Monthly Archives: Juli 2011

Am Rand der Wüste

 

Felder-Archiv, Bregenz

Fritz Mühlenweg 1932 (Felder-Archiv, Bregenz)

Das Konterfei des Wüstenfahrers: Es ist im Frühjahr 1932 entstanden, vielleicht in Peking, vielleicht in Tientsin. Der 33-jährige Fritz Mühlenweg hat seinen letzten Job als Karawanenführer hinter sich, fünfzehn Monate in der Gobi, zuständig für mongolische Kamelmänner, chinesische Köche, medizinische Versorgung, ein paar Dutzend Kamele und Gerätschaften.

Männergesellschaft, aus der er seine Einsamkeiten suchte. An einem Oktobermorgen 1931 fand er die solitäre Stille, früh morgens auf dem Berg Yaga allein zeichnend: das beglückende Erlebnis, wie ihm die Gestaltung der Landschaftsformation mit ihren Schwingungen gelingt, Stift auf Papier, ein Erweis des eigenen Blicks und das Geschick der Hände. Schon vier Jahre vorher, bei der ersten Expedition hatte er Mal-Utensilien dabei. Schöne, handwerklich strenge Bilder sind damals entstanden: der Innenhof in Paotou, in dem er Nachtwache absolvierte über die Expeditionsgüter. Ein chinesisches Tempelchen (feiner, exotischer Nippes). Diesmal war es anders. Unweit vom Edsin-Gol, wo er für Monate im Winterlager dann lebte, stimmte seine Innenwelt mit der Fertigkeit der Hand überein.

Aber der Wüstenfahrer:  Nun ist er aus der Expedition befreit, sie war zuletzt vor allem langweilig geworden. Und er geht in ein Fotoatelier. Was er im Moment des Blitzes gedacht hat? Eine leuchtende Selbstsicherheit lässt sich aus seinem Blick lesen. Man kann das Foto aber auch mit seinem entwickelten Sinn als Ulk anschauen. Es gibt von ihm – seit seiner Kindheit – einige Aufnahmen, auf denen er Faxen macht. Er hat sich den Scherz erlaubt, an jenem Tag in China noch ein zweites Foto machen zu lassen, nach dem Gang zum Friseur: derselbe Anzug mit Krawatte, das wettergegerbte Gesicht, aber schon mit kurzem Haarschnitt, die freigelegten Halspartien mit hellen Flecken. Der Mann hatte Humor genug, dem Rudel seiner Iche ins Auge zu sehen.

Das Foto vom Wüstenmann, vom Halbwilden. Die Gesichtsfarbe kommt nicht aus den Sommermonaten in der Kieswüste: an Wintertagen musste er am Edsin-Gol fünf Mal am Tag, auch bei weniger als Minuszwanzig Grad, auf dem Holzturm der meteorologischen Station, Messgeräte ablesen und Listen führen („eine ekelhaft stumpfsinnige Arbeit“, schreibt er in einem Brief).

Denn die Expedition diente einem wissenschaftlichen Zweck, der Chef war ein deutscher Meteorologe, der für das übergreifende Projekt, die seit 1927 laufende Zentralasiatische Expedition von Sven Hedin, die Wetterbeobachtungen übernommen hatte. Mühlenweg war schon am Anfang mit dabei gewesen, als Angestellter der neu gegründeten deutschen „Luft Hansa“. Für sie sollte der Kaufmann aus Konstanz die Ausgaben überwachen und die Buchhaltung führen, denn die Reichsregierung sponserte die Expedition mit viel Geld.

Es ging nicht nur um die Erforschung des Klimas in den Wüsten, die von Berlin aus überflogen werden sollten, nach Peking. Vom Berliner Außenamt war diskret ein halbes Dutzend deutscher Militärs in die Expedition infiltriert worden. Das Flugwesen hatte sich schließlich durch die technischen Erfahrungen der Militärflieger im Weltkrieg rasant entwickelt. Deren Augen sahen mehr.

Sein Chef freilich war kein Militär; er hat, ohne Mühlenwegs Namen zu nennen, über die Messarbeiten – beschönigend, wie es der Brauch war – später einen Aufsatz geschrieben. (Waldemar Haude: Reisen und Arbeiten der meteorologischen Sondergruppe 1931732; in: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 1934)

Ein inszeniertes Foto, Mühlenweg dokumentiert den Moment, in dem der Wüstenfahrer bereits in den städtischen Anzug geschlüpft ist. Abends mag er in Peking zu einer Fete gegangen sein. In seinem Adressbuch standen noch Namen von Frauen, mit denen er vor Beginn der Expedition beim Fasching im diplomatischen Viertel getanzt hatte.

Eigentlich wäre er gern noch ein-zwei Jahre in Nordchina geblieben. In der Mongolei war ihm in einer magischen Stunde möglich erschienen, dass ihm ein Leben als Künstler gelingen könnte. Vom ersparten Lohn der Expeditionsarbeit ließ sich ein sparsames Leben auf dem Land finanzieren. Malen im fremden Land. Eine ganz andere biographische Weichenstellung scheint hier auf…

Gerüchte über politische Veränderungen waren nur selten in die Gobi gedrungen, am ehesten von Durchreisenden in den Wüstenoasen. Aber nun erfuhr er, dass die Japaner die Mandschurei besetzt hatten. Das Leben in China wurde zu gefährlich. (Der große Zusammenhang blieb vorerst unsichtbar: Japanische Militärs hatten ihren imperialistischen Raubzug begonnen, sie nutzten den Bürgerkrieg zwischen den Kuomintang-Truppen des Mehrheitsführers Chiang Kai-shek und der erstarkenden Revolutionsbewegung um den Nationalkommunisten Mao Zedong und griffen sich Teile von China. Die Japaner zündeten eine Lunte, die den  Zweiten Weltkrieg von Ostasien her schon anfeuerte.)

 

I-Ging und Nachwirkungen

Ein Autor, der Herz und Hirn seiner Leser beeindruckt und ihre Phantasie dabei freisetzt, bekommt etwas zurück, und sei‘s im Mosaik seines Nachruhms.

Damit sind nicht die Umsetzungen in andere Medien gemeint, obwohl auch sie bei Mühlenweg dazu gehören: Die Übersetzung der Erzählungen ins Italienische („Segreti della Mongolia“ von Anna Ruchat, 2002), die Hörspielfassung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ durch den SWR (2008) oder die auch 2011 noch laufende Bühnenfassung von „Nuni“ durch das Freie Werkstatt Theater in Köln.

Hier geht es um etwas anderes: Leserbegeisterung, die tätig wird, just for the fun of it. In Siegen ist ein Journalist neben seinem Tagwerk einem Motivstrang nachgegangen, der allen Mühlenweg-Lesern vertraut ist. Er macht eine Facette der sprachlichen Wirkung aus.

Denn zum eigentümlichen Gewebe der Roman-Prosa gehören zwar auch sparsam verwendete Adjektive und entschlossen übersichtliche Satzkonstruktionen: Sie haben Mühlenwegs Prosa so alterungsbeständig gehalten, vergleichbar der Sprache seiner Jahrgangsgenossen Bert Brecht und Erich Kästner, und sie öffnen diese Erzählung für „all age“. In einem Verlagsordner finden sich handschriftliche Fanbriefe von Elfjährigen und von 83-Jährigen.

Zudem gibt es, quer über die 700 Seiten der Handlung gestreut, seltsam eindrückliche Sprüche. Mühlenweg hat sie mehreren Romanfiguren zugeteilt, die meisten von ihnen aber dem jungen Chinesen Großer-Tiger in den Mund gelegt. Der will mit weisheitlich anmutenden Sätzen seinem deutschen Freund Christian (Kompass-Berg) eine andere, zuwartende, achtsamere Verhaltensweise und Weltsicht näher bringen. Wenn Sie am Bodensee oder an der Frankfurter Buchmesse oder in Blogs Sätzen begegnen wie: „In der Eile sind Fehler“ oder „Es gibt keine Hilfe“ oder „Keine Besorgnis deswegen“ oder „Unvorsichtiger, du trittst dem Tiger auf den Schwanz“ oder „Die Anfangsschwierigkeit bringt Gelingen“ – dann seien Sie getrost, es sind Leser von „In geheimer Mission“ nahe. Man kann ihnen trauen.

Fritz Mühlenweg traute jugendlichen Lesern (ab dem Schulalter) so viel zu wie Erwachsenen: Bei seinen Lesungen aus dem unfertigen Roman hörten im Allensbacher Haus seine Kinder und erwachsene Freunde zu. Die begeistertste Leserin der ersten Fassung war die damals 25-jährige Nelly Dix. Dieser autodidaktisch sich vorarbeitende Erzähler zielte auf ein Vergnügen am Text, das die Generationen verbinden konnte. Aber er war ein realistischer Autor eigener Prägung: Die Weisheitssprüche klangen aus dem Mund eines Zwölfjährigen doch komisch altklug. So ließ er denn die Herkunft der Sätze von Großer-Tiger auf Belehrungen seines ehrwürdigen Großvaters zurückführen.

Die „Sprüche des Großvaters“ werden von den Erwachsenen im Roman oft mit respektvollem Humor aufgenommen. Sie kommen aber von weiter her. In Mühlenwegs Bücherregal stand die deutsche Übersetzung des „I Ging“. Zuletzt noch, Jahrzehnte nach seinem Tod, stand sie in der Konstanzer Wohnung von Regina Mühlenweg. Mit ihr konnte sich der Siegener Mühlenweg-Leser Peter Barden 2005 noch austauschen, als ihn die Herkunft der „Sprüche des Großvaters“ zu interessieren begann. Der Journalist Barden fand bei genauerer Lektüre heraus, wie viele Dutzend wörtliche Zitate und noch mehr Anklänge aus der I-Ging-Übersetzung des großen Richard Wilhelm von Mühlenweg in das wachsende Manuskript eingearbeitet wurden.

Als Peter Barden sein Manuskript an unseren Verlag schickte („Beharrlichkeit bringt Heil“. Beobachtungen zum Gebrauch des I Ging in Fritz Mühlenwegs „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“), stand darin der Satz: „Dem I Ging in IGM nachzugehen, war mir einfach ein Bedürfnis.“

Ein Bedürfnis; Ja. Wir haben auch eine Examensarbeit aus dem Departement of Landscape Architecture der North Carolina State University von einem anderen Mühlenweg-Begeisterten zugeschickt bekommen: „Big Ger and Little Brad: Their Adventures in China“, Typoskript, 202 Seiten – der Autor Brad Houx, ein Leser der Pantheon-Ausgabe „Big Tiger and Christian“, ist vor reichlich 20 Jahren mit einem Freund per Fahrrad auf die Strecke von Peking nach Urumtschi gegangen … Wenn wir irgendwann einen Sammelband machen mit den Spezialarbeiten von Mühlenweg-Lesern, dann sollte darin auch der Aufsatz der Sinologin Gabriele Goldfuß stehen: Fritz Mühlenweg: Tausendjähriger Bambus: Nachdichtungen aus dem Schi-King (1998 im Bochumer Jahrbuch zur Ostasienforschung abgedruckt).

Im Allensbacher Museum sollen mehr als zwei Dutzend der Sprüche im Treppenhaus hörbar werden. Seltsame Sätze, treppauf. Woher die geheimnisvollen Sätze kommen, liest sich irgendwo an der Wand so:

Der Mühlenweg-Sound und das I-Ging

Die Sprüche der akustischen Installation sind dem Roman „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ entnommen. Dort gibt Großer-Tiger die Sätze meist als Weisheiten seines chinesischen Großvaters aus. Für Mühlenweg-Leser wurden viele zu geflügelten Worten.

Tatsächlich hat Mühlenweg seinen Personen vierzig wortgenaue Zitate und Dutzende Anklänge aus dem „Buch der Wandlungen“ (I-Ging) in den Mund gelegt. Dieses älteste chinesische Weisheits- und Orakelbuch hält erhellende Sätze für typische Situationen im menschlichen Leben bereit. Es weist den Einzelnen in eine Weltordnung ein, in welcher stetige Veränderbarkeit und das Ausgleichen von Extremen grundlegend sind.

In der 1924 erschienenen ersten Übersetzung durch Richard Wilhelm machte das I-Ging die Generation um Hermann Hesse und C. G. Jung auf chinesisches Weltwissen aufmerksam.

Übersetzungen

Wenn sich die interkulturell turnenden Exzellenzforscher dereinst für Mühlenweg interessieren wollen: es gäbe Stoff genug. Nicht nur die abgegriffenen Notizbücher, in denen er in den ersten Wochen der Expedition 1927 in der Gobi begann, mongolische Wörter nach dem Gehör aufzuschreiben. Alltagswörter, brauchbar. Erfragt von den mongolischen Kamelmännern. Es ging um Tiere, Essen, Wetter, Wassersuche, Einrichten und Abbruch des Lagers. Eine intuitive Methode des Lernens, sie brachte ihn zugleich den Lebensgewohnheiten und dem Wissen der Nomaden näher.

Im Roman “In geheimer Mission“ lässt Mühlenweg (20 Jahre später) in Kapitel 32 den jungen Christian auf solche Weise sein Wörterbuch beginnen: indem er sich von der gleichaltrigen Mongolin Siebenstern die bedeutsamen, weil nützlichen Wörter erfragt. Die Zahlen bis Zehn, die Benennungen für Fluss, Hund, Stern, für Kaltes und Schmales … Zu thematisch geordneten Vokabellisten, immerhin mit gut 500 Wörtern, war er selbst erst während ruhiger Wochen am Edsin-Gol gekommen. Im Monat darauf wurde er von Sven Hedin mit einem Mongolen und einem Chinesen auf Sondermission geschickt, um Proviant für die Expedition zu besorgen: weil er als einziger unter den Deutschen der Expedition sich auf Mongolisch verständigen konnte. Ein Abenteuer, das ihn auf den „Pfad der Nachdenklichkeit“ führte.

Im Allensbacher Museum zeigen wir im Raum „Asien“ das Abschiedsgeschenk des Tschachar-Mongolen Märin. Von ihm hatte er am meisten gelernt hatte. Mühlenweg durfte / sollte sie – dem Brauch folgend – im Frühjahr 1932 aus Märins Habe selbst aussuchen, nach gemeinsamen Monaten in einer meteorologischen Expedition. Grund zur Dankbarkeit hatten die Mongolen: auch die medizinische Versorgung hatte zu Mühlenwegs Aufgaben gehört. Er wählte Märins Steigbügel. Dass er diese klumpigen Eisenbügel nicht gebrauchen konnte, wusste er. In den Augen seines Freundes aber bewies er seine Wertschätzung, indem er etwas Wertvolles annahm, ohne das ein Mann in der Wüste nicht sein konnte. Mühlenweg selbst wünschte sich damals noch, dass er später in die Gobi zurückkäme. Es hat nicht sollen sein. Noch im selben Jahr begegnete er in Wien der Frau, die seinen tiefergehenden Wunsch nach Sesshaftigkeit (zögernd) erfüllte. Und die Besetzung der Mandschurei durch die Japaner trieb ohnehin die meisten Europäer aus China hinaus.

Dies war nur die Einleitung für ein ganz anderes Desiderat interkultureller Forschung: die Rezeption Mühlenwegs in Übersetzungen nämlich. Dass er eine Wirkung nicht nur in Europa hatte, seit den acht Ausgaben in anderen Ländern, die über den Verlag Herder ab 1952 zustande kamen, erfahren wir bei Libelle noch heute. Gestern – wir sind im Juli 2011 – meldete sich Brad Houx (aus Chester, Vermont, USA) über LinkedIn, er hat mit einem Freund in den späten Achtziger Jahren auf den Spuren von „Big Tiger and Christian“ die Reise des Mühlenweg-Romans von Peking nach Urumtschi per Fahrrad angetreten. (Das chinesische Militär war not amused.)

Wer sich für die Titel der Übersetzungen von Mühlenwegs Hauptwerk interessiert, in der Reihenfolge des Erscheinens – sie sind alle im Netz zu finden, am einfachsten über http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.html

US-Amerikanisch: Big Tiger and Christian. Their Adventures in Mongolia. Italienisch: Attraverso il deserto di Gobi: Missione Segreta. Englisch: Big Tiger and Christian. Their Adventures in Mongolia. Niederländisch: Kompas-Berg en Grote-Tijger. Schwedisch: På hemligt uppdrag i Gobiöknen. Spanisch: En misión secreta a través del desierto de Gobi. Französisch: L’heure du dragon. Dänisch: I hemmelig mission gennem Gobi-Ørkenen. Allein was man über die US-Ausgabe bedenken könnte…

Es war Kurt Wolff von seinem New Yorker Pantheon Verlag her, dem als erster der sensationelle Erfolg eines unbekannten Autors bei Herder auffiel. Als in Freiburg schon die vierte Auflage lief (Dezember 1951) fragte er wegen einer Lizenz an, aber mit harten Bedingungen: Er wollte den Roman nur gekürzt machen und das Geleitwort von Sven Hedin sowieso weglassen, das sei politisch nicht akzeptabel für den US-Markt. (Das Geleitwort war nebulös, enthusiastisch und unverdächtig. Aber der große Asienforscher Hedin war nach 1945 persona non grata für die Alliierten. Er hatte Hitlers Berliner Olympiade mit einer Rede miteingeweiht, und als das Reich schon in Schutt und Asche lag, März 1945, hofierte die NS-Wochenschau den Deutschland-Freund anlässlichs eines 80. Geburtstags.) Herder legte Mühlenweg nah, den Bedingungen zuzustimmen.

Ob ihm Kurt Wolff ein Begriff war? Eher nicht. Als KW sein Namenskürzel so langsam zum Begriff eines Kultverlags machte, hatte Fritz Mühlenweg mit Büchern weniger im Sinn gehabt. Da war er Drogistenlehrling, dann Soldat, dann hart arbeitender Kaufmann in den Inflationsjahren gewesen – und in der Freizeit eher auf Wandern, Skifahren, Rudern aus. Dass KW damals Georg Trakl entdeckte, als Erster den deutschschreibenden Böhmen Franz Kafka verlegte, Heinrich Manns „Untertan“ zum Seller machte: das wurde ihm erst Jahrzehnte später zum Kranz geflochten.

(Männer-Geschichtsschreibung: Immer ist nur von KW die Rede, wenn männliche Verleger sein Podest beleuchten.  Er hatte seiner feinen Literaturnase, seinem Sinn für neue literarische Qualitäten zunächst auch dank dem Geld seiner ersten Ehefrau bedenkenlos folgen können. Und seine zweite Frau Helen, die mit ihm vor dem Zugriff der Nazideutschen über Italien, Frankreich nach den USA floh: ohne diese Helen Wolff wäre der Aufbau des Pantheon Verlags in NY so nicht denkbar gewesen. Mühlenweg bekam ab 1951 von Helen Wolff ermunternde Lektoratsbriefe, die ihn auf gutem Kurs halten sollten… Sie hat nach dem Tod ihres Mannes dann noch 30 Jahre lang Verlagsarbeit geleistet und u. a. Günter Grass in den USA bekannt gemacht.)

Die Pantheon-Ausgabe von „Big Tiger and Christian“, feinsinnig übersetzt von den Engländerinnen Isabel und Florence McHugh, erschien 1952, zwar gekürzt, dafür aber marktgerecht illustriert von einem Berliner Emigranten: Rafaello Busoni, der noch in Deutschland begonnen hatte, Klassiker der Weltliteratur zu illustrieren. Und ich habe dieser Tage erst über einen Blog von amerikanischen Mühlenweg-Fans erfahren, dass die Wolffs den Erfolg ihres Buchs mit einem dezenten Trick beförderten: Der eine der beiden Helden, Christian, Sohn eines deutschen Arztes in Peking, der bei Mühlenweg deutsch und chinesisch spricht und versteht, der versteht sich in der Pantheon-Ausgabe auf Chinesisch und Amerikanisch, und wenn er etwas aus seinem Land erzählt, dann ist es “America”.   http://www.allthingsransome.net/rrreviews/bigtigerandchristian.html

Fellmütze, vor 60 Jahren (zweiter Teil)

Lotte Eckener also machte im Allensbacher Haus jenes Foto, das für Mühlenwegs Schriftstellerlaufbahn der Fünfzigerjahre eine Weiche stellte.

Die Verkleidung aus der Reisekiste hatte er so in der Mongolei wohl nie getragen, nur die Fellmütze ist von einem Foto aus dem eiskalten Winter 1927 in Hami bekannt: Der verlegen Grinsende trägt da aber einen dicken halblangen europäischen Überzieher, dazu die über die Kniee reichenden Filzstiefel, denen man noch die tagelange Flucht zu Fuß durch die Gobi ansieht. Neben ihm sein mongolischer Gefährte Pantje, ohne Fellmütze, den Kopf mit einer Filzkappe bedeckt, im schmucklosen fast bodenlangen Gewand, kein Pelzbesatz, aber mit breiter Bauchbinde.

Im frühen Sommer 1951 spielte Mühlenweg im exotischen Habit für die Fotografin den entschlossen dreinblickenden Asienreisenden, – wir wollen annehmen: mit jenem Vergnügen, das er auch bei Fasnachtskostümierungen empfand. Die Marketingstrategie seines Verlags brauchte die Fiktion: Das Outfit passte zum Vorwort, das Sven Hedin für den Roman geschrieben und in dem er jahrelange „gemeinsame Wanderungen“ durch die Wüsten Zentralasiens beschworen hatte. Es passte auch zu den Fotos in den zehnkiloschweren Diakasten, die der Autor zu seinen Lesungen mitschleppte.

Denn er sollte als „der bessere Karl May“ aufgebaut werden, einer der nicht wild herum geflunkert hatte übers Indianerland, sondern Land und Leuten begegnet war, die in seinem Roman vorkamen. Und er trat in Städten auf, in denen noch die Plakate der anderen Asienhändlern hingen, die in Vorträgen aus eigener Erfahrung berichteten: Heinrich Harrer und Wilhelm Filchner reisten in Sachen Tibet.

Als ob das so einfach ginge: den Leuten aus einem Roman zu begegnen. Mühlenweg machte in einer seiner ersten Lesungen vor Schülern eine bizarre, eigentlich dramatische Erfahrung: Sie fragten ihn nach den Figuren seiner erfundenen Handlung, sie wollten wissen, wie es Naidang, Siebenstern und Großer Tiger seither ergangen sei. Er musste lernen, sich herauszureden, um die schlichte Identifikation der jungen Leser nicht allzu sehr zu enttäuschen. Und um den Balanceakt durchzuhalten, den eine doppeldeutige Positionierung seines Romans  auf dem Markt erforderte.

Lotte Eckeners Mongolen-Foto mit der Fellmütze begleitete in der Werbemaschine des Herder Verlags seinen immer noch zunehmenden Erfolg.  Als Mühlenweg im Herbst 1951 die erste seiner langen Lesereisen begann, war das Auditorium Maximum in Freiburg mit 900 Zuhörern überfüllt. In Düsseldorf meldeten sich 2000 an, er wurde gebeten, seinen Vortrag drei Mal zu halten.  Honorar? Meist 20 DM. Seltener 50. Die Übernachtungen  zahlte er selbst. Eine Netzkarte spendierte der Verlag erst im Jahr darauf.

Im Jahr darauf begann er auch zu ahnen, dass er in eine Falle lief. Er war als Jugendbuchschriftsteller und auf einer Mongolenschiene festgeschrieben. In seinem zweiten Roman („Tal ohne Wiederkehr“, 1952, – für uns heißt das Buch: „Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit“) kommen zwar keine Heranwachsenden mehr vor; aber weil die mehrheitlich jugendlichen Leser sehnsüchtig einen weiteren Mühlenweg erwarteten, erschien auch dieser Text als Jugendbuch.

Das Lektoratsgutachten hielt präzise fest: „Ab 14 Jahren, nach oben nicht begrenzt. Jüngere Leser werden in dem Buch vermissen, dass keine Jugendlichen vorkommen. Auch ist es sachlicher erzählt als das erste Buch, so dass das Lesealter etwas höher rückt.“ – Auch dieses Buch wurde ein Erfolg, inklusive der Übersetzungen; noch fünf Jahre nach dem Tod des Autors hat Herder Großauflagen von 100.000 gewagt.

Im November 1955 schreibt der 57-Jährige, der immer noch tourt, zwischen Vorträgen in Lünen und Iserlohn an seine Frau: „Nein, wie mir die liebe Mongolei allmählich verleidet wird. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Hoffentlich gelingt mir das angefangene Buch, denn wie leicht lautet die Kritik: „Schuster, bleib bei deinem Leisten“ (sprich Jugendbuch), es sei denn, ich brächte es zu einem guten Ende.“

Das angefangene Buch war der Roman über einen Kunstraub in Gent, an dem er seit Jahren arbeitete. Er gelang ihm nicht mehr. Mühlenweg blieb nur noch ein gutes Jahr, dann schlug bei diesem körperlich immer gesunden, immer starken Mann der erste Schlaganfall zu. Er verlor seine Handschrift. Der zweite Schlag – im November 1958 während eines Besuch beim Malerfreund Julius Bissier – machte ihm für Monate ein Gehen ohne Hilfe unmöglich.

Als Herder anlässlich Mühlenwegs 60. Geburtstag den Buchhändlern eine Schaufensterwerbung anbot, konnten sie sich auch das Mongolen-Foto bestellen. Sein treuer Lektor Theo Rombach tröstete ihn mit Nachrichten um seine sieben lieferbaren Bücher und seine vier Übersetzungen. Mühlenweg malte, mit seiner Linken, eines seiner wundersamen surrealistischen Bilder: „Das Kartenhaus“.

60 Jahre danach (erster Teil)

In mongolischer Tracht ... (Foto: Lotte Eckener)

Weil es gerade 60 Jahre her ist: Im Juni 1951 brauchte Mühlenweg Fotos, mit denen der Herder Verlag seine Lesereisen unterstützen wollte. Der Erfolg seines ersten Romans  –über 50.000 im ersten Halbjahr – schürte das Interesse an diesem neuen Autor. Erste, ein wenig chaotische Erfahrungen hatte er im späten Winter auf Lesungen bereits gesammelt, viel Ärger mit dem Dia-Apparat zum Beispiel. Denn er las nicht einfach aus seinem Buch, er reiste mit Dias seiner Originalfotos aus der Mongolei. Glasdias, im älteren Format wohlgemerkt: 9 x12. Wenn es geht, wird man die massiven Holzkästen bald im Museum sehen – man darf ja die Vorgänger der easy-going-downloads nicht einfach vergessen.

Der Verlag wollte Fotos für einen Prospekt, den er den Veranstaltern zur Verfügung stellen wollte. Für Herder war das einfach und billig, man hatte eine der leistungsstärksten deutschen Druckereien im Haus. Mit dem neuen Werbemedium der Lesereisen experimentierte der starke Verlag offensiv;  im 150. Jahr des Bestehens wollte er sich ein moderneres Image verpassen.

Neben konventionellen Porträts wünschten sich die Strategen in Freiburg etwas Besonderes: Fritz Mühlenweg in mongolischer Tracht. Die hatte er, inklusive einer Pelzmütze, einst mitgebracht, sie ruhte seit 20 Jahren auf dem Estrich seines Allensbacher Hauses.

Nicht ganz zufällig hatte Mühlenweg eine hervorragende Fotografin in seinem Bekanntenkreis, Lotte Eckener. Mit ihr hatte er schon im Januar 1948 im Gründungsausschuss des „Kulturbunds“ zusammen gesessen. (Aufgeschlossene Konservative, Liberale aus künstlerischen Berufen, trafen sich im nahen Konstanz regelmäßig. Der Feuilletonleiter des Südkurier L. E. Reindl sorgte u. a. für stramme Abgrenzung gegen links. Man war frankophil, mit der freundlich gewordenen französischen Besatzungsmacht gut vernetzt, – die Anfänge der Deutsch-Französischen Gesellschaft.)

Lotte Eckener also: Sie führte auch nach der Verheiratung mit dem Konstanzer Zahnarzt Paul Simon ihren Geburtsnamen, mit dem sie schon in Berlin als künstlerische Fotografin bekannt geworden war. Ihr berühmter Vater lebte noch, jener Luftschiff-Pionier Hugo Eckener, der Nachfolger des Grafen Zeppelin geworden war.

Die ersten Bodensee-Bildbände mit ihren stimmungsvollen Fotos hatten Lotte Eckener in der Region am See endlich auch bekannt gemacht. Sogar Verlegerin war sie (Simon und Koch: Seit Dorothea Cremer-Schacht sich um die Geschichte der Bodensee-Fotografie kümmert, wissen wir endlich mehr: http://www.sch-8.de/FAB/Kuenstler_LotteEckener.htm. )

//Und weil das nun zu lang wird: Fortsetzung morgen, mit Rezeptionsgeschichte der Fellmütze.//

 

Leserpost (Ein Anfang)

Lieber Libelle Verlag,

könnten Sie uns wohl bitte angeben, wo sich genau die ff. Textstelle aus Fritz Mühlenweg, In geheimer Mission findet: Sie wird dem Buch als letztes Zitat vorangestellt:

“Es muss dir etwas einfallen! Es geht nicht, dass wir mutlos sind.” ,,Dann”, sagte Christian, ,,müssen wir einen Vertrag machen: Nur einer von uns darf verzweifelt sein und ,Es gibt keine Hilfe’ sagen.”
(usw….) und dann musste beide lachen.

Wir möchten es in unserer Hochzeitsfeier verwenden, haben schon alle Mühlenweg Bücher gelesen und zahlreiche Male diesen Satz verwendet. Aber den Ort genau dieser Stelle finden wir gerade nicht.

Für Ihre heutige Auskunft wären wir Ihnen sehr dankbar.


Der Brief kam im Mai 2011. Auch die Dringlichkeit im letzten Satz hat mir gefallen. Wann kann man schon, von der Leserpost-Abteilung des Verlags aus, einer unbekannten Braut behilflich sein …

Die Stelle ließ sich rasch finden (S. 232 der laufenden Ausgabe, im 24. Kapitel); wie oft habe ich diesen Roman schon gelesen – fünfmal, sechsmal?

Dieser Schnellkurs über das Abmachen eines Vertrags zwischen den heranwachsenden Helden bleibt, in einer spannenden Passage als Verzögerungsmoment eingebaut, tiefgründig faszinierend. Die leichte, humorvolle Art, mit der dieser Autor jüngeren und dann zugleich älteren Lesern eine Lebenskunst weitergab. Leben ist gefährlich, Verzagtheit kann vorkommen. Es braucht eine Einübung in Beistand und Durchhalten. Bei aller Freiheit und allen wünschlichen Abenteuern ging es um Verbindlichkeiten.

Mühlenweg, ein getaufter Protestant, Sohn eines freimaurerischen Vaters, hatte mit kirchlichen Religionen nichts im Sinn; ich frage mich immer noch, ob sie das im damals heftig katholischen Herder Verlag (da wurde sogar des Verlegers Kind von Pius XII. getauft…) überhaupt bemerkt haben, als sie den Roman zum Flaggschiff ihres Jugendbuchprogramms machten. Die unaufdringliche Botschaft hinter allen spannenden Begegnungen in Grasland und Wüste hat im Klima des christlichen Rollbacks der westdeutschen Nachkriegszeit wie ein Trojaner gewirkt. (Nein, das ist nicht erforscht. Könnte sich mal jemand dahintermachen? Zuerst vielleicht die Interviews mit den bekannteren Mühlenweg-Lesern der ersten Generation, die oben in der Rubrik „Über Fritz Mühlenweg“ genannt sind?)

Mühlenwegs Menschen fehlt kein Gott, sie handeln – in einer Welt, die ohne Verbrecher, Geldgier, von Menschen gemachtes Unheil und eine höchst gefährliche Natur nicht zu haben ist –  aus einer diesseitigen Ethik heraus. Es geht darum, dem anderen zuwartend, höflich auch, mit respektvollem Interesse, und wenn immer möglich mit Humor zu begegnen.

Eine heitere Gelassenheit, die er aus der Mongolei mitbrachte. Dass er im Jahr 2011 das Motto für eine Hochzeit liefert… „Euer Weg sei leicht und gut!“ hätte er vielleicht mit einem Lächeln gesagt. Dass der Weg von sich aus nicht leicht und nicht immer gut sein kann, wusste er nach einem Vierteljahrhundert Ehe, aber noch im Monat vor seinem Tod konnte er sich ein Leben ohne seine Frau nicht vorstellen.

Im September jährt sich Mühlenwegs Tod zum fünfzigsten Mal. Wir bekommen fast jede Woche von unbekannten Lesern Nachfragen zu diesem Autor. Ja, diese seltsame Lebendigkeit, die von seinen Spracherfindungen ausgeht und die seine Leser immer neu beweisen…