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La Rochelle, von Bordeaux aus

Sommer 1944, Insel Reichenau: Elisabeth (links) mit Kindern bei Fritz Mühlenweg, Hilfszöllner. Am rechten Bildrand: Tami Oelfken. (Unbekannter Fotograf, Felder-Archiv, Bregenz)

Das Mühlenweg-Museum. Seit der Eröffnung vor acht Wochen war ich nur einmal wieder dort, weil noch eine Führung für Vermieter von Touristenzimmern anstand.
Die ersten erfreulichen Einwände kamen auch schon, interessant. Einer Besucherin fiel auf, dass die ausgestellten Ski nicht die gewesen sein können, die Mühlenweg in der Gobi mit dabei hatte: die Skier auf den Fotos aus China sind stärker gebogen. (Prima beobachtet; deshalb ist die Legende in der Vitrine auch betont knapp gehalten, denn die Nachbarin der Mühlenwegs, die seine Ski aufbewahrt hatte, konnte nichts Genaueres über deren Alter sagen.)
Ebenso erfreulich: die Geschichte jenes spanischen Touristen, der eher zufällig ins Museum ging, als er das Mongolen-Foto im Bahnhof sah. Er kam nach reichlicher Zeit wieder aus den Räumen zurück, verblüfft darüber, dass er einem Lieblingsautor seiner spanischen Kindheit wieder begegnet war. Seine Ausgabe der 50er-Jahre ist im „Literatur-Raum“ in der breiten Schublade mit sieben anderen Übersetzungen ausgestellt:

En misión secreta a través del desierto de Gobi, 4 Bände
Bd. 1: Monte-de-Brújula y Gran-Tigre, 316 Seiten Bd. 2: Hacia el Edsin-Gol, 260 Seiten Bd. 3: Dampignak, 348 Seiten Bd. 4: Hacia Urumchi, 271 Seiten
Herder, Barcelona 1956 Übersetzung: Juan Godó Costa, Vorwort: Sven Hedin Illustration: María und Erwin Bechtold.

Ich bleibe also erstmal dort weg. Technik des Loslassens. Das Museum soll sich ohne Overcontrolling (des Erfinders? Bestückers? das Wort Kurator klänge grausam prätenziös…) fortentwickeln. Nun aber hat sich der Elektriker Pius Wehrle, der die Installationen im Museum betreute, eines Bilds erinnert, das seine Eltern einst von Fritz Mühlenweg bekamen. Er stellt das Aquarell dem Museum zur Verfügung, und Claudia Gnädinger, die weiterhin die Gestaltung verbessert, braucht eine Legende.

Es braucht eine Beschriftung

Eine Hafenansicht, französisch, signiert mit „FM 41“. Die mündliche Überlieferung weiß, dass es La Rochelle darstellt, in der Gegend dort war der Allensbacher Fritz Wehrle als Leuchtturmwächter der deutschen Besatzungsmacht eingesetzt.
Über Fritz Mühlenwegs Zeit am Atlantik konnte im Museum ohnehin nichts ausgestellt werden. Eine gute Gelegenheit also, mit diesem Bild knapp die Umstände anzudeuten.

„Fritz Mühlenweg, Hafen von La Rochelle (Aquarell, 1941; Leihgabe von Familie Wehrle)   Seit Juni 1940 ist Mühlenweg u. a. als Dolmetscher zum Zolldienst nach Bordeaux abgeordnet. Im April 1941 kann er im Rahmen eines “Arbeitsurlaubs” in La Rochelle und an der Atlantikküste malen. Er erprobt sich in der Aquarelltechnik.

Den Hafen mit seinen Türmen malt er mehrfach, nicht nur wegen der romantischen Ansicht: Seine Vorgesetzten wollen Bilder für ihre Büros, sie sollen Gebäude und Landschaften berücksichtigen, die für den Grenzschutz der besetzten Gebiete bedeutsam sind.
1947 wird das Bild ein Hochzeitsgeschenk für den Allensbacher Fritz Wehrle, der wie Mühlenweg am Atlantik stationiert war.“

Aus dem historischen Bildraum

Kein Platz war in der Legende für den größeren Hintergrund. Mühlenwegs Frau erwartet in Allensbach ihr fünftes Kind, das im März 1941 zu Welt kommen soll. Seit Monaten versucht der Maler, der in Bordeaux neben öden Büroarbeiten auch wegen seiner Französischkenntnisse im Außendienst eingesetzt wird, wieder an den Bodensee zurückzukommen. Es werden ihm wenig Hoffnungen gemacht: Die Wehrmacht braucht Soldaten an den neuen Fronten auf dem Balkan und in Griechenland, Hitler plant mit seinen Generälen bereits den Angriffskrieg auf die Sowjetunion; an der gesicherten Atlantikküste entlasten die älteren Zollhilfskräfte die Besatzungstruppen.
Zudem will ihn sein Chef nicht mehr missen, er schätzt Mühlenwegs zuverlässiges Arbeiten, hintertreibt womöglich dessen Versetzungswünsche sogar.

Unverhoffte Malerferien mitten im Krieg

Als im Februar 1941 ein weiterer Antrag abgelehnt wird, bekommt Mühlenweg stattdessen einen „Arbeitsdienst“ als Freizeit, die nicht mit dem Urlaub verrechnet wird. Bei einer Inspektion ist an seiner Wand ein Blumenaquarell und überhaupt seine Malkunst aufgefallen. Er soll im nächsten Grenzschutz-Kommando Royan malen, 10 bis 14 Tage lang. Von seinen Bildern, die diskret Anlagen des Grenzschutzes oder Uniformierte zitieren sollen, will die Behörde bei Gefallen etwas ankaufen, sonst kann er arbeiten, was er will.
Die Aquarelle wecken bald Begehrlichkeiten bei mehreren kleinen Chefs, auch braucht man ein Geschenk für den Generalinspekteur. So kommt Mühlenweg zu fast sechs Wochen Malerurlaub, nach Royan noch in den Stützpunkten La Rochelle und Le Sables. Er genießt diese erste Möglichkeit seit mehr als einem Jahr, wieder jeden Tag zu malen. Von den gut zwei Dutzend Aquarellen hält er nur wenige für gelungen, das schreibt er in Briefen an seine Frau Elisabeth, die in Allensbach sonst seine kritische Instanz ist.

“Er ist nicht böse” (Kindermund in La Rochelle)

Ein seltsamer Deutscher. Die für die Besatzungsarmee gezeigten deutschen Filme sind ihm zu langweilig, er geht lieber in die kleinen Kinos und sieht sich die neuen Filme mit Sascha Guitry an. Als er für seine Frau ein Kleid aus schwarzer Spitze kauft, sagt ihm die Verkäuferin ganz verwundert: er sei der erste Deutsche, schwarzer Stoff erscheine sonst nur den Franzosen als chic. In den Straßen von La Rochelle spricht sich bei den Kindern rasch herum: „Il n‘est pas méchant“; worauf er ein Dutzend von ihnen im Gefolge hat, die er bald alle mit Namen kennt – an solchen Tagen leidet die Malerei im Freien ein wenig…
Und er will vor der Rückkehr nach Bordeaux in der Gegend unbedingt noch die Villa von Clémenceau besichtigen, jenes entschiedenen Journalisten, Dreyfus-Verteidigers und furios deutschfeindlichen Politikers, der ihn so fasziniert, dass er einige Zeit lang mit dem Plan einer Biographie umgeht.

Kriegsende am See

Die übrig gebliebenen Aquarelle konnte Mühlenweg schon im Mai 1941 an den Bodensee mitnehmen. Beim Grenzamt Konstanz hatte sich ein Ersatzmann gemeldet, der lieber in Bordeaux Dienst tun wollte. Bis zum Ende des Kriegs, den man sich damals für 1942 erhoffte und der doch vier weitere grausame Jahre lang fortdauern sollte, ging Fritz Mühlenweg in Meersburg, auf dem Schienerberg und in Konstanz auf Patrouille; seine Familie konnte er nur sonntags besuchen.
In Grenzeruniform ist er im Museum auch zusehen, mit Elisabeth und den Kindern auf einem Bootssteg der Reichenau, im Hintergrund das Löchnerhaus. Am rechten Bildrand: Tami Oelfken. Im Raum „Seitenblicke“ gibt es eine Schubladen-Vitrine über Schriftstellerin Tami Oelfken, die nach Schließung ihrer Berliner Reformschule und Berufsverbot durch Deutschland irrte und schließlich in Überlingen unterkam. 1944 feierte sie bei den Mühlenwegs Weihnachten, die „Malerfreunde in Allensbach“ nennt sie auch in ihrem 1946 erschienenen Bericht über die Jahre ihrer Inneren Emigration („Fahrt durch das Chaos“).

Der Adler ist gelandet, fliegt weiter

MühlenwegMuseum – Literatur-Raum: Von den Manuskripten bis zum mongolischen Image (Foto Claudia Knupfer, Konstanz)

Am 22. Juni 2012, also vorgestern, wurde in Allensbach das Mühlenweg Museum eröffnet. Mehr als 200 zum Teil von weit her angereiste Gäste erlebten eine heitere Feier und am Samstag einen Tag der offenen Tür. Die Führungen durch die sechs Räume des Museums im Bahnhofsgebäude waren, vorsichtig gesagt: überaus gut besucht…

Mir wurde da besonders leicht ums Herz, denn hier kam etwas zu einem Ende, das damit begonnen hatte, dass in Allensbach etwas zu wörtlich verstanden wurde. 2006 hatte ich die Allensbacher Ausstellung mit Gemälden von Fritz und Elisabeth Mühlenweg mit einer Rede in der rhetorischen Figur eines Gangs durch ein noch nicht existierendes Mühlenweg-Museum eröffnet.

Ehrlich, ich hatte es nicht ernst meinen können, weil ich soviel überschüssige Hoffnung dann doch nicht wagte. Aber Sabine Schürnbrand vom Kultur- und Touristik-Büro nahm meinen Vorschlag auf, überzeugte ihren Bürgermeister und 2008 wurde ich gefragt, ob ich die Konzeption des Museums übernehmen würde.

Es gibt Fragen, die kann man nicht abschlägig beantworten, nur weil man sich etwas nicht zutraut. Zwei Räume im engen Heimatmuseum waren vorgesehen. Kein gutes Ambiente für einen Autor solcher Weltoffenheit. Glücklicherweise wurden im Sommer 2009 Räume im alten Bahnhof frei. Ich machte ein Konzept, von dem die Gestalterin später behauptete, es hätte einen Louvre füllen können. Die Allensbacher haben mich dann downgesized, ein herber und hilfreicher Prozess. Um die Jahreswende 2011/12 wurden die Räume renoviert. Dass bis zum Juni nun alles, oder fast alles, fertig wurde, gehört zu den Wundern dieser Welt.

Mit dieser Rede am 22. Juni versuchte ich die Hintergründe des Wunders zu beleuchten. (Für alle, die nicht dabei waren:)

 

„Der Adler ist gelandet“ 

Meine Damen und Herren, Freundinnen und Freunde des Autors, liebe Familie Mühlenweg,

mit diesen Worten, die einst ein Astronaut kurz vor seinem ersten Schritt auf den Mond gesprochen hat, ist die Gefühlslage dieses Tags wohl am besten umschrieben. Eine Erleichterung, eine überirdische. Der Satz kommt noch aus dem Jahrzehnt, in dem Fritz Mühlenweg gestorben ist, jener Mann, der einem kleinen Mädchen namens „Nuni“ eigens hilfreiche Nachtgestirne vom Firmament geschickt hat, damit es wieder nach Hause finden konnte. Dass Heimwege gelingen können, nach den Ängstigungen der Weglosigkeit: das gehörte zu seinem Erfahrungswissen. Die Mühlenweg-Leser unter Ihnen werden es verstehen können: Auch beim Gang durch die Alltagswüste dieser Museumsentwicklung ist öfter das Mantra aus Ergebenheit und Zuversicht aufgesagt worden: „Es gibt keine Hilfe“ – „Keine Besorgnis deswegen.“

„Der Adler ist gelandet“: Das passt. Die Eröffnung eines Museums bietet die Schwelle, an der man die Mühen der Planung, den öfter verschobenen Start, den von allerlei Meteoriten-Schlägen begleiteten Flug so langsam vergessen kann. Was haben wir Raketenstufen verglühen sehen, Ideen, Stoff, Architekturdetails, die uns eine Zeit lang Schub gespendet hatten, die wir aber hinter uns lassen mussten, damit der Weiterflug gelingen konnte. Wer die Konstruktion von Erinnerung ernst nimmt, muss sich von Ballast lösen können.

Noch beim Landeanflug kam es zu kleinen Wundern… Landeanflug? Gemeint sind die heiteren Chaostage, als es um die Feinanpassung der Texte in knappen Räumen ging. Claudia Gnädinger musste ja irgendwie noch meine ca. 150.000 Buchstaben über Leben, Werk und Epoche sowie die paarhundert Fotos und Exponate gestaltend verteilen, in ihrer Kunstlandschaft aus Bildschirmen, Vitrinen und den Lesezeichen an der Wand. Und welches Erlebnis dann, als uns Freddy Overlack, der Meisterschreiner aus Radolfzell, – nebenbei: ein Mühlenwegfan –, in den frisch renovierten Räumen noch schöne und praktikable Lösungen vorschlug. Auch jene geschrägte Wandvitrine im „Asienraum“, die Ihnen anschaulich machen soll, wie Mühlenweg von Kamelmännern durch Zuhören und Nachfragen Mongolisch lernte…

…denn das ist ja der Wunsch, der hinter diesem Angebot namens Museum steht: dass beim genaueren Anschauen eines beleuchteten Steigbügels, einer handgeschrieben Wörterliste, beim Lesen einer Seite des Expeditionstagebuchs, aus dem Puzzle sich die Ahnung eines Gesamtbildes fügt – eine Ahnung davon: welche Beharrlichkeit, welche vorurteilslose Neugier dieser Mann vom Bodensee erst entwickeln musste, dieser Aussteiger aus einem wirtschaftlich gebeutelten Europa, dieser zu rascher Flucht bereite Körpermensch…

…  bis der westliche, der abgleichende Blick dieses Fritz Mühlenweg eine neue Art des Sehens lernte und er selbst empfänglicher wurde: bis hin zu jener „Bereitschaft des Herzens“, die seiner literarischen Kulturvermittlung später den Grund gab. Er hatte in der Wüste unter Schweiß, Kälte, Langeweile, Glück, Neugier und Staunen etwas erfahren, das hielt sich nach seiner Rückkehr als Sehnsuchtsbezirk, das wollte er sichern.

 

 All Age

Die Gestaltung seiner neuen Sehweise suchte er als Maler, aber erst als Schriftsteller fand er zu jenem Stil aus humorvoller Leichtigkeit, leiser Spannung, Schlichtheit und Ernst, der ihn unverwechselbar macht. Unter kräftig anschwellendem Lebenslärm von sieben Kindern, ohne literarische Theorien und Lautsprecherei, auch ohne die Pfauentänze des Literaturbetriebs, hat er sich von seinem Haus in Allensbach aus an einen Brückenbau gemacht.

Dieses enge, immer gastfreundliche Haus hat nun einen eigenen Museumsraum bekommen, erinnert mit dem wuchtigen Schreibmöbel an die Umtriebigkeit, in der das Künstlerpaar Mühlenweg eine gemeinsame Produktivität entwickelte; lässt auch die Enge spüren, die sich Fritz Mühlenweg weit machen konnte im Schreiben seiner Fantasiereisen, hin zur inneren Landschaft seiner Mongolei. Er fasste sie in einer Erzählweise, die das Zuhören seiner eigenen Kinder miteinbezog. „All-Age“, für alle Altersstufen, nennen wir solche Kunst der literarischen Kommunikation, sie ist unprätentiös und sie bleibt ihren Lesern noch nach Jahrzehnten.

 

Ein Roman, nach 60 Jahren

„I will be happy to write you about my fitfy-five-year-long love affair with Big Tiger and Christian“.

Vor kurzem erreichte uns dieser Satz in der Mail eines Landkarten-Spezialisten aus North Carolina. Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist Denis Wood die amerikanische Mühlenweg-Ausgabe ein Lieblingsbuch. Einer seiner Studenten, Brad Houk, schickte uns sogar seine umfangreiche Magisterarbeit im Fach Geographie („Big Ger and Little Brad: Their Adventures in China“), über die Abenteuer auf der Strecke von Peking in Richtung Urumtschi. Er war begeistert von „Big Tiger and Christian“ mit einem Freund per Fahrrad losgefahren..

Die Strahlkraft seines Romans könnte noch an vielen Beispielen gezeigt werden. Neulich verabschiedete sich die Mongolistik-Professorin Veronika Veit in der Rede bei ihrer Emeritierung in Bonn mit einem Zitat von Fritz Mühlenweg – denn durch seinen Roman war sie einst zum Thema ihres Lebens gekommen. Und wer in den letzten Wochen Brigitte Kramers Film über Ulrike Ottinger gesehen hat, weiß aus der Episode, die im Mühlenweg-Haus in Allensbach gedreht wurde, wie entscheidend sein Roman und eine frühe Begegnung mit dem weitgereisten Autor für die Heranwachsende geworden war.

 

 Ein Allensbacher Ruhmesblatt

Dass diese Allensbacher Raumstation einem Werk gilt, das seinen Flug in mehr als einem Kontinent noch fortsetzt, war beim Museumsmachen mit die stärkste Motivation. Dieser Adler fliegt noch weiter. Er hat nun aber eine feste Basis, in Allensbach, einem besonders freundlichen Himmelskörper.

Was nun folgen muss ist der Lobpreis auf Allensbach. – Ich brauche da nichts erfinden. In dem sozialen Experiment unterm Arbeitstitel „Jeder von uns macht zum ersten Mal ein Museum, aber keiner soll‘s merken“, zu dem mich die Gemeinde hier vor Ort lockte, hat mich besonders dieser hervorragend moderierte politische Prozess beeindruckt: wie die Verantwortlichen im Gemeinderat unter ebenso entschiedener wie geduldiger Befürwortung ihres Bürgermeisters Helmut Kennerknecht zum Beschluss kamen: Ja, so viel ist es uns wert, dieser Mühlenweg ist einer, auf den wir stolz sein können, der taugt mit seinen Brüchen, seiner Eigeninitiative, den kühnen Richtungswechseln und der Beharrlichkeit seiner Anstrengung als ein Vorbild. Ein Gehäuse für ein Lebenswerk, von dem auch weiterhin wünschbare Weltsichten ausgehen. In Marbach ließ sich der Leiter der literarischen Gedenkstätten Baden-Württembergs, Jochen Schmidt, von der Initiative der Gemeinde Allensbach für einen Autor, der bislang vom offiziösen Kanon vergessen worden war, überzeugen: Das Mühlenweg Museum wurde ins Marbacher Förderprogramm aufgenommen, zu dem auch die Museen für Johann Peter Hebel in Hausen, Hermann Hesse in Gaienhofen, Wieland in Biberach und Jünger in Wilflingen gehört.

Sie haben nun mit einem stabilen Ort für die Erinnerung einen Gegenpol zum rasanten Gemenge der Instabilitäten unserer Jahre eingerichtet. Mühlenweg wird nicht in die Cloud ausgelagert, nicht einfach in Servern abgelegt. Einiges Wichtige über ihn bleibt in gesicherter Form zugänglich, hier in Allensbach und an 5 Tagen der Woche, im Real Life.

 

Noch einmal: Schreibhandwerk zu Zeiten des Papiers

Im Übergang zwischen zwei Räumen haben wir dies zu einem ganz harmlos aussehenden Thema gemacht: Dort wird gezeigt, beginnend mit Mühlenwegs allererster Romanseite, handgeschrieben, vielfach verändert, sowie über zwei weitere Manuskriptstufen und Lektoratsbriefe bis hin zum gedruckten Buch – noch einmal  wird gezeigt, wie Schreibhandwerk und Literatur in den Zeiten des Papiers und der gefestigten Verlage möglich wurden. Wer von uns über 40 ist, für den war‘s das einzig Vorstellbare.

All das werden in Kürze aber Museumsbesucher sehen, denen unsere digitalen Aufschreibesysteme die Mühen der Handschrift komplett abgenommen haben, die ihre Korrekturversionen nicht mehr sichern und überliefern, und die ihre Texte auch ohne die Hilfe von Verlagslektoren selbst publizieren können.

 

 Wohlwollen von weit her

Ich komme sehr langsam zum Schluss. Es braucht noch eine kleine Tour, auf der deutlich wird, welches Wohlwollen von Außen dieses Werk ermöglicht hat und welche neuen Fäden Allensbach nun mit einer größeren Welt verbinden.

Aus Stockholm, von der Sven Hedin Foundation, kam die Erlaubnis, dass wir im Museum den Expeditionsfilm zeigen dürfen. Sie werden, Willy Meyer sei Dank, Ausschnitte auf den Bildschirmen des Asien-Raums sehen, auch: wie effektvoll der Filmemacher Paul Lieberenz  1927 die Mühen und Freuden der Expedition inszenierte. Sie werden sehen, dass er den immer auch zu Jux aufgelegten jungen Mühlenweg dazu brachte, nur für die Kamera mit seinen Skiern eine Abfahrt auf Sanddünen der Gobi zu mimen.

Lieberenz hat einen der letzten Stummfilme gemacht, und wie vielsagend ästhetisch schöne Bilder dann doch noch werden könnten, sei an diesem einen Beispiel angedeutet: Neben Mühlenweg werden Sie einen Mann in Lederhosen sehen, der den Jux auf den Skiern mitgemacht hat. Das war Franz Josef Walz, einer der höchstdekorierten Kampfflieger im 1. Weltkrieg, im Privatleben ein hurmorvoller Bayer. Mit ihm hat Mühlenweg zwei Jahre nach der Expedition noch Auswanderungspläne geschmiedet, beide wollten weg aus Deutschland. Ein sensibler Pfundskerl, den die Mühlenweg-Kinder umschwärmten, als er sich 1941 eine Woche lang im Allensbacher Haus erholte – kurz bevor er in Hitlers Armee zum Generalleutnant befördert wurde.

Soviel zu: Stockholm und Allensbach.

Fäden gibt es auch von Mannheim her: Ich suchte ein Foto von der Verleihung des ersten Deutschen Jugendbuchpreises, Mühlenweg nahm 1956 als Übersetzer des amerikanischen Bestsellers „Der glückliche Löwe“ die Auszeichnung in der Sparte Kinderbuch entgegen. Der jungen Bundesrepublik war der Preis so wichtig, dass Bundespräsident Heuss anreiste. Vom hilfreichen Stadtarchiv Mannheim bekam ich eine Fotoserie übermittelt, nicht nur mit den strahlenden Herren Heuss und Mühlenweg beim Handschlag … – da war auch ein ganz unerwartetes Bild, auf dem geht eine inzwischen weltbekannte Frau auf den Papa Heuss zu: trotz Hut unschwer zu erkennen als Astrid Lindgren. Für „Mio mein Mio“ bekam sie damals einen Ehrenpreis. Ja doch, das Foto mit Lindgren ist auch in unserer Vitrine, neben der Speisekarte jenes Abendessens, auf dem Sie nachlesen können, was im kleinen Kreis mit dem Bundespräsidenten geschmaust wurde.

Im Raum daneben, unterm wandfüllenden Foto jener Konstanzer Drogerie, von der sich Mühlenweg in die Gobi absetzte, können Sie in zwei dicken Bänden eines Drogistenhandbuchs blättern: beim Verfasser dieses Werks hatte Mühlenweg 1921 an der Braunschweiger Drogistenakademie gelernt. Wer die Seiten wendet, kann ahnen, mit welchem naturwissenschaftlichen Feinblick dieser Drogist in die asiatische Steppe und Wüstenwelt kam. Auch in diesem Buch haben wir dann, wie an manchen Orten des Museums, Sächelchen versteckt, geduldige Betrachterinnen werden sie finden. In diesem Fall einen Mühlenweg-Brief, den das Stadtarchiv Braunschweig bewahrt hat: ein hocherfreuter Allensbacher Autor bedankt sich darin für die Nachricht, dass Braunschweig ihn mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis auszeichnen wollte.

 Mühlenweg nach 2000

Allensbach hat nun ein feine Station, sie kreist auf einer Satellitenbahn von Museen, die ihre sorgsam ausgewählten Fäden für die Textur öffentlicher Erinnerung beisteuern.

In einem noch nicht recht vorstellbaren Ausmaß kann die Station eine Zukunftsinvestition sein. Denn gerade erst beginnen Menschen in der Mongolei und in China sich für Mühlenwegs Bücher zu interessieren, finden in ihnen die dichterisch genauen Bilder einer früheren Zeit, finden eine Fantasiesprache, die noch in ganz anderen Kulturen verstanden wird.

Aus Ulaanbaatar bekamen wir für das Thema „Mühlenweg nach 2000“ den Scan einer Zeitungsseite vom 12. Mai 2012. Der Bericht über ein Kinderferiendorf, ein Foto zeigt, wie ein Saal voller Kinder auf ein hochgehaltenes Buch schaut: Die mongolische Ausgabe von Fritz und Elisabeth Mühlenwegs letztem Kinderbuch „Der Familienausflug“.

Allensbach-Ulaanbaatar also. Für den Herbst haben sich Besucher von dort angesagt.

Vom Familienarchiv zum öffentlich zugänglichen Fundus

Die ganze Station aber wäre nicht einmal ins Stadium schöner Träume gelangt, wenn nicht hier in Allensbach über Jahrzehnte hinweg von den Kindern des Autors das künstlerische Erbe bewahrt und durch Suche sogar noch vermehrt worden wäre. Privatinitiative einer Familie mit Dankbarkeit, Geschichtsbewusstsein. Es waren Regina und Sabine Mühlenweg, die diesem Fundus Sorge trugen. Ich habe seit 1991 von ihrer Großzügigkeit profitiert, mit der sie mir Einsicht in Werke, Notizen und Briefe gewährten. Und als sich die Mühlenwegs vor fünf Jahren entschlossen, den Nachlass im Literaturarchiv des Landes Vorarlberg zu sichern und so einer professionellen Erschließung zugänglich zu machen, wurde Fritz Mühlenweg auch auf neue Weise im Netz sichtbar.

Dank ans Bregenzer Felder-Archiv

Bei Ihrem Rundgang im Museum, meine Damen und Herren, werden Sie an den sehr vielen Nachweisen sehen, in welchem Maß das Vorarlberger Felder-Archiv unser Museum begünstigt hat. Ich habe da persönlich meinem Freund Jürgen Thaler zu danken, der mit erheblicher Geduld meine Arbeit begeleitet hat und dann auch die Wünsche nach Exponaten erfüllte: Mühlenwegs Schreibmaschine, der hölzerne Diakasten mit den Glasdias für seine Vortragsreisen, die Faksimiles seiner Manuskripte und vieles andere. Von der Aufgeschlossenheit der Vorarlberger für einen tätigen Zusammenhang der Bodenseekultur, die sich sonst öfter in scheelsüchtig gehüteten Heimatmuseen isoliert, kann nur gelernt werden.

 Fußfall der Verehrung

Aber man übergibt ja selbst einem Felder-Archiv nicht alles. Auch für die Familie Mühlenweg gab es noch Preziosen, der sie mit besonderen Anhänglichkeiten verbunden blieben. Nun haben sie sich fürs Museum von einigen Lieblingsstücken getrennt. Valerie Arias muss in Zürich mit der Lücke zurecht kommen, die der Schreibschrank ihrer Großeltern hinterlassen hat. Ihr Vater Christian Osterwalder spendete das Widmungsexemplar dees „Stiller“, in dem Max Frisch sich bei Mühlenweg mit launigen Worten bedankt.

Kornelia Mühlenweg brachte aus Ivry-sur-Seine einen getrockneten mongolischen Schafskäse – der ist nun unweit der mongolischen Essschale zu sehen, – das Gefäß kommt, wie auch das Originalbild „Pyramus und Thisbe“ von Anna Mühlenweg in Allensbach.

Die großzügige Auswahl unter kostbaren Dingen, die mir Sabine Mühlenweg in Singen ermöglichte, nebst vielerlei Auskünften und Hilfen, wären einen Fußfall der Verehrung wert. Es war für mich, ich gesteh’s, ein besonderer Moment, als ich dort erstmals ein Kinderbuch mit einem handschriftlichen Klebeschildchen des Elf-Zwölfjährigen Fritz sah. Der Titel: „Seereise wider Willen“.

Als er‘s las, konnte dieser Junge nicht ahnen, welch außerordentliche Reisen ihm gelingen würden.

Er hat was rausgekriegt und es uns zurückgelassen.

Allen Beifall für Fritz Mühlenweg!

 

Museum im Bahnhof (III)

In einem Museum bleibt ein Hallraum zurück, den die Besucher nicht mitbekommen. Die Echos der ausgearbeiteten und wieder aufgegebenen Themen. Eines davon: Ich hätte gern im Foyer oder Treppenhaus von Mühlenwegs Verhältnis zum Bahnfahren erzählt.

Ein Foto, das die Familie Mühlenweg auf dem Heimweg von der Kommunionsfeier im April 1948 zeigt, im Hintergrund das Allensbacher Bahnhofsgebäude, in dem nun das Museum beheimatet ist. Man hätte folgenden Text dazu gelesen:

Fritz Mühlenweg lehnte Autos ab. Dass exakte Fahrpläne, wie er sie von Deutschland her kannte, nicht überall zu erwarten waren, lernte er in Asien.
Bahnfahren schätzte er als geselliges Reisen. Im Februar 1927 zum Beispiel von Berlin nach Moskau und mit der Transsibirischen bis Peking, 14 Tage lang und über 10.000 km weit.
Als Autor machte er später auch seine Lesereisen per Bahn, tausende Kilometer pro Jahr: vom Allensbacher Bahnhof aus.

Man hätte eines seiner besonders schönen, Balthus-nahen Originale dazu hängen können: Konstanzer Bahnhof aus einer surealen Perspektive von Kreuzlingen her (1948 gemalt, 65×80 Öl/Leinwand). Im selben Jahr 1948 schrieb er an seinem Roman, den er mit einer unfreiwilligen Zugfahrt in Peking beginnen lässt.

Männerphantasien, Fahrpläne

Als Nebenerzählung, die seine Genauigkeit zeigt, vielleicht auch das Überkontrollierte des in Buchhaltung erfahrenen Kaufmanns, zwei Beispiele von Fahrplanbriefen für geliebte Frauen.
Dazu als gedrucktes Zitat oder gestaltetes Faksimile:

„Ich habe mir schon ein Kursbuch gekauft und daraus gesehen, dass Du am besten mit dem Schnellzug fährst, der 9 Uhr 22 abends in Nürnberg eintrifft. Du müsstest allerdings, soviel ich sehe, früh aufstehen und bis Immendingen Bummelzug benützen:
Freiburg ab 4.41 (8.26?) Immendingen an: 8.59 (11.25)
Immendingen ab: 10.12 (11.27) Stuttgart an: 12.37 (15.04)
Stuttgart ab: 17.51 Nürnberg an: 21.22“

Fritz Mühlenweg aus Berlin an Pierina Zandonella in Freiburg i. Br., 6. Juni 1928. Mühlenweg, soeben von der Mongolei-Expedition zurück, schreibt an seine Jugendfreundin Pierina, die in Freiburg i. Br. studiert. Seit 18 Monaten hat sie ihn nicht mehr gesehen. Er will umgehend ein Treffen in Nürnberg. Pierina sagt ab, will nicht umsteigen; sie hat inzwischen den Mann ihres Lebens kennengelernt.

Ein zweites gedrucktes Zitat oder gestaltetes Faksimile:
„Ich werde also 5.39 am Bahnhof sein und höre, wenn dieser Zug nicht stimmen sollte, dann bin ich 12.53 eben zum zweitenmal dort und Du brauchst mir nicht zu telegrafieren.“ Fritz Mühlenweg, Brief aus Beaucaire an Elisabeth Kopriwa, die von Wien kommen wollte.
Mühlenweg fuhr der geliebten Studienfreundin per Bahn am 29. Juni 1933 vom südfranzösischen Beaucaire aus 300 km entgegen, um sie in Genf abzuholen. Der Zug kam pünktlich. Zwei Monate später heiratete das Paar in Beaucaire.

Ein bahnbegeisterter Grüner?

Wie gesagt, dieses wohl zu assoziative Mosaik blieb unausgeführt. Ich hätte gern diesen konservativen Grünen avant-la-lettre mit dem ziemlich einzigen Technikthema gezeigt, das er lebenslang verfolgte.
Das Motiv, dass Mühlenweg ein überzeugter Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel war, haben wir nun aber im Museum auf einer Wand im „Literatur“-Raum: Dort sind auf einer stilisierten Landkarte fast zwei Dutzend Städte und Städtchen markiert, zu denen er ab 1951 per Bahn und Bus auf seinen wochenlangen Lesereisen fuhr. Bei jedem Ort zwischen Freiburg, Hamburg, München, Graz und Bern kann ein längeres Briefzitat gelesen werden. An seine Frau Elisabeth von unterwegs geschrieben, im Zug, im Gasthaus, zwischen zwei Vorträgen.  Ein ziemlich gehetzter Autor, dem der Verlag während der Reise noch neue Auftrittstermine nachschickte. Sozialgeschichtliche Streiflichter auf die Buchszene der frühen Fünfzigerjahre.
PS.
Pierina Zandonella, die seinen Fahrplan verwarf, hat es heimlich dennoch ins Museum geschafft. Auf einem Foto vor einer Berghütte, vielleicht im Jahr 1925. Wir zeigen dort den jungen Drogisten als Outdoor-Typ, im Achter rudernd, mit Skier im Gletschergebiet der Bernina mit Blick auf die Crast‘ Agüzza und kühn kletternd in den Felsen bei Baoutou (China). Ohne diese Vorgeschichte seiner Körperlichkeit hätte er die Strapazen der Gobi schwerlich durchgestanden.

Museum (II)

Ein Museum: das sind aufgefächerte Einzelheiten, auch einer Epoche. Ein Zusammenhang soll geliefert werden, die Vogelperspektive der Nachgeborenen, mit Konstrukten auf dem jeweiligen Stand der Wissenschaft womöglich.
Die Einzelheiten, Exponate genannt, sind aber bestenfalls Steine in einem Fluss, dessen Wasser schon weiter sind und ein gegenüberliegendes Ufer nicht zu ahnen. Stoff für Tagträume der Betrachter.
Was bei den Besuchern dann Aufmerksamkeit erregt, ist unwägbar. Zuweilen hallt ein schönes Etwas nach, das mit dem Thema der Ausstellung soviel zu tun hat, wie Hühnerkacke mit einem differenziert gebratenen Spiegelei. Vom Besuch des anmutig gestalteten J. P. Hebel-Museum in Hausen bleibt mir seit Jahren: ein mit Gazegespinst verhängter alter Webstuhl in einem Nebenraum, den ich zuerst übersehen hatte. Hebels Vater sei Weber gewesen, war in einer sozialgeschichtlichen Erläuterung zu lesen. Aber dieser Vater starb schon im ersten Lebensjahr des kleinen Johann Peter…

Das enge Haus, in dem ein mongolisches Road-Movie entstand

Manchmal hängt es von Tagesaktualitäten ab, was Menschen im Schauraum in Erregung versetzt. Das war dieser Tage beim Pressegespräch zu sehen, das in den neuen Räumen im Allensbacher Bahnhof stattfand.

Es gibt dort den Raum, den wir „Allensbach“ nennen: Mühlenwegs Lebensumstände der Jahre nach 1935 werden dort angetuscht. Also jene Kontinuitätsleistung, die ihm nach dem Ausstieg aus dem gesicherten Kaufmannsleben, seinen Brüchen, Fluchtphantasien, Auswanderungsplänen ab 1935 gelang: als freischaffender Künstler, der sich zusammen mit seiner Frau Elisabeth die Absatzmöglichkeiten für Bilder, dann auch Texte erst finden musste, als Vater einer auf sieben Kindern anwachsenden Familie; in einem Haus, das von endlosen Besuchertrupps bevölkert wurde.
Wir zeigen den Architekturplan an der Wand, mit Briefzitaten über das ständige Zurechtkommen mit dem engen Wohnraum. Wenn sich die Dix-Familie zu fünft zum Übernachten ansagte, war das eine Freude für alle, und wer in der Waschküche schlafen musste, wurde auch noch geregelt. (Die Besuche der österreichischen Verwandtschaft dauerten länger. Als der beste Freund aus Expeditionstagen kam, Franz Josef Walz, kurz vor seiner Beförderung zum Generalleutnant der Hitler-Armee, blieb er eine ganze Woche: Ein humorvoller Bayer, im Ersten Weltkrieg als Kampfflieger u. a. mit dem „Pour le Mérite“ ausgezeichnet; mit Mühlenweg war in den Felsen bei Baoutou herumgeklettert und beide hatten für den Kameramann Lieberenz Skiabfahrt auf Sanddünen der Gobi gespielt. Walz, den die Mühlenwegkinder liebten.)

An der Wand: ein Original

In diesem Allensbach-Zimmer ist eines der schönsten Originale von Fritz Mühlenweg zu sehen; Öl/Leinwand, 60 x 74 cm. Das Pyramus-und-Thisbe-Motiv, ein Mann und eine Frau, unsichtbar für einander, getrennt durch eine Mauer in einer surrealistischen Landschaft. Er hat es 1955 gemalt, in dem Jahr, als er mit dem Gerstäcker-Preis einen seiner größten öffentlichen Erfolge hatte.
Aber jenes Jahr 1955 hatte mit der schrecklichsten Nachricht begonnen, im Januar war Nelly Dix gestorben, erst 31-jährig. Sie war ihm und seiner Frau die nächste und inspirierendste Freundin gewesen; Fritz und Nelly hielten jeweils als Außenminister die Kommunikation zwischen den Familien aufrecht, wenn wechselseitige Besuche zwischen Hemmenhofen und Allensbach nicht möglich waren. Von den ca. 120 überlieferten Briefen sind 40 vom „Ziehvater“ an die „Ziehtochter“ geschrieben, vom Fünfzigjährigen an die Fünfundzwanzigjährige, viele in einem humorvollen Ton, der gemeinsame Sprachspiele aufnahm. Mit dem Motiv um Pyramus und Thisbe – für Mühlenweg waren Stoffe der klassischen Antike eher exotisch –, hatte sich Nelly Dix in kunsthandwerklichen Arbeiten beschäftigt.

Medienhype

Beim Pressegspräch also war mir, als ob das große Original kaum beachtet wurde. Aufsehen erregte hingegen die viel kleinere Reproduktion eines „Allensbach“-Bilds von Otto Dix an der Wand daneben, in einem Kontext der Freundschaft zwischen beiden Maler.

Idyllischer Untersee mit Zwiebelkirchenturm, der im malerischen Dorf bleibt. Dix hat es 1938 gemalt, auf einem der Malerausflüge mit Mühlenweg am Untersee. Neben dieses Farbbild haben wir einen Dix-Brief montiert, im selben Jahr 38 geschrieben an den Freund in Allensbach. Dix schrieb vermutlich aus Dresden, wo er monateweise lebte. Mit deutlichen Worten über das „Münchner Geschmierz“, womit er wohl auf die Ausstellung „Deutsche Kunst“ anspielte, die parallel zur berüchtigten „Entartete Kunst“ in München gezeigt wurde. Dix, von dem die Nazis viele Dutzend Werke aus den Museen entfernt hatten, schrieb an Mühlenweg: „Bleiben wir die Alten, es lebe die Entartung“.
Um dieses softe Landschaftsbild von Dix also erhob sich ein mehrstimmiges Gespräch, aus dem ich erfuhr, dass es Tage zuvor bei einer Hauswedell & Nolte-Auktion für 220.000 Euronen zu haben war. FAZ müsste man gelesen haben. Bürgermeister Kennerknecht erzählte zudem von einem Anruf, in dem der Gemeinde das Bild zu eben diesem Preis angeboten worden war. Er hatte auf seine professionell karge Weise die passende Antwort: So teuer kommt uns nicht einmal das ganze Mühlenweg-Museum, in dem von einiges Dix zu sehen ist.
Der Tageshype um das Dix-Bild wird abschwellen. Vermutlich werden viele vom „Allensbach“-Raum das imposante Schreibmöbel mit der heruntergeklappten Lade in Erinnerung behalten; man kann dort Schublädchen aufziehen und findet Geschichten. Angeschafft hat es Elisabeth Mühlenweg im Juni 1949 von ihrem Honorar als vielbeschäftigte Illustratorin. Ihr Mann schrieb damals schon über ein Jahr an seinem wild wachsenden Roman um die beiden jugendlichen Geheimnisträger „Großer-Tiger“ und „Kompass-Berg“.

M wie Museum (I.)

Nächste Woche wird es eröffnet. Was ein Museum alles sein kann, weiß ich immer noch nicht. Ein Ort, an dem dieser merkwürdige Könner nun für geraume Zeit nicht mehr verlorengehen kann? Immerhin ist ihm das einmal fast schon passiert: 1991, als ich den ersten Text von ihm aus einem antiquarischen Buch las, gab es im deutschen Buchhandel nur einen, dazu noch gekürzten Roman von Mühlenweg, bei dtv-junior.

Ist das Museum eine stabile Durchgangsstation auf dem Weg zu einer künftig noch viel größeren Bekanntheit? Nicht ausgeschlossen.
Denn es hat eine Drift begonnen, die seine Bücher in die Länder bringt, deren ganz andere Kultur er uns vermitteln wollte. 2011 gab es die mongolische Ausgabe seines Kinderbuchs „Der Familienausflug“, übersetzt von Khulan Khatanbaatar. Und nicht ausgeschlossen, dass im nächsten Jahr die chinesische Ausgabe von „Nuni“ erscheint.

Mit dem Ablauf der Schutzfrist 2031 (nur noch schmale 19 Jahre, nach bisherigem Urheberrecht) wird auch jener ungute Filmvertrag seine Sperrkraft verlieren, der seit 1989 die Verfilmung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ immer weiter verschiebt und so blockiert. Wir hatten in den letzten drei Jahren Anfragen von englischen Filmemachern, auch von einem Hollywood-Profi. Sie hatten die englischsprachige Übersetzung von Isabel and Florence McHugh („Big Tiger and Christian“) gelesen, und den großen Stoff darin gespürt. Es wird – „in der Eile sind Fehler“ – irgendwann eine Verfilmung geben; auch bei Tolkien hat es Jahrzehnte gebraucht.

Literarische Gedenkstätte?

Ist ein Museum eine Kuriositätensammlung? Gewiss auch, wenn man‘s so versteht: dass das Entdecken schöner Einzelheiten eine Neugier entfacht, die dann aufs schriftstellerische Werk aus ist.
Kurios, ja. Von welchem Schriftsteller sonst kann ein Paar uralte Skier ausgestellt werden? Die er, geschultert, auf den Säntis getragen hat, Silvester beim Wetterwart und dann einmal hinab ins Tal… Bretter, die damals noch “Schneeschuhe“ genant wurden und die er auf die Transsibirische mitnahm bei der ersten Reise nach Peking. Mit ihnen lief er im März 1927 dort auf der frisch beschneiten Großen Mauer. Körpergeschichte. Selbstvertrauen in die eigene Kraft und Geschicklichkeit. Witz.

Merkwürdig auch: der Holzkasten mit den 50 großformatigen Glasdias für seine Vortragsreisen – eine Leihgabe des Felder-Archivs in Bregenz. Mühlenweg schleppte ab 1951 zwei solcher Kästen, dazu den Projektor und die Leibwäsche für zwei Wochen mit sich, auf seinen Lesereisen per Bahn. Nach Hamburg, Saarbrücken, Bern, Graz; auch nach Thalmässing, weil ihm von dort jeder Schüler einer Hauptschulklasse einen Brief geschrieben hatte… Seine Erzählungen über die Mongolei zu 100 Schwarz-Weiß-Dias. Er reiste in den letzten Jahren vor dem Fernsehen. Ab 1954 merkte er eine gelinde Enttäuschung bei den Zuhörern: Sie erwarteten bewegte Bilder oder wenigstens farbige.

Max Frisch, keckernd

Kurios auch das Widmungsexemplar von Max Frisch in einer Schubladenvitrine: Frisch schickte ihm den „Stiller“ in der Woche nach einer Begegnung in Braunschweig, wo beiden ein Literaturpreis überreicht worden war. Dazu ein Foto, das gewiss nirgends abgedruckt wurde: auf dem beide ganz unfeierlich feixend lachen. Sehr unpassend in kulturfeierlichem Ambiente der Adenauerzeit.
Dieses Museum gilt ja unter anderem einem sanften Humoristen. Der das Leben ernst zu nehmen gelernt hatte, aber nicht die Welt. Der sich als Leser über die Zähfädigkeit von Selma Lagerlöfs berühmtesten Roman ärgerte, lieber den „Don Quijote“ dreimal las und als Fünfzigjähriger ganz begeistert war von einem Stück Weltliteratur mit dem Titel „Puh der Bär“.

Die Mongolisch-Kladde

Mein Lieblingsding in diesem Museum? In dem von Freddy Overlack – meisterlicher Schreiner in Radolfzell – wunderschön gestalteten schrägen Schaustück im „Asienraum“, direkt neben den Projektionen des Originalfilms aus der Gobi-Expedition, sieht man beleuchtet: Die abgegriffene Kladde, in der sich Mühlenweg die ersten mongolischen Wörter nach Gehör aufschrieb, die er beim Aufsatteln oder an Lagerfeuer bei den Kamelmännern erfragte. Und darunter in eigenem Durchsichtgefäß: ein metallner Steigbügel, seltsames schweres messingschimmerndes, klobiges Ding. Daneben ist die Geschichte zu lesen, in das dieses Ding verstrickt ist:

Sein mongolischer Freund Märin breitete, nach der gut einjährigen gemeinsamen Expeditionszeit auf Hochebene der Gobi und am Edsin-Gol, am allerletzten Tag vor Mühlenweg seine kleine Habe aus und ließ ihn ein Abschiedsgeschenk auswählen. Mühlenweg wusste, dass er in Europa keine Steigbügel mehr brauchte. Aber er wählte das wertvolle Geschenk, weil er so dem Freund seine eigene Wertschätzung zeigen konnte. Dieses schimmernde solitäre Ding nun im Museum, 80 Jahre nach einem Abschied für immer.
Kann ein Museum ein Ort sein, an dem auch Emotionen überliefert werden? Erinnerungen an den gegenseitigen Respekt, in dem sich Menschen unterschiedlicher Kulturen finden können –?

Das Haus

Ein Brief aus New York: Kurt Wolff, der bei Pantheon Books "Big Tiger and Christian" verlegt, kündigt seinen Besuch in Allensbach an. (Felder-Archiv, Bregenz)

 

Eine Unterschrift ohne Berufsbezeichnung

Am 7. Januar 1935 unterzeichnen Fritz und Elisabeth Mühlenweg in Gailingen den Mietvertrag für das Haus am Allensbacher Ortsrand: 6 Zimmer, Küche Kellerräume, eingebautes Bad mit WC.  Zum Haus gehörig: 1 Waschkessel, 1 Ofen im Gartenzimmer, 1 Herd mit Zentralheizung. Das ist fortschrittlicher Komfort in einer Zeit, da selbst in Konstanz noch der Alltag in vielen Wohnungen mit Plumpsklo und Zimmeröfen stattfindet.

Inklusive Garten zahlen sie 75 Reichsmark Miete, ein moderater Preis. Die Mühlenwegs unterzeichnen beide – das ist kein unwichtiges Detail in einem Jahrhundert, in dem Männer ihre Ehefrauen noch lange wirtschaftlich entmündigt halten. Dass sie im Gegensatz zum Vermieter („Apotheker Dr.“) keine Berufsbezeichnung in den Vertrag setzen können, zeigt ihren ungewissen sozialen Status.

Sie werden sich ihren Status erst erarbeiten und sie tun das beharrlich und erfinderisch: In den ersten drei Jahren werden sie sich mit Otto Dix und seiner Familie in Hemmenhofen befreunden, sie werden mit neu gewonnenen Freunden in Konstanz – mit Rohland, Rihm, Biehler –  eine eigene Künstlergruppe zur Vermarktung ihrer Bilder gründen, Elisabeth Mühlenweg wird im Konstanzer Kunstverein eine Einzelausstellung haben und Fritz aktiviert seine alten Sportsbeziehungen, um zu einer Öffentlichkeit zu kommen. Seine ersten Vorträge über Sven Hedin und die Mongolen werden vom Ruderverein in Konstanz und dem Alpenverein in Singen organisiert.

 

Raumaufteilung, Beziehungsarbeit

 

Der im Architektenplan als „Bügelzimmer“ nach Süden gehende Souterrainraum wird sogleich zu Elisabeths Atelier. Auch dies keine Selbstverständlichkeit. „A room of one‘s own“: Virginia Woolfs Essay über das eigene Zimmer als Vorbedingung für die Entfaltung weiblicher Produktivität war im fernen England gerade erst publiziert. In Allensbach kennen sie ihn noch nicht, und Mühlenwegs Buchhändlerfreund in Konstanz war inzwischen Nazi geworden und hätte den Text schwerlich besorgt.

Nein, dieses Künstlerpaar experimentiert aus eigenem Antrieb in einem Beziehungsgefüge von Gleichberechtigten. Mit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung freilich: Über das Stopfen von 46 wollenen Kinderstrümpfen ist aus Elisabeths Briefen zu erfahren. Fritz schreibt davon, wenn er 30 Ster Holz im Wald bearbeiten muss.

Er nimmt mit einem 9qm-Zimmer im Hochparterre vorlieb, dort beginnt er auch zu schreiben. In diesen frühen Allensbacher Jahren übersetzt er die ersten Gedichte aus dem chinesischen „Shijing“ – ein bezeichnender Zufall hatte ihn auf das Thema gebracht, der mit seinen ruhelosen Jahren in Asien zusammenhängt. Ein chinesischer Student, dem er während der letzten Expedition Deutsch und einiges über deutsche Kultur beigebracht hatte, schickte ihm als Hochzeitsgeschenk das “Book of Poetry”, eine englisch-chinesische Ausgabe der ältesten Liedersammlung Chinas. Es wird 10 Jahre dauern, bis eine schmale Auswahl seiner Übertragungen  als „Tausendjähriger Bambus“ zum Buch werden.

Er schreibt in jenen kurzen Jahren vor Kriegsbeginn auch ein chinesisches Theaterstück (das von Theatern abgelehnt wird), er schreibt eine Kindergeschichte um das Mädchen „Nuni“ –  von Verlagen zurückgeschickt, lässt er den Text erst einmal 15 Jahre in der Schublade. Und er beginnt kurz vor Kriegsbeginn einen zeithistorischen Roman über den Mongolenführer Dampignak  – leider nur hundert gute Seiten, dann merkt er, dass er sich zu viel vorgenommen hat (aus dem Nachlass veröffentlich in „Drei Mal Mongolei“).

 

Allensbach, von New York aus gesehen

Das Haus mit seinen ohnehin nicht großen Zimmern wird in den Jahren darauf immer enger und die Nutzung der Räume fließend. Kinderbetten wandern im Haus, wenn Kinder krank sind. Befreundete Kinder kommen hinzu – Christian Reindl, Bettina Dix-Pfefferkorn und andere erzählen noch heute davon.  Jährlich wiederkehrende Besucher aus Schweden,  Österreich, Frankreich, die tage- und wochenlang bleiben, fordern zusätzliche Flexibilität.

Nach der Geburt des dritten Kinds wird Mühlenweg bei einem Nachbarn einen ungeheizten Raum als Atelier benutzen können. Ab 1940 trennt ihn ohnehin der Krieg vom Familienleben.

Als Mühlenwegs Mutter Elise im dritten Kriegsjahr stirb, kommt nicht nur deren Haushaltshilfe ins Haus; Mühlenweg kann mit einem Erbteil dem Gailinger Apotheker, der inzwischen in Allmannsdorf im Ruhestand lebt, das Haus mit seinen 13 Ar Gartenland abkaufen. Mit einer größeren Anzahlung und vereinbarten Ratenzahlungen bis weit über Kriegsende hinaus.

Im Jahr 1948 wird endlich eine bauliche Erweiterung um zwei Zimmer möglich (– der Architekt Berthold Schwan nimmt Bilder statt eines Honorars). Damals leben zehn Menschen im Haus, noch ist die jüngste Tochter Sabine nicht dabei. Und wenn es abends still wird, schreibt der Familienvater an einer Geschichte, die zu einem Roman wächst, er wird noch zwei Jahre später daran schreiben.

Als 1952 der New Yorker Verleger Kurt Wolff auf den Mühlenweg-Bestseller im Verlag Herder aufmerksam wird und den Autor besuchen will, fragt er zunächst an: „In meinem alten Baedeker kann ich Allensbach nicht finden. Wo liegt es genau, was waere die naechste Bahnstation?“.

PS: Ab Sommer 2012 ist im Museum der Architektenplan des Allensbacher Hauses an einer Wand zu sehen, unweit des raumgreifenden Originalschreibtischs. Man soll die Enge dort spüren können. Auf dem Plan sind bei manchen Zimmern Zitate montiert. Eines beweist, dass kein Raummangel die legendäre Gastfreundschaft der Mühlenwegs beeinträchtigen konnte: „Zum Fasnachtsmontag haben wir die ganze Familie Dix eingeladen, wer von uns dann in der Waschküche schlafen wird, wissen wir noch nicht, denn wie Mama, Elisabeth und Lotte sich die Übernachtung denken, habe ich noch nicht erfahren können.“ Fritz Mühlenweg, Brief im Januar 1948 an Sohn Christian. (Familie Dix ante portas:  Otto, Martha, Nelly, Ursus und Jan.)

I-Ging und Nachwirkungen

Ein Autor, der Herz und Hirn seiner Leser beeindruckt und ihre Phantasie dabei freisetzt, bekommt etwas zurück, und sei‘s im Mosaik seines Nachruhms.

Damit sind nicht die Umsetzungen in andere Medien gemeint, obwohl auch sie bei Mühlenweg dazu gehören: Die Übersetzung der Erzählungen ins Italienische („Segreti della Mongolia“ von Anna Ruchat, 2002), die Hörspielfassung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ durch den SWR (2008) oder die auch 2011 noch laufende Bühnenfassung von „Nuni“ durch das Freie Werkstatt Theater in Köln.

Hier geht es um etwas anderes: Leserbegeisterung, die tätig wird, just for the fun of it. In Siegen ist ein Journalist neben seinem Tagwerk einem Motivstrang nachgegangen, der allen Mühlenweg-Lesern vertraut ist. Er macht eine Facette der sprachlichen Wirkung aus.

Denn zum eigentümlichen Gewebe der Roman-Prosa gehören zwar auch sparsam verwendete Adjektive und entschlossen übersichtliche Satzkonstruktionen: Sie haben Mühlenwegs Prosa so alterungsbeständig gehalten, vergleichbar der Sprache seiner Jahrgangsgenossen Bert Brecht und Erich Kästner, und sie öffnen diese Erzählung für „all age“. In einem Verlagsordner finden sich handschriftliche Fanbriefe von Elfjährigen und von 83-Jährigen.

Zudem gibt es, quer über die 700 Seiten der Handlung gestreut, seltsam eindrückliche Sprüche. Mühlenweg hat sie mehreren Romanfiguren zugeteilt, die meisten von ihnen aber dem jungen Chinesen Großer-Tiger in den Mund gelegt. Der will mit weisheitlich anmutenden Sätzen seinem deutschen Freund Christian (Kompass-Berg) eine andere, zuwartende, achtsamere Verhaltensweise und Weltsicht näher bringen. Wenn Sie am Bodensee oder an der Frankfurter Buchmesse oder in Blogs Sätzen begegnen wie: „In der Eile sind Fehler“ oder „Es gibt keine Hilfe“ oder „Keine Besorgnis deswegen“ oder „Unvorsichtiger, du trittst dem Tiger auf den Schwanz“ oder „Die Anfangsschwierigkeit bringt Gelingen“ – dann seien Sie getrost, es sind Leser von „In geheimer Mission“ nahe. Man kann ihnen trauen.

Fritz Mühlenweg traute jugendlichen Lesern (ab dem Schulalter) so viel zu wie Erwachsenen: Bei seinen Lesungen aus dem unfertigen Roman hörten im Allensbacher Haus seine Kinder und erwachsene Freunde zu. Die begeistertste Leserin der ersten Fassung war die damals 25-jährige Nelly Dix. Dieser autodidaktisch sich vorarbeitende Erzähler zielte auf ein Vergnügen am Text, das die Generationen verbinden konnte. Aber er war ein realistischer Autor eigener Prägung: Die Weisheitssprüche klangen aus dem Mund eines Zwölfjährigen doch komisch altklug. So ließ er denn die Herkunft der Sätze von Großer-Tiger auf Belehrungen seines ehrwürdigen Großvaters zurückführen.

Die „Sprüche des Großvaters“ werden von den Erwachsenen im Roman oft mit respektvollem Humor aufgenommen. Sie kommen aber von weiter her. In Mühlenwegs Bücherregal stand die deutsche Übersetzung des „I Ging“. Zuletzt noch, Jahrzehnte nach seinem Tod, stand sie in der Konstanzer Wohnung von Regina Mühlenweg. Mit ihr konnte sich der Siegener Mühlenweg-Leser Peter Barden 2005 noch austauschen, als ihn die Herkunft der „Sprüche des Großvaters“ zu interessieren begann. Der Journalist Barden fand bei genauerer Lektüre heraus, wie viele Dutzend wörtliche Zitate und noch mehr Anklänge aus der I-Ging-Übersetzung des großen Richard Wilhelm von Mühlenweg in das wachsende Manuskript eingearbeitet wurden.

Als Peter Barden sein Manuskript an unseren Verlag schickte („Beharrlichkeit bringt Heil“. Beobachtungen zum Gebrauch des I Ging in Fritz Mühlenwegs „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“), stand darin der Satz: „Dem I Ging in IGM nachzugehen, war mir einfach ein Bedürfnis.“

Ein Bedürfnis; Ja. Wir haben auch eine Examensarbeit aus dem Departement of Landscape Architecture der North Carolina State University von einem anderen Mühlenweg-Begeisterten zugeschickt bekommen: „Big Ger and Little Brad: Their Adventures in China“, Typoskript, 202 Seiten – der Autor Brad Houx, ein Leser der Pantheon-Ausgabe „Big Tiger and Christian“, ist vor reichlich 20 Jahren mit einem Freund per Fahrrad auf die Strecke von Peking nach Urumtschi gegangen … Wenn wir irgendwann einen Sammelband machen mit den Spezialarbeiten von Mühlenweg-Lesern, dann sollte darin auch der Aufsatz der Sinologin Gabriele Goldfuß stehen: Fritz Mühlenweg: Tausendjähriger Bambus: Nachdichtungen aus dem Schi-King (1998 im Bochumer Jahrbuch zur Ostasienforschung abgedruckt).

Im Allensbacher Museum sollen mehr als zwei Dutzend der Sprüche im Treppenhaus hörbar werden. Seltsame Sätze, treppauf. Woher die geheimnisvollen Sätze kommen, liest sich irgendwo an der Wand so:

Der Mühlenweg-Sound und das I-Ging

Die Sprüche der akustischen Installation sind dem Roman „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ entnommen. Dort gibt Großer-Tiger die Sätze meist als Weisheiten seines chinesischen Großvaters aus. Für Mühlenweg-Leser wurden viele zu geflügelten Worten.

Tatsächlich hat Mühlenweg seinen Personen vierzig wortgenaue Zitate und Dutzende Anklänge aus dem „Buch der Wandlungen“ (I-Ging) in den Mund gelegt. Dieses älteste chinesische Weisheits- und Orakelbuch hält erhellende Sätze für typische Situationen im menschlichen Leben bereit. Es weist den Einzelnen in eine Weltordnung ein, in welcher stetige Veränderbarkeit und das Ausgleichen von Extremen grundlegend sind.

In der 1924 erschienenen ersten Übersetzung durch Richard Wilhelm machte das I-Ging die Generation um Hermann Hesse und C. G. Jung auf chinesisches Weltwissen aufmerksam.

Vom Bodensee in die Mongolei (und zurück)

Wir hätten vor 13 Jahren starten sollen, zum 100. Geburtstag von Fritz Mühlenweg. Aber wer konnte damals das Wort BLOG schon buchstabieren?

Auch 2000 wäre ein Jubiläum gewesen: Da war sein großer Roman (“In geheimer Mission durch die Wüste Gobi”) gerade ein halbes Jahrhundert auf dem Weg zu immer neuen Lesern. (Jaja, Leserinnen sind immer mitgemeint. Die sehr junge Ulrike Ottinger gehörte einst dazu; ihre Mongolei-Filme kamen später…)

2011 kann an den 50. Todestag von Fritz Mühlenweg erinnert werden. Auch richtet ihm die Gemeinde Allensbach im Bahnhof – Blick über die Gleise auf den Bodensee – ein Museum ein. Es wird ab 2012 eine der literarischen Gedenkstätten des Landes Baden-Württemberg. Mühlenwegs Name kommt so in eine neue Topographie, von Marbach aus konzipiert: zwischen den Museen für Hebel, Hesse, Wieland und Ernst Jünger…