Otto Dix und Fritz Mühlenweg (I)

Das letzte Foto einer Freundschaft: Otto Dix (rechts) beim schwer erkrankten Fritz Mühlenweg. (Felder-Archiv, Bregenz)

Neulich erschien mit mehr als tausend Seiten die bislang umfangreichste Sammlung mit Briefen von Otto Dix. Erstmals ist so im Druck zu lesen: das Dutzend Briefe und Karten von Dix an Fritz Mühlenweg. Das ist nicht nur gut, weil die steile, fahrige Handschrift von Dix auch auf den zweiten Blick schwer entzifferbar war. Es gibt auch Gelegenheit, für Mühlenweg nachzureichen, was die Bearbeiterinnen des Bands bei den zahlreichen Adressaten nicht ausführen konnten.
Also: Otto Dix, Briefe; hrsg. von Ulrike Lorenz, bearbeitet und kommentiert von Gudrun Schmidt (Wienand 2013). Ein Klopper von einem Buch, türkisblaues Leinen mit grünem Schnitt, lesbar schön gedruckt. Ich kannte die Briefe vom privaten Entziffern her, sie lassen einen Saum menschlicher Entwicklung ahnen: vom ersten Dokument 1936 an, in dem Dix noch an „Dr. Mühlenweg“ schreibt – ein Indiz vielleicht für die ernsthaft-distanzierte Wirkung des Malers bei der ersten Begegnung; Mühlenweg stand zudem eben damals in der Zeitung mit seinem Vortrag über Sven Hedin und die Mongolei. (Dix wird gelacht haben, als ihn Mühlenweg aufklärte: dass er freiwillig ohne Abitur von der Schule wegwollte; und weit entfernt blieb vom Bildungskodex der wilhelminischen Akademiker.) Zum Schluss dann das Du in den Briefen, schon in der Nachkriegszeit, Mühlenweg ist ein aufsteigender Stern unter den literarischen Bestsellerautoren (und versucht heimlich seinem minderverdienenden Freund Dix Illustrationsaufträge beim Herder Verlag zu verschaffen).

Es wäre unfair, von den Dix-Forscherinnen Detailkenntnisse bei jedem der Briefadressaten zu erwarten. Dennoch. Ob die sie die fundierte Arbeit der Kunsthistorikerin Barbara Stark über FMs Malerei und seinen Austausch mit Dix kannten (in: Fritz Mühlenweg – Malerei; Libelle 1998), bleibt ungewiss.
Der Band spart sich ein Register, im Personenverzeichnis hätten (hätten!) die Fundstellen der betreffenden Briefe angegeben werden können, zumal der Band durch die Aufteilung an verschiedene „Adressatenkreise“ die historische Vernetzung der Briefe eher verundeutlicht. Mit einiger Geduld sind die Schreiben an Mühlenweg jenseits der Seite 484 verstreut zu finden.
In einer zweiten, verbesserten Auflage könnte die einzige Anmerkung (zu einer Postkarte von Dix an FM am 16. 8. 1944) verändert werden: „Da die Karte nach Allensbach adressiert ist, war Fritz Mühlenweg wohl von der Wehrmacht entlassen.“ Weil aber FM von 1939 bis in den April 1945 nicht bei der Wehrmacht, sondern beim Zolldienst eingezogen war, klänge es so besser: „Die Karte ist nach Allensbach adressiert. Dix wusste, dass Mühlenweg an Sonntag vom Zolldienst in Konstanz zu seiner Allensbacher Familie durfte.“
Über Dix und Mühlenweg: hier bald mehr.

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