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Otto Dix und Fritz Mühlenweg (I)

Das letzte Foto einer Freundschaft: Otto Dix (rechts) beim schwer erkrankten Fritz Mühlenweg. (Felder-Archiv, Bregenz)

Neulich erschien mit mehr als tausend Seiten die bislang umfangreichste Sammlung mit Briefen von Otto Dix. Erstmals ist so im Druck zu lesen: das Dutzend Briefe und Karten von Dix an Fritz Mühlenweg. Das ist nicht nur gut, weil die steile, fahrige Handschrift von Dix auch auf den zweiten Blick schwer entzifferbar war. Es gibt auch Gelegenheit, für Mühlenweg nachzureichen, was die Bearbeiterinnen des Bands bei den zahlreichen Adressaten nicht ausführen konnten.
Also: Otto Dix, Briefe; hrsg. von Ulrike Lorenz, bearbeitet und kommentiert von Gudrun Schmidt (Wienand 2013). Ein Klopper von einem Buch, türkisblaues Leinen mit grünem Schnitt, lesbar schön gedruckt. Ich kannte die Briefe vom privaten Entziffern her, sie lassen einen Saum menschlicher Entwicklung ahnen: vom ersten Dokument 1936 an, in dem Dix noch an „Dr. Mühlenweg“ schreibt – ein Indiz vielleicht für die ernsthaft-distanzierte Wirkung des Malers bei der ersten Begegnung; Mühlenweg stand zudem eben damals in der Zeitung mit seinem Vortrag über Sven Hedin und die Mongolei. (Dix wird gelacht haben, als ihn Mühlenweg aufklärte: dass er freiwillig ohne Abitur von der Schule wegwollte; und weit entfernt blieb vom Bildungskodex der wilhelminischen Akademiker.) Zum Schluss dann das Du in den Briefen, schon in der Nachkriegszeit, Mühlenweg ist ein aufsteigender Stern unter den literarischen Bestsellerautoren (und versucht heimlich seinem minderverdienenden Freund Dix Illustrationsaufträge beim Herder Verlag zu verschaffen).

Es wäre unfair, von den Dix-Forscherinnen Detailkenntnisse bei jedem der Briefadressaten zu erwarten. Dennoch. Ob die sie die fundierte Arbeit der Kunsthistorikerin Barbara Stark über FMs Malerei und seinen Austausch mit Dix kannten (in: Fritz Mühlenweg – Malerei; Libelle 1998), bleibt ungewiss.
Der Band spart sich ein Register, im Personenverzeichnis hätten (hätten!) die Fundstellen der betreffenden Briefe angegeben werden können, zumal der Band durch die Aufteilung an verschiedene „Adressatenkreise“ die historische Vernetzung der Briefe eher verundeutlicht. Mit einiger Geduld sind die Schreiben an Mühlenweg jenseits der Seite 484 verstreut zu finden.
In einer zweiten, verbesserten Auflage könnte die einzige Anmerkung (zu einer Postkarte von Dix an FM am 16. 8. 1944) verändert werden: „Da die Karte nach Allensbach adressiert ist, war Fritz Mühlenweg wohl von der Wehrmacht entlassen.“ Weil aber FM von 1939 bis in den April 1945 nicht bei der Wehrmacht, sondern beim Zolldienst eingezogen war, klänge es so besser: „Die Karte ist nach Allensbach adressiert. Dix wusste, dass Mühlenweg an Sonntag vom Zolldienst in Konstanz zu seiner Allensbacher Familie durfte.“
Über Dix und Mühlenweg: hier bald mehr.

Das Buch, das aus der Gobi kam

Der Maler wird Autor (Felder Archiv, Bregenz)

Im heutigen „Südkurier“ steht über Fritz Mühlenweg als „Jugendbuch-Autor“ eine für die Zeitung gekürzte Fassung: http://www.suedkurier.de/nachrichten/kultur/aktuelles/kultur/In-geheimer-Mission;art410935,5811587

Hier der volle Stoff:

Ein Leser im Herbst 2012

„In Peking gab es Bürgerkrieg… Christian und Großer Tiger waren die besten Freunde. Sie waren bereits zwölf und sie hatten fast immer die gleichen Gedanken.“ So steht es (mit einem großen Smily) auf einem farbig gemalten Plakat, das im November 2012 kam. Die Handschrift eines jungen Lesers mit der Kurzfassung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“, über die Abenteuerreise von Großer Tiger und Christian, die Begegnung mit einem General, der sie mit einer Geheimbotschaft durch die Wüste Gobi schickt. Und dass die beiden Jungen mit einem Soldaten namens Glück und einem gefährlichen Mörder zusammen reisen.
Natürlich freut uns solche Post. Aber faszinierender noch war, was wir über den Briefschreiber erfuhren: Bis dahin war er nicht an die Bücher zu bringen gewesen. Lesen überhaupt fand er langweilig und anstrengend. Als der gut 600 Seiten dicke Schmöker von Fritz Mühlenweg auf seinem Geburtstagstisch lag, war wenig zu hoffen.
Aber dann begann er zu lesen und las weiter, und war in den Wochen danach von der spannenden Geschichte kaum wegzubringen. Und so fasziniert, dass er das Buch unbedingt in seiner Klasse vorstellen wollte. Nun will er unbedingt auch das Mühlenweg-Museum in Allensbach sehen. Dort könnte eigentlich seine Buchbeschreibung nun ausgestellt werden, neben den begeisterten Malbriefen, die eine ganze Schulklasse Anfang der 50er-Jahre an den Autor schrieb.
Es gibt keinen besseren Beweis für die Stärke eines Textes, die Macht einer erfundenen Geschichte und die Wirkung von Sprache. Über das Fortleben eines Buchs bestimmen begeisterte Leser, nicht die Literaturkritiker.
Denn dieser Roman ist vor über 60 Jahren geschrieben worden, von einem Mann, der bis dahin eher als Maler bekannt. Freilich ein Maler mit einer aufregenden Vergangenheit. Bevor sich Fritz Mühlenweg 1935 in Allensbach niederließ, war er mehrmals in der Mongolei gewesen, zudem mit einem Tross von 300 Kamelen und mit einer Expedition, deren Leiter ein damals weltberühmter Forscher war: Sven Hedin.
Mühlenweg hatte damals von einheimischen Kameltreiber Mongolisch gelernt und viel über Land und Leute der Mongolei erfahren. Die Freundlichkeit und Bedachtsamkeit der Mongolen und die Einsamkeit in der Wüste hatten ihn etwas gelehrt, das ihn die gewohnte europäisches Lebensart in kritischem Abstand sehen ließ.

Ein Maler, der 1948 brotlos ist, schreibt einen Roman

Vieles von diesen Erfahrungen brachte er in die Erfindungen seines Romans unter. Er begann 1948 an einer Geschichte zu schreiben, die nahm ihren Anfang mit einer unfreiwilligen Zugfahrt seiner (etwa zwölfjährigen) Helden in Peking. Er schrieb drauflos, mit Bleistift in unbenutzte Kontobücher, er schrieb ohne Plan, und die Geschichte wuchs über viele spannende, geheimnisvolle und naturnahe Episoden auf 500 Seiten. Dann waren seine Helden endlich in Urumtschi angekommen. Das karge, harte Leben der Nomaden in seinem Roman war zugleich die exotische Folie für den Mangel, den viele Deutsche in jenen Nachkriegsjahren selbst erlebten.
Das Manuskript war ungewöhnlich umfangreich für jene Zeit, im Frühjahr 1950 schickte er 350 engzeilig getippte Blätter an zwei Hamburger Belletristik-Verlage und schrieb dazu, er habe für Leser „von 12 bis 70“ geschrieben. Dass die Erlebnisse von Großer Tiger und Christian quer durch die Altersstufen Begeisterung weckten, hatte er erlebt: Seine eigenen Kinder hatten bei häuslichen Lesungen zugehört, aber auch erwachsene Freunde der Familie. Die in Weltliteraturen belesene Mittzwanzigerin Nelly Dix hatte das Manuskript während der Entstehung bekommen und ungeduldig auf Fortsetzungen gewartet.
Mühlenweg hoffte auf den Rowohlt Verlag. Aber dort lehnte eben der Lektor den Roman ab, der selber (unterm Namen Ceram) einen Generationen übergreifenden Bestseller geschrieben hatte („Götter, Gräber und Gelehrte“). Mühlenwegs Buch gehöre in die Jugendliteratur, meinte er.

Ein Roman für alle Lesealter wird als Jugendbuch vermarktet

Fast gleichzeitig erfuhr der Herder Verlag, für den Mühlenwegs Frau Elisabeth seit Jahren religiöse Bücher illustrierte, von dem Romanmanuskript. Herder, ein finanzstarker Verlag mit eigener Druckerei und Buchhandlungen in mehreren Ländern, war zwar streng katholisch ausgerichtet, versuchte aber gerade, sein Jugendbuchprogramm zu erweitern. Mit diesem Abenteueroman, der in der Mongolei spielte, wollte Herder die Dominanz der Karl-May-Bücher auf dem lukrativen Jugendbuchmarkt brechen. Dass der Verlag Fritz Mühlenweg als „den besseren Karl May“ aufbaute und ihn mit seinen authentischen Fotos aus der Wüste Gobi jahrelang auf Dia-Vortragsreisen schickten, war nur konsequent. Als großer Unterschied zu Karl May wurde herausgestellt, dass Mühlenweg das exotische Land seines Romans aus eigener Anschauung kannte. Dafür übersahen sie bei Herder einen anderen Unterschied komplett: Karl May hatte ein kitschiges Christentum in seinen Romanen verarbeitet; Mühlenwegs Romanfiguren werden in eine Welt eingeführt, in der es Gier, Grausamkeit und Rache gibt, aber sie kommen ohne Religion zurecht und stärken einander mit einer Ethik aus Vertrauen, Respekt und gegenseitiger Hilfe.

Jugendbuchautor? Den Ausschlag gab für Mühlenweg, dass ihm Herder ein monatliches Honorarfixum anbot; seine Familie brauchte Geld, in den Wochen seiner erfolglosen Verlagssuche hatte Elisabeth Mühlenweg ihr siebtes Kind zur Welt gebracht.
Tatsächlich machte ihn sein Roman vom Start weg zum bekannten Schriftsteller mit hohen Auflagen. Die alljährlichen Lesereisen wurden zur besseren Einnahmequelle als die Mickerhonorare aus den Übersetzungen seines Romans in Amerika, England, Spanien, Italien…

Der Jugendbuchautor kann nicht mehr wechseln

Aber Mühlenweg merkte rasch, dass er als Jugendbuchautor ein Schriftsteller im Mitteldeck des Dampfers Buchhandel blieb. Die Trennung zwischen (Erwachsenen-)Belletristik und dem weniger angesehenen Jugendbuch war in den frühen 50er-Jahren noch rigide. Die Kollegen von der „Literatur“ hatten nicht nur größeres Renommee, ihre Lesungen wurden auch besser honoriert.
Zur gesellschaftlichen Aufwertung trug erst der 1956 vom Innenministerium gestiftete Jugendbuchpreis bei, auch die wissenschaftliche Erforschung der Jugendliteratur und eine Anzahl von Stipendien und Preisen. Vor allem aber, dass später hochkarätige und erfolgreiche Autoren wie Peter Härtling, Uwe Timm oder David Grossman zugleich immer wieder Bücher für Kinder schrieben.
Fritz Mühlenweg realisierte, dass er in einen Marketingkäfig geraten war, das vor allem dem Verlag nützte, ihn aber auf fatale Weise festlegte. Sein zweiter Mongoleiroman spielte zwar nur noch unter Erwachsenen, er wurde aber von Herder dennoch wie ein Karl-May verkauft.
Das Leben als freier Autor ließ ihm wenig Wahl: In den Jahren danach lieferte er, wofür Herder den Markt hatte. Er schrieb Erzählungen und Kinderbücher („Nuni“); als der Jugendbuchpreis erstmals vergeben wurde, war er als Übersetzer von „Der glückliche Löwe“ unter den Ausgezeichneten.

In der Eile sind Fehler: Mühlenwegs anschwellender Erfolg bei neuen Lesern

Nach Mühlenwegs frühem Tod (1961) wurde sein Hauptwerk nur noch in einer gekürzten Ausgabe gedruckt. Dass kein Lexikon an ihn erinnerte und er fast komplett aus der literarischen Überlieferung gefallen war, hatte aber langfristig einen Vorteil.
Als wir bei Libelle den schwer unterschätzten Autor ab 1991 mit Neuausgaben seiner wichtigsten Werke wieder zugänglich machten, konnten wir das Malheur des Jahrs 1950
bereinigen. Seine Bücher erscheinen fest gebunden und wurden zunächst als Belletristik (für Erwachsene) platziert. Der Buchhandel hatte inzwischen die Kategorie „All-Age-Literatur“, für jene raren Könner wie Tolkien, Kipling oder Saint-Exupery, die für Jung und Alt verständlich und spannend sind, auf jeweils andere Weise gewinnbringend. In dieser Liga kann Fritz Mühlenweg nun wahrgenommen werden. Seit diesem Jahr hat er sogar ein eigenes Museum.

PS: Ja, wir haben inzwischen auch begeisterte Leserechos von über 80jährigen Mühlenweg-Leserinnen.

Master’s Voice

 

Christbaum von Hami

Der Christbaum von Hami, fotografiert von Fritz Mühlenweg. (Felder-Archiv, Bregenz)

Fürs Museum einen Mitschnitt mit Fritz Mühlenwegs Originalstimme zu bekommen, war leider unmöglich. Alle Anfragen mit den genauen Aufnahmeterminen an Rundfunksender und Funkarchive in Stuttgart, Baden-Baden, Frankfurt a. M., Köln, Wien und Graz blieben entweder unbeantwortet oder kamen mit negativem Bescheid zurück. In all diesen Städten hatte Mühlenweg während seiner Lesereisen Interviews gegeben oder live im Sender geredet.
Der Mann ist nun über 50 Jahre tot, der Klang seiner Stimme aber sollte doch irgendwo überlebt haben…

Die Furie des Verschwindens
Es gibt in unserer Welt des raschen Entsorgens und der pingeligen Aufräumer hin und wieder ja die Einzelnen, die der Furie des Verschwindens still entgegenarbeiten. Sammler aus Leidenschaft, aus Kenntnis des Werts, der über den Alltag hinausgeht. Die Basler sind vor kurzem zu einem Filmarchiv gekommen, weil einer in der Nachkriegszeit die beschränkt einsetzbaren Zelluloid-Kopien, die die Kinos wegwarfen, jeweils aus der Mülltonne geholt und aufbewahrt hatte.

Über die Funkaufnahmen wissen wir einigermaßen Bescheid, weil Mühlenweg von unterwegs fast jeden Tag an seine Frau in Allensbach schrieb. Im November 1955 machte er auch im Taunus Halt, und schrieb aus Kronberg; Saarbrücken und Rauxel hatte er hinter sich, weiter ging es dann nach Göttingen, aber nun erst die Lesung in der Waldschule:

„Wer noch zum Vortrag kommt, außer den 50 Buben, die hier untergebracht sind, weiß ich nicht. Da Herr Dr. Michels von den Vortragenden jede Rede auf Tonband aufnimmt, konnte ich Waggerl hören und Wolf v. Niebelschütz, er hat eine ganze Sammlung…“

Wilhelm Michels war mir als früher Leser und Förderer von Arno Schmidt bekannt, ihm ist sogar Schmidts unvergleichlicher Roman „Das steinerne Herz“ gewidmet. Michels: Ein promovierter Literaturwissenschaftler, der in London seine Habilitationsarbeit abbrach und in den Lehrerberuf ging. In den 30er-Jahren hatte er gemeinsam mit seiner Frau Erika die Waldschule (mit Internat) in Schönberg im Taunus gegründet, beide unterrichteten auch in Kronberg. In der Nachkriegszeit organisierte Michels über viele Jahre hinweg Lesungen mit den interessantesten Autoren für seine Schüler. Und da er literaturhistorisch dachte, nahm er die Lesungen auf Band auf, ein sehr bedachtsam modernes Verfahren fürs frühe Westdeutschland…

Zufallsfund, durch fremde Sorgfalt vorbereitet
Ich hatte vor zweidrei Jahren auf gut Glück an die Arno Schmidt-Stiftung geschrieben, dort konnte in der akribischen, von Jan Philipp Reemtsma großzügig finanzierten Schmidt-Forschung am ehesten noch etwas über die Tonbänder zu erfahren sein. Der Herr Bernd Rauschenbach dort antwortete nicht einmal. Und nachdem mir die Sachbearbeiter bei den Rundfunksendern alle ausgiebig erzählt hatten, warum auf Bänder der 50er-Jahre in Sendearchiven nicht mehr zu rechnen sei (man hat das teure Material wieder überspielt; man konnte diese Mengen gar nicht aufheben; die Qualität von Bändern nach dieser Zeit, oh!) – war meine Hoffnung ohnehin gering.

Aber es lebe die unkontrollierte, absichtslose, herrliche Querleserei … Vor ein paar Wochen fiel mir im „Tagebuch aus dem Jahr 1956“ von Alice Schmidt etwas auf – sie notierte ein paar Jahre lang in kurzen Einträgen den harten Alltag mit und neben dem ewig arbeitsamen Schriftsteller. Man erfährt von den Einkaufssorgen übers Picheln bis zu Katzengeschichten vielerlei Interessantes, sozialhistorisches Unterfutter der Adenauerzeit, und Alice Schmidt notierte eben auch über die Besuche des Ehepaars Michels. Dem Buch sind zwei CDs beigegeben: mit einer Lesung von Arno Schmidt „im Waldschülerheim Schönberg im Taunus am 18. 2. 1956“.
Ecco. Nur gerade drei Monate vorher hatte Fritz Mühlenweg dort gelesen.
Diesmal schrieb ich per Adresse der Arno Schmidt-Stiftung an die Herausgeberin des Tagebuchs, Susanne Fischer, die auch das vorzügliche Vorwort geschrieben hatte. Und bekam rasche und präzise Antwort mit der Adresse der Tochter des Ehepaar Michels, die noch zahlreiche Tonbänder verwahre. Schrieb also dorthin. Und heute (Nikolausabend besonderer Prägung) kam ein direkter Anruf dieser freundlichen Dame. Das Tonband ist gefunden. Nun beginnt das Warten darauf, ob eine Konvertierung möglich ist.

“and the women come and go / talking of Michelangelo”
Wir hätten dann die Stimme des 57-jährigen Fritz Mühlenweg, aus jenem Jahr 1955, in dem er – neben Max Frisch in Braunschweig – seinen wichtigsten Preis bekam, und den wenig später der Bundespräsident Heuss im Rahmen des ersten (westdeutschen) Jugendbuch-Preises für seine Übersetzung von „Der glückliche Löwe“ auszeichnete.

Die Stimme eines Mannes auch, der nicht ahnen konnte: dass ihn nur 16 Monate später ein Schlaganfall treffen würde, nach dem alle weiteren Lesereisen unmöglich wurden.

La Rochelle, von Bordeaux aus

Sommer 1944, Insel Reichenau: Elisabeth (links) mit Kindern bei Fritz Mühlenweg, Hilfszöllner. Am rechten Bildrand: Tami Oelfken. (Unbekannter Fotograf, Felder-Archiv, Bregenz)

Das Mühlenweg-Museum. Seit der Eröffnung vor acht Wochen war ich nur einmal wieder dort, weil noch eine Führung für Vermieter von Touristenzimmern anstand.
Die ersten erfreulichen Einwände kamen auch schon, interessant. Einer Besucherin fiel auf, dass die ausgestellten Ski nicht die gewesen sein können, die Mühlenweg in der Gobi mit dabei hatte: die Skier auf den Fotos aus China sind stärker gebogen. (Prima beobachtet; deshalb ist die Legende in der Vitrine auch betont knapp gehalten, denn die Nachbarin der Mühlenwegs, die seine Ski aufbewahrt hatte, konnte nichts Genaueres über deren Alter sagen.)
Ebenso erfreulich: die Geschichte jenes spanischen Touristen, der eher zufällig ins Museum ging, als er das Mongolen-Foto im Bahnhof sah. Er kam nach reichlicher Zeit wieder aus den Räumen zurück, verblüfft darüber, dass er einem Lieblingsautor seiner spanischen Kindheit wieder begegnet war. Seine Ausgabe der 50er-Jahre ist im „Literatur-Raum“ in der breiten Schublade mit sieben anderen Übersetzungen ausgestellt:

En misión secreta a través del desierto de Gobi, 4 Bände
Bd. 1: Monte-de-Brújula y Gran-Tigre, 316 Seiten Bd. 2: Hacia el Edsin-Gol, 260 Seiten Bd. 3: Dampignak, 348 Seiten Bd. 4: Hacia Urumchi, 271 Seiten
Herder, Barcelona 1956 Übersetzung: Juan Godó Costa, Vorwort: Sven Hedin Illustration: María und Erwin Bechtold.

Ich bleibe also erstmal dort weg. Technik des Loslassens. Das Museum soll sich ohne Overcontrolling (des Erfinders? Bestückers? das Wort Kurator klänge grausam prätenziös…) fortentwickeln. Nun aber hat sich der Elektriker Pius Wehrle, der die Installationen im Museum betreute, eines Bilds erinnert, das seine Eltern einst von Fritz Mühlenweg bekamen. Er stellt das Aquarell dem Museum zur Verfügung, und Claudia Gnädinger, die weiterhin die Gestaltung verbessert, braucht eine Legende.

Es braucht eine Beschriftung

Eine Hafenansicht, französisch, signiert mit „FM 41“. Die mündliche Überlieferung weiß, dass es La Rochelle darstellt, in der Gegend dort war der Allensbacher Fritz Wehrle als Leuchtturmwächter der deutschen Besatzungsmacht eingesetzt.
Über Fritz Mühlenwegs Zeit am Atlantik konnte im Museum ohnehin nichts ausgestellt werden. Eine gute Gelegenheit also, mit diesem Bild knapp die Umstände anzudeuten.

„Fritz Mühlenweg, Hafen von La Rochelle (Aquarell, 1941; Leihgabe von Familie Wehrle)   Seit Juni 1940 ist Mühlenweg u. a. als Dolmetscher zum Zolldienst nach Bordeaux abgeordnet. Im April 1941 kann er im Rahmen eines “Arbeitsurlaubs” in La Rochelle und an der Atlantikküste malen. Er erprobt sich in der Aquarelltechnik.

Den Hafen mit seinen Türmen malt er mehrfach, nicht nur wegen der romantischen Ansicht: Seine Vorgesetzten wollen Bilder für ihre Büros, sie sollen Gebäude und Landschaften berücksichtigen, die für den Grenzschutz der besetzten Gebiete bedeutsam sind.
1947 wird das Bild ein Hochzeitsgeschenk für den Allensbacher Fritz Wehrle, der wie Mühlenweg am Atlantik stationiert war.“

Aus dem historischen Bildraum

Kein Platz war in der Legende für den größeren Hintergrund. Mühlenwegs Frau erwartet in Allensbach ihr fünftes Kind, das im März 1941 zu Welt kommen soll. Seit Monaten versucht der Maler, der in Bordeaux neben öden Büroarbeiten auch wegen seiner Französischkenntnisse im Außendienst eingesetzt wird, wieder an den Bodensee zurückzukommen. Es werden ihm wenig Hoffnungen gemacht: Die Wehrmacht braucht Soldaten an den neuen Fronten auf dem Balkan und in Griechenland, Hitler plant mit seinen Generälen bereits den Angriffskrieg auf die Sowjetunion; an der gesicherten Atlantikküste entlasten die älteren Zollhilfskräfte die Besatzungstruppen.
Zudem will ihn sein Chef nicht mehr missen, er schätzt Mühlenwegs zuverlässiges Arbeiten, hintertreibt womöglich dessen Versetzungswünsche sogar.

Unverhoffte Malerferien mitten im Krieg

Als im Februar 1941 ein weiterer Antrag abgelehnt wird, bekommt Mühlenweg stattdessen einen „Arbeitsdienst“ als Freizeit, die nicht mit dem Urlaub verrechnet wird. Bei einer Inspektion ist an seiner Wand ein Blumenaquarell und überhaupt seine Malkunst aufgefallen. Er soll im nächsten Grenzschutz-Kommando Royan malen, 10 bis 14 Tage lang. Von seinen Bildern, die diskret Anlagen des Grenzschutzes oder Uniformierte zitieren sollen, will die Behörde bei Gefallen etwas ankaufen, sonst kann er arbeiten, was er will.
Die Aquarelle wecken bald Begehrlichkeiten bei mehreren kleinen Chefs, auch braucht man ein Geschenk für den Generalinspekteur. So kommt Mühlenweg zu fast sechs Wochen Malerurlaub, nach Royan noch in den Stützpunkten La Rochelle und Le Sables. Er genießt diese erste Möglichkeit seit mehr als einem Jahr, wieder jeden Tag zu malen. Von den gut zwei Dutzend Aquarellen hält er nur wenige für gelungen, das schreibt er in Briefen an seine Frau Elisabeth, die in Allensbach sonst seine kritische Instanz ist.

“Er ist nicht böse” (Kindermund in La Rochelle)

Ein seltsamer Deutscher. Die für die Besatzungsarmee gezeigten deutschen Filme sind ihm zu langweilig, er geht lieber in die kleinen Kinos und sieht sich die neuen Filme mit Sascha Guitry an. Als er für seine Frau ein Kleid aus schwarzer Spitze kauft, sagt ihm die Verkäuferin ganz verwundert: er sei der erste Deutsche, schwarzer Stoff erscheine sonst nur den Franzosen als chic. In den Straßen von La Rochelle spricht sich bei den Kindern rasch herum: „Il n‘est pas méchant“; worauf er ein Dutzend von ihnen im Gefolge hat, die er bald alle mit Namen kennt – an solchen Tagen leidet die Malerei im Freien ein wenig…
Und er will vor der Rückkehr nach Bordeaux in der Gegend unbedingt noch die Villa von Clémenceau besichtigen, jenes entschiedenen Journalisten, Dreyfus-Verteidigers und furios deutschfeindlichen Politikers, der ihn so fasziniert, dass er einige Zeit lang mit dem Plan einer Biographie umgeht.

Kriegsende am See

Die übrig gebliebenen Aquarelle konnte Mühlenweg schon im Mai 1941 an den Bodensee mitnehmen. Beim Grenzamt Konstanz hatte sich ein Ersatzmann gemeldet, der lieber in Bordeaux Dienst tun wollte. Bis zum Ende des Kriegs, den man sich damals für 1942 erhoffte und der doch vier weitere grausame Jahre lang fortdauern sollte, ging Fritz Mühlenweg in Meersburg, auf dem Schienerberg und in Konstanz auf Patrouille; seine Familie konnte er nur sonntags besuchen.
In Grenzeruniform ist er im Museum auch zusehen, mit Elisabeth und den Kindern auf einem Bootssteg der Reichenau, im Hintergrund das Löchnerhaus. Am rechten Bildrand: Tami Oelfken. Im Raum „Seitenblicke“ gibt es eine Schubladen-Vitrine über Schriftstellerin Tami Oelfken, die nach Schließung ihrer Berliner Reformschule und Berufsverbot durch Deutschland irrte und schließlich in Überlingen unterkam. 1944 feierte sie bei den Mühlenwegs Weihnachten, die „Malerfreunde in Allensbach“ nennt sie auch in ihrem 1946 erschienenen Bericht über die Jahre ihrer Inneren Emigration („Fahrt durch das Chaos“).

Der Adler ist gelandet, fliegt weiter

MühlenwegMuseum – Literatur-Raum: Von den Manuskripten bis zum mongolischen Image (Foto Claudia Knupfer, Konstanz)

Am 22. Juni 2012, also vorgestern, wurde in Allensbach das Mühlenweg Museum eröffnet. Mehr als 200 zum Teil von weit her angereiste Gäste erlebten eine heitere Feier und am Samstag einen Tag der offenen Tür. Die Führungen durch die sechs Räume des Museums im Bahnhofsgebäude waren, vorsichtig gesagt: überaus gut besucht…

Mir wurde da besonders leicht ums Herz, denn hier kam etwas zu einem Ende, das damit begonnen hatte, dass in Allensbach etwas zu wörtlich verstanden wurde. 2006 hatte ich die Allensbacher Ausstellung mit Gemälden von Fritz und Elisabeth Mühlenweg mit einer Rede in der rhetorischen Figur eines Gangs durch ein noch nicht existierendes Mühlenweg-Museum eröffnet.

Ehrlich, ich hatte es nicht ernst meinen können, weil ich soviel überschüssige Hoffnung dann doch nicht wagte. Aber Sabine Schürnbrand vom Kultur- und Touristik-Büro nahm meinen Vorschlag auf, überzeugte ihren Bürgermeister und 2008 wurde ich gefragt, ob ich die Konzeption des Museums übernehmen würde.

Es gibt Fragen, die kann man nicht abschlägig beantworten, nur weil man sich etwas nicht zutraut. Zwei Räume im engen Heimatmuseum waren vorgesehen. Kein gutes Ambiente für einen Autor solcher Weltoffenheit. Glücklicherweise wurden im Sommer 2009 Räume im alten Bahnhof frei. Ich machte ein Konzept, von dem die Gestalterin später behauptete, es hätte einen Louvre füllen können. Die Allensbacher haben mich dann downgesized, ein herber und hilfreicher Prozess. Um die Jahreswende 2011/12 wurden die Räume renoviert. Dass bis zum Juni nun alles, oder fast alles, fertig wurde, gehört zu den Wundern dieser Welt.

Mit dieser Rede am 22. Juni versuchte ich die Hintergründe des Wunders zu beleuchten. (Für alle, die nicht dabei waren:)

 

„Der Adler ist gelandet“ 

Meine Damen und Herren, Freundinnen und Freunde des Autors, liebe Familie Mühlenweg,

mit diesen Worten, die einst ein Astronaut kurz vor seinem ersten Schritt auf den Mond gesprochen hat, ist die Gefühlslage dieses Tags wohl am besten umschrieben. Eine Erleichterung, eine überirdische. Der Satz kommt noch aus dem Jahrzehnt, in dem Fritz Mühlenweg gestorben ist, jener Mann, der einem kleinen Mädchen namens „Nuni“ eigens hilfreiche Nachtgestirne vom Firmament geschickt hat, damit es wieder nach Hause finden konnte. Dass Heimwege gelingen können, nach den Ängstigungen der Weglosigkeit: das gehörte zu seinem Erfahrungswissen. Die Mühlenweg-Leser unter Ihnen werden es verstehen können: Auch beim Gang durch die Alltagswüste dieser Museumsentwicklung ist öfter das Mantra aus Ergebenheit und Zuversicht aufgesagt worden: „Es gibt keine Hilfe“ – „Keine Besorgnis deswegen.“

„Der Adler ist gelandet“: Das passt. Die Eröffnung eines Museums bietet die Schwelle, an der man die Mühen der Planung, den öfter verschobenen Start, den von allerlei Meteoriten-Schlägen begleiteten Flug so langsam vergessen kann. Was haben wir Raketenstufen verglühen sehen, Ideen, Stoff, Architekturdetails, die uns eine Zeit lang Schub gespendet hatten, die wir aber hinter uns lassen mussten, damit der Weiterflug gelingen konnte. Wer die Konstruktion von Erinnerung ernst nimmt, muss sich von Ballast lösen können.

Noch beim Landeanflug kam es zu kleinen Wundern… Landeanflug? Gemeint sind die heiteren Chaostage, als es um die Feinanpassung der Texte in knappen Räumen ging. Claudia Gnädinger musste ja irgendwie noch meine ca. 150.000 Buchstaben über Leben, Werk und Epoche sowie die paarhundert Fotos und Exponate gestaltend verteilen, in ihrer Kunstlandschaft aus Bildschirmen, Vitrinen und den Lesezeichen an der Wand. Und welches Erlebnis dann, als uns Freddy Overlack, der Meisterschreiner aus Radolfzell, – nebenbei: ein Mühlenwegfan –, in den frisch renovierten Räumen noch schöne und praktikable Lösungen vorschlug. Auch jene geschrägte Wandvitrine im „Asienraum“, die Ihnen anschaulich machen soll, wie Mühlenweg von Kamelmännern durch Zuhören und Nachfragen Mongolisch lernte…

…denn das ist ja der Wunsch, der hinter diesem Angebot namens Museum steht: dass beim genaueren Anschauen eines beleuchteten Steigbügels, einer handgeschrieben Wörterliste, beim Lesen einer Seite des Expeditionstagebuchs, aus dem Puzzle sich die Ahnung eines Gesamtbildes fügt – eine Ahnung davon: welche Beharrlichkeit, welche vorurteilslose Neugier dieser Mann vom Bodensee erst entwickeln musste, dieser Aussteiger aus einem wirtschaftlich gebeutelten Europa, dieser zu rascher Flucht bereite Körpermensch…

…  bis der westliche, der abgleichende Blick dieses Fritz Mühlenweg eine neue Art des Sehens lernte und er selbst empfänglicher wurde: bis hin zu jener „Bereitschaft des Herzens“, die seiner literarischen Kulturvermittlung später den Grund gab. Er hatte in der Wüste unter Schweiß, Kälte, Langeweile, Glück, Neugier und Staunen etwas erfahren, das hielt sich nach seiner Rückkehr als Sehnsuchtsbezirk, das wollte er sichern.

 

 All Age

Die Gestaltung seiner neuen Sehweise suchte er als Maler, aber erst als Schriftsteller fand er zu jenem Stil aus humorvoller Leichtigkeit, leiser Spannung, Schlichtheit und Ernst, der ihn unverwechselbar macht. Unter kräftig anschwellendem Lebenslärm von sieben Kindern, ohne literarische Theorien und Lautsprecherei, auch ohne die Pfauentänze des Literaturbetriebs, hat er sich von seinem Haus in Allensbach aus an einen Brückenbau gemacht.

Dieses enge, immer gastfreundliche Haus hat nun einen eigenen Museumsraum bekommen, erinnert mit dem wuchtigen Schreibmöbel an die Umtriebigkeit, in der das Künstlerpaar Mühlenweg eine gemeinsame Produktivität entwickelte; lässt auch die Enge spüren, die sich Fritz Mühlenweg weit machen konnte im Schreiben seiner Fantasiereisen, hin zur inneren Landschaft seiner Mongolei. Er fasste sie in einer Erzählweise, die das Zuhören seiner eigenen Kinder miteinbezog. „All-Age“, für alle Altersstufen, nennen wir solche Kunst der literarischen Kommunikation, sie ist unprätentiös und sie bleibt ihren Lesern noch nach Jahrzehnten.

 

Ein Roman, nach 60 Jahren

„I will be happy to write you about my fitfy-five-year-long love affair with Big Tiger and Christian“.

Vor kurzem erreichte uns dieser Satz in der Mail eines Landkarten-Spezialisten aus North Carolina. Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist Denis Wood die amerikanische Mühlenweg-Ausgabe ein Lieblingsbuch. Einer seiner Studenten, Brad Houk, schickte uns sogar seine umfangreiche Magisterarbeit im Fach Geographie („Big Ger and Little Brad: Their Adventures in China“), über die Abenteuer auf der Strecke von Peking in Richtung Urumtschi. Er war begeistert von „Big Tiger and Christian“ mit einem Freund per Fahrrad losgefahren..

Die Strahlkraft seines Romans könnte noch an vielen Beispielen gezeigt werden. Neulich verabschiedete sich die Mongolistik-Professorin Veronika Veit in der Rede bei ihrer Emeritierung in Bonn mit einem Zitat von Fritz Mühlenweg – denn durch seinen Roman war sie einst zum Thema ihres Lebens gekommen. Und wer in den letzten Wochen Brigitte Kramers Film über Ulrike Ottinger gesehen hat, weiß aus der Episode, die im Mühlenweg-Haus in Allensbach gedreht wurde, wie entscheidend sein Roman und eine frühe Begegnung mit dem weitgereisten Autor für die Heranwachsende geworden war.

 

 Ein Allensbacher Ruhmesblatt

Dass diese Allensbacher Raumstation einem Werk gilt, das seinen Flug in mehr als einem Kontinent noch fortsetzt, war beim Museumsmachen mit die stärkste Motivation. Dieser Adler fliegt noch weiter. Er hat nun aber eine feste Basis, in Allensbach, einem besonders freundlichen Himmelskörper.

Was nun folgen muss ist der Lobpreis auf Allensbach. – Ich brauche da nichts erfinden. In dem sozialen Experiment unterm Arbeitstitel „Jeder von uns macht zum ersten Mal ein Museum, aber keiner soll‘s merken“, zu dem mich die Gemeinde hier vor Ort lockte, hat mich besonders dieser hervorragend moderierte politische Prozess beeindruckt: wie die Verantwortlichen im Gemeinderat unter ebenso entschiedener wie geduldiger Befürwortung ihres Bürgermeisters Helmut Kennerknecht zum Beschluss kamen: Ja, so viel ist es uns wert, dieser Mühlenweg ist einer, auf den wir stolz sein können, der taugt mit seinen Brüchen, seiner Eigeninitiative, den kühnen Richtungswechseln und der Beharrlichkeit seiner Anstrengung als ein Vorbild. Ein Gehäuse für ein Lebenswerk, von dem auch weiterhin wünschbare Weltsichten ausgehen. In Marbach ließ sich der Leiter der literarischen Gedenkstätten Baden-Württembergs, Jochen Schmidt, von der Initiative der Gemeinde Allensbach für einen Autor, der bislang vom offiziösen Kanon vergessen worden war, überzeugen: Das Mühlenweg Museum wurde ins Marbacher Förderprogramm aufgenommen, zu dem auch die Museen für Johann Peter Hebel in Hausen, Hermann Hesse in Gaienhofen, Wieland in Biberach und Jünger in Wilflingen gehört.

Sie haben nun mit einem stabilen Ort für die Erinnerung einen Gegenpol zum rasanten Gemenge der Instabilitäten unserer Jahre eingerichtet. Mühlenweg wird nicht in die Cloud ausgelagert, nicht einfach in Servern abgelegt. Einiges Wichtige über ihn bleibt in gesicherter Form zugänglich, hier in Allensbach und an 5 Tagen der Woche, im Real Life.

 

Noch einmal: Schreibhandwerk zu Zeiten des Papiers

Im Übergang zwischen zwei Räumen haben wir dies zu einem ganz harmlos aussehenden Thema gemacht: Dort wird gezeigt, beginnend mit Mühlenwegs allererster Romanseite, handgeschrieben, vielfach verändert, sowie über zwei weitere Manuskriptstufen und Lektoratsbriefe bis hin zum gedruckten Buch – noch einmal  wird gezeigt, wie Schreibhandwerk und Literatur in den Zeiten des Papiers und der gefestigten Verlage möglich wurden. Wer von uns über 40 ist, für den war‘s das einzig Vorstellbare.

All das werden in Kürze aber Museumsbesucher sehen, denen unsere digitalen Aufschreibesysteme die Mühen der Handschrift komplett abgenommen haben, die ihre Korrekturversionen nicht mehr sichern und überliefern, und die ihre Texte auch ohne die Hilfe von Verlagslektoren selbst publizieren können.

 

 Wohlwollen von weit her

Ich komme sehr langsam zum Schluss. Es braucht noch eine kleine Tour, auf der deutlich wird, welches Wohlwollen von Außen dieses Werk ermöglicht hat und welche neuen Fäden Allensbach nun mit einer größeren Welt verbinden.

Aus Stockholm, von der Sven Hedin Foundation, kam die Erlaubnis, dass wir im Museum den Expeditionsfilm zeigen dürfen. Sie werden, Willy Meyer sei Dank, Ausschnitte auf den Bildschirmen des Asien-Raums sehen, auch: wie effektvoll der Filmemacher Paul Lieberenz  1927 die Mühen und Freuden der Expedition inszenierte. Sie werden sehen, dass er den immer auch zu Jux aufgelegten jungen Mühlenweg dazu brachte, nur für die Kamera mit seinen Skiern eine Abfahrt auf Sanddünen der Gobi zu mimen.

Lieberenz hat einen der letzten Stummfilme gemacht, und wie vielsagend ästhetisch schöne Bilder dann doch noch werden könnten, sei an diesem einen Beispiel angedeutet: Neben Mühlenweg werden Sie einen Mann in Lederhosen sehen, der den Jux auf den Skiern mitgemacht hat. Das war Franz Josef Walz, einer der höchstdekorierten Kampfflieger im 1. Weltkrieg, im Privatleben ein hurmorvoller Bayer. Mit ihm hat Mühlenweg zwei Jahre nach der Expedition noch Auswanderungspläne geschmiedet, beide wollten weg aus Deutschland. Ein sensibler Pfundskerl, den die Mühlenweg-Kinder umschwärmten, als er sich 1941 eine Woche lang im Allensbacher Haus erholte – kurz bevor er in Hitlers Armee zum Generalleutnant befördert wurde.

Soviel zu: Stockholm und Allensbach.

Fäden gibt es auch von Mannheim her: Ich suchte ein Foto von der Verleihung des ersten Deutschen Jugendbuchpreises, Mühlenweg nahm 1956 als Übersetzer des amerikanischen Bestsellers „Der glückliche Löwe“ die Auszeichnung in der Sparte Kinderbuch entgegen. Der jungen Bundesrepublik war der Preis so wichtig, dass Bundespräsident Heuss anreiste. Vom hilfreichen Stadtarchiv Mannheim bekam ich eine Fotoserie übermittelt, nicht nur mit den strahlenden Herren Heuss und Mühlenweg beim Handschlag … – da war auch ein ganz unerwartetes Bild, auf dem geht eine inzwischen weltbekannte Frau auf den Papa Heuss zu: trotz Hut unschwer zu erkennen als Astrid Lindgren. Für „Mio mein Mio“ bekam sie damals einen Ehrenpreis. Ja doch, das Foto mit Lindgren ist auch in unserer Vitrine, neben der Speisekarte jenes Abendessens, auf dem Sie nachlesen können, was im kleinen Kreis mit dem Bundespräsidenten geschmaust wurde.

Im Raum daneben, unterm wandfüllenden Foto jener Konstanzer Drogerie, von der sich Mühlenweg in die Gobi absetzte, können Sie in zwei dicken Bänden eines Drogistenhandbuchs blättern: beim Verfasser dieses Werks hatte Mühlenweg 1921 an der Braunschweiger Drogistenakademie gelernt. Wer die Seiten wendet, kann ahnen, mit welchem naturwissenschaftlichen Feinblick dieser Drogist in die asiatische Steppe und Wüstenwelt kam. Auch in diesem Buch haben wir dann, wie an manchen Orten des Museums, Sächelchen versteckt, geduldige Betrachterinnen werden sie finden. In diesem Fall einen Mühlenweg-Brief, den das Stadtarchiv Braunschweig bewahrt hat: ein hocherfreuter Allensbacher Autor bedankt sich darin für die Nachricht, dass Braunschweig ihn mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis auszeichnen wollte.

 Mühlenweg nach 2000

Allensbach hat nun ein feine Station, sie kreist auf einer Satellitenbahn von Museen, die ihre sorgsam ausgewählten Fäden für die Textur öffentlicher Erinnerung beisteuern.

In einem noch nicht recht vorstellbaren Ausmaß kann die Station eine Zukunftsinvestition sein. Denn gerade erst beginnen Menschen in der Mongolei und in China sich für Mühlenwegs Bücher zu interessieren, finden in ihnen die dichterisch genauen Bilder einer früheren Zeit, finden eine Fantasiesprache, die noch in ganz anderen Kulturen verstanden wird.

Aus Ulaanbaatar bekamen wir für das Thema „Mühlenweg nach 2000“ den Scan einer Zeitungsseite vom 12. Mai 2012. Der Bericht über ein Kinderferiendorf, ein Foto zeigt, wie ein Saal voller Kinder auf ein hochgehaltenes Buch schaut: Die mongolische Ausgabe von Fritz und Elisabeth Mühlenwegs letztem Kinderbuch „Der Familienausflug“.

Allensbach-Ulaanbaatar also. Für den Herbst haben sich Besucher von dort angesagt.

Vom Familienarchiv zum öffentlich zugänglichen Fundus

Die ganze Station aber wäre nicht einmal ins Stadium schöner Träume gelangt, wenn nicht hier in Allensbach über Jahrzehnte hinweg von den Kindern des Autors das künstlerische Erbe bewahrt und durch Suche sogar noch vermehrt worden wäre. Privatinitiative einer Familie mit Dankbarkeit, Geschichtsbewusstsein. Es waren Regina und Sabine Mühlenweg, die diesem Fundus Sorge trugen. Ich habe seit 1991 von ihrer Großzügigkeit profitiert, mit der sie mir Einsicht in Werke, Notizen und Briefe gewährten. Und als sich die Mühlenwegs vor fünf Jahren entschlossen, den Nachlass im Literaturarchiv des Landes Vorarlberg zu sichern und so einer professionellen Erschließung zugänglich zu machen, wurde Fritz Mühlenweg auch auf neue Weise im Netz sichtbar.

Dank ans Bregenzer Felder-Archiv

Bei Ihrem Rundgang im Museum, meine Damen und Herren, werden Sie an den sehr vielen Nachweisen sehen, in welchem Maß das Vorarlberger Felder-Archiv unser Museum begünstigt hat. Ich habe da persönlich meinem Freund Jürgen Thaler zu danken, der mit erheblicher Geduld meine Arbeit begeleitet hat und dann auch die Wünsche nach Exponaten erfüllte: Mühlenwegs Schreibmaschine, der hölzerne Diakasten mit den Glasdias für seine Vortragsreisen, die Faksimiles seiner Manuskripte und vieles andere. Von der Aufgeschlossenheit der Vorarlberger für einen tätigen Zusammenhang der Bodenseekultur, die sich sonst öfter in scheelsüchtig gehüteten Heimatmuseen isoliert, kann nur gelernt werden.

 Fußfall der Verehrung

Aber man übergibt ja selbst einem Felder-Archiv nicht alles. Auch für die Familie Mühlenweg gab es noch Preziosen, der sie mit besonderen Anhänglichkeiten verbunden blieben. Nun haben sie sich fürs Museum von einigen Lieblingsstücken getrennt. Valerie Arias muss in Zürich mit der Lücke zurecht kommen, die der Schreibschrank ihrer Großeltern hinterlassen hat. Ihr Vater Christian Osterwalder spendete das Widmungsexemplar dees „Stiller“, in dem Max Frisch sich bei Mühlenweg mit launigen Worten bedankt.

Kornelia Mühlenweg brachte aus Ivry-sur-Seine einen getrockneten mongolischen Schafskäse – der ist nun unweit der mongolischen Essschale zu sehen, – das Gefäß kommt, wie auch das Originalbild „Pyramus und Thisbe“ von Anna Mühlenweg in Allensbach.

Die großzügige Auswahl unter kostbaren Dingen, die mir Sabine Mühlenweg in Singen ermöglichte, nebst vielerlei Auskünften und Hilfen, wären einen Fußfall der Verehrung wert. Es war für mich, ich gesteh’s, ein besonderer Moment, als ich dort erstmals ein Kinderbuch mit einem handschriftlichen Klebeschildchen des Elf-Zwölfjährigen Fritz sah. Der Titel: „Seereise wider Willen“.

Als er‘s las, konnte dieser Junge nicht ahnen, welch außerordentliche Reisen ihm gelingen würden.

Er hat was rausgekriegt und es uns zurückgelassen.

Allen Beifall für Fritz Mühlenweg!

 

Museum im Bahnhof (III)

In einem Museum bleibt ein Hallraum zurück, den die Besucher nicht mitbekommen. Die Echos der ausgearbeiteten und wieder aufgegebenen Themen. Eines davon: Ich hätte gern im Foyer oder Treppenhaus von Mühlenwegs Verhältnis zum Bahnfahren erzählt.

Ein Foto, das die Familie Mühlenweg auf dem Heimweg von der Kommunionsfeier im April 1948 zeigt, im Hintergrund das Allensbacher Bahnhofsgebäude, in dem nun das Museum beheimatet ist. Man hätte folgenden Text dazu gelesen:

Fritz Mühlenweg lehnte Autos ab. Dass exakte Fahrpläne, wie er sie von Deutschland her kannte, nicht überall zu erwarten waren, lernte er in Asien.
Bahnfahren schätzte er als geselliges Reisen. Im Februar 1927 zum Beispiel von Berlin nach Moskau und mit der Transsibirischen bis Peking, 14 Tage lang und über 10.000 km weit.
Als Autor machte er später auch seine Lesereisen per Bahn, tausende Kilometer pro Jahr: vom Allensbacher Bahnhof aus.

Man hätte eines seiner besonders schönen, Balthus-nahen Originale dazu hängen können: Konstanzer Bahnhof aus einer surealen Perspektive von Kreuzlingen her (1948 gemalt, 65×80 Öl/Leinwand). Im selben Jahr 1948 schrieb er an seinem Roman, den er mit einer unfreiwilligen Zugfahrt in Peking beginnen lässt.

Männerphantasien, Fahrpläne

Als Nebenerzählung, die seine Genauigkeit zeigt, vielleicht auch das Überkontrollierte des in Buchhaltung erfahrenen Kaufmanns, zwei Beispiele von Fahrplanbriefen für geliebte Frauen.
Dazu als gedrucktes Zitat oder gestaltetes Faksimile:

„Ich habe mir schon ein Kursbuch gekauft und daraus gesehen, dass Du am besten mit dem Schnellzug fährst, der 9 Uhr 22 abends in Nürnberg eintrifft. Du müsstest allerdings, soviel ich sehe, früh aufstehen und bis Immendingen Bummelzug benützen:
Freiburg ab 4.41 (8.26?) Immendingen an: 8.59 (11.25)
Immendingen ab: 10.12 (11.27) Stuttgart an: 12.37 (15.04)
Stuttgart ab: 17.51 Nürnberg an: 21.22“

Fritz Mühlenweg aus Berlin an Pierina Zandonella in Freiburg i. Br., 6. Juni 1928. Mühlenweg, soeben von der Mongolei-Expedition zurück, schreibt an seine Jugendfreundin Pierina, die in Freiburg i. Br. studiert. Seit 18 Monaten hat sie ihn nicht mehr gesehen. Er will umgehend ein Treffen in Nürnberg. Pierina sagt ab, will nicht umsteigen; sie hat inzwischen den Mann ihres Lebens kennengelernt.

Ein zweites gedrucktes Zitat oder gestaltetes Faksimile:
„Ich werde also 5.39 am Bahnhof sein und höre, wenn dieser Zug nicht stimmen sollte, dann bin ich 12.53 eben zum zweitenmal dort und Du brauchst mir nicht zu telegrafieren.“ Fritz Mühlenweg, Brief aus Beaucaire an Elisabeth Kopriwa, die von Wien kommen wollte.
Mühlenweg fuhr der geliebten Studienfreundin per Bahn am 29. Juni 1933 vom südfranzösischen Beaucaire aus 300 km entgegen, um sie in Genf abzuholen. Der Zug kam pünktlich. Zwei Monate später heiratete das Paar in Beaucaire.

Ein bahnbegeisterter Grüner?

Wie gesagt, dieses wohl zu assoziative Mosaik blieb unausgeführt. Ich hätte gern diesen konservativen Grünen avant-la-lettre mit dem ziemlich einzigen Technikthema gezeigt, das er lebenslang verfolgte.
Das Motiv, dass Mühlenweg ein überzeugter Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel war, haben wir nun aber im Museum auf einer Wand im „Literatur“-Raum: Dort sind auf einer stilisierten Landkarte fast zwei Dutzend Städte und Städtchen markiert, zu denen er ab 1951 per Bahn und Bus auf seinen wochenlangen Lesereisen fuhr. Bei jedem Ort zwischen Freiburg, Hamburg, München, Graz und Bern kann ein längeres Briefzitat gelesen werden. An seine Frau Elisabeth von unterwegs geschrieben, im Zug, im Gasthaus, zwischen zwei Vorträgen.  Ein ziemlich gehetzter Autor, dem der Verlag während der Reise noch neue Auftrittstermine nachschickte. Sozialgeschichtliche Streiflichter auf die Buchszene der frühen Fünfzigerjahre.
PS.
Pierina Zandonella, die seinen Fahrplan verwarf, hat es heimlich dennoch ins Museum geschafft. Auf einem Foto vor einer Berghütte, vielleicht im Jahr 1925. Wir zeigen dort den jungen Drogisten als Outdoor-Typ, im Achter rudernd, mit Skier im Gletschergebiet der Bernina mit Blick auf die Crast‘ Agüzza und kühn kletternd in den Felsen bei Baoutou (China). Ohne diese Vorgeschichte seiner Körperlichkeit hätte er die Strapazen der Gobi schwerlich durchgestanden.

M wie Museum (I.)

Nächste Woche wird es eröffnet. Was ein Museum alles sein kann, weiß ich immer noch nicht. Ein Ort, an dem dieser merkwürdige Könner nun für geraume Zeit nicht mehr verlorengehen kann? Immerhin ist ihm das einmal fast schon passiert: 1991, als ich den ersten Text von ihm aus einem antiquarischen Buch las, gab es im deutschen Buchhandel nur einen, dazu noch gekürzten Roman von Mühlenweg, bei dtv-junior.

Ist das Museum eine stabile Durchgangsstation auf dem Weg zu einer künftig noch viel größeren Bekanntheit? Nicht ausgeschlossen.
Denn es hat eine Drift begonnen, die seine Bücher in die Länder bringt, deren ganz andere Kultur er uns vermitteln wollte. 2011 gab es die mongolische Ausgabe seines Kinderbuchs „Der Familienausflug“, übersetzt von Khulan Khatanbaatar. Und nicht ausgeschlossen, dass im nächsten Jahr die chinesische Ausgabe von „Nuni“ erscheint.

Mit dem Ablauf der Schutzfrist 2031 (nur noch schmale 19 Jahre, nach bisherigem Urheberrecht) wird auch jener ungute Filmvertrag seine Sperrkraft verlieren, der seit 1989 die Verfilmung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ immer weiter verschiebt und so blockiert. Wir hatten in den letzten drei Jahren Anfragen von englischen Filmemachern, auch von einem Hollywood-Profi. Sie hatten die englischsprachige Übersetzung von Isabel and Florence McHugh („Big Tiger and Christian“) gelesen, und den großen Stoff darin gespürt. Es wird – „in der Eile sind Fehler“ – irgendwann eine Verfilmung geben; auch bei Tolkien hat es Jahrzehnte gebraucht.

Literarische Gedenkstätte?

Ist ein Museum eine Kuriositätensammlung? Gewiss auch, wenn man‘s so versteht: dass das Entdecken schöner Einzelheiten eine Neugier entfacht, die dann aufs schriftstellerische Werk aus ist.
Kurios, ja. Von welchem Schriftsteller sonst kann ein Paar uralte Skier ausgestellt werden? Die er, geschultert, auf den Säntis getragen hat, Silvester beim Wetterwart und dann einmal hinab ins Tal… Bretter, die damals noch “Schneeschuhe“ genant wurden und die er auf die Transsibirische mitnahm bei der ersten Reise nach Peking. Mit ihnen lief er im März 1927 dort auf der frisch beschneiten Großen Mauer. Körpergeschichte. Selbstvertrauen in die eigene Kraft und Geschicklichkeit. Witz.

Merkwürdig auch: der Holzkasten mit den 50 großformatigen Glasdias für seine Vortragsreisen – eine Leihgabe des Felder-Archivs in Bregenz. Mühlenweg schleppte ab 1951 zwei solcher Kästen, dazu den Projektor und die Leibwäsche für zwei Wochen mit sich, auf seinen Lesereisen per Bahn. Nach Hamburg, Saarbrücken, Bern, Graz; auch nach Thalmässing, weil ihm von dort jeder Schüler einer Hauptschulklasse einen Brief geschrieben hatte… Seine Erzählungen über die Mongolei zu 100 Schwarz-Weiß-Dias. Er reiste in den letzten Jahren vor dem Fernsehen. Ab 1954 merkte er eine gelinde Enttäuschung bei den Zuhörern: Sie erwarteten bewegte Bilder oder wenigstens farbige.

Max Frisch, keckernd

Kurios auch das Widmungsexemplar von Max Frisch in einer Schubladenvitrine: Frisch schickte ihm den „Stiller“ in der Woche nach einer Begegnung in Braunschweig, wo beiden ein Literaturpreis überreicht worden war. Dazu ein Foto, das gewiss nirgends abgedruckt wurde: auf dem beide ganz unfeierlich feixend lachen. Sehr unpassend in kulturfeierlichem Ambiente der Adenauerzeit.
Dieses Museum gilt ja unter anderem einem sanften Humoristen. Der das Leben ernst zu nehmen gelernt hatte, aber nicht die Welt. Der sich als Leser über die Zähfädigkeit von Selma Lagerlöfs berühmtesten Roman ärgerte, lieber den „Don Quijote“ dreimal las und als Fünfzigjähriger ganz begeistert war von einem Stück Weltliteratur mit dem Titel „Puh der Bär“.

Die Mongolisch-Kladde

Mein Lieblingsding in diesem Museum? In dem von Freddy Overlack – meisterlicher Schreiner in Radolfzell – wunderschön gestalteten schrägen Schaustück im „Asienraum“, direkt neben den Projektionen des Originalfilms aus der Gobi-Expedition, sieht man beleuchtet: Die abgegriffene Kladde, in der sich Mühlenweg die ersten mongolischen Wörter nach Gehör aufschrieb, die er beim Aufsatteln oder an Lagerfeuer bei den Kamelmännern erfragte. Und darunter in eigenem Durchsichtgefäß: ein metallner Steigbügel, seltsames schweres messingschimmerndes, klobiges Ding. Daneben ist die Geschichte zu lesen, in das dieses Ding verstrickt ist:

Sein mongolischer Freund Märin breitete, nach der gut einjährigen gemeinsamen Expeditionszeit auf Hochebene der Gobi und am Edsin-Gol, am allerletzten Tag vor Mühlenweg seine kleine Habe aus und ließ ihn ein Abschiedsgeschenk auswählen. Mühlenweg wusste, dass er in Europa keine Steigbügel mehr brauchte. Aber er wählte das wertvolle Geschenk, weil er so dem Freund seine eigene Wertschätzung zeigen konnte. Dieses schimmernde solitäre Ding nun im Museum, 80 Jahre nach einem Abschied für immer.
Kann ein Museum ein Ort sein, an dem auch Emotionen überliefert werden? Erinnerungen an den gegenseitigen Respekt, in dem sich Menschen unterschiedlicher Kulturen finden können –?

Kindheit am Bodensee

Mit Hunden im Seerhein (Foto: privat; Franz Michael Felder-Archiv Bregenz)

Lässt sich eine Kindheit beziffern? Fünfzehn Jahre und acht Monate dauerte Mühlenwegs Konstanzer Kinderzeit, gerechnet von seiner Geburt im Dezember 1898 bis zu jenem Juli 1914, als er die Oberrealschule und dann auch die Stadt verließ. Den Abgang von der Schule nahm er selbstbestimmt, seine Mutter meinte später: er habe ihn ertrotzt. Die Abschlussfeier seiner Schulzeit fiel mit dem Beginn eines unvorstellbar grausamen Kriegs zusammen. Er selbst wäre gern unter die Soldaten gegangen, ein Bubenwunsch, der zum nationalistischen Taumel einer Garnisonsstadt passte. Sein pazifistischer Vater musste ihm das nicht ausreden, er war 1914 schlicht zu jung.
Die Lehrzeit in Westfalen, der elende Soldatentod seines Bruders Hans in Flandern, das Jahr an der Front (Ukraine, Frankreich), dann 14 Monate Kriegsgefangenschaft und die Rückkehr in ein demokratisch ungesichertes Deutschland, das von Tag zu Tag in heftigere Inflation und Arbeitslosigkeit getrieben wurde: Gut möglich, dass ihm von dort her seine Kindheit in vielem idyllisch erschien.

Aufwachsen in einer Friedenszeit

Er war in einer für europäische Verhältnisse langen Friedensepoche aufgewachsen, in einer optimistisch gestimmten Gesellschaft. In einer alten Stadt am See, deren Grenze zum Thurgau als südlichem Hinterland noch offen und im Alltag kaum spürbar war. Ein Leben mit Eltern und Großeltern, deren unablässige Arbeit im Geschäft als vorbildlich galt – auch dem kritischen Blick, mit dem alteingesessene Konstanzer diese Zugezogenen beäugten.
Dass Fritz mit seinem Bruder Hans bei den frisch gegründeten Pfadfindern mitmachen durfte – ihr viel jüngeres Schwesterchen Gertrud blieb noch abseits –, dass die Kinder reichlich Bücher bekamen, sind Indizien für einen anregenden Stil familiärer Erziehung. Das Alltagslernen im Geschäftshaus bot dazu noch ungewöhnlichen Stoff: Die überaus aktive Ausweitung des Warenangebots in der Drogerie Kornbeck vermittelte wie nebenbei eine Grunderfahrung an Weltoffenheit. Tägliche Warenlieferungen, noch mit Pferdefuhrwerken vom Bahnhof her, chemische Produkte und Lebensmittel kamen aus vielen europäischen Ländern. Im Büro die handgeschriebenen Wechsel aus Genf, Paris, Stuttgart und London. Ein Kinderspiel, das der Schriftsteller später aus jener Zeit erwähnen wird, bestand aus Sammelkarten der Firma Liebig, bunte Szenen aus fernen Ländern und Kulturen, auch aus Kolonialkriegen.

Man wüsste gern mehr über diese Jahre, in denen Fritz Mühlenweg seine Heiterkeit und Ernsthaftigkeit ausloten konnte, seine körperliche Fähigkeit zum Durchhalten wie auch den Spieltrieb zu humoristischer Distanz. Aber zum Tagebuchschreiben über Kinderentwicklung blieb seinen Eltern keine Zeit. Und Mühlenweg selbst zeigte Sehnsucht nach Vergangenem später nur in Richtung seiner Mongoleierfahrungen. In die Wüste schrieb er sich für die Dauer von zwei Romanen zurück, aber seine Jugendjahre in der Kanzleistraße im alten „Haus zur Gans“, mit den Großeltern Kornbeck, seinen Eltern und Geschwistern, inspirierten ihn nicht zu Texten.
Vielleicht hängt dies mit seinem Abbruch, seinem Aufbruch gegen Ende einer langen Adoleszenz zusammen. Als sein Vater 1925 starb, erlebte er die Beerdigung als Bestätigung einer bürgerlichen Lebensleistung, die ihm selbst unerreichbar schien: Eine überwältigende Anteilnahme von Verbänden, Vereinen und Bürgergruppen manifestierte auf dem Konstanzer Friedhof, in welch breitem Spektrum zwischen Witschaftslobby und Freimaurerloge der Kaufmann Ludwig Mühlenweg energisch und aufopfernd tätig gewesen war.
Die Konturen der bürgerlich-liberalen Wirksamkeit des Vaters: Der Sohn kannte das mühselige Gewirr aus Fäden und Knoten, das auf der Rückseite eins solchen Teppichs nötig war. Er wollte ein anderes Leben. Ein Jahr später brach er aus. Die harte Freiheit in der Mongolei, die unentschlossenen Jahre in Berlin und Wien, die Erfahrung einer experimentelle Produktivität beim Malen – man kann sich vieles ausdenken, was ihm im Nachhinein seine Kindheit wie ein Gegenbild aus Enge und Kleinteiligem formatierte.

Wildes Spiel auf Fotografien

Aufgehoben hat er ein Dutzend Fotos: Sorgsam gestellte Gruppenaufnahmen der Familie sind darunter. Nicht von jenem bekanntesten Konstanzer Fotografen, der bis 1890 im Nebenhaus wohnte. German Wolf hat nur „Kornbecks Hunde“ auf Platte gebannt: Der Drogist Richard Kornbeck, Großvater des kleinen Fritz, gehörte auch wegen des allmorgendlichen Spaziergangs über die Marktstätte an den See zum Stadtbild, oft mit mehreren Bernhardinern.
Vom schwäbischen Großvater Kornbeck, einem Dekanssohn, der lieber Kaufmann geworden war und so bis Ägypten kam, kann Mühlenweg die Unbedenklichkeit zum Aufbrechen aus Familientraditionen und die Lust auf die Ferne geerbt haben. Auch den alltäglichen Umgang mit Tieren. Jemand hat den heranwachsenden Fritz während einer wilden Hundeschule auf einer Wiese am Seerhein fotografiert, der Zwölfjährige hält mit seinen durch Bissschutz gepolsterten Armen einen hart angreifenden Schäferhund in Schach. Dressur und riskantes Spiel zugleich. Genaues Hinschauen, rasche Reaktion und Kühnheit. Was er im Umgang mit Tieren lernte, hat ihm später während der Expedition in der Gobi geholfen. Dass er Kamele bei Flussüberquerungen durch Untiefen ritt, in denen sie sich schon aufgeben wollten, dass er ermattete Tiere im Schneesturm zum nächsten Lager zwang, notierten Expeditionskameraden verwundert.
Mehrere Hunde sind auch auf einem Foto von Wasserspielen im Rhein mit dabei: Fritz mit Freunden beim unerlaubten Bad, in langen Hosen, mit Schülermütze; überm Fluss der qualmende Schlot der Stromeyer-Fabrik, die sich auf Zeltfabrikation spezialisiert hatte und Zulieferer des Heeres wurde.

Eine Stadt in wirtschaftlichem Aufschwung

Der Rauch kam damals noch aus zahlreichen Kaminen eines Industriegebiets, das sich jenseits der Stadt am nördlichen Rheinufer ausweitete. Denn nach Überwindung der Wirtschaftskrise der 1880er-Jahre hatte für Konstanz eine lange Periode stetigen und stürmischen Wachstums begonnen.
Als der Großvater Kornbeck 1871 an den See zog, kam er in eine Stadt mit zehntausend Einwohnern. Noch während Mühlenwegs Kinderzeit wuchs die Bevölkerung von bereits 19.000 noch einmal um mehr als ein Drittel. Die Industrie zog Arbeitskräfte an, auch tausende italienische Arbeiter und Handwerker. Eine geschickte Stadtverwaltung schuf Arbeitsplätze durch Großprojekte der Infrastruktur (Wasserleitung, Gasversorgung) und investierte in Bildung: innerhalb von 10 Jahren wurden eine Oberrealschule, zwei Gymnasien und eine Volksschule neu gebaut.
Von der zunehmenden Konsumkraft der Einwohner – die Offiziersfamilien der Garnison gehörten dazu – konnten findige Kaufleute wie die Kornbeck-Mühlenwegs profitieren. Sie bauten nicht nur ihr Geschäftshaus aus, leisteten sich einen großen Obstgarten am Höhenweg: Investiert wurde auch in eine Lagerhalle mit Gleisanschluss im Industriegebiet. Dieses Grundstück war auf eine fortdauernde friedliche Wirtschaft ausgerichtet und groß genug, um auf einer eigenen Farbenfabrik Platz zu bieten…
Rauchfahnen am See? Sie gehörten auch zum wachsenden Fremdenverkehr. Die Buchhandlung Ackermann – vis à vis Mühlenwegs Elternhaus in der Kanzleistraße und zugleich zentrale Anlaufstelle für die Touristen – verkaufte Ansichtskarten, auf denen der Qualm aus den Schornsteinen der Dampfschiffe oder der Eisenbahn oft durch Retuschen noch verstärkt wurde: Dampfkraft, Verkehr, Motorisierung galten als sichtbares Zeichen des allgemeinen Fortschritts.

Pferdekutschen, kaum Autoverkehr

Aber noch tauchten Autos in Konstanz nur so selten auf, dass die Fußgänger mitten auf den Straßen gingen und Kinder beim Spielen nicht beeinträchtigt wurden. Eine Welt vor den Verheerungen durch den Individualverkehr.
Die Mühlenwegs schickten erst ihren Sohn Hans, danach auch Fritz auf die neu gegründete Oberrealschule. Im Allensbacher Museum wird zu lesen sein:
„1903 erbaut auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs, ist die Oberrealschule die einzige dieses neuen Schultyps in Südbaden. Die modernste städtische Schule zieht fast 400 Jugendliche aus der weiten Region an. Mit Naturwissenschaften als Schwerpunkt bekommt der künftige Drogist eine passendere Bildung als auf einem klassischen Gymnasium. Dazu gehört eine tägliche Französischstunde sowie Englisch. Zu Mühlenwegs Zeit (1908–1914), bestimmt ein weitblickender Direktor das Schulklima. Wilhelm Schmidle setzt z. B. die Aufnahme von Schülerinnen durch und wehrt nationalistische Propaganda ab. Obwohl mehrfach Klassenbester, beharrt der 15-jährige Fritz gegenüber Eltern und Direktor auf seinem Abgang von der Schule.“

Der Christbaum von Hami

Christbaum von Hami

Der Christbaum von Hami, fotografiert von Fritz Mühlenweg. (Felder-Archiv, Bregenz)

Fehlt noch irgendwo eine Weihnachtsgeschichte zum Vorlesen – eine ohne kitschiges Dekor, aber mit der Sehnsucht nach einem Fest?

Fritz Mühlenweg schrieb sie vor fast 60 Jahren, eine Auftragsarbeit für die Jugendzeitschrift („Buchfink“) seines Hausverlags Herder. Ob sie dort bemerkt haben, dass die Geschichte ohne christliche Motive auskam, ist nicht überliefert… Damals war Mühlenweg schon ein viel begehrter Autor: „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ erschien in immer neuen Auflagen, Kurt Wolff ließ ihn gerade für seinen Pantheon Verlag in New York übersetzen. Als der amerikanische Verleger ihn im August 1952 in Allensbach besuchte, hatte er gerade seinen zweiten Roman fertig: „Tal ohne Wiederkehr“. Eine Erzählung über sein dramatischstes Abenteuer aus der Hedin-Expedition war ihm immer weiter gewachsen. Der Roman – inzwischen heißt er „Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit“ – endete in der Wüstenstadt Hami, wenige Tage vor Weihnachten. Ein Christbaum kam darin nicht vor.

Den machte der Autor zum Thema in einer fast gleichzeitig verfassten Erzählung, humorvoll und mit sanfter Spannung. Die Suche nach einem grünen Nadelbäumchen am Rand der Gobi. In diesem schlanken Text lässt er eine seiner existenziellen Erfahrungen anklingen: Europäische Ungeduld trifft auf  das andere Zeitmaß der Asiaten, das Verfehlen eines selbst gesetzten Ziels kann glückhafte neue Begegnungen bewirken. „Der Christbaum von Hami“: Man kann es als poetische Erfindung lesen, aber es gab ihn wirklich. Das Bäumchen ist sogar fotografiert worden. Es lohnt sich, die abenteuerliche Vorgeschichte dieser Weihnacht im Grenzland von Sinkiang (Xinjiang) als Hintergrund zu denken:

Auf dem Weg nach Hami

Die Hedin-Expedition, zu der Mühlenweg im Februar 1927 in Peking gestoßen war, kam erst im Juli wirklich in Fahrt, ins Grasland und die Wüste der Inneren Mongolei. Die bessere Zeit der Kamelzüge dauerte dann nur bis Oktober. In getrennt vorrückenden Karawanen sollte ein möglichst großflächiges Gebiet erforscht werden. Die schwedischen und chinesischen Archäologen freuten sich über Steinzeitfunde. Ein deutscher Meteorologe verfolgte sein penibles Programm von Windmessungen mit gasgefüllten Ballons. In Klöstern wurden an Mönchen Schädelmessungen durchgeführt. Sven Hedin kartographierte vom Rücken seines Kamels aus. Männer, scharf auf die Vermessung der Welt. (Fritz Mühlenweg fing entlaufene Kamele wieder ein, ärgerte sich über fehlende Belege für seine Buchhaltung und lernte unterdes von den Kameltreibern die ersten paar hundert Worte Mongolisch.) Die weltenvermessenden Männer hatten aber die Strecken und den dazu nötigen Proviant fatal falsch eingeschätzt… Noch im frühen Sommer hatte Hedin die Ankunft in Urumtschi, der Hauptstadt von Sinkiang, vollmundig für November vorausgesagt.

Aber im November waren viele erschöpfte Kamele schon verloren und die Expedition hatte immer noch 600 km vor sich, um auch nur die nächste größere Stadt auf der Strecke nach Urumtschi zu erreichen: Hami. Pro Tag waren nur 15-20 km zu schaffen, durch trostlose Kiesebenen, an salzigen Brunnen vorbei, manchmal verhinderten Schneestürme tagelang den Weitermarsch.

Vier Wochen vor Weihnachten wurde Fritz Mühlenweg von Hedin losgeschickt: Mit einem Mongolen und einem Chinesen zusammen sollte er Proviant für die entkräftete Expedition beschaffen. In einer Wüstenkälte, die in den Stiefeln die Strümpfe anfrieren ließ. Für den Job wurde er bestimmt, weil er als einziger der Deutschen bereits Mongolisch gelernt hatte. Drei Männer auf Kamelen, die wenig benutzten Wüstenwege waren schwer zu finden. Alle paar Tage: fremde Karawanen, aber keine Lebensmittel. Vereiste Quellen, die aufgeschlagen werden mussten, um wenigstens ans Wasser für einen Tee zu kommen. In der ersten Dezemberwoche wurden sie von einem Trupp Bewaffneter gestellt, die sich als Soldaten aus Sinkiang ausgaben, sie sahen aber eher nach Räubern aus.

Mühlenweg traute ihnen nicht, der Mongole Pantje noch weniger, beide flohen lieber zusammen bei Nacht in die Wüste, zu Fuß, eine entschlossene und dann nur noch verzweifelte Anstrengung ins Weglose. Grausam erschöpft fanden sie nach drei Tagen schließlich Unterkunft und Hilfe. Es war nicht mehr weit von Hami, wo sie einige Kameraden aus einem Vortrupp der Expedition bereits vorfanden – auch sie als Gefangene des Militärs. Eine Vorweihnachtswoche unter Bewachung nahm ihren Anfang. Denn die Soldaten waren wirklich Grenztruppen gewesen. Mühlenweg hatte eine lebensgefährliche Gewaltstour vergeblich unternommen. Ein Muster der Ungeduld dieses jungen Mannes wird deutlich; keine zehn Jahre zuvor war er allein und bei Nacht tollkühn aus französischer Kriegsgefangenschaft geflüchtet; seine Kameraden kamen nur wenige Wochen später regulär frei. Unternehmertum der besonderen Art, das auf den Mehrwert von Abenteuern aus war.

Der Wunsch nach einem Baum 

Hami war eine gesegnete Stadt, so kam es den Männern nach Wochen in der eisigen Wüste vor. Schon an der Zufahrtstraße wuchsen Pappeln und alte Rundweiden. Die Stadt an der Karawanenstraße zwischen Tientsin und Peking war (zu anderer Jahreszeit) durch ihre Melonen berühmt, deren Felder durch ein von weit her geführtes Bewässerungssystem unterhalten wurden. Dass ihre Bewohner in multikultureller Vielfalt lebten – Chinesen, Türken, Dunganen – deutet Mühlenweg an, es verstand sich für Ostturkestan von selbst.

Auf den Postmeister der Stadt richtete sich die größte emotionale Erwartung der Europäer. Die Männer, jeder für sich einsam in der Kumpanei der Expedition, waren schon fast ein Jahr fern von ihren Familien und seit August ohne Briefe. Die Nachrichtenflaute hing nicht nur mit fehlenden Poststationen in der Wüste zusammen. Eine postkoloniale Machtverschiebung wirkte sich aus. Die langnasigen Weißen hatten mit ihrem seltsamen Zug in Richtung Sinkiang einen Argwohn erregt, der im Lauf der Monate bis zum Gerücht einer bewaffneten Invasionsarmee angeschwollen war. Daraufhin leiteten die Behörden in Urumtschi vorsichtshalber alle Postsendungen für die „Sino-Swedish-Expedition“ zur Prüfung nach Peking weiter. Als Fritz Mühlenweg, verlaust, mit verfilzten Haaren und Bart zehn Tage vor Weihnachten in Hami eintraf, fand er weder Pakete noch Briefe vor. Die verunsicherten Männer wollten dann wenigstens einen Baum fürs Fest organisieren.

Weihnachtsbaum-Phantasien

Mit diesem Wunsch nach einem Weihnachtsbaum und einem Ausflug zur Ablenkung beginnt Mühlenwegs Erzählung… Es ließe sich eine mehrbändige Kulturgeschichte über die Weihnachtsbaum-Phantasien schreiben, an denen sich Europäer jener Generation wärmten. Im immergrünen Baum hielten sich Lichterglanz und das Lametta absterbender Erinnerungen an Familie und Heimatlichkeit. Auch das Innehalten der bürgerlichen Psychodramen für die Zeit des Kerzenscheins. Beispiele? Der Wahlberliner Harry Graf Kessler hat 1895 aufs frische Grab seines Vaters in Paris einen schön dekorierten Tannenbaum stellen lassen. Walter Benjamin rief sich in seinem Pariser Exil der 30er Jahre Erinnerungen an seine „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ zurück, besonders eindrücklich die heimliche Stunde allein mit dem noch unbeleuchteten Christbaum. Und am Weihnachtsabend 1927, immer noch Tagreisen von Hami entfernt, in einem vom Schneesturm umtobten Zelt, nach einem Tag mit Fleisch von notgeschlachteten Kamelen und verzweiflungsvoll geschafften drei Kilometern Marsch, tröstet sich der Filmoperateur Paul Lieberenz mit der Vorstellung: welche Riten hin zum festlich entzündeten Baum seine Familie in Berlin gerade erlebte. „Man wirft uns Deutschen vor, dass wir sentimental sind“, leitet er die Passage ein. Im Nachbarzelt, geheizt und mit schwedischen Leckereien, suchte Hedin nach einem Baumersatz und fand ihn in einem siebenarmigen Leuchter; (den hat er dann 15 Jahre später, in einem Forschungsbericht seiner Hitler-treuen Zeit, nur noch als „home made candlestick“ erinnert.)

Nach der Bescherung

Als Mühlenweg am ersten Weihnachtsfeiertag seiner Mutter und seiner Schwester in die Konstanzer Kanzleistraße schrieb, konnte er von angenehmen Überraschungen berichten: „Gestern zum Heiligen Abend, als wir 7 Expeditionsteilnehmer, die vorläufig in Hami zusammentrafen, eben uns mit dem Gedanken vertraut machten, mit gar nichts als einer etwas miserablen Stimmung Weihnachten zu feiern, kamen auf einmal Postpaketchen ins Haus geschneit. Ich war der Reichste, denn ich bekam 13 Pakete mit den schönen Sachen, die ich gerade so sehr gut brauchen konnte. Gleich habe ich mir nach vier Wochen zum ersten Mal wieder die Zähne geputzt, dann wurde Schokolade geschleckt und Stumpen geraucht. Da auch die anderen Paketchen bekommen hatten, wurde gegenseitig großartig geschenkt. Und auf einmal war der Weihnachtsbaum, den wir durch Vermittlung eines freundlichen Chinesen aus Barkul bekamen, nicht umsonst geschmückt worden.“

Der hilfreiche Postmeister Herr Chen, den Mühlenweg später zu einer stillen Hauptfigur im „Christbaum von Hami“ machte, es gab ihn also wirklich. In Sven Hedins Bericht „Auf großer Fahrt“ heißt er Cheng, er ist sogar auf einem Foto zu sehen, ein freundlicher, bebrillter Herr, der in modisch-europäischem Mantel und Pelzmütze vor einem Wandteppich postiert, zusammen mit seinem verlegen blickenden Töchterchen. Vielleicht hat er den Christbaum telegrafisch bestellt, zur Lieferung über die Karawanenstraße, die von Barkul her nach Hami führte, drei-vier Tagesritte entfernt. Als die Expedition Anfang Februar 1928 dann nach Urumtschi aufbrach, verabschiedete der Postmeister seine neuen Freunde mit einem Gastmahl aus 38 Gängen, die er einen nach dem anderen in deren Gästehaus servieren ließ. Er selbst blieb dem Abschiedsessen fern, wohl aus politischer Vorsicht, denn die Fremden waren in einflussreichen Kreisen immer noch nicht so herzlich willkommen, wie es Hedin sehen wollte. Letztlich schenkte er aber sein Essen so wie er den Weihnachtsbaum in der Geschichte offeriert hatte: aus großzügigem Abstand.  

Ein Bäumchen vom Himmel her

In der Erzählung nehmen die Europäer einen Fuchsschwanz mit, um den Christbaum zu fällen. Sie fanden ihn dann zwar nicht… Aber es gibt eine geheime Schnittstelle des Bäumchens, die noch auf eine ganz andere Herkunft deutet. In Mühlenwegs Text liegt das Bäumchen zur großen Verblüffung der Europäer auf einmal am Weg, wie vom Himmel gefallen. Gut möglich, dass sich der listige Erzähler im Stillen so die Überblendungen von zwei ganz unterschiedlichen Erinnerungsfilmen an Weihnachten in der Gobi leistete.

Denn auch bei Mühlenwegs letztem Aufenthalt in der Mongolei kamen die Männer überraschend zu einem Bäumchen. Es wurde von einem Flugzeug gebracht (einer einmotorigen, wassergekühlten Junkers W-33, Reisegeschwindigkeit 170 km/h, wie den Erinnerungen des Bordmonteurs Max Springweiler zu entnehmen ist). Mühlenweg hat damals das erste Flugzeug gesehen, das von Peking aus den Edsingol erreichte, in nur einem Tag. Auf Kamelrücken, so rechneten sich die Männer im Zelt aus, hätte das Bäumchen 70 Tage gebraucht. Mühlenweg spürte den eisigen Hauch einer technischen Weltbeschleunigung. Der schwedische Geologe Nils Hörner schwärmte noch nach Jahrzehnten von dem Bäumchen „that just had come from heaven“. Er hatte an jener Weihnacht 1931 am Edsingol auch zahlreiche frischgemalte Aquarelle an der Zeltwand gesehen. Der Kaufmann Mühlenweg, dem die Familie in Päckchen einen Malkasten nachschickte, hatte in der Gobi etwas erlebt, was er als seine Berufung zum freien Künstler deutete. Malerei wurde nach seiner Rückkehr nach Europa der Anfang.

Hier könnte es zum Buch gehen, 4. Auflage 2011:

http://www.libelle.ch/backlist/909081400.html

Das Haus

Ein Brief aus New York: Kurt Wolff, der bei Pantheon Books "Big Tiger and Christian" verlegt, kündigt seinen Besuch in Allensbach an. (Felder-Archiv, Bregenz)

 

Eine Unterschrift ohne Berufsbezeichnung

Am 7. Januar 1935 unterzeichnen Fritz und Elisabeth Mühlenweg in Gailingen den Mietvertrag für das Haus am Allensbacher Ortsrand: 6 Zimmer, Küche Kellerräume, eingebautes Bad mit WC.  Zum Haus gehörig: 1 Waschkessel, 1 Ofen im Gartenzimmer, 1 Herd mit Zentralheizung. Das ist fortschrittlicher Komfort in einer Zeit, da selbst in Konstanz noch der Alltag in vielen Wohnungen mit Plumpsklo und Zimmeröfen stattfindet.

Inklusive Garten zahlen sie 75 Reichsmark Miete, ein moderater Preis. Die Mühlenwegs unterzeichnen beide – das ist kein unwichtiges Detail in einem Jahrhundert, in dem Männer ihre Ehefrauen noch lange wirtschaftlich entmündigt halten. Dass sie im Gegensatz zum Vermieter („Apotheker Dr.“) keine Berufsbezeichnung in den Vertrag setzen können, zeigt ihren ungewissen sozialen Status.

Sie werden sich ihren Status erst erarbeiten und sie tun das beharrlich und erfinderisch: In den ersten drei Jahren werden sie sich mit Otto Dix und seiner Familie in Hemmenhofen befreunden, sie werden mit neu gewonnenen Freunden in Konstanz – mit Rohland, Rihm, Biehler –  eine eigene Künstlergruppe zur Vermarktung ihrer Bilder gründen, Elisabeth Mühlenweg wird im Konstanzer Kunstverein eine Einzelausstellung haben und Fritz aktiviert seine alten Sportsbeziehungen, um zu einer Öffentlichkeit zu kommen. Seine ersten Vorträge über Sven Hedin und die Mongolen werden vom Ruderverein in Konstanz und dem Alpenverein in Singen organisiert.

 

Raumaufteilung, Beziehungsarbeit

 

Der im Architektenplan als „Bügelzimmer“ nach Süden gehende Souterrainraum wird sogleich zu Elisabeths Atelier. Auch dies keine Selbstverständlichkeit. „A room of one‘s own“: Virginia Woolfs Essay über das eigene Zimmer als Vorbedingung für die Entfaltung weiblicher Produktivität war im fernen England gerade erst publiziert. In Allensbach kennen sie ihn noch nicht, und Mühlenwegs Buchhändlerfreund in Konstanz war inzwischen Nazi geworden und hätte den Text schwerlich besorgt.

Nein, dieses Künstlerpaar experimentiert aus eigenem Antrieb in einem Beziehungsgefüge von Gleichberechtigten. Mit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung freilich: Über das Stopfen von 46 wollenen Kinderstrümpfen ist aus Elisabeths Briefen zu erfahren. Fritz schreibt davon, wenn er 30 Ster Holz im Wald bearbeiten muss.

Er nimmt mit einem 9qm-Zimmer im Hochparterre vorlieb, dort beginnt er auch zu schreiben. In diesen frühen Allensbacher Jahren übersetzt er die ersten Gedichte aus dem chinesischen „Shijing“ – ein bezeichnender Zufall hatte ihn auf das Thema gebracht, der mit seinen ruhelosen Jahren in Asien zusammenhängt. Ein chinesischer Student, dem er während der letzten Expedition Deutsch und einiges über deutsche Kultur beigebracht hatte, schickte ihm als Hochzeitsgeschenk das “Book of Poetry”, eine englisch-chinesische Ausgabe der ältesten Liedersammlung Chinas. Es wird 10 Jahre dauern, bis eine schmale Auswahl seiner Übertragungen  als „Tausendjähriger Bambus“ zum Buch werden.

Er schreibt in jenen kurzen Jahren vor Kriegsbeginn auch ein chinesisches Theaterstück (das von Theatern abgelehnt wird), er schreibt eine Kindergeschichte um das Mädchen „Nuni“ –  von Verlagen zurückgeschickt, lässt er den Text erst einmal 15 Jahre in der Schublade. Und er beginnt kurz vor Kriegsbeginn einen zeithistorischen Roman über den Mongolenführer Dampignak  – leider nur hundert gute Seiten, dann merkt er, dass er sich zu viel vorgenommen hat (aus dem Nachlass veröffentlich in „Drei Mal Mongolei“).

 

Allensbach, von New York aus gesehen

Das Haus mit seinen ohnehin nicht großen Zimmern wird in den Jahren darauf immer enger und die Nutzung der Räume fließend. Kinderbetten wandern im Haus, wenn Kinder krank sind. Befreundete Kinder kommen hinzu – Christian Reindl, Bettina Dix-Pfefferkorn und andere erzählen noch heute davon.  Jährlich wiederkehrende Besucher aus Schweden,  Österreich, Frankreich, die tage- und wochenlang bleiben, fordern zusätzliche Flexibilität.

Nach der Geburt des dritten Kinds wird Mühlenweg bei einem Nachbarn einen ungeheizten Raum als Atelier benutzen können. Ab 1940 trennt ihn ohnehin der Krieg vom Familienleben.

Als Mühlenwegs Mutter Elise im dritten Kriegsjahr stirb, kommt nicht nur deren Haushaltshilfe ins Haus; Mühlenweg kann mit einem Erbteil dem Gailinger Apotheker, der inzwischen in Allmannsdorf im Ruhestand lebt, das Haus mit seinen 13 Ar Gartenland abkaufen. Mit einer größeren Anzahlung und vereinbarten Ratenzahlungen bis weit über Kriegsende hinaus.

Im Jahr 1948 wird endlich eine bauliche Erweiterung um zwei Zimmer möglich (– der Architekt Berthold Schwan nimmt Bilder statt eines Honorars). Damals leben zehn Menschen im Haus, noch ist die jüngste Tochter Sabine nicht dabei. Und wenn es abends still wird, schreibt der Familienvater an einer Geschichte, die zu einem Roman wächst, er wird noch zwei Jahre später daran schreiben.

Als 1952 der New Yorker Verleger Kurt Wolff auf den Mühlenweg-Bestseller im Verlag Herder aufmerksam wird und den Autor besuchen will, fragt er zunächst an: „In meinem alten Baedeker kann ich Allensbach nicht finden. Wo liegt es genau, was waere die naechste Bahnstation?“.

PS: Ab Sommer 2012 ist im Museum der Architektenplan des Allensbacher Hauses an einer Wand zu sehen, unweit des raumgreifenden Originalschreibtischs. Man soll die Enge dort spüren können. Auf dem Plan sind bei manchen Zimmern Zitate montiert. Eines beweist, dass kein Raummangel die legendäre Gastfreundschaft der Mühlenwegs beeinträchtigen konnte: „Zum Fasnachtsmontag haben wir die ganze Familie Dix eingeladen, wer von uns dann in der Waschküche schlafen wird, wissen wir noch nicht, denn wie Mama, Elisabeth und Lotte sich die Übernachtung denken, habe ich noch nicht erfahren können.“ Fritz Mühlenweg, Brief im Januar 1948 an Sohn Christian. (Familie Dix ante portas:  Otto, Martha, Nelly, Ursus und Jan.)