Monthly Archives: November 2011

Das Haus

Ein Brief aus New York: Kurt Wolff, der bei Pantheon Books "Big Tiger and Christian" verlegt, kündigt seinen Besuch in Allensbach an. (Felder-Archiv, Bregenz)

 

Eine Unterschrift ohne Berufsbezeichnung

Am 7. Januar 1935 unterzeichnen Fritz und Elisabeth Mühlenweg in Gailingen den Mietvertrag für das Haus am Allensbacher Ortsrand: 6 Zimmer, Küche Kellerräume, eingebautes Bad mit WC.  Zum Haus gehörig: 1 Waschkessel, 1 Ofen im Gartenzimmer, 1 Herd mit Zentralheizung. Das ist fortschrittlicher Komfort in einer Zeit, da selbst in Konstanz noch der Alltag in vielen Wohnungen mit Plumpsklo und Zimmeröfen stattfindet.

Inklusive Garten zahlen sie 75 Reichsmark Miete, ein moderater Preis. Die Mühlenwegs unterzeichnen beide – das ist kein unwichtiges Detail in einem Jahrhundert, in dem Männer ihre Ehefrauen noch lange wirtschaftlich entmündigt halten. Dass sie im Gegensatz zum Vermieter („Apotheker Dr.“) keine Berufsbezeichnung in den Vertrag setzen können, zeigt ihren ungewissen sozialen Status.

Sie werden sich ihren Status erst erarbeiten und sie tun das beharrlich und erfinderisch: In den ersten drei Jahren werden sie sich mit Otto Dix und seiner Familie in Hemmenhofen befreunden, sie werden mit neu gewonnenen Freunden in Konstanz – mit Rohland, Rihm, Biehler –  eine eigene Künstlergruppe zur Vermarktung ihrer Bilder gründen, Elisabeth Mühlenweg wird im Konstanzer Kunstverein eine Einzelausstellung haben und Fritz aktiviert seine alten Sportsbeziehungen, um zu einer Öffentlichkeit zu kommen. Seine ersten Vorträge über Sven Hedin und die Mongolen werden vom Ruderverein in Konstanz und dem Alpenverein in Singen organisiert.

 

Raumaufteilung, Beziehungsarbeit

 

Der im Architektenplan als „Bügelzimmer“ nach Süden gehende Souterrainraum wird sogleich zu Elisabeths Atelier. Auch dies keine Selbstverständlichkeit. „A room of one‘s own“: Virginia Woolfs Essay über das eigene Zimmer als Vorbedingung für die Entfaltung weiblicher Produktivität war im fernen England gerade erst publiziert. In Allensbach kennen sie ihn noch nicht, und Mühlenwegs Buchhändlerfreund in Konstanz war inzwischen Nazi geworden und hätte den Text schwerlich besorgt.

Nein, dieses Künstlerpaar experimentiert aus eigenem Antrieb in einem Beziehungsgefüge von Gleichberechtigten. Mit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung freilich: Über das Stopfen von 46 wollenen Kinderstrümpfen ist aus Elisabeths Briefen zu erfahren. Fritz schreibt davon, wenn er 30 Ster Holz im Wald bearbeiten muss.

Er nimmt mit einem 9qm-Zimmer im Hochparterre vorlieb, dort beginnt er auch zu schreiben. In diesen frühen Allensbacher Jahren übersetzt er die ersten Gedichte aus dem chinesischen „Shijing“ – ein bezeichnender Zufall hatte ihn auf das Thema gebracht, der mit seinen ruhelosen Jahren in Asien zusammenhängt. Ein chinesischer Student, dem er während der letzten Expedition Deutsch und einiges über deutsche Kultur beigebracht hatte, schickte ihm als Hochzeitsgeschenk das “Book of Poetry”, eine englisch-chinesische Ausgabe der ältesten Liedersammlung Chinas. Es wird 10 Jahre dauern, bis eine schmale Auswahl seiner Übertragungen  als „Tausendjähriger Bambus“ zum Buch werden.

Er schreibt in jenen kurzen Jahren vor Kriegsbeginn auch ein chinesisches Theaterstück (das von Theatern abgelehnt wird), er schreibt eine Kindergeschichte um das Mädchen „Nuni“ –  von Verlagen zurückgeschickt, lässt er den Text erst einmal 15 Jahre in der Schublade. Und er beginnt kurz vor Kriegsbeginn einen zeithistorischen Roman über den Mongolenführer Dampignak  – leider nur hundert gute Seiten, dann merkt er, dass er sich zu viel vorgenommen hat (aus dem Nachlass veröffentlich in „Drei Mal Mongolei“).

 

Allensbach, von New York aus gesehen

Das Haus mit seinen ohnehin nicht großen Zimmern wird in den Jahren darauf immer enger und die Nutzung der Räume fließend. Kinderbetten wandern im Haus, wenn Kinder krank sind. Befreundete Kinder kommen hinzu – Christian Reindl, Bettina Dix-Pfefferkorn und andere erzählen noch heute davon.  Jährlich wiederkehrende Besucher aus Schweden,  Österreich, Frankreich, die tage- und wochenlang bleiben, fordern zusätzliche Flexibilität.

Nach der Geburt des dritten Kinds wird Mühlenweg bei einem Nachbarn einen ungeheizten Raum als Atelier benutzen können. Ab 1940 trennt ihn ohnehin der Krieg vom Familienleben.

Als Mühlenwegs Mutter Elise im dritten Kriegsjahr stirb, kommt nicht nur deren Haushaltshilfe ins Haus; Mühlenweg kann mit einem Erbteil dem Gailinger Apotheker, der inzwischen in Allmannsdorf im Ruhestand lebt, das Haus mit seinen 13 Ar Gartenland abkaufen. Mit einer größeren Anzahlung und vereinbarten Ratenzahlungen bis weit über Kriegsende hinaus.

Im Jahr 1948 wird endlich eine bauliche Erweiterung um zwei Zimmer möglich (– der Architekt Berthold Schwan nimmt Bilder statt eines Honorars). Damals leben zehn Menschen im Haus, noch ist die jüngste Tochter Sabine nicht dabei. Und wenn es abends still wird, schreibt der Familienvater an einer Geschichte, die zu einem Roman wächst, er wird noch zwei Jahre später daran schreiben.

Als 1952 der New Yorker Verleger Kurt Wolff auf den Mühlenweg-Bestseller im Verlag Herder aufmerksam wird und den Autor besuchen will, fragt er zunächst an: „In meinem alten Baedeker kann ich Allensbach nicht finden. Wo liegt es genau, was waere die naechste Bahnstation?“.

PS: Ab Sommer 2012 ist im Museum der Architektenplan des Allensbacher Hauses an einer Wand zu sehen, unweit des raumgreifenden Originalschreibtischs. Man soll die Enge dort spüren können. Auf dem Plan sind bei manchen Zimmern Zitate montiert. Eines beweist, dass kein Raummangel die legendäre Gastfreundschaft der Mühlenwegs beeinträchtigen konnte: „Zum Fasnachtsmontag haben wir die ganze Familie Dix eingeladen, wer von uns dann in der Waschküche schlafen wird, wissen wir noch nicht, denn wie Mama, Elisabeth und Lotte sich die Übernachtung denken, habe ich noch nicht erfahren können.“ Fritz Mühlenweg, Brief im Januar 1948 an Sohn Christian. (Familie Dix ante portas:  Otto, Martha, Nelly, Ursus und Jan.)

Allensbach zum Beispiel

1948: Familie Mühlenweg vor ihrem Haus in Allensbach

1948: Familie Mühlenweg vor ihrem Haus in Allensbach (Foto: David Hummel; Felder-Archiv, Bregenz)

Welchen Zufall es brauchte, um Fritz und Elisabeth Mühlenweg nach Allensbach zu bringen, wüsste ich immer noch gern. Jemand muss ihnen um die Jahreswende 1934/35 den Tipp gegeben haben, dass in Allensbach am Bodensee an der Straße zwischen Radolfzell und Konstanz ein neu gebautes Haus seit Monaten unbewohnt stehe. Sie erfuhren davon am Hallstätter See.

Im September 1933 hatten sie geheiratet, in Beaucaire in Südfrankreich. Dorthin hatte sich Mühlenweg im Frühjahr abgesetzt. Nach einem Winter, der ungut gewesen war. Er laborierte immer noch am Verlust einer Liebesbeziehung, beschloss, das Sommersemester an der Wiener Akademie zu schwänzen, wollte allein und frei malen. In dem kleinen Städtchen Beaucaire kannte er niemand.
Im nahen Arles hatte van Gogh gemalt. Aber Mühlenweg wurde wohl eher durch literarische Erinnerungen dorthin gelockt. Er hatte Daudets „Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon“ und auch „Der Graf von Monte Christo“ gelesen – Jahre später schrieb er über diese südliche Gegend und ihre Romane eine seiner ersten publizistischen Arbeiten („Tarascon ohne Tartarin – Beaucaire ohne Dumas“), veröffentlicht in „Der deutsche Kulturwart“, wo auch sein Aufsatz über Gedichte der chinesischen Frühzeit abgedruckt wurde – eine, wie der Titel zu erkennen gibt, konservative Zeitschrift; 1941 wurde ihr von Goebbels das Ende gesetzt.

Der Ruhelose will sesshaft werden

In Beaucaire überkam ihn dann doch die Einsamkeit. Er begann einen Briefwechsel mit einer Studienkollegin in Wien, die ihm schon länger gefiel: Elisabeth Kopriwa. Am Ende einer Serie heißlaufender Briefe ließ sich die 23-jährige Malerin locken. Wir merken uns: Der Briefschreiber Mühlenweg ist die erste Erscheinungsweise eines überaus wirkungsmächtigen Erzählers. Seine fast täglich abgeschickten Briefe brachten seine Einsamkeit, eine besondere Sensibilität, seine experimentierende Schaffenskraft und einen hartnäckigen künstlerischen Willen so in Worte, dass sich die schöne Linzerin auf die Reise machte; freilich erst, nachdem sie ihre Semesterarbeit zum Abschluss gebracht hatte. Ihr war die Malerei so wichtig wie ihm. Elisabeth Kopriwa war Vorzeigestudentin der Akademie.
Mühlenweg schickte ihr die Zugverbindungen und fuhr ihr mit der Bahn 300 Kilometer bis Genf entgegen („Ich werde also 5.39 am Bahnhof sein und höre, wenn dieser Zug nicht stimmen sollte, dann bin ich 12.53 eben zum zweitenmal dort und Du brauchst mir nicht zu telegrafieren“). Glückselige Zeit ohne die Kleinlichkeiten der Handys. Und der Zug war pünktlich an jenem 29. Juni 1933.
Dass Elisabeth Kopriwa drei Monate später, bereits schwanger, in der Mairie von Beaucaire diesen Fritz Mühlenweg heiraten würde, mit zufälligen Passanten als Trauzeugen, wird sie sich auf jener Zugfahrt nach Südfrankreich nicht gedacht haben. Bei ihm hingegen hatte sich der Wunsch, zu heiraten und Kinder zu haben, seit der Rückkehr aus der Mongolei mächtig geregt. Er wollte sesshaft werden.
Ein Apotheker baut ein Haus, das lange leer steht

In jenem Hochzeitsmonat September 1933 erwirbt der Gailinger Apotheker Dr. Karl Wolff im Gewann Himmelreich in Allensbach eine Wiese und plant einen Hausbau. Das Dorf beginnt an der Konstanzer Straße – die erst fünf Jahre zuvor für den zunehmenden Durchgangsverkehr angelegt worden ist – zögernd nach Osten hin zu wachsen.
Das unbebaute Grundstück westlich der Wiese, die Wolff kauft, gehört Johann Welschinger, Nachbar nach Osten ist Peter Weltin. Der Apotheker baut für seine betagten Schwestern, – die aber wollen, als das Haus fertig ist, doch lieber nicht an den Rand des Tausendseelen-Dorfs. Statt an der Straße nach Konstanz zu wohnen, wo zwischen Grundstück und Teer noch ein Wassergraben verläuft, ziehen sie doch lieber gleich in die Stadt. Das Haus steht 1934 leer, eigentlich ein Skandal, denn in Allensbach ist Wohnraum Mangelware. Es gibt ein Foto mit aufgezogener Hakenkreuzfahne an einem Mast im kahlen Garten; aber diese Beflaggung ist an nationalsozialistischen Feiertagen an allen Häusern entlang der Straße zu sehen.

Üble Zeitgeschichte, skizziert

Wer keine Landschaft ohne gleichzeitige politische Infrarotaufnahme denken kann: Schon im Jahr bevor Hitler Reichskanzler wurde, waren die Stimmen für die NSDAP in Allensbach bei den letzten freien Reichswahlen von 25% (1930) auf 37% (1932) gestiegen, höher als im Reichsdurchschnitt. Der Historiker Lothar Burchardt lieferte diese Zahlen jüngst in einem Allensbach-Buch; den nach der Machtergreifung als Bürgermeister eingesetzten Obersturmführer Mayer beurteilt er, was seine Amtsführung bis 1945 angeht, mit deutlicher Milde und rechnet ihm an, dass er dem überwiegenden katholischen Bevölkerungsanteil gegenüber unaggressiv blieb. Man kann hinzufügen: Das war nicht ohne politische Passung in einer Erzdiözese, deren Chef Gröber dem Führer das Reichskonkordat aushandelte, also die Anerkennung des NS-Regimes durch den Papst, und der 1934 selber SS-Fördermitglied wurde….
(Weiter vorgegriffen: Es wurde für die fromme Katholikin Elisabeth Mühlenweg im braungetönten Allensbach nicht immer lustig; Inga Pohlmann zitiert in einem biographischen Aufsatz (in: hegau – Jahrbuch 66/2009) aus dem Brief der sechsfachen Mutter im November 1944. Sie wurde aufs Rathaus bestellt, um die fällige Ehrung abzuholen: „Dagegen mußte ich mir gestern in einer entsprechenden Versammlung von Leuten, die so eifrig bestrebt sind, uns die genannten Schwierigkeiten einzubrocken, das Mutterkreuz umhängen lassen.“) Tränen werden selten dokumentiert; Regina Mühlenweg erinnerte sich noch an das zornige Weinen ihrer Mutter bei der Rückkehr vom Rathaus.

Warum ziehen die Mühlenwegs nicht nach Italien?

Aber noch wissen die Mühlenwegs nichts von der Allensbacher Baustelle. In Wien sind beide ab Herbst 1933 wieder an der Akademie eingeschrieben. Elisabeth macht noch eine Zusatzausbildung, mit dem sie Kunstunterricht an der Schule geben könnte, sie schafft das Examen und sie bringt im März 1934 ihre Tochter Regina in Wien zur Welt. Es ist das vom Bürgerkrieg zerrissene Wien, das die Sozialisten vertreibt und sich unter dem Bundeskanzler Dollfuß im Austrofaschismus einrichtet.
Ein paar Monate lang wohnt die junge Familie noch im Haus der Mutter Kopriwa am Hallstätter See. (Wanderer im Netz: wenn es dich gelüstet, eine besonders irreführende kulturtouristische Anmache zu lesen, dann ergoogle dir das Ferienhaus Kopriwa in Bad Goisern, sie verzeichnen dort Elisabeth in doppelter Ausführung, machen ihre brave Mutter Gustava zu einem Gustav…; aber tolle Aussicht auf den See (November 2011): http://www.hallstatt.net/accomodation/action/view/frmArticleID/709/ )

Am liebsten würden sie nach Italien ziehen und sich dort niederlassen. Fritz hat 1932 einige Wochen lang in Assisi gemalt und die Toskana bereist, auch ihre Hochzeitsreise hatte von Beaucaire aus dorthin geführt. Eine finanzielle Grundsicherung für die ersten Jahre bleibt ihm noch aus seinem Vatererbe, dem Anteil aus der Drogerie und den Rücklagen, die ihm sein gut bezahlter Job bei der Mongolei-Expedition verschafft hatte.
Aber eben die Abhängigkeit ihres „freien Künstlerlebens“ von diesem Geld erzwingt auf einmal ihre Niederlassung in Deutschland. Denn die nationalsozialistische Regierung, die insgeheim bereits auf einen Krieg rüstet, verschärft die Devisengesetzgebung. Der Transfer von Reichsmark ins Ausland wird drastisch erschwert.
Über Expeditionskollegen ventiliert Mühlenweg Wohnmöglichkeiten fern vom Bodensee. Nach Konstanz, wo er nun als verkrachter Sohn einer fleißigen Familie gilt, will er auf keinen Fall.

Dann also Allensbach.