, Beziehungsarbeit

 

Der im Architektenplan als „Bügelzimmer“ nach Süden gehende Souterrainraum wird sogleich zu Elisabeths Atelier. Auch dies keine Selbstverständlichkeit. „A room of one‘s own“: Virginia Woolfs Essay über das eigene Zimmer als Vorbedingung für die Entfaltung weiblicher Produktivität war im fernen England gerade erst publiziert. In Allensbach kennen sie ihn noch nicht, und Mühlenwegs Buchhändlerfreund in Konstanz war inzwischen Nazi geworden und hätte den Text schwerlich besorgt.

Nein, dieses Künstlerpaar experimentiert aus eigenem Antrieb in einem Beziehungsgefüge von Gleichberechtigten. Mit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung freilich: Über das Stopfen von 46 wollenen Kinderstrümpfen ist aus Elisabeths Briefen zu erfahren. Fritz schreibt davon, wenn er 30 Ster Holz im Wald bearbeiten muss.

Er nimmt mit einem 9qm-Zimmer im Hochparterre vorlieb, dort beginnt er auch zu schreiben. In diesen frühen Allensbacher Jahren übersetzt er die ersten Gedichte aus dem chinesischen „Shijing“ – ein bezeichnender Zufall hatte ihn auf das Thema gebracht, der mit seinen ruhelosen Jahren in Asien zusammenhängt. Ein chinesischer Student, dem er während der letzten Expedition Deutsch und einiges über deutsche Kultur beigebracht hatte, schickte ihm als Hochzeitsgeschenk das “Book of Poetry”, eine englisch-chinesische Ausgabe der ältesten Liedersammlung Chinas. Es wird 10 Jahre dauern, bis eine schmale Auswahl seiner Übertragungen  als „Tausendjähriger Bambus“ zum Buch werden.

Er schreibt in jenen kurzen Jahren vor Kriegsbeginn auch ein chinesisches Theaterstück (das von Theatern abgelehnt wird), er schreibt eine Kindergeschichte um das Mädchen „Nuni“ –  von Verlagen zurückgeschickt, lässt er den Text erst einmal 15 Jahre in der Schublade. Und er beginnt kurz vor Kriegsbeginn einen zeithistorischen Roman über den Mongolenführer Dampignak  – leider nur hundert gute Seiten, dann merkt er, dass er sich zu viel vorgenommen hat (aus dem Nachlass veröffentlich in „Drei Mal Mongolei“).

 

Allensbach, von New York aus gesehen

Das Haus mit seinen ohnehin nicht großen Zimmern wird in den Jahren darauf immer enger und die Nutzung der Räume fließend. Kinderbetten wandern im Haus, wenn Kinder krank sind. Befreundete Kinder kommen hinzu – Christian Reindl, Bettina Dix-Pfefferkorn und andere erzählen noch heute davon.  Jährlich wiederkehrende Besucher aus Schweden,  Österreich, Frankreich, die tage- und wochenlang bleiben, fordern zusätzliche Flexibilität.

Nach der Geburt des dritten Kinds wird Mühlenweg bei einem Nachbarn einen ungeheizten Raum als Atelier benutzen können. Ab 1940 trennt ihn ohnehin der Krieg vom Familienleben.

Als Mühlenwegs Mutter Elise im dritten Kriegsjahr stirb, kommt nicht nur deren Haushaltshilfe ins Haus; Mühlenweg kann mit einem Erbteil dem Gailinger Apotheker, der inzwischen in Allmannsdorf im Ruhestand lebt, das Haus mit seinen 13 Ar Gartenland abkaufen. Mit einer größeren Anzahlung und vereinbarten Ratenzahlungen bis weit über Kriegsende hinaus.

Im Jahr 1948 wird endlich eine bauliche Erweiterung um zwei Zimmer möglich (– der Architekt Berthold Schwan nimmt Bilder statt eines Honorars). Damals leben zehn Menschen im Haus, noch ist die jüngste Tochter Sabine nicht dabei. Und wenn es abends still wird, schreibt der Familienvater an einer Geschichte, die zu einem Roman wächst, er wird noch zwei Jahre später daran schreiben.

Als 1952 der New Yorker Verleger Kurt Wolff auf den Mühlenweg-Bestseller im Verlag Herder aufmerksam wird und den Autor besuchen will, fragt er zunächst an: „In meinem alten Baedeker kann ich Allensbach nicht finden. Wo liegt es genau, was waere die naechste Bahnstation?“.

PS: Ab Sommer 2012 ist im Museum der Architektenplan des Allensbacher Hauses an einer Wand zu sehen, unweit des raumgreifenden Originalschreibtischs. Man soll die Enge dort spüren können. Auf dem Plan sind bei manchen Zimmern Zitate montiert. Eines beweist, dass kein Raummangel die legendäre Gastfreundschaft der Mühlenwegs beeinträchtigen konnte: „Zum Fasnachtsmontag haben wir die ganze Familie Dix eingeladen, wer von uns dann in der Waschküche schlafen wird, wissen wir noch nicht, denn wie Mama, Elisabeth und Lotte sich die Übernachtung denken, habe ich noch nicht erfahren können.“ Fritz Mühlenweg, Brief im Januar 1948 an Sohn Christian. (Familie Dix ante portas:  Otto, Martha, Nelly, Ursus und Jan.)

Allensbach zum Beispiel

1948: Familie Mühlenweg vor ihrem Haus in Allensbach

1948: Familie Mühlenweg vor ihrem Haus in Allensbach (Foto: David Hummel; Felder-Archiv, Bregenz)

Welchen Zufall es brauchte, um Fritz und Elisabeth Mühlenweg nach Allensbach zu bringen, wüsste ich immer noch gern. Jemand muss ihnen um die Jahreswende 1934/35 den Tipp gegeben haben, dass in Allensbach am Bodensee an der Straße zwischen Radolfzell und Konstanz ein neu gebautes Haus seit Monaten unbewohnt stehe. Sie erfuhren davon am Hallstätter See.

Im September 1933 hatten sie geheiratet, in Beaucaire in Südfrankreich. Dorthin hatte sich Mühlenweg im Frühjahr abgesetzt. Nach einem Winter, der ungut gewesen war. Er laborierte immer noch am Verlust einer Liebesbeziehung, beschloss, das Sommersemester an der Wiener Akademie zu schwänzen, wollte allein und frei malen. In dem kleinen Städtchen Beaucaire kannte er niemand.
Im nahen Arles hatte van Gogh gemalt. Aber Mühlenweg wurde wohl eher durch literarische Erinnerungen dorthin gelockt. Er hatte Daudets „Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon“ und auch „Der Graf von Monte Christo“ gelesen – Jahre später schrieb er über diese südliche Gegend und ihre Romane eine seiner ersten publizistischen Arbeiten („Tarascon ohne Tartarin – Beaucaire ohne Dumas“), veröffentlicht in „Der deutsche Kulturwart“, wo auch sein Aufsatz über Gedichte der chinesischen Frühzeit abgedruckt wurde – eine, wie der Titel zu erkennen gibt, konservative Zeitschrift; 1941 wurde ihr von Goebbels das Ende gesetzt.

Der Ruhelose will sesshaft werden

In Beaucaire überkam ihn dann doch die Einsamkeit. Er begann einen Briefwechsel mit einer Studienkollegin in Wien, die ihm schon länger gefiel: Elisabeth Kopriwa. Am Ende einer Serie heißlaufender Briefe ließ sich die 23-jährige Malerin locken. Wir merken uns: Der Briefschreiber Mühlenweg ist die erste Erscheinungsweise eines überaus wirkungsmächtigen Erzählers. Seine fast täglich abgeschickten Briefe brachten seine Einsamkeit, eine besondere Sensibilität, seine experimentierende Schaffenskraft und einen hartnäckigen künstlerischen Willen so in Worte, dass sich die schöne Linzerin auf die Reise machte; freilich erst, nachdem sie ihre Semesterarbeit zum Abschluss gebracht hatte. Ihr war die Malerei so wichtig wie ihm. Elisabeth Kopriwa war Vorzeigestudentin der Akademie.
Mühlenweg schickte ihr die Zugverbindungen und fuhr ihr mit der Bahn 300 Kilometer bis Genf entgegen („Ich werde also 5.39 am Bahnhof sein und höre, wenn dieser Zug nicht stimmen sollte, dann bin ich 12.53 eben zum zweitenmal dort und Du brauchst mir nicht zu telegrafieren“). Glückselige Zeit ohne die Kleinlichkeiten der Handys. Und der Zug war pünktlich an jenem 29. Juni 1933.
Dass Elisabeth Kopriwa drei Monate später, bereits schwanger, in der Mairie von Beaucaire diesen Fritz Mühlenweg heiraten würde, mit zufälligen Passanten als Trauzeugen, wird sie sich auf jener Zugfahrt nach Südfrankreich nicht gedacht haben. Bei ihm hingegen hatte sich der Wunsch, zu heiraten und Kinder zu haben, seit der Rückkehr aus der Mongolei mächtig geregt. Er wollte sesshaft werden.
Ein Apotheker baut ein Haus, das lange leer steht

In jenem Hochzeitsmonat September 1933 erwirbt der Gailinger Apotheker Dr. Karl Wolff im Gewann Himmelreich in Allensbach eine Wiese und plant einen Hausbau. Das Dorf beginnt an der Konstanzer Straße – die erst fünf Jahre zuvor für den zunehmenden Durchgangsverkehr angelegt worden ist – zögernd nach Osten hin zu wachsen.
Das unbebaute Grundstück westlich der Wiese, die Wolff kauft, gehört Johann Welschinger, Nachbar nach Osten ist Peter Weltin. Der Apotheker baut für seine betagten Schwestern, – die aber wollen, als das Haus fertig ist, doch lieber nicht an den Rand des Tausendseelen-Dorfs. Statt an der Straße nach Konstanz zu wohnen, wo zwischen Grundstück und Teer noch ein Wassergraben verläuft, ziehen sie doch lieber gleich in die Stadt. Das Haus steht 1934 leer, eigentlich ein Skandal, denn in Allensbach ist Wohnraum Mangelware. Es gibt ein Foto mit aufgezogener Hakenkreuzfahne an einem Mast im kahlen Garten; aber diese Beflaggung ist an nationalsozialistischen Feiertagen an allen Häusern entlang der Straße zu sehen.

Üble Zeitgeschichte, skizziert

Wer keine Landschaft ohne gleichzeitige politische Infrarotaufnahme denken kann: Schon im Jahr bevor Hitler Reichskanzler wurde, waren die Stimmen für die NSDAP in Allensbach bei den letzten freien Reichswahlen von 25% (1930) auf 37% (1932) gestiegen, höher als im Reichsdurchschnitt. Der Historiker Lothar Burchardt lieferte diese Zahlen jüngst in einem Allensbach-Buch; den nach der Machtergreifung als Bürgermeister eingesetzten Obersturmführer Mayer beurteilt er, was seine Amtsführung bis 1945 angeht, mit deutlicher Milde und rechnet ihm an, dass er dem überwiegenden katholischen Bevölkerungsanteil gegenüber unaggressiv blieb. Man kann hinzufügen: Das war nicht ohne politische Passung in einer Erzdiözese, deren Chef Gröber dem Führer das Reichskonkordat aushandelte, also die Anerkennung des NS-Regimes durch den Papst, und der 1934 selber SS-Fördermitglied wurde….
(Weiter vorgegriffen: Es wurde für die fromme Katholikin Elisabeth Mühlenweg im braungetönten Allensbach nicht immer lustig; Inga Pohlmann zitiert in einem biographischen Aufsatz (in: hegau – Jahrbuch 66/2009) aus dem Brief der sechsfachen Mutter im November 1944. Sie wurde aufs Rathaus bestellt, um die fällige Ehrung abzuholen: „Dagegen mußte ich mir gestern in einer entsprechenden Versammlung von Leuten, die so eifrig bestrebt sind, uns die genannten Schwierigkeiten einzubrocken, das Mutterkreuz umhängen lassen.“) Tränen werden selten dokumentiert; Regina Mühlenweg erinnerte sich noch an das zornige Weinen ihrer Mutter bei der Rückkehr vom Rathaus.

Warum ziehen die Mühlenwegs nicht nach Italien?

Aber noch wissen die Mühlenwegs nichts von der Allensbacher Baustelle. In Wien sind beide ab Herbst 1933 wieder an der Akademie eingeschrieben. Elisabeth macht noch eine Zusatzausbildung, mit dem sie Kunstunterricht an der Schule geben könnte, sie schafft das Examen und sie bringt im März 1934 ihre Tochter Regina in Wien zur Welt. Es ist das vom Bürgerkrieg zerrissene Wien, das die Sozialisten vertreibt und sich unter dem Bundeskanzler Dollfuß im Austrofaschismus einrichtet.
Ein paar Monate lang wohnt die junge Familie noch im Haus der Mutter Kopriwa am Hallstätter See. (Wanderer im Netz: wenn es dich gelüstet, eine besonders irreführende kulturtouristische Anmache zu lesen, dann ergoogle dir das Ferienhaus Kopriwa in Bad Goisern, sie verzeichnen dort Elisabeth in doppelter Ausführung, machen ihre brave Mutter Gustava zu einem Gustav…; aber tolle Aussicht auf den See (November 2011): http://www.hallstatt.net/accomodation/action/view/frmArticleID/709/ )

Am liebsten würden sie nach Italien ziehen und sich dort niederlassen. Fritz hat 1932 einige Wochen lang in Assisi gemalt und die Toskana bereist, auch ihre Hochzeitsreise hatte von Beaucaire aus dorthin geführt. Eine finanzielle Grundsicherung für die ersten Jahre bleibt ihm noch aus seinem Vatererbe, dem Anteil aus der Drogerie und den Rücklagen, die ihm sein gut bezahlter Job bei der Mongolei-Expedition verschafft hatte.
Aber eben die Abhängigkeit ihres „freien Künstlerlebens“ von diesem Geld erzwingt auf einmal ihre Niederlassung in Deutschland. Denn die nationalsozialistische Regierung, die insgeheim bereits auf einen Krieg rüstet, verschärft die Devisengesetzgebung. Der Transfer von Reichsmark ins Ausland wird drastisch erschwert.
Über Expeditionskollegen ventiliert Mühlenweg Wohnmöglichkeiten fern vom Bodensee. Nach Konstanz, wo er nun als verkrachter Sohn einer fleißigen Familie gilt, will er auf keinen Fall.

Dann also Allensbach.