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11. Dezember 2013. Heute vor 115 Jahren….


Die Straße, in der Mühlenweg aufwuchs

Die Straße, in der Mühlenweg aufwuchs. in der Bildmitte rechts, neben dem Rathaus: Das Elternhaus mit der Drogerie Kornbeck

 

Mosaiksteine um Fritz Mühlenwegs Geburtstag

Konstanz

„Er hätte im Westfälischen aufwachsen können oder auch im Königreich Württemberg. Dass er am 11. Dezember 1898 in Konstanz geboren wurde, kam von der Umtriebigkeit zweier Kaufleute, denen der wirtschaftliche Liberalismus der Kaiserzeit den Impuls zu größeren Ortsveränderungen gegeben hatte: Richard Kornbeck, der Schwabe, begann ab 1872 an jenem badischen Ufer des Bodensees tätig zu werden, das dem Wirtschaftsraum der Schweiz am nächsten lag. Zwanzig Jahre später kam der Westfale Ludwig Mühlenweg nach Konstanz, als Angestellter in Kornbecks Drogerie; er wurde bald auch sein Schwiegersohn.
Man könnte ins Gehölz dieser sehr unterschiedlichen Stammbäume klettern. Aber Fritz Mühlenweg selbst war nicht ahnenstolz. Die Versuchung, eine gesellschaftliche Geltung über Geschlechterabfolgen zu reklamieren oder sich mit jahrhundertealten Sesshaftigkeiten großzutun, war ihm fremd; so fremd wie ein Ausdenken von landsmannschaftlichen Blutwellen. Auch dies hat ihn, als der deutsche Rassismus in den Jahren nach 1933 virulent wurde, distanziert bleiben lassen.
Stille Dankbarkeiten gegenüber der Eltern- und Großelterngeneration sollten wir dennoch annehmen. Fast dreißig Jahre lang hat das angesparte Vermögen seiner Vorfahren diesem Fritz Mühlenweg die Existenzform eines freien Künstlers unterfüttert.“

Die Stadt, ihre Enge

„Am 11. Dezember 1898, einem Sonntag gegen neun Uhr, war Elise Mühlenweg in ihrer Wohnung von ihrem zweiten Sohn entbunden worden. Die junge Frau war damals bereits in einem »Ernst des Lebens«, auf den sie später nicht ohne eine leise Bitterkeit zurückblickte: Sie hatte kurz nach ihrer Hochzeitsreise, nach einer Erkrankung ihrer Mutter, den großen Haushalt übernehmen müssen. Die Last der Kinderbetreuung blieb ihr fast allein, denn die ersten Jahre war ihr Mann für das Geschäft oft unterwegs, als »Reisender« der Firma in einem wachsenden Netz von Kunden und Lieferanten.
Was die Zeitungsleser damals im Geburtsmonat von Fritz Mühlenweg beschäftigte, ist leicht nachzulesen: In der Konstanzer Zeitung galt als nationales Topthema – die Gedenkreden auf den verstorbenen Bismarck hallten noch nach –, dass es dem Zentrum gelungen war, die Wahl eines Sozialdemokraten zum Schriftführer des Reichstags zu verhindern; der sarkastische Ton des Berichts passt zu einer politischen Konstellation der Stadt, wo die junge sozialdemokratische Partei zwar Wahlhilfe für Zentrum und Demokraten gegen das liberale Besitzbürgertum leisten durfte, aber nur wenig Dank bekam.
Im lokalen Teil wurden die Hausbesitzer daran erinnert, dass sie nun Hausnummern anzubringen hätten. Auch hatten gerade die Bauarbeiten für das neue Krankenhaus begonnen. Die Stadt wuchs unaufhaltsam, zwischen 1890 und 1905 hatte sich die Einwohnerzahl um die Hälfte erhöht, auf fast 25 000.
Das Stadttheater gab gerade die Lustspiel-Novität »Im weißen Rössl«; das notorisch defizitäre Theater versuchte mit einem überwiegenden Anteil leichter Unterhaltung die Konstanzer zu locken. Dennoch brachte es der Intendant Oppenheim in der klerikal indoktrinierten Stadt immer wieder zu einem Theaterskandal. Als er ein Stück inszenierte, in dem eine lange Zeit erniedrigte Frau aus der Ehe mit einem brutalen Weinhändler flüchtet, reichte das Gezeter der Zentrums-Vertreter nach Zensur bis in die städtischen Haushaltsberatungen.
In der Kunsthandlung J. A. Pecht im Wessenberghaus gab es vor Weihnachten verbilligte Heliogravuren mit Genre- und religiösen Bildern zu kaufen. Der offizielle Kunstgeschmack ist damit schon illustriert, er wurde von einem dumpf-autoritären Journalismus noch zusätzlich verkleistert. Als 1885 auf der alljährlich in Konstanz gezeigten Schweizer Kunstausstellung auch ein Bild des jungen Ferdinand Hodler zu sehen war, endete der süffisante Zeitungsbericht mit dem Satz: »Schwamm drüber!«

 

Die Straße, Ausblicke

„Im Renaissance-Haus an der Kanzleistraße, mit einem überaus geräumigen Treppenhaus, hohen, und nicht mehr sehr belastbaren Speichern, ist Fritz Mühlenweg aufgewachsen. So nah am Konstanzer Rathaus, dass ein Lagerschuppen des weitläufigen Hinterhofs der Kornbecks an den Sitz der Stadtregierung grenzte. Direkt nebenan firmierte das Wolf’sche Atelier, aus dem die bedeutendste Fotografie-Sammlung der Stadt hervorging (auch ein Bild der Kornbeck’schen Hundezucht ist auf Glasplatte bewahrt…). Vis-à-vis lag die Buchhandlung Ackermann, die bis über die Jahrhundertwende auch die Zentrale des städtischen Fremdenverkehrs beherbergte. In Ackermanns Verlag erschien von Jakob Christoph Heer ein touristikkompatibles Büchlein (»Freiluft«) mit der ersten Bodensee-Schilderung aus der Perspektive eines Luftschiffs. Der Buchhändler empfahl den Klassenlehrern der Oberrealschule dann die (deutschnationalen…) Preisbücher, wenn für den Schüler Fritz Mühlenweg wieder eine Auszeichnung fällig war. In dieser Buchhandlung wurden später auch die Pakete mit Lesestoff für den Drogistensohn in der Wüste Gobi gepackt. Einem Verlagsvertreter des Insel-Verlags, der Ackermann regelmäßig besuchte und sich im Lauf der Jahre mit dem Buchhändler anfreundete, werden wir später als Fritz Mühlenwegs erstem Verleger wieder begegnen.“

(aus : Ekkehard Faude „Fritz Mühlenweg – Vom Bodensee in die Mongolei“ Libelle 2005)

Der Adler ist gelandet, fliegt weiter

MühlenwegMuseum – Literatur-Raum: Von den Manuskripten bis zum mongolischen Image (Foto Claudia Knupfer, Konstanz)

Am 22. Juni 2012, also vorgestern, wurde in Allensbach das Mühlenweg Museum eröffnet. Mehr als 200 zum Teil von weit her angereiste Gäste erlebten eine heitere Feier und am Samstag einen Tag der offenen Tür. Die Führungen durch die sechs Räume des Museums im Bahnhofsgebäude waren, vorsichtig gesagt: überaus gut besucht…

Mir wurde da besonders leicht ums Herz, denn hier kam etwas zu einem Ende, das damit begonnen hatte, dass in Allensbach etwas zu wörtlich verstanden wurde. 2006 hatte ich die Allensbacher Ausstellung mit Gemälden von Fritz und Elisabeth Mühlenweg mit einer Rede in der rhetorischen Figur eines Gangs durch ein noch nicht existierendes Mühlenweg-Museum eröffnet.

Ehrlich, ich hatte es nicht ernst meinen können, weil ich soviel überschüssige Hoffnung dann doch nicht wagte. Aber Sabine Schürnbrand vom Kultur- und Touristik-Büro nahm meinen Vorschlag auf, überzeugte ihren Bürgermeister und 2008 wurde ich gefragt, ob ich die Konzeption des Museums übernehmen würde.

Es gibt Fragen, die kann man nicht abschlägig beantworten, nur weil man sich etwas nicht zutraut. Zwei Räume im engen Heimatmuseum waren vorgesehen. Kein gutes Ambiente für einen Autor solcher Weltoffenheit. Glücklicherweise wurden im Sommer 2009 Räume im alten Bahnhof frei. Ich machte ein Konzept, von dem die Gestalterin später behauptete, es hätte einen Louvre füllen können. Die Allensbacher haben mich dann downgesized, ein herber und hilfreicher Prozess. Um die Jahreswende 2011/12 wurden die Räume renoviert. Dass bis zum Juni nun alles, oder fast alles, fertig wurde, gehört zu den Wundern dieser Welt.

Mit dieser Rede am 22. Juni versuchte ich die Hintergründe des Wunders zu beleuchten. (Für alle, die nicht dabei waren:)

 

„Der Adler ist gelandet“ 

Meine Damen und Herren, Freundinnen und Freunde des Autors, liebe Familie Mühlenweg,

mit diesen Worten, die einst ein Astronaut kurz vor seinem ersten Schritt auf den Mond gesprochen hat, ist die Gefühlslage dieses Tags wohl am besten umschrieben. Eine Erleichterung, eine überirdische. Der Satz kommt noch aus dem Jahrzehnt, in dem Fritz Mühlenweg gestorben ist, jener Mann, der einem kleinen Mädchen namens „Nuni“ eigens hilfreiche Nachtgestirne vom Firmament geschickt hat, damit es wieder nach Hause finden konnte. Dass Heimwege gelingen können, nach den Ängstigungen der Weglosigkeit: das gehörte zu seinem Erfahrungswissen. Die Mühlenweg-Leser unter Ihnen werden es verstehen können: Auch beim Gang durch die Alltagswüste dieser Museumsentwicklung ist öfter das Mantra aus Ergebenheit und Zuversicht aufgesagt worden: „Es gibt keine Hilfe“ – „Keine Besorgnis deswegen.“

„Der Adler ist gelandet“: Das passt. Die Eröffnung eines Museums bietet die Schwelle, an der man die Mühen der Planung, den öfter verschobenen Start, den von allerlei Meteoriten-Schlägen begleiteten Flug so langsam vergessen kann. Was haben wir Raketenstufen verglühen sehen, Ideen, Stoff, Architekturdetails, die uns eine Zeit lang Schub gespendet hatten, die wir aber hinter uns lassen mussten, damit der Weiterflug gelingen konnte. Wer die Konstruktion von Erinnerung ernst nimmt, muss sich von Ballast lösen können.

Noch beim Landeanflug kam es zu kleinen Wundern… Landeanflug? Gemeint sind die heiteren Chaostage, als es um die Feinanpassung der Texte in knappen Räumen ging. Claudia Gnädinger musste ja irgendwie noch meine ca. 150.000 Buchstaben über Leben, Werk und Epoche sowie die paarhundert Fotos und Exponate gestaltend verteilen, in ihrer Kunstlandschaft aus Bildschirmen, Vitrinen und den Lesezeichen an der Wand. Und welches Erlebnis dann, als uns Freddy Overlack, der Meisterschreiner aus Radolfzell, – nebenbei: ein Mühlenwegfan –, in den frisch renovierten Räumen noch schöne und praktikable Lösungen vorschlug. Auch jene geschrägte Wandvitrine im „Asienraum“, die Ihnen anschaulich machen soll, wie Mühlenweg von Kamelmännern durch Zuhören und Nachfragen Mongolisch lernte…

…denn das ist ja der Wunsch, der hinter diesem Angebot namens Museum steht: dass beim genaueren Anschauen eines beleuchteten Steigbügels, einer handgeschrieben Wörterliste, beim Lesen einer Seite des Expeditionstagebuchs, aus dem Puzzle sich die Ahnung eines Gesamtbildes fügt – eine Ahnung davon: welche Beharrlichkeit, welche vorurteilslose Neugier dieser Mann vom Bodensee erst entwickeln musste, dieser Aussteiger aus einem wirtschaftlich gebeutelten Europa, dieser zu rascher Flucht bereite Körpermensch…

…  bis der westliche, der abgleichende Blick dieses Fritz Mühlenweg eine neue Art des Sehens lernte und er selbst empfänglicher wurde: bis hin zu jener „Bereitschaft des Herzens“, die seiner literarischen Kulturvermittlung später den Grund gab. Er hatte in der Wüste unter Schweiß, Kälte, Langeweile, Glück, Neugier und Staunen etwas erfahren, das hielt sich nach seiner Rückkehr als Sehnsuchtsbezirk, das wollte er sichern.

 

 All Age

Die Gestaltung seiner neuen Sehweise suchte er als Maler, aber erst als Schriftsteller fand er zu jenem Stil aus humorvoller Leichtigkeit, leiser Spannung, Schlichtheit und Ernst, der ihn unverwechselbar macht. Unter kräftig anschwellendem Lebenslärm von sieben Kindern, ohne literarische Theorien und Lautsprecherei, auch ohne die Pfauentänze des Literaturbetriebs, hat er sich von seinem Haus in Allensbach aus an einen Brückenbau gemacht.

Dieses enge, immer gastfreundliche Haus hat nun einen eigenen Museumsraum bekommen, erinnert mit dem wuchtigen Schreibmöbel an die Umtriebigkeit, in der das Künstlerpaar Mühlenweg eine gemeinsame Produktivität entwickelte; lässt auch die Enge spüren, die sich Fritz Mühlenweg weit machen konnte im Schreiben seiner Fantasiereisen, hin zur inneren Landschaft seiner Mongolei. Er fasste sie in einer Erzählweise, die das Zuhören seiner eigenen Kinder miteinbezog. „All-Age“, für alle Altersstufen, nennen wir solche Kunst der literarischen Kommunikation, sie ist unprätentiös und sie bleibt ihren Lesern noch nach Jahrzehnten.

 

Ein Roman, nach 60 Jahren

„I will be happy to write you about my fitfy-five-year-long love affair with Big Tiger and Christian“.

Vor kurzem erreichte uns dieser Satz in der Mail eines Landkarten-Spezialisten aus North Carolina. Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist Denis Wood die amerikanische Mühlenweg-Ausgabe ein Lieblingsbuch. Einer seiner Studenten, Brad Houk, schickte uns sogar seine umfangreiche Magisterarbeit im Fach Geographie („Big Ger and Little Brad: Their Adventures in China“), über die Abenteuer auf der Strecke von Peking in Richtung Urumtschi. Er war begeistert von „Big Tiger and Christian“ mit einem Freund per Fahrrad losgefahren..

Die Strahlkraft seines Romans könnte noch an vielen Beispielen gezeigt werden. Neulich verabschiedete sich die Mongolistik-Professorin Veronika Veit in der Rede bei ihrer Emeritierung in Bonn mit einem Zitat von Fritz Mühlenweg – denn durch seinen Roman war sie einst zum Thema ihres Lebens gekommen. Und wer in den letzten Wochen Brigitte Kramers Film über Ulrike Ottinger gesehen hat, weiß aus der Episode, die im Mühlenweg-Haus in Allensbach gedreht wurde, wie entscheidend sein Roman und eine frühe Begegnung mit dem weitgereisten Autor für die Heranwachsende geworden war.

 

 Ein Allensbacher Ruhmesblatt

Dass diese Allensbacher Raumstation einem Werk gilt, das seinen Flug in mehr als einem Kontinent noch fortsetzt, war beim Museumsmachen mit die stärkste Motivation. Dieser Adler fliegt noch weiter. Er hat nun aber eine feste Basis, in Allensbach, einem besonders freundlichen Himmelskörper.

Was nun folgen muss ist der Lobpreis auf Allensbach. – Ich brauche da nichts erfinden. In dem sozialen Experiment unterm Arbeitstitel „Jeder von uns macht zum ersten Mal ein Museum, aber keiner soll‘s merken“, zu dem mich die Gemeinde hier vor Ort lockte, hat mich besonders dieser hervorragend moderierte politische Prozess beeindruckt: wie die Verantwortlichen im Gemeinderat unter ebenso entschiedener wie geduldiger Befürwortung ihres Bürgermeisters Helmut Kennerknecht zum Beschluss kamen: Ja, so viel ist es uns wert, dieser Mühlenweg ist einer, auf den wir stolz sein können, der taugt mit seinen Brüchen, seiner Eigeninitiative, den kühnen Richtungswechseln und der Beharrlichkeit seiner Anstrengung als ein Vorbild. Ein Gehäuse für ein Lebenswerk, von dem auch weiterhin wünschbare Weltsichten ausgehen. In Marbach ließ sich der Leiter der literarischen Gedenkstätten Baden-Württembergs, Jochen Schmidt, von der Initiative der Gemeinde Allensbach für einen Autor, der bislang vom offiziösen Kanon vergessen worden war, überzeugen: Das Mühlenweg Museum wurde ins Marbacher Förderprogramm aufgenommen, zu dem auch die Museen für Johann Peter Hebel in Hausen, Hermann Hesse in Gaienhofen, Wieland in Biberach und Jünger in Wilflingen gehört.

Sie haben nun mit einem stabilen Ort für die Erinnerung einen Gegenpol zum rasanten Gemenge der Instabilitäten unserer Jahre eingerichtet. Mühlenweg wird nicht in die Cloud ausgelagert, nicht einfach in Servern abgelegt. Einiges Wichtige über ihn bleibt in gesicherter Form zugänglich, hier in Allensbach und an 5 Tagen der Woche, im Real Life.

 

Noch einmal: Schreibhandwerk zu Zeiten des Papiers

Im Übergang zwischen zwei Räumen haben wir dies zu einem ganz harmlos aussehenden Thema gemacht: Dort wird gezeigt, beginnend mit Mühlenwegs allererster Romanseite, handgeschrieben, vielfach verändert, sowie über zwei weitere Manuskriptstufen und Lektoratsbriefe bis hin zum gedruckten Buch – noch einmal  wird gezeigt, wie Schreibhandwerk und Literatur in den Zeiten des Papiers und der gefestigten Verlage möglich wurden. Wer von uns über 40 ist, für den war‘s das einzig Vorstellbare.

All das werden in Kürze aber Museumsbesucher sehen, denen unsere digitalen Aufschreibesysteme die Mühen der Handschrift komplett abgenommen haben, die ihre Korrekturversionen nicht mehr sichern und überliefern, und die ihre Texte auch ohne die Hilfe von Verlagslektoren selbst publizieren können.

 

 Wohlwollen von weit her

Ich komme sehr langsam zum Schluss. Es braucht noch eine kleine Tour, auf der deutlich wird, welches Wohlwollen von Außen dieses Werk ermöglicht hat und welche neuen Fäden Allensbach nun mit einer größeren Welt verbinden.

Aus Stockholm, von der Sven Hedin Foundation, kam die Erlaubnis, dass wir im Museum den Expeditionsfilm zeigen dürfen. Sie werden, Willy Meyer sei Dank, Ausschnitte auf den Bildschirmen des Asien-Raums sehen, auch: wie effektvoll der Filmemacher Paul Lieberenz  1927 die Mühen und Freuden der Expedition inszenierte. Sie werden sehen, dass er den immer auch zu Jux aufgelegten jungen Mühlenweg dazu brachte, nur für die Kamera mit seinen Skiern eine Abfahrt auf Sanddünen der Gobi zu mimen.

Lieberenz hat einen der letzten Stummfilme gemacht, und wie vielsagend ästhetisch schöne Bilder dann doch noch werden könnten, sei an diesem einen Beispiel angedeutet: Neben Mühlenweg werden Sie einen Mann in Lederhosen sehen, der den Jux auf den Skiern mitgemacht hat. Das war Franz Josef Walz, einer der höchstdekorierten Kampfflieger im 1. Weltkrieg, im Privatleben ein hurmorvoller Bayer. Mit ihm hat Mühlenweg zwei Jahre nach der Expedition noch Auswanderungspläne geschmiedet, beide wollten weg aus Deutschland. Ein sensibler Pfundskerl, den die Mühlenweg-Kinder umschwärmten, als er sich 1941 eine Woche lang im Allensbacher Haus erholte – kurz bevor er in Hitlers Armee zum Generalleutnant befördert wurde.

Soviel zu: Stockholm und Allensbach.

Fäden gibt es auch von Mannheim her: Ich suchte ein Foto von der Verleihung des ersten Deutschen Jugendbuchpreises, Mühlenweg nahm 1956 als Übersetzer des amerikanischen Bestsellers „Der glückliche Löwe“ die Auszeichnung in der Sparte Kinderbuch entgegen. Der jungen Bundesrepublik war der Preis so wichtig, dass Bundespräsident Heuss anreiste. Vom hilfreichen Stadtarchiv Mannheim bekam ich eine Fotoserie übermittelt, nicht nur mit den strahlenden Herren Heuss und Mühlenweg beim Handschlag … – da war auch ein ganz unerwartetes Bild, auf dem geht eine inzwischen weltbekannte Frau auf den Papa Heuss zu: trotz Hut unschwer zu erkennen als Astrid Lindgren. Für „Mio mein Mio“ bekam sie damals einen Ehrenpreis. Ja doch, das Foto mit Lindgren ist auch in unserer Vitrine, neben der Speisekarte jenes Abendessens, auf dem Sie nachlesen können, was im kleinen Kreis mit dem Bundespräsidenten geschmaust wurde.

Im Raum daneben, unterm wandfüllenden Foto jener Konstanzer Drogerie, von der sich Mühlenweg in die Gobi absetzte, können Sie in zwei dicken Bänden eines Drogistenhandbuchs blättern: beim Verfasser dieses Werks hatte Mühlenweg 1921 an der Braunschweiger Drogistenakademie gelernt. Wer die Seiten wendet, kann ahnen, mit welchem naturwissenschaftlichen Feinblick dieser Drogist in die asiatische Steppe und Wüstenwelt kam. Auch in diesem Buch haben wir dann, wie an manchen Orten des Museums, Sächelchen versteckt, geduldige Betrachterinnen werden sie finden. In diesem Fall einen Mühlenweg-Brief, den das Stadtarchiv Braunschweig bewahrt hat: ein hocherfreuter Allensbacher Autor bedankt sich darin für die Nachricht, dass Braunschweig ihn mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis auszeichnen wollte.

 Mühlenweg nach 2000

Allensbach hat nun ein feine Station, sie kreist auf einer Satellitenbahn von Museen, die ihre sorgsam ausgewählten Fäden für die Textur öffentlicher Erinnerung beisteuern.

In einem noch nicht recht vorstellbaren Ausmaß kann die Station eine Zukunftsinvestition sein. Denn gerade erst beginnen Menschen in der Mongolei und in China sich für Mühlenwegs Bücher zu interessieren, finden in ihnen die dichterisch genauen Bilder einer früheren Zeit, finden eine Fantasiesprache, die noch in ganz anderen Kulturen verstanden wird.

Aus Ulaanbaatar bekamen wir für das Thema „Mühlenweg nach 2000“ den Scan einer Zeitungsseite vom 12. Mai 2012. Der Bericht über ein Kinderferiendorf, ein Foto zeigt, wie ein Saal voller Kinder auf ein hochgehaltenes Buch schaut: Die mongolische Ausgabe von Fritz und Elisabeth Mühlenwegs letztem Kinderbuch „Der Familienausflug“.

Allensbach-Ulaanbaatar also. Für den Herbst haben sich Besucher von dort angesagt.

Vom Familienarchiv zum öffentlich zugänglichen Fundus

Die ganze Station aber wäre nicht einmal ins Stadium schöner Träume gelangt, wenn nicht hier in Allensbach über Jahrzehnte hinweg von den Kindern des Autors das künstlerische Erbe bewahrt und durch Suche sogar noch vermehrt worden wäre. Privatinitiative einer Familie mit Dankbarkeit, Geschichtsbewusstsein. Es waren Regina und Sabine Mühlenweg, die diesem Fundus Sorge trugen. Ich habe seit 1991 von ihrer Großzügigkeit profitiert, mit der sie mir Einsicht in Werke, Notizen und Briefe gewährten. Und als sich die Mühlenwegs vor fünf Jahren entschlossen, den Nachlass im Literaturarchiv des Landes Vorarlberg zu sichern und so einer professionellen Erschließung zugänglich zu machen, wurde Fritz Mühlenweg auch auf neue Weise im Netz sichtbar.

Dank ans Bregenzer Felder-Archiv

Bei Ihrem Rundgang im Museum, meine Damen und Herren, werden Sie an den sehr vielen Nachweisen sehen, in welchem Maß das Vorarlberger Felder-Archiv unser Museum begünstigt hat. Ich habe da persönlich meinem Freund Jürgen Thaler zu danken, der mit erheblicher Geduld meine Arbeit begeleitet hat und dann auch die Wünsche nach Exponaten erfüllte: Mühlenwegs Schreibmaschine, der hölzerne Diakasten mit den Glasdias für seine Vortragsreisen, die Faksimiles seiner Manuskripte und vieles andere. Von der Aufgeschlossenheit der Vorarlberger für einen tätigen Zusammenhang der Bodenseekultur, die sich sonst öfter in scheelsüchtig gehüteten Heimatmuseen isoliert, kann nur gelernt werden.

 Fußfall der Verehrung

Aber man übergibt ja selbst einem Felder-Archiv nicht alles. Auch für die Familie Mühlenweg gab es noch Preziosen, der sie mit besonderen Anhänglichkeiten verbunden blieben. Nun haben sie sich fürs Museum von einigen Lieblingsstücken getrennt. Valerie Arias muss in Zürich mit der Lücke zurecht kommen, die der Schreibschrank ihrer Großeltern hinterlassen hat. Ihr Vater Christian Osterwalder spendete das Widmungsexemplar dees „Stiller“, in dem Max Frisch sich bei Mühlenweg mit launigen Worten bedankt.

Kornelia Mühlenweg brachte aus Ivry-sur-Seine einen getrockneten mongolischen Schafskäse – der ist nun unweit der mongolischen Essschale zu sehen, – das Gefäß kommt, wie auch das Originalbild „Pyramus und Thisbe“ von Anna Mühlenweg in Allensbach.

Die großzügige Auswahl unter kostbaren Dingen, die mir Sabine Mühlenweg in Singen ermöglichte, nebst vielerlei Auskünften und Hilfen, wären einen Fußfall der Verehrung wert. Es war für mich, ich gesteh’s, ein besonderer Moment, als ich dort erstmals ein Kinderbuch mit einem handschriftlichen Klebeschildchen des Elf-Zwölfjährigen Fritz sah. Der Titel: „Seereise wider Willen“.

Als er‘s las, konnte dieser Junge nicht ahnen, welch außerordentliche Reisen ihm gelingen würden.

Er hat was rausgekriegt und es uns zurückgelassen.

Allen Beifall für Fritz Mühlenweg!

 

Kindheit am Bodensee

Mit Hunden im Seerhein (Foto: privat; Franz Michael Felder-Archiv Bregenz)

Lässt sich eine Kindheit beziffern? Fünfzehn Jahre und acht Monate dauerte Mühlenwegs Konstanzer Kinderzeit, gerechnet von seiner Geburt im Dezember 1898 bis zu jenem Juli 1914, als er die Oberrealschule und dann auch die Stadt verließ. Den Abgang von der Schule nahm er selbstbestimmt, seine Mutter meinte später: er habe ihn ertrotzt. Die Abschlussfeier seiner Schulzeit fiel mit dem Beginn eines unvorstellbar grausamen Kriegs zusammen. Er selbst wäre gern unter die Soldaten gegangen, ein Bubenwunsch, der zum nationalistischen Taumel einer Garnisonsstadt passte. Sein pazifistischer Vater musste ihm das nicht ausreden, er war 1914 schlicht zu jung.
Die Lehrzeit in Westfalen, der elende Soldatentod seines Bruders Hans in Flandern, das Jahr an der Front (Ukraine, Frankreich), dann 14 Monate Kriegsgefangenschaft und die Rückkehr in ein demokratisch ungesichertes Deutschland, das von Tag zu Tag in heftigere Inflation und Arbeitslosigkeit getrieben wurde: Gut möglich, dass ihm von dort her seine Kindheit in vielem idyllisch erschien.

Aufwachsen in einer Friedenszeit

Er war in einer für europäische Verhältnisse langen Friedensepoche aufgewachsen, in einer optimistisch gestimmten Gesellschaft. In einer alten Stadt am See, deren Grenze zum Thurgau als südlichem Hinterland noch offen und im Alltag kaum spürbar war. Ein Leben mit Eltern und Großeltern, deren unablässige Arbeit im Geschäft als vorbildlich galt – auch dem kritischen Blick, mit dem alteingesessene Konstanzer diese Zugezogenen beäugten.
Dass Fritz mit seinem Bruder Hans bei den frisch gegründeten Pfadfindern mitmachen durfte – ihr viel jüngeres Schwesterchen Gertrud blieb noch abseits –, dass die Kinder reichlich Bücher bekamen, sind Indizien für einen anregenden Stil familiärer Erziehung. Das Alltagslernen im Geschäftshaus bot dazu noch ungewöhnlichen Stoff: Die überaus aktive Ausweitung des Warenangebots in der Drogerie Kornbeck vermittelte wie nebenbei eine Grunderfahrung an Weltoffenheit. Tägliche Warenlieferungen, noch mit Pferdefuhrwerken vom Bahnhof her, chemische Produkte und Lebensmittel kamen aus vielen europäischen Ländern. Im Büro die handgeschriebenen Wechsel aus Genf, Paris, Stuttgart und London. Ein Kinderspiel, das der Schriftsteller später aus jener Zeit erwähnen wird, bestand aus Sammelkarten der Firma Liebig, bunte Szenen aus fernen Ländern und Kulturen, auch aus Kolonialkriegen.

Man wüsste gern mehr über diese Jahre, in denen Fritz Mühlenweg seine Heiterkeit und Ernsthaftigkeit ausloten konnte, seine körperliche Fähigkeit zum Durchhalten wie auch den Spieltrieb zu humoristischer Distanz. Aber zum Tagebuchschreiben über Kinderentwicklung blieb seinen Eltern keine Zeit. Und Mühlenweg selbst zeigte Sehnsucht nach Vergangenem später nur in Richtung seiner Mongoleierfahrungen. In die Wüste schrieb er sich für die Dauer von zwei Romanen zurück, aber seine Jugendjahre in der Kanzleistraße im alten „Haus zur Gans“, mit den Großeltern Kornbeck, seinen Eltern und Geschwistern, inspirierten ihn nicht zu Texten.
Vielleicht hängt dies mit seinem Abbruch, seinem Aufbruch gegen Ende einer langen Adoleszenz zusammen. Als sein Vater 1925 starb, erlebte er die Beerdigung als Bestätigung einer bürgerlichen Lebensleistung, die ihm selbst unerreichbar schien: Eine überwältigende Anteilnahme von Verbänden, Vereinen und Bürgergruppen manifestierte auf dem Konstanzer Friedhof, in welch breitem Spektrum zwischen Witschaftslobby und Freimaurerloge der Kaufmann Ludwig Mühlenweg energisch und aufopfernd tätig gewesen war.
Die Konturen der bürgerlich-liberalen Wirksamkeit des Vaters: Der Sohn kannte das mühselige Gewirr aus Fäden und Knoten, das auf der Rückseite eins solchen Teppichs nötig war. Er wollte ein anderes Leben. Ein Jahr später brach er aus. Die harte Freiheit in der Mongolei, die unentschlossenen Jahre in Berlin und Wien, die Erfahrung einer experimentelle Produktivität beim Malen – man kann sich vieles ausdenken, was ihm im Nachhinein seine Kindheit wie ein Gegenbild aus Enge und Kleinteiligem formatierte.

Wildes Spiel auf Fotografien

Aufgehoben hat er ein Dutzend Fotos: Sorgsam gestellte Gruppenaufnahmen der Familie sind darunter. Nicht von jenem bekanntesten Konstanzer Fotografen, der bis 1890 im Nebenhaus wohnte. German Wolf hat nur „Kornbecks Hunde“ auf Platte gebannt: Der Drogist Richard Kornbeck, Großvater des kleinen Fritz, gehörte auch wegen des allmorgendlichen Spaziergangs über die Marktstätte an den See zum Stadtbild, oft mit mehreren Bernhardinern.
Vom schwäbischen Großvater Kornbeck, einem Dekanssohn, der lieber Kaufmann geworden war und so bis Ägypten kam, kann Mühlenweg die Unbedenklichkeit zum Aufbrechen aus Familientraditionen und die Lust auf die Ferne geerbt haben. Auch den alltäglichen Umgang mit Tieren. Jemand hat den heranwachsenden Fritz während einer wilden Hundeschule auf einer Wiese am Seerhein fotografiert, der Zwölfjährige hält mit seinen durch Bissschutz gepolsterten Armen einen hart angreifenden Schäferhund in Schach. Dressur und riskantes Spiel zugleich. Genaues Hinschauen, rasche Reaktion und Kühnheit. Was er im Umgang mit Tieren lernte, hat ihm später während der Expedition in der Gobi geholfen. Dass er Kamele bei Flussüberquerungen durch Untiefen ritt, in denen sie sich schon aufgeben wollten, dass er ermattete Tiere im Schneesturm zum nächsten Lager zwang, notierten Expeditionskameraden verwundert.
Mehrere Hunde sind auch auf einem Foto von Wasserspielen im Rhein mit dabei: Fritz mit Freunden beim unerlaubten Bad, in langen Hosen, mit Schülermütze; überm Fluss der qualmende Schlot der Stromeyer-Fabrik, die sich auf Zeltfabrikation spezialisiert hatte und Zulieferer des Heeres wurde.

Eine Stadt in wirtschaftlichem Aufschwung

Der Rauch kam damals noch aus zahlreichen Kaminen eines Industriegebiets, das sich jenseits der Stadt am nördlichen Rheinufer ausweitete. Denn nach Überwindung der Wirtschaftskrise der 1880er-Jahre hatte für Konstanz eine lange Periode stetigen und stürmischen Wachstums begonnen.
Als der Großvater Kornbeck 1871 an den See zog, kam er in eine Stadt mit zehntausend Einwohnern. Noch während Mühlenwegs Kinderzeit wuchs die Bevölkerung von bereits 19.000 noch einmal um mehr als ein Drittel. Die Industrie zog Arbeitskräfte an, auch tausende italienische Arbeiter und Handwerker. Eine geschickte Stadtverwaltung schuf Arbeitsplätze durch Großprojekte der Infrastruktur (Wasserleitung, Gasversorgung) und investierte in Bildung: innerhalb von 10 Jahren wurden eine Oberrealschule, zwei Gymnasien und eine Volksschule neu gebaut.
Von der zunehmenden Konsumkraft der Einwohner – die Offiziersfamilien der Garnison gehörten dazu – konnten findige Kaufleute wie die Kornbeck-Mühlenwegs profitieren. Sie bauten nicht nur ihr Geschäftshaus aus, leisteten sich einen großen Obstgarten am Höhenweg: Investiert wurde auch in eine Lagerhalle mit Gleisanschluss im Industriegebiet. Dieses Grundstück war auf eine fortdauernde friedliche Wirtschaft ausgerichtet und groß genug, um auf einer eigenen Farbenfabrik Platz zu bieten…
Rauchfahnen am See? Sie gehörten auch zum wachsenden Fremdenverkehr. Die Buchhandlung Ackermann – vis à vis Mühlenwegs Elternhaus in der Kanzleistraße und zugleich zentrale Anlaufstelle für die Touristen – verkaufte Ansichtskarten, auf denen der Qualm aus den Schornsteinen der Dampfschiffe oder der Eisenbahn oft durch Retuschen noch verstärkt wurde: Dampfkraft, Verkehr, Motorisierung galten als sichtbares Zeichen des allgemeinen Fortschritts.

Pferdekutschen, kaum Autoverkehr

Aber noch tauchten Autos in Konstanz nur so selten auf, dass die Fußgänger mitten auf den Straßen gingen und Kinder beim Spielen nicht beeinträchtigt wurden. Eine Welt vor den Verheerungen durch den Individualverkehr.
Die Mühlenwegs schickten erst ihren Sohn Hans, danach auch Fritz auf die neu gegründete Oberrealschule. Im Allensbacher Museum wird zu lesen sein:
„1903 erbaut auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs, ist die Oberrealschule die einzige dieses neuen Schultyps in Südbaden. Die modernste städtische Schule zieht fast 400 Jugendliche aus der weiten Region an. Mit Naturwissenschaften als Schwerpunkt bekommt der künftige Drogist eine passendere Bildung als auf einem klassischen Gymnasium. Dazu gehört eine tägliche Französischstunde sowie Englisch. Zu Mühlenwegs Zeit (1908–1914), bestimmt ein weitblickender Direktor das Schulklima. Wilhelm Schmidle setzt z. B. die Aufnahme von Schülerinnen durch und wehrt nationalistische Propaganda ab. Obwohl mehrfach Klassenbester, beharrt der 15-jährige Fritz gegenüber Eltern und Direktor auf seinem Abgang von der Schule.“

Das Haus

Ein Brief aus New York: Kurt Wolff, der bei Pantheon Books "Big Tiger and Christian" verlegt, kündigt seinen Besuch in Allensbach an. (Felder-Archiv, Bregenz)

 

Eine Unterschrift ohne Berufsbezeichnung

Am 7. Januar 1935 unterzeichnen Fritz und Elisabeth Mühlenweg in Gailingen den Mietvertrag für das Haus am Allensbacher Ortsrand: 6 Zimmer, Küche Kellerräume, eingebautes Bad mit WC.  Zum Haus gehörig: 1 Waschkessel, 1 Ofen im Gartenzimmer, 1 Herd mit Zentralheizung. Das ist fortschrittlicher Komfort in einer Zeit, da selbst in Konstanz noch der Alltag in vielen Wohnungen mit Plumpsklo und Zimmeröfen stattfindet.

Inklusive Garten zahlen sie 75 Reichsmark Miete, ein moderater Preis. Die Mühlenwegs unterzeichnen beide – das ist kein unwichtiges Detail in einem Jahrhundert, in dem Männer ihre Ehefrauen noch lange wirtschaftlich entmündigt halten. Dass sie im Gegensatz zum Vermieter („Apotheker Dr.“) keine Berufsbezeichnung in den Vertrag setzen können, zeigt ihren ungewissen sozialen Status.

Sie werden sich ihren Status erst erarbeiten und sie tun das beharrlich und erfinderisch: In den ersten drei Jahren werden sie sich mit Otto Dix und seiner Familie in Hemmenhofen befreunden, sie werden mit neu gewonnenen Freunden in Konstanz – mit Rohland, Rihm, Biehler –  eine eigene Künstlergruppe zur Vermarktung ihrer Bilder gründen, Elisabeth Mühlenweg wird im Konstanzer Kunstverein eine Einzelausstellung haben und Fritz aktiviert seine alten Sportsbeziehungen, um zu einer Öffentlichkeit zu kommen. Seine ersten Vorträge über Sven Hedin und die Mongolen werden vom Ruderverein in Konstanz und dem Alpenverein in Singen organisiert.

 

Raumaufteilung, Beziehungsarbeit

 

Der im Architektenplan als „Bügelzimmer“ nach Süden gehende Souterrainraum wird sogleich zu Elisabeths Atelier. Auch dies keine Selbstverständlichkeit. „A room of one‘s own“: Virginia Woolfs Essay über das eigene Zimmer als Vorbedingung für die Entfaltung weiblicher Produktivität war im fernen England gerade erst publiziert. In Allensbach kennen sie ihn noch nicht, und Mühlenwegs Buchhändlerfreund in Konstanz war inzwischen Nazi geworden und hätte den Text schwerlich besorgt.

Nein, dieses Künstlerpaar experimentiert aus eigenem Antrieb in einem Beziehungsgefüge von Gleichberechtigten. Mit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung freilich: Über das Stopfen von 46 wollenen Kinderstrümpfen ist aus Elisabeths Briefen zu erfahren. Fritz schreibt davon, wenn er 30 Ster Holz im Wald bearbeiten muss.

Er nimmt mit einem 9qm-Zimmer im Hochparterre vorlieb, dort beginnt er auch zu schreiben. In diesen frühen Allensbacher Jahren übersetzt er die ersten Gedichte aus dem chinesischen „Shijing“ – ein bezeichnender Zufall hatte ihn auf das Thema gebracht, der mit seinen ruhelosen Jahren in Asien zusammenhängt. Ein chinesischer Student, dem er während der letzten Expedition Deutsch und einiges über deutsche Kultur beigebracht hatte, schickte ihm als Hochzeitsgeschenk das “Book of Poetry”, eine englisch-chinesische Ausgabe der ältesten Liedersammlung Chinas. Es wird 10 Jahre dauern, bis eine schmale Auswahl seiner Übertragungen  als „Tausendjähriger Bambus“ zum Buch werden.

Er schreibt in jenen kurzen Jahren vor Kriegsbeginn auch ein chinesisches Theaterstück (das von Theatern abgelehnt wird), er schreibt eine Kindergeschichte um das Mädchen „Nuni“ –  von Verlagen zurückgeschickt, lässt er den Text erst einmal 15 Jahre in der Schublade. Und er beginnt kurz vor Kriegsbeginn einen zeithistorischen Roman über den Mongolenführer Dampignak  – leider nur hundert gute Seiten, dann merkt er, dass er sich zu viel vorgenommen hat (aus dem Nachlass veröffentlich in „Drei Mal Mongolei“).

 

Allensbach, von New York aus gesehen

Das Haus mit seinen ohnehin nicht großen Zimmern wird in den Jahren darauf immer enger und die Nutzung der Räume fließend. Kinderbetten wandern im Haus, wenn Kinder krank sind. Befreundete Kinder kommen hinzu – Christian Reindl, Bettina Dix-Pfefferkorn und andere erzählen noch heute davon.  Jährlich wiederkehrende Besucher aus Schweden,  Österreich, Frankreich, die tage- und wochenlang bleiben, fordern zusätzliche Flexibilität.

Nach der Geburt des dritten Kinds wird Mühlenweg bei einem Nachbarn einen ungeheizten Raum als Atelier benutzen können. Ab 1940 trennt ihn ohnehin der Krieg vom Familienleben.

Als Mühlenwegs Mutter Elise im dritten Kriegsjahr stirb, kommt nicht nur deren Haushaltshilfe ins Haus; Mühlenweg kann mit einem Erbteil dem Gailinger Apotheker, der inzwischen in Allmannsdorf im Ruhestand lebt, das Haus mit seinen 13 Ar Gartenland abkaufen. Mit einer größeren Anzahlung und vereinbarten Ratenzahlungen bis weit über Kriegsende hinaus.

Im Jahr 1948 wird endlich eine bauliche Erweiterung um zwei Zimmer möglich (– der Architekt Berthold Schwan nimmt Bilder statt eines Honorars). Damals leben zehn Menschen im Haus, noch ist die jüngste Tochter Sabine nicht dabei. Und wenn es abends still wird, schreibt der Familienvater an einer Geschichte, die zu einem Roman wächst, er wird noch zwei Jahre später daran schreiben.

Als 1952 der New Yorker Verleger Kurt Wolff auf den Mühlenweg-Bestseller im Verlag Herder aufmerksam wird und den Autor besuchen will, fragt er zunächst an: „In meinem alten Baedeker kann ich Allensbach nicht finden. Wo liegt es genau, was waere die naechste Bahnstation?“.

PS: Ab Sommer 2012 ist im Museum der Architektenplan des Allensbacher Hauses an einer Wand zu sehen, unweit des raumgreifenden Originalschreibtischs. Man soll die Enge dort spüren können. Auf dem Plan sind bei manchen Zimmern Zitate montiert. Eines beweist, dass kein Raummangel die legendäre Gastfreundschaft der Mühlenwegs beeinträchtigen konnte: „Zum Fasnachtsmontag haben wir die ganze Familie Dix eingeladen, wer von uns dann in der Waschküche schlafen wird, wissen wir noch nicht, denn wie Mama, Elisabeth und Lotte sich die Übernachtung denken, habe ich noch nicht erfahren können.“ Fritz Mühlenweg, Brief im Januar 1948 an Sohn Christian. (Familie Dix ante portas:  Otto, Martha, Nelly, Ursus und Jan.)

Allensbach zum Beispiel

1948: Familie Mühlenweg vor ihrem Haus in Allensbach

1948: Familie Mühlenweg vor ihrem Haus in Allensbach (Foto: David Hummel; Felder-Archiv, Bregenz)

Welchen Zufall es brauchte, um Fritz und Elisabeth Mühlenweg nach Allensbach zu bringen, wüsste ich immer noch gern. Jemand muss ihnen um die Jahreswende 1934/35 den Tipp gegeben haben, dass in Allensbach am Bodensee an der Straße zwischen Radolfzell und Konstanz ein neu gebautes Haus seit Monaten unbewohnt stehe. Sie erfuhren davon am Hallstätter See.

Im September 1933 hatten sie geheiratet, in Beaucaire in Südfrankreich. Dorthin hatte sich Mühlenweg im Frühjahr abgesetzt. Nach einem Winter, der ungut gewesen war. Er laborierte immer noch am Verlust einer Liebesbeziehung, beschloss, das Sommersemester an der Wiener Akademie zu schwänzen, wollte allein und frei malen. In dem kleinen Städtchen Beaucaire kannte er niemand.
Im nahen Arles hatte van Gogh gemalt. Aber Mühlenweg wurde wohl eher durch literarische Erinnerungen dorthin gelockt. Er hatte Daudets „Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon“ und auch „Der Graf von Monte Christo“ gelesen – Jahre später schrieb er über diese südliche Gegend und ihre Romane eine seiner ersten publizistischen Arbeiten („Tarascon ohne Tartarin – Beaucaire ohne Dumas“), veröffentlicht in „Der deutsche Kulturwart“, wo auch sein Aufsatz über Gedichte der chinesischen Frühzeit abgedruckt wurde – eine, wie der Titel zu erkennen gibt, konservative Zeitschrift; 1941 wurde ihr von Goebbels das Ende gesetzt.

Der Ruhelose will sesshaft werden

In Beaucaire überkam ihn dann doch die Einsamkeit. Er begann einen Briefwechsel mit einer Studienkollegin in Wien, die ihm schon länger gefiel: Elisabeth Kopriwa. Am Ende einer Serie heißlaufender Briefe ließ sich die 23-jährige Malerin locken. Wir merken uns: Der Briefschreiber Mühlenweg ist die erste Erscheinungsweise eines überaus wirkungsmächtigen Erzählers. Seine fast täglich abgeschickten Briefe brachten seine Einsamkeit, eine besondere Sensibilität, seine experimentierende Schaffenskraft und einen hartnäckigen künstlerischen Willen so in Worte, dass sich die schöne Linzerin auf die Reise machte; freilich erst, nachdem sie ihre Semesterarbeit zum Abschluss gebracht hatte. Ihr war die Malerei so wichtig wie ihm. Elisabeth Kopriwa war Vorzeigestudentin der Akademie.
Mühlenweg schickte ihr die Zugverbindungen und fuhr ihr mit der Bahn 300 Kilometer bis Genf entgegen („Ich werde also 5.39 am Bahnhof sein und höre, wenn dieser Zug nicht stimmen sollte, dann bin ich 12.53 eben zum zweitenmal dort und Du brauchst mir nicht zu telegrafieren“). Glückselige Zeit ohne die Kleinlichkeiten der Handys. Und der Zug war pünktlich an jenem 29. Juni 1933.
Dass Elisabeth Kopriwa drei Monate später, bereits schwanger, in der Mairie von Beaucaire diesen Fritz Mühlenweg heiraten würde, mit zufälligen Passanten als Trauzeugen, wird sie sich auf jener Zugfahrt nach Südfrankreich nicht gedacht haben. Bei ihm hingegen hatte sich der Wunsch, zu heiraten und Kinder zu haben, seit der Rückkehr aus der Mongolei mächtig geregt. Er wollte sesshaft werden.
Ein Apotheker baut ein Haus, das lange leer steht

In jenem Hochzeitsmonat September 1933 erwirbt der Gailinger Apotheker Dr. Karl Wolff im Gewann Himmelreich in Allensbach eine Wiese und plant einen Hausbau. Das Dorf beginnt an der Konstanzer Straße – die erst fünf Jahre zuvor für den zunehmenden Durchgangsverkehr angelegt worden ist – zögernd nach Osten hin zu wachsen.
Das unbebaute Grundstück westlich der Wiese, die Wolff kauft, gehört Johann Welschinger, Nachbar nach Osten ist Peter Weltin. Der Apotheker baut für seine betagten Schwestern, – die aber wollen, als das Haus fertig ist, doch lieber nicht an den Rand des Tausendseelen-Dorfs. Statt an der Straße nach Konstanz zu wohnen, wo zwischen Grundstück und Teer noch ein Wassergraben verläuft, ziehen sie doch lieber gleich in die Stadt. Das Haus steht 1934 leer, eigentlich ein Skandal, denn in Allensbach ist Wohnraum Mangelware. Es gibt ein Foto mit aufgezogener Hakenkreuzfahne an einem Mast im kahlen Garten; aber diese Beflaggung ist an nationalsozialistischen Feiertagen an allen Häusern entlang der Straße zu sehen.

Üble Zeitgeschichte, skizziert

Wer keine Landschaft ohne gleichzeitige politische Infrarotaufnahme denken kann: Schon im Jahr bevor Hitler Reichskanzler wurde, waren die Stimmen für die NSDAP in Allensbach bei den letzten freien Reichswahlen von 25% (1930) auf 37% (1932) gestiegen, höher als im Reichsdurchschnitt. Der Historiker Lothar Burchardt lieferte diese Zahlen jüngst in einem Allensbach-Buch; den nach der Machtergreifung als Bürgermeister eingesetzten Obersturmführer Mayer beurteilt er, was seine Amtsführung bis 1945 angeht, mit deutlicher Milde und rechnet ihm an, dass er dem überwiegenden katholischen Bevölkerungsanteil gegenüber unaggressiv blieb. Man kann hinzufügen: Das war nicht ohne politische Passung in einer Erzdiözese, deren Chef Gröber dem Führer das Reichskonkordat aushandelte, also die Anerkennung des NS-Regimes durch den Papst, und der 1934 selber SS-Fördermitglied wurde….
(Weiter vorgegriffen: Es wurde für die fromme Katholikin Elisabeth Mühlenweg im braungetönten Allensbach nicht immer lustig; Inga Pohlmann zitiert in einem biographischen Aufsatz (in: hegau – Jahrbuch 66/2009) aus dem Brief der sechsfachen Mutter im November 1944. Sie wurde aufs Rathaus bestellt, um die fällige Ehrung abzuholen: „Dagegen mußte ich mir gestern in einer entsprechenden Versammlung von Leuten, die so eifrig bestrebt sind, uns die genannten Schwierigkeiten einzubrocken, das Mutterkreuz umhängen lassen.“) Tränen werden selten dokumentiert; Regina Mühlenweg erinnerte sich noch an das zornige Weinen ihrer Mutter bei der Rückkehr vom Rathaus.

Warum ziehen die Mühlenwegs nicht nach Italien?

Aber noch wissen die Mühlenwegs nichts von der Allensbacher Baustelle. In Wien sind beide ab Herbst 1933 wieder an der Akademie eingeschrieben. Elisabeth macht noch eine Zusatzausbildung, mit dem sie Kunstunterricht an der Schule geben könnte, sie schafft das Examen und sie bringt im März 1934 ihre Tochter Regina in Wien zur Welt. Es ist das vom Bürgerkrieg zerrissene Wien, das die Sozialisten vertreibt und sich unter dem Bundeskanzler Dollfuß im Austrofaschismus einrichtet.
Ein paar Monate lang wohnt die junge Familie noch im Haus der Mutter Kopriwa am Hallstätter See. (Wanderer im Netz: wenn es dich gelüstet, eine besonders irreführende kulturtouristische Anmache zu lesen, dann ergoogle dir das Ferienhaus Kopriwa in Bad Goisern, sie verzeichnen dort Elisabeth in doppelter Ausführung, machen ihre brave Mutter Gustava zu einem Gustav…; aber tolle Aussicht auf den See (November 2011): http://www.hallstatt.net/accomodation/action/view/frmArticleID/709/ )

Am liebsten würden sie nach Italien ziehen und sich dort niederlassen. Fritz hat 1932 einige Wochen lang in Assisi gemalt und die Toskana bereist, auch ihre Hochzeitsreise hatte von Beaucaire aus dorthin geführt. Eine finanzielle Grundsicherung für die ersten Jahre bleibt ihm noch aus seinem Vatererbe, dem Anteil aus der Drogerie und den Rücklagen, die ihm sein gut bezahlter Job bei der Mongolei-Expedition verschafft hatte.
Aber eben die Abhängigkeit ihres „freien Künstlerlebens“ von diesem Geld erzwingt auf einmal ihre Niederlassung in Deutschland. Denn die nationalsozialistische Regierung, die insgeheim bereits auf einen Krieg rüstet, verschärft die Devisengesetzgebung. Der Transfer von Reichsmark ins Ausland wird drastisch erschwert.
Über Expeditionskollegen ventiliert Mühlenweg Wohnmöglichkeiten fern vom Bodensee. Nach Konstanz, wo er nun als verkrachter Sohn einer fleißigen Familie gilt, will er auf keinen Fall.

Dann also Allensbach.

Fellmütze, vor 60 Jahren (zweiter Teil)

Lotte Eckener also machte im Allensbacher Haus jenes Foto, das für Mühlenwegs Schriftstellerlaufbahn der Fünfzigerjahre eine Weiche stellte.

Die Verkleidung aus der Reisekiste hatte er so in der Mongolei wohl nie getragen, nur die Fellmütze ist von einem Foto aus dem eiskalten Winter 1927 in Hami bekannt: Der verlegen Grinsende trägt da aber einen dicken halblangen europäischen Überzieher, dazu die über die Kniee reichenden Filzstiefel, denen man noch die tagelange Flucht zu Fuß durch die Gobi ansieht. Neben ihm sein mongolischer Gefährte Pantje, ohne Fellmütze, den Kopf mit einer Filzkappe bedeckt, im schmucklosen fast bodenlangen Gewand, kein Pelzbesatz, aber mit breiter Bauchbinde.

Im frühen Sommer 1951 spielte Mühlenweg im exotischen Habit für die Fotografin den entschlossen dreinblickenden Asienreisenden, – wir wollen annehmen: mit jenem Vergnügen, das er auch bei Fasnachtskostümierungen empfand. Die Marketingstrategie seines Verlags brauchte die Fiktion: Das Outfit passte zum Vorwort, das Sven Hedin für den Roman geschrieben und in dem er jahrelange „gemeinsame Wanderungen“ durch die Wüsten Zentralasiens beschworen hatte. Es passte auch zu den Fotos in den zehnkiloschweren Diakasten, die der Autor zu seinen Lesungen mitschleppte.

Denn er sollte als „der bessere Karl May“ aufgebaut werden, einer der nicht wild herum geflunkert hatte übers Indianerland, sondern Land und Leuten begegnet war, die in seinem Roman vorkamen. Und er trat in Städten auf, in denen noch die Plakate der anderen Asienhändlern hingen, die in Vorträgen aus eigener Erfahrung berichteten: Heinrich Harrer und Wilhelm Filchner reisten in Sachen Tibet.

Als ob das so einfach ginge: den Leuten aus einem Roman zu begegnen. Mühlenweg machte in einer seiner ersten Lesungen vor Schülern eine bizarre, eigentlich dramatische Erfahrung: Sie fragten ihn nach den Figuren seiner erfundenen Handlung, sie wollten wissen, wie es Naidang, Siebenstern und Großer Tiger seither ergangen sei. Er musste lernen, sich herauszureden, um die schlichte Identifikation der jungen Leser nicht allzu sehr zu enttäuschen. Und um den Balanceakt durchzuhalten, den eine doppeldeutige Positionierung seines Romans  auf dem Markt erforderte.

Lotte Eckeners Mongolen-Foto mit der Fellmütze begleitete in der Werbemaschine des Herder Verlags seinen immer noch zunehmenden Erfolg.  Als Mühlenweg im Herbst 1951 die erste seiner langen Lesereisen begann, war das Auditorium Maximum in Freiburg mit 900 Zuhörern überfüllt. In Düsseldorf meldeten sich 2000 an, er wurde gebeten, seinen Vortrag drei Mal zu halten.  Honorar? Meist 20 DM. Seltener 50. Die Übernachtungen  zahlte er selbst. Eine Netzkarte spendierte der Verlag erst im Jahr darauf.

Im Jahr darauf begann er auch zu ahnen, dass er in eine Falle lief. Er war als Jugendbuchschriftsteller und auf einer Mongolenschiene festgeschrieben. In seinem zweiten Roman („Tal ohne Wiederkehr“, 1952, – für uns heißt das Buch: „Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit“) kommen zwar keine Heranwachsenden mehr vor; aber weil die mehrheitlich jugendlichen Leser sehnsüchtig einen weiteren Mühlenweg erwarteten, erschien auch dieser Text als Jugendbuch.

Das Lektoratsgutachten hielt präzise fest: „Ab 14 Jahren, nach oben nicht begrenzt. Jüngere Leser werden in dem Buch vermissen, dass keine Jugendlichen vorkommen. Auch ist es sachlicher erzählt als das erste Buch, so dass das Lesealter etwas höher rückt.“ – Auch dieses Buch wurde ein Erfolg, inklusive der Übersetzungen; noch fünf Jahre nach dem Tod des Autors hat Herder Großauflagen von 100.000 gewagt.

Im November 1955 schreibt der 57-Jährige, der immer noch tourt, zwischen Vorträgen in Lünen und Iserlohn an seine Frau: „Nein, wie mir die liebe Mongolei allmählich verleidet wird. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Hoffentlich gelingt mir das angefangene Buch, denn wie leicht lautet die Kritik: „Schuster, bleib bei deinem Leisten“ (sprich Jugendbuch), es sei denn, ich brächte es zu einem guten Ende.“

Das angefangene Buch war der Roman über einen Kunstraub in Gent, an dem er seit Jahren arbeitete. Er gelang ihm nicht mehr. Mühlenweg blieb nur noch ein gutes Jahr, dann schlug bei diesem körperlich immer gesunden, immer starken Mann der erste Schlaganfall zu. Er verlor seine Handschrift. Der zweite Schlag – im November 1958 während eines Besuch beim Malerfreund Julius Bissier – machte ihm für Monate ein Gehen ohne Hilfe unmöglich.

Als Herder anlässlich Mühlenwegs 60. Geburtstag den Buchhändlern eine Schaufensterwerbung anbot, konnten sie sich auch das Mongolen-Foto bestellen. Sein treuer Lektor Theo Rombach tröstete ihn mit Nachrichten um seine sieben lieferbaren Bücher und seine vier Übersetzungen. Mühlenweg malte, mit seiner Linken, eines seiner wundersamen surrealistischen Bilder: „Das Kartenhaus“.

60 Jahre danach (erster Teil)

In mongolischer Tracht ... (Foto: Lotte Eckener)

Weil es gerade 60 Jahre her ist: Im Juni 1951 brauchte Mühlenweg Fotos, mit denen der Herder Verlag seine Lesereisen unterstützen wollte. Der Erfolg seines ersten Romans  –über 50.000 im ersten Halbjahr – schürte das Interesse an diesem neuen Autor. Erste, ein wenig chaotische Erfahrungen hatte er im späten Winter auf Lesungen bereits gesammelt, viel Ärger mit dem Dia-Apparat zum Beispiel. Denn er las nicht einfach aus seinem Buch, er reiste mit Dias seiner Originalfotos aus der Mongolei. Glasdias, im älteren Format wohlgemerkt: 9 x12. Wenn es geht, wird man die massiven Holzkästen bald im Museum sehen – man darf ja die Vorgänger der easy-going-downloads nicht einfach vergessen.

Der Verlag wollte Fotos für einen Prospekt, den er den Veranstaltern zur Verfügung stellen wollte. Für Herder war das einfach und billig, man hatte eine der leistungsstärksten deutschen Druckereien im Haus. Mit dem neuen Werbemedium der Lesereisen experimentierte der starke Verlag offensiv;  im 150. Jahr des Bestehens wollte er sich ein moderneres Image verpassen.

Neben konventionellen Porträts wünschten sich die Strategen in Freiburg etwas Besonderes: Fritz Mühlenweg in mongolischer Tracht. Die hatte er, inklusive einer Pelzmütze, einst mitgebracht, sie ruhte seit 20 Jahren auf dem Estrich seines Allensbacher Hauses.

Nicht ganz zufällig hatte Mühlenweg eine hervorragende Fotografin in seinem Bekanntenkreis, Lotte Eckener. Mit ihr hatte er schon im Januar 1948 im Gründungsausschuss des „Kulturbunds“ zusammen gesessen. (Aufgeschlossene Konservative, Liberale aus künstlerischen Berufen, trafen sich im nahen Konstanz regelmäßig. Der Feuilletonleiter des Südkurier L. E. Reindl sorgte u. a. für stramme Abgrenzung gegen links. Man war frankophil, mit der freundlich gewordenen französischen Besatzungsmacht gut vernetzt, – die Anfänge der Deutsch-Französischen Gesellschaft.)

Lotte Eckener also: Sie führte auch nach der Verheiratung mit dem Konstanzer Zahnarzt Paul Simon ihren Geburtsnamen, mit dem sie schon in Berlin als künstlerische Fotografin bekannt geworden war. Ihr berühmter Vater lebte noch, jener Luftschiff-Pionier Hugo Eckener, der Nachfolger des Grafen Zeppelin geworden war.

Die ersten Bodensee-Bildbände mit ihren stimmungsvollen Fotos hatten Lotte Eckener in der Region am See endlich auch bekannt gemacht. Sogar Verlegerin war sie (Simon und Koch: Seit Dorothea Cremer-Schacht sich um die Geschichte der Bodensee-Fotografie kümmert, wissen wir endlich mehr: http://www.sch-8.de/FAB/Kuenstler_LotteEckener.htm. )

//Und weil das nun zu lang wird: Fortsetzung morgen, mit Rezeptionsgeschichte der Fellmütze.//