M wie Museum (I.)

Nächste Woche wird es eröffnet. Was ein Museum alles sein kann, weiß ich immer noch nicht. Ein Ort, an dem dieser merkwürdige Könner nun für geraume Zeit nicht mehr verlorengehen kann? Immerhin ist ihm das einmal fast schon passiert: 1991, als ich den ersten Text von ihm aus einem antiquarischen Buch las, gab es im deutschen Buchhandel nur einen, dazu noch gekürzten Roman von Mühlenweg, bei dtv-junior.

Ist das Museum eine stabile Durchgangsstation auf dem Weg zu einer künftig noch viel größeren Bekanntheit? Nicht ausgeschlossen.
Denn es hat eine Drift begonnen, die seine Bücher in die Länder bringt, deren ganz andere Kultur er uns vermitteln wollte. 2011 gab es die mongolische Ausgabe seines Kinderbuchs „Der Familienausflug“, übersetzt von Khulan Khatanbaatar. Und nicht ausgeschlossen, dass im nächsten Jahr die chinesische Ausgabe von „Nuni“ erscheint.

Mit dem Ablauf der Schutzfrist 2031 (nur noch schmale 19 Jahre, nach bisherigem Urheberrecht) wird auch jener ungute Filmvertrag seine Sperrkraft verlieren, der seit 1989 die Verfilmung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ immer weiter verschiebt und so blockiert. Wir hatten in den letzten drei Jahren Anfragen von englischen Filmemachern, auch von einem Hollywood-Profi. Sie hatten die englischsprachige Übersetzung von Isabel and Florence McHugh („Big Tiger and Christian“) gelesen, und den großen Stoff darin gespürt. Es wird – „in der Eile sind Fehler“ – irgendwann eine Verfilmung geben; auch bei Tolkien hat es Jahrzehnte gebraucht.

Literarische Gedenkstätte?

Ist ein Museum eine Kuriositätensammlung? Gewiss auch, wenn man‘s so versteht: dass das Entdecken schöner Einzelheiten eine Neugier entfacht, die dann aufs schriftstellerische Werk aus ist.
Kurios, ja. Von welchem Schriftsteller sonst kann ein Paar uralte Skier ausgestellt werden? Die er, geschultert, auf den Säntis getragen hat, Silvester beim Wetterwart und dann einmal hinab ins Tal… Bretter, die damals noch “Schneeschuhe“ genant wurden und die er auf die Transsibirische mitnahm bei der ersten Reise nach Peking. Mit ihnen lief er im März 1927 dort auf der frisch beschneiten Großen Mauer. Körpergeschichte. Selbstvertrauen in die eigene Kraft und Geschicklichkeit. Witz.

Merkwürdig auch: der Holzkasten mit den 50 großformatigen Glasdias für seine Vortragsreisen – eine Leihgabe des Felder-Archivs in Bregenz. Mühlenweg schleppte ab 1951 zwei solcher Kästen, dazu den Projektor und die Leibwäsche für zwei Wochen mit sich, auf seinen Lesereisen per Bahn. Nach Hamburg, Saarbrücken, Bern, Graz; auch nach Thalmässing, weil ihm von dort jeder Schüler einer Hauptschulklasse einen Brief geschrieben hatte… Seine Erzählungen über die Mongolei zu 100 Schwarz-Weiß-Dias. Er reiste in den letzten Jahren vor dem Fernsehen. Ab 1954 merkte er eine gelinde Enttäuschung bei den Zuhörern: Sie erwarteten bewegte Bilder oder wenigstens farbige.

Max Frisch, keckernd

Kurios auch das Widmungsexemplar von Max Frisch in einer Schubladenvitrine: Frisch schickte ihm den „Stiller“ in der Woche nach einer Begegnung in Braunschweig, wo beiden ein Literaturpreis überreicht worden war. Dazu ein Foto, das gewiss nirgends abgedruckt wurde: auf dem beide ganz unfeierlich feixend lachen. Sehr unpassend in kulturfeierlichem Ambiente der Adenauerzeit.
Dieses Museum gilt ja unter anderem einem sanften Humoristen. Der das Leben ernst zu nehmen gelernt hatte, aber nicht die Welt. Der sich als Leser über die Zähfädigkeit von Selma Lagerlöfs berühmtesten Roman ärgerte, lieber den „Don Quijote“ dreimal las und als Fünfzigjähriger ganz begeistert war von einem Stück Weltliteratur mit dem Titel „Puh der Bär“.

Die Mongolisch-Kladde

Mein Lieblingsding in diesem Museum? In dem von Freddy Overlack – meisterlicher Schreiner in Radolfzell – wunderschön gestalteten schrägen Schaustück im „Asienraum“, direkt neben den Projektionen des Originalfilms aus der Gobi-Expedition, sieht man beleuchtet: Die abgegriffene Kladde, in der sich Mühlenweg die ersten mongolischen Wörter nach Gehör aufschrieb, die er beim Aufsatteln oder an Lagerfeuer bei den Kamelmännern erfragte. Und darunter in eigenem Durchsichtgefäß: ein metallner Steigbügel, seltsames schweres messingschimmerndes, klobiges Ding. Daneben ist die Geschichte zu lesen, in das dieses Ding verstrickt ist:

Sein mongolischer Freund Märin breitete, nach der gut einjährigen gemeinsamen Expeditionszeit auf Hochebene der Gobi und am Edsin-Gol, am allerletzten Tag vor Mühlenweg seine kleine Habe aus und ließ ihn ein Abschiedsgeschenk auswählen. Mühlenweg wusste, dass er in Europa keine Steigbügel mehr brauchte. Aber er wählte das wertvolle Geschenk, weil er so dem Freund seine eigene Wertschätzung zeigen konnte. Dieses schimmernde solitäre Ding nun im Museum, 80 Jahre nach einem Abschied für immer.
Kann ein Museum ein Ort sein, an dem auch Emotionen überliefert werden? Erinnerungen an den gegenseitigen Respekt, in dem sich Menschen unterschiedlicher Kulturen finden können –?

Kindheit am Bodensee

Mit Hunden im Seerhein (Foto: privat; Franz Michael Felder-Archiv Bregenz)

Lässt sich eine Kindheit beziffern? Fünfzehn Jahre und acht Monate dauerte Mühlenwegs Konstanzer Kinderzeit, gerechnet von seiner Geburt im Dezember 1898 bis zu jenem Juli 1914, als er die Oberrealschule und dann auch die Stadt verließ. Den Abgang von der Schule nahm er selbstbestimmt, seine Mutter meinte später: er habe ihn ertrotzt. Die Abschlussfeier seiner Schulzeit fiel mit dem Beginn eines unvorstellbar grausamen Kriegs zusammen. Er selbst wäre gern unter die Soldaten gegangen, ein Bubenwunsch, der zum nationalistischen Taumel einer Garnisonsstadt passte. Sein pazifistischer Vater musste ihm das nicht ausreden, er war 1914 schlicht zu jung.
Die Lehrzeit in Westfalen, der elende Soldatentod seines Bruders Hans in Flandern, das Jahr an der Front (Ukraine, Frankreich), dann 14 Monate Kriegsgefangenschaft und die Rückkehr in ein demokratisch ungesichertes Deutschland, das von Tag zu Tag in heftigere Inflation und Arbeitslosigkeit getrieben wurde: Gut möglich, dass ihm von dort her seine Kindheit in vielem idyllisch erschien.

Aufwachsen in einer Friedenszeit

Er war in einer für europäische Verhältnisse langen Friedensepoche aufgewachsen, in einer optimistisch gestimmten Gesellschaft. In einer alten Stadt am See, deren Grenze zum Thurgau als südlichem Hinterland noch offen und im Alltag kaum spürbar war. Ein Leben mit Eltern und Großeltern, deren unablässige Arbeit im Geschäft als vorbildlich galt – auch dem kritischen Blick, mit dem alteingesessene Konstanzer diese Zugezogenen beäugten.
Dass Fritz mit seinem Bruder Hans bei den frisch gegründeten Pfadfindern mitmachen durfte – ihr viel jüngeres Schwesterchen Gertrud blieb noch abseits –, dass die Kinder reichlich Bücher bekamen, sind Indizien für einen anregenden Stil familiärer Erziehung. Das Alltagslernen im Geschäftshaus bot dazu noch ungewöhnlichen Stoff: Die überaus aktive Ausweitung des Warenangebots in der Drogerie Kornbeck vermittelte wie nebenbei eine Grunderfahrung an Weltoffenheit. Tägliche Warenlieferungen, noch mit Pferdefuhrwerken vom Bahnhof her, chemische Produkte und Lebensmittel kamen aus vielen europäischen Ländern. Im Büro die handgeschriebenen Wechsel aus Genf, Paris, Stuttgart und London. Ein Kinderspiel, das der Schriftsteller später aus jener Zeit erwähnen wird, bestand aus Sammelkarten der Firma Liebig, bunte Szenen aus fernen Ländern und Kulturen, auch aus Kolonialkriegen.

Man wüsste gern mehr über diese Jahre, in denen Fritz Mühlenweg seine Heiterkeit und Ernsthaftigkeit ausloten konnte, seine körperliche Fähigkeit zum Durchhalten wie auch den Spieltrieb zu humoristischer Distanz. Aber zum Tagebuchschreiben über Kinderentwicklung blieb seinen Eltern keine Zeit. Und Mühlenweg selbst zeigte Sehnsucht nach Vergangenem später nur in Richtung seiner Mongoleierfahrungen. In die Wüste schrieb er sich für die Dauer von zwei Romanen zurück, aber seine Jugendjahre in der Kanzleistraße im alten „Haus zur Gans“, mit den Großeltern Kornbeck, seinen Eltern und Geschwistern, inspirierten ihn nicht zu Texten.
Vielleicht hängt dies mit seinem Abbruch, seinem Aufbruch gegen Ende einer langen Adoleszenz zusammen. Als sein Vater 1925 starb, erlebte er die Beerdigung als Bestätigung einer bürgerlichen Lebensleistung, die ihm selbst unerreichbar schien: Eine überwältigende Anteilnahme von Verbänden, Vereinen und Bürgergruppen manifestierte auf dem Konstanzer Friedhof, in welch breitem Spektrum zwischen Witschaftslobby und Freimaurerloge der Kaufmann Ludwig Mühlenweg energisch und aufopfernd tätig gewesen war.
Die Konturen der bürgerlich-liberalen Wirksamkeit des Vaters: Der Sohn kannte das mühselige Gewirr aus Fäden und Knoten, das auf der Rückseite eins solchen Teppichs nötig war. Er wollte ein anderes Leben. Ein Jahr später brach er aus. Die harte Freiheit in der Mongolei, die unentschlossenen Jahre in Berlin und Wien, die Erfahrung einer experimentelle Produktivität beim Malen – man kann sich vieles ausdenken, was ihm im Nachhinein seine Kindheit wie ein Gegenbild aus Enge und Kleinteiligem formatierte.

Wildes Spiel auf Fotografien

Aufgehoben hat er ein Dutzend Fotos: Sorgsam gestellte Gruppenaufnahmen der Familie sind darunter. Nicht von jenem bekanntesten Konstanzer Fotografen, der bis 1890 im Nebenhaus wohnte. German Wolf hat nur „Kornbecks Hunde“ auf Platte gebannt: Der Drogist Richard Kornbeck, Großvater des kleinen Fritz, gehörte auch wegen des allmorgendlichen Spaziergangs über die Marktstätte an den See zum Stadtbild, oft mit mehreren Bernhardinern.
Vom schwäbischen Großvater Kornbeck, einem Dekanssohn, der lieber Kaufmann geworden war und so bis Ägypten kam, kann Mühlenweg die Unbedenklichkeit zum Aufbrechen aus Familientraditionen und die Lust auf die Ferne geerbt haben. Auch den alltäglichen Umgang mit Tieren. Jemand hat den heranwachsenden Fritz während einer wilden Hundeschule auf einer Wiese am Seerhein fotografiert, der Zwölfjährige hält mit seinen durch Bissschutz gepolsterten Armen einen hart angreifenden Schäferhund in Schach. Dressur und riskantes Spiel zugleich. Genaues Hinschauen, rasche Reaktion und Kühnheit. Was er im Umgang mit Tieren lernte, hat ihm später während der Expedition in der Gobi geholfen. Dass er Kamele bei Flussüberquerungen durch Untiefen ritt, in denen sie sich schon aufgeben wollten, dass er ermattete Tiere im Schneesturm zum nächsten Lager zwang, notierten Expeditionskameraden verwundert.
Mehrere Hunde sind auch auf einem Foto von Wasserspielen im Rhein mit dabei: Fritz mit Freunden beim unerlaubten Bad, in langen Hosen, mit Schülermütze; überm Fluss der qualmende Schlot der Stromeyer-Fabrik, die sich auf Zeltfabrikation spezialisiert hatte und Zulieferer des Heeres wurde.

Eine Stadt in wirtschaftlichem Aufschwung

Der Rauch kam damals noch aus zahlreichen Kaminen eines Industriegebiets, das sich jenseits der Stadt am nördlichen Rheinufer ausweitete. Denn nach Überwindung der Wirtschaftskrise der 1880er-Jahre hatte für Konstanz eine lange Periode stetigen und stürmischen Wachstums begonnen.
Als der Großvater Kornbeck 1871 an den See zog, kam er in eine Stadt mit zehntausend Einwohnern. Noch während Mühlenwegs Kinderzeit wuchs die Bevölkerung von bereits 19.000 noch einmal um mehr als ein Drittel. Die Industrie zog Arbeitskräfte an, auch tausende italienische Arbeiter und Handwerker. Eine geschickte Stadtverwaltung schuf Arbeitsplätze durch Großprojekte der Infrastruktur (Wasserleitung, Gasversorgung) und investierte in Bildung: innerhalb von 10 Jahren wurden eine Oberrealschule, zwei Gymnasien und eine Volksschule neu gebaut.
Von der zunehmenden Konsumkraft der Einwohner – die Offiziersfamilien der Garnison gehörten dazu – konnten findige Kaufleute wie die Kornbeck-Mühlenwegs profitieren. Sie bauten nicht nur ihr Geschäftshaus aus, leisteten sich einen großen Obstgarten am Höhenweg: Investiert wurde auch in eine Lagerhalle mit Gleisanschluss im Industriegebiet. Dieses Grundstück war auf eine fortdauernde friedliche Wirtschaft ausgerichtet und groß genug, um auf einer eigenen Farbenfabrik Platz zu bieten…
Rauchfahnen am See? Sie gehörten auch zum wachsenden Fremdenverkehr. Die Buchhandlung Ackermann – vis à vis Mühlenwegs Elternhaus in der Kanzleistraße und zugleich zentrale Anlaufstelle für die Touristen – verkaufte Ansichtskarten, auf denen der Qualm aus den Schornsteinen der Dampfschiffe oder der Eisenbahn oft durch Retuschen noch verstärkt wurde: Dampfkraft, Verkehr, Motorisierung galten als sichtbares Zeichen des allgemeinen Fortschritts.

Pferdekutschen, kaum Autoverkehr

Aber noch tauchten Autos in Konstanz nur so selten auf, dass die Fußgänger mitten auf den Straßen gingen und Kinder beim Spielen nicht beeinträchtigt wurden. Eine Welt vor den Verheerungen durch den Individualverkehr.
Die Mühlenwegs schickten erst ihren Sohn Hans, danach auch Fritz auf die neu gegründete Oberrealschule. Im Allensbacher Museum wird zu lesen sein:
„1903 erbaut auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs, ist die Oberrealschule die einzige dieses neuen Schultyps in Südbaden. Die modernste städtische Schule zieht fast 400 Jugendliche aus der weiten Region an. Mit Naturwissenschaften als Schwerpunkt bekommt der künftige Drogist eine passendere Bildung als auf einem klassischen Gymnasium. Dazu gehört eine tägliche Französischstunde sowie Englisch. Zu Mühlenwegs Zeit (1908–1914), bestimmt ein weitblickender Direktor das Schulklima. Wilhelm Schmidle setzt z. B. die Aufnahme von Schülerinnen durch und wehrt nationalistische Propaganda ab. Obwohl mehrfach Klassenbester, beharrt der 15-jährige Fritz gegenüber Eltern und Direktor auf seinem Abgang von der Schule.“

Der Christbaum von Hami

Christbaum von Hami

Der Christbaum von Hami, fotografiert von Fritz Mühlenweg. (Felder-Archiv, Bregenz)

Fehlt noch irgendwo eine Weihnachtsgeschichte zum Vorlesen – eine ohne kitschiges Dekor, aber mit der Sehnsucht nach einem Fest?

Fritz Mühlenweg schrieb sie vor fast 60 Jahren, eine Auftragsarbeit für die Jugendzeitschrift („Buchfink“) seines Hausverlags Herder. Ob sie dort bemerkt haben, dass die Geschichte ohne christliche Motive auskam, ist nicht überliefert… Damals war Mühlenweg schon ein viel begehrter Autor: „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ erschien in immer neuen Auflagen, Kurt Wolff ließ ihn gerade für seinen Pantheon Verlag in New York übersetzen. Als der amerikanische Verleger ihn im August 1952 in Allensbach besuchte, hatte er gerade seinen zweiten Roman fertig: „Tal ohne Wiederkehr“. Eine Erzählung über sein dramatischstes Abenteuer aus der Hedin-Expedition war ihm immer weiter gewachsen. Der Roman – inzwischen heißt er „Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit“ – endete in der Wüstenstadt Hami, wenige Tage vor Weihnachten. Ein Christbaum kam darin nicht vor.

Den machte der Autor zum Thema in einer fast gleichzeitig verfassten Erzählung, humorvoll und mit sanfter Spannung. Die Suche nach einem grünen Nadelbäumchen am Rand der Gobi. In diesem schlanken Text lässt er eine seiner existenziellen Erfahrungen anklingen: Europäische Ungeduld trifft auf  das andere Zeitmaß der Asiaten, das Verfehlen eines selbst gesetzten Ziels kann glückhafte neue Begegnungen bewirken. „Der Christbaum von Hami“: Man kann es als poetische Erfindung lesen, aber es gab ihn wirklich. Das Bäumchen ist sogar fotografiert worden. Es lohnt sich, die abenteuerliche Vorgeschichte dieser Weihnacht im Grenzland von Sinkiang (Xinjiang) als Hintergrund zu denken:

Auf dem Weg nach Hami

Die Hedin-Expedition, zu der Mühlenweg im Februar 1927 in Peking gestoßen war, kam erst im Juli wirklich in Fahrt, ins Grasland und die Wüste der Inneren Mongolei. Die bessere Zeit der Kamelzüge dauerte dann nur bis Oktober. In getrennt vorrückenden Karawanen sollte ein möglichst großflächiges Gebiet erforscht werden. Die schwedischen und chinesischen Archäologen freuten sich über Steinzeitfunde. Ein deutscher Meteorologe verfolgte sein penibles Programm von Windmessungen mit gasgefüllten Ballons. In Klöstern wurden an Mönchen Schädelmessungen durchgeführt. Sven Hedin kartographierte vom Rücken seines Kamels aus. Männer, scharf auf die Vermessung der Welt. (Fritz Mühlenweg fing entlaufene Kamele wieder ein, ärgerte sich über fehlende Belege für seine Buchhaltung und lernte unterdes von den Kameltreibern die ersten paar hundert Worte Mongolisch.) Die weltenvermessenden Männer hatten aber die Strecken und den dazu nötigen Proviant fatal falsch eingeschätzt… Noch im frühen Sommer hatte Hedin die Ankunft in Urumtschi, der Hauptstadt von Sinkiang, vollmundig für November vorausgesagt.

Aber im November waren viele erschöpfte Kamele schon verloren und die Expedition hatte immer noch 600 km vor sich, um auch nur die nächste größere Stadt auf der Strecke nach Urumtschi zu erreichen: Hami. Pro Tag waren nur 15-20 km zu schaffen, durch trostlose Kiesebenen, an salzigen Brunnen vorbei, manchmal verhinderten Schneestürme tagelang den Weitermarsch.

Vier Wochen vor Weihnachten wurde Fritz Mühlenweg von Hedin losgeschickt: Mit einem Mongolen und einem Chinesen zusammen sollte er Proviant für die entkräftete Expedition beschaffen. In einer Wüstenkälte, die in den Stiefeln die Strümpfe anfrieren ließ. Für den Job wurde er bestimmt, weil er als einziger der Deutschen bereits Mongolisch gelernt hatte. Drei Männer auf Kamelen, die wenig benutzten Wüstenwege waren schwer zu finden. Alle paar Tage: fremde Karawanen, aber keine Lebensmittel. Vereiste Quellen, die aufgeschlagen werden mussten, um wenigstens ans Wasser für einen Tee zu kommen. In der ersten Dezemberwoche wurden sie von einem Trupp Bewaffneter gestellt, die sich als Soldaten aus Sinkiang ausgaben, sie sahen aber eher nach Räubern aus.

Mühlenweg traute ihnen nicht, der Mongole Pantje noch weniger, beide flohen lieber zusammen bei Nacht in die Wüste, zu Fuß, eine entschlossene und dann nur noch verzweifelte Anstrengung ins Weglose. Grausam erschöpft fanden sie nach drei Tagen schließlich Unterkunft und Hilfe. Es war nicht mehr weit von Hami, wo sie einige Kameraden aus einem Vortrupp der Expedition bereits vorfanden – auch sie als Gefangene des Militärs. Eine Vorweihnachtswoche unter Bewachung nahm ihren Anfang. Denn die Soldaten waren wirklich Grenztruppen gewesen. Mühlenweg hatte eine lebensgefährliche Gewaltstour vergeblich unternommen. Ein Muster der Ungeduld dieses jungen Mannes wird deutlich; keine zehn Jahre zuvor war er allein und bei Nacht tollkühn aus französischer Kriegsgefangenschaft geflüchtet; seine Kameraden kamen nur wenige Wochen später regulär frei. Unternehmertum der besonderen Art, das auf den Mehrwert von Abenteuern aus war.

Der Wunsch nach einem Baum 

Hami war eine gesegnete Stadt, so kam es den Männern nach Wochen in der eisigen Wüste vor. Schon an der Zufahrtstraße wuchsen Pappeln und alte Rundweiden. Die Stadt an der Karawanenstraße zwischen Tientsin und Peking war (zu anderer Jahreszeit) durch ihre Melonen berühmt, deren Felder durch ein von weit her geführtes Bewässerungssystem unterhalten wurden. Dass ihre Bewohner in multikultureller Vielfalt lebten – Chinesen, Türken, Dunganen – deutet Mühlenweg an, es verstand sich für Ostturkestan von selbst.

Auf den Postmeister der Stadt richtete sich die größte emotionale Erwartung der Europäer. Die Männer, jeder für sich einsam in der Kumpanei der Expedition, waren schon fast ein Jahr fern von ihren Familien und seit August ohne Briefe. Die Nachrichtenflaute hing nicht nur mit fehlenden Poststationen in der Wüste zusammen. Eine postkoloniale Machtverschiebung wirkte sich aus. Die langnasigen Weißen hatten mit ihrem seltsamen Zug in Richtung Sinkiang einen Argwohn erregt, der im Lauf der Monate bis zum Gerücht einer bewaffneten Invasionsarmee angeschwollen war. Daraufhin leiteten die Behörden in Urumtschi vorsichtshalber alle Postsendungen für die „Sino-Swedish-Expedition“ zur Prüfung nach Peking weiter. Als Fritz Mühlenweg, verlaust, mit verfilzten Haaren und Bart zehn Tage vor Weihnachten in Hami eintraf, fand er weder Pakete noch Briefe vor. Die verunsicherten Männer wollten dann wenigstens einen Baum fürs Fest organisieren.

Weihnachtsbaum-Phantasien

Mit diesem Wunsch nach einem Weihnachtsbaum und einem Ausflug zur Ablenkung beginnt Mühlenwegs Erzählung… Es ließe sich eine mehrbändige Kulturgeschichte über die Weihnachtsbaum-Phantasien schreiben, an denen sich Europäer jener Generation wärmten. Im immergrünen Baum hielten sich Lichterglanz und das Lametta absterbender Erinnerungen an Familie und Heimatlichkeit. Auch das Innehalten der bürgerlichen Psychodramen für die Zeit des Kerzenscheins. Beispiele? Der Wahlberliner Harry Graf Kessler hat 1895 aufs frische Grab seines Vaters in Paris einen schön dekorierten Tannenbaum stellen lassen. Walter Benjamin rief sich in seinem Pariser Exil der 30er Jahre Erinnerungen an seine „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ zurück, besonders eindrücklich die heimliche Stunde allein mit dem noch unbeleuchteten Christbaum. Und am Weihnachtsabend 1927, immer noch Tagreisen von Hami entfernt, in einem vom Schneesturm umtobten Zelt, nach einem Tag mit Fleisch von notgeschlachteten Kamelen und verzweiflungsvoll geschafften drei Kilometern Marsch, tröstet sich der Filmoperateur Paul Lieberenz mit der Vorstellung: welche Riten hin zum festlich entzündeten Baum seine Familie in Berlin gerade erlebte. „Man wirft uns Deutschen vor, dass wir sentimental sind“, leitet er die Passage ein. Im Nachbarzelt, geheizt und mit schwedischen Leckereien, suchte Hedin nach einem Baumersatz und fand ihn in einem siebenarmigen Leuchter; (den hat er dann 15 Jahre später, in einem Forschungsbericht seiner Hitler-treuen Zeit, nur noch als „home made candlestick“ erinnert.)

Nach der Bescherung

Als Mühlenweg am ersten Weihnachtsfeiertag seiner Mutter und seiner Schwester in die Konstanzer Kanzleistraße schrieb, konnte er von angenehmen Überraschungen berichten: „Gestern zum Heiligen Abend, als wir 7 Expeditionsteilnehmer, die vorläufig in Hami zusammentrafen, eben uns mit dem Gedanken vertraut machten, mit gar nichts als einer etwas miserablen Stimmung Weihnachten zu feiern, kamen auf einmal Postpaketchen ins Haus geschneit. Ich war der Reichste, denn ich bekam 13 Pakete mit den schönen Sachen, die ich gerade so sehr gut brauchen konnte. Gleich habe ich mir nach vier Wochen zum ersten Mal wieder die Zähne geputzt, dann wurde Schokolade geschleckt und Stumpen geraucht. Da auch die anderen Paketchen bekommen hatten, wurde gegenseitig großartig geschenkt. Und auf einmal war der Weihnachtsbaum, den wir durch Vermittlung eines freundlichen Chinesen aus Barkul bekamen, nicht umsonst geschmückt worden.“

Der hilfreiche Postmeister Herr Chen, den Mühlenweg später zu einer stillen Hauptfigur im „Christbaum von Hami“ machte, es gab ihn also wirklich. In Sven Hedins Bericht „Auf großer Fahrt“ heißt er Cheng, er ist sogar auf einem Foto zu sehen, ein freundlicher, bebrillter Herr, der in modisch-europäischem Mantel und Pelzmütze vor einem Wandteppich postiert, zusammen mit seinem verlegen blickenden Töchterchen. Vielleicht hat er den Christbaum telegrafisch bestellt, zur Lieferung über die Karawanenstraße, die von Barkul her nach Hami führte, drei-vier Tagesritte entfernt. Als die Expedition Anfang Februar 1928 dann nach Urumtschi aufbrach, verabschiedete der Postmeister seine neuen Freunde mit einem Gastmahl aus 38 Gängen, die er einen nach dem anderen in deren Gästehaus servieren ließ. Er selbst blieb dem Abschiedsessen fern, wohl aus politischer Vorsicht, denn die Fremden waren in einflussreichen Kreisen immer noch nicht so herzlich willkommen, wie es Hedin sehen wollte. Letztlich schenkte er aber sein Essen so wie er den Weihnachtsbaum in der Geschichte offeriert hatte: aus großzügigem Abstand.  

Ein Bäumchen vom Himmel her

In der Erzählung nehmen die Europäer einen Fuchsschwanz mit, um den Christbaum zu fällen. Sie fanden ihn dann zwar nicht… Aber es gibt eine geheime Schnittstelle des Bäumchens, die noch auf eine ganz andere Herkunft deutet. In Mühlenwegs Text liegt das Bäumchen zur großen Verblüffung der Europäer auf einmal am Weg, wie vom Himmel gefallen. Gut möglich, dass sich der listige Erzähler im Stillen so die Überblendungen von zwei ganz unterschiedlichen Erinnerungsfilmen an Weihnachten in der Gobi leistete.

Denn auch bei Mühlenwegs letztem Aufenthalt in der Mongolei kamen die Männer überraschend zu einem Bäumchen. Es wurde von einem Flugzeug gebracht (einer einmotorigen, wassergekühlten Junkers W-33, Reisegeschwindigkeit 170 km/h, wie den Erinnerungen des Bordmonteurs Max Springweiler zu entnehmen ist). Mühlenweg hat damals das erste Flugzeug gesehen, das von Peking aus den Edsingol erreichte, in nur einem Tag. Auf Kamelrücken, so rechneten sich die Männer im Zelt aus, hätte das Bäumchen 70 Tage gebraucht. Mühlenweg spürte den eisigen Hauch einer technischen Weltbeschleunigung. Der schwedische Geologe Nils Hörner schwärmte noch nach Jahrzehnten von dem Bäumchen „that just had come from heaven“. Er hatte an jener Weihnacht 1931 am Edsingol auch zahlreiche frischgemalte Aquarelle an der Zeltwand gesehen. Der Kaufmann Mühlenweg, dem die Familie in Päckchen einen Malkasten nachschickte, hatte in der Gobi etwas erlebt, was er als seine Berufung zum freien Künstler deutete. Malerei wurde nach seiner Rückkehr nach Europa der Anfang.

Hier könnte es zum Buch gehen, 4. Auflage 2011:

http://www.libelle.ch/backlist/909081400.html

Das Haus

Ein Brief aus New York: Kurt Wolff, der bei Pantheon Books "Big Tiger and Christian" verlegt, kündigt seinen Besuch in Allensbach an. (Felder-Archiv, Bregenz)

 

Eine Unterschrift ohne Berufsbezeichnung

Am 7. Januar 1935 unterzeichnen Fritz und Elisabeth Mühlenweg in Gailingen den Mietvertrag für das Haus am Allensbacher Ortsrand: 6 Zimmer, Küche Kellerräume, eingebautes Bad mit WC.  Zum Haus gehörig: 1 Waschkessel, 1 Ofen im Gartenzimmer, 1 Herd mit Zentralheizung. Das ist fortschrittlicher Komfort in einer Zeit, da selbst in Konstanz noch der Alltag in vielen Wohnungen mit Plumpsklo und Zimmeröfen stattfindet.

Inklusive Garten zahlen sie 75 Reichsmark Miete, ein moderater Preis. Die Mühlenwegs unterzeichnen beide – das ist kein unwichtiges Detail in einem Jahrhundert, in dem Männer ihre Ehefrauen noch lange wirtschaftlich entmündigt halten. Dass sie im Gegensatz zum Vermieter („Apotheker Dr.“) keine Berufsbezeichnung in den Vertrag setzen können, zeigt ihren ungewissen sozialen Status.

Sie werden sich ihren Status erst erarbeiten und sie tun das beharrlich und erfinderisch: In den ersten drei Jahren werden sie sich mit Otto Dix und seiner Familie in Hemmenhofen befreunden, sie werden mit neu gewonnenen Freunden in Konstanz – mit Rohland, Rihm, Biehler –  eine eigene Künstlergruppe zur Vermarktung ihrer Bilder gründen, Elisabeth Mühlenweg wird im Konstanzer Kunstverein eine Einzelausstellung haben und Fritz aktiviert seine alten Sportsbeziehungen, um zu einer Öffentlichkeit zu kommen. Seine ersten Vorträge über Sven Hedin und die Mongolen werden vom Ruderverein in Konstanz und dem Alpenverein in Singen organisiert.

 

Raumaufteilung, Beziehungsarbeit

 

Der im Architektenplan als „Bügelzimmer“ nach Süden gehende Souterrainraum wird sogleich zu Elisabeths Atelier. Auch dies keine Selbstverständlichkeit. „A room of one‘s own“: Virginia Woolfs Essay über das eigene Zimmer als Vorbedingung für die Entfaltung weiblicher Produktivität war im fernen England gerade erst publiziert. In Allensbach kennen sie ihn noch nicht, und Mühlenwegs Buchhändlerfreund in Konstanz war inzwischen Nazi geworden und hätte den Text schwerlich besorgt.

Nein, dieses Künstlerpaar experimentiert aus eigenem Antrieb in einem Beziehungsgefüge von Gleichberechtigten. Mit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung freilich: Über das Stopfen von 46 wollenen Kinderstrümpfen ist aus Elisabeths Briefen zu erfahren. Fritz schreibt davon, wenn er 30 Ster Holz im Wald bearbeiten muss.

Er nimmt mit einem 9qm-Zimmer im Hochparterre vorlieb, dort beginnt er auch zu schreiben. In diesen frühen Allensbacher Jahren übersetzt er die ersten Gedichte aus dem chinesischen „Shijing“ – ein bezeichnender Zufall hatte ihn auf das Thema gebracht, der mit seinen ruhelosen Jahren in Asien zusammenhängt. Ein chinesischer Student, dem er während der letzten Expedition Deutsch und einiges über deutsche Kultur beigebracht hatte, schickte ihm als Hochzeitsgeschenk das “Book of Poetry”, eine englisch-chinesische Ausgabe der ältesten Liedersammlung Chinas. Es wird 10 Jahre dauern, bis eine schmale Auswahl seiner Übertragungen  als „Tausendjähriger Bambus“ zum Buch werden.

Er schreibt in jenen kurzen Jahren vor Kriegsbeginn auch ein chinesisches Theaterstück (das von Theatern abgelehnt wird), er schreibt eine Kindergeschichte um das Mädchen „Nuni“ –  von Verlagen zurückgeschickt, lässt er den Text erst einmal 15 Jahre in der Schublade. Und er beginnt kurz vor Kriegsbeginn einen zeithistorischen Roman über den Mongolenführer Dampignak  – leider nur hundert gute Seiten, dann merkt er, dass er sich zu viel vorgenommen hat (aus dem Nachlass veröffentlich in „Drei Mal Mongolei“).

 

Allensbach, von New York aus gesehen

Das Haus mit seinen ohnehin nicht großen Zimmern wird in den Jahren darauf immer enger und die Nutzung der Räume fließend. Kinderbetten wandern im Haus, wenn Kinder krank sind. Befreundete Kinder kommen hinzu – Christian Reindl, Bettina Dix-Pfefferkorn und andere erzählen noch heute davon.  Jährlich wiederkehrende Besucher aus Schweden,  Österreich, Frankreich, die tage- und wochenlang bleiben, fordern zusätzliche Flexibilität.

Nach der Geburt des dritten Kinds wird Mühlenweg bei einem Nachbarn einen ungeheizten Raum als Atelier benutzen können. Ab 1940 trennt ihn ohnehin der Krieg vom Familienleben.

Als Mühlenwegs Mutter Elise im dritten Kriegsjahr stirb, kommt nicht nur deren Haushaltshilfe ins Haus; Mühlenweg kann mit einem Erbteil dem Gailinger Apotheker, der inzwischen in Allmannsdorf im Ruhestand lebt, das Haus mit seinen 13 Ar Gartenland abkaufen. Mit einer größeren Anzahlung und vereinbarten Ratenzahlungen bis weit über Kriegsende hinaus.

Im Jahr 1948 wird endlich eine bauliche Erweiterung um zwei Zimmer möglich (– der Architekt Berthold Schwan nimmt Bilder statt eines Honorars). Damals leben zehn Menschen im Haus, noch ist die jüngste Tochter Sabine nicht dabei. Und wenn es abends still wird, schreibt der Familienvater an einer Geschichte, die zu einem Roman wächst, er wird noch zwei Jahre später daran schreiben.

Als 1952 der New Yorker Verleger Kurt Wolff auf den Mühlenweg-Bestseller im Verlag Herder aufmerksam wird und den Autor besuchen will, fragt er zunächst an: „In meinem alten Baedeker kann ich Allensbach nicht finden. Wo liegt es genau, was waere die naechste Bahnstation?“.

PS: Ab Sommer 2012 ist im Museum der Architektenplan des Allensbacher Hauses an einer Wand zu sehen, unweit des raumgreifenden Originalschreibtischs. Man soll die Enge dort spüren können. Auf dem Plan sind bei manchen Zimmern Zitate montiert. Eines beweist, dass kein Raummangel die legendäre Gastfreundschaft der Mühlenwegs beeinträchtigen konnte: „Zum Fasnachtsmontag haben wir die ganze Familie Dix eingeladen, wer von uns dann in der Waschküche schlafen wird, wissen wir noch nicht, denn wie Mama, Elisabeth und Lotte sich die Übernachtung denken, habe ich noch nicht erfahren können.“ Fritz Mühlenweg, Brief im Januar 1948 an Sohn Christian. (Familie Dix ante portas:  Otto, Martha, Nelly, Ursus und Jan.)

Allensbach zum Beispiel

1948: Familie Mühlenweg vor ihrem Haus in Allensbach

1948: Familie Mühlenweg vor ihrem Haus in Allensbach (Foto: David Hummel; Felder-Archiv, Bregenz)

Welchen Zufall es brauchte, um Fritz und Elisabeth Mühlenweg nach Allensbach zu bringen, wüsste ich immer noch gern. Jemand muss ihnen um die Jahreswende 1934/35 den Tipp gegeben haben, dass in Allensbach am Bodensee an der Straße zwischen Radolfzell und Konstanz ein neu gebautes Haus seit Monaten unbewohnt stehe. Sie erfuhren davon am Hallstätter See.

Im September 1933 hatten sie geheiratet, in Beaucaire in Südfrankreich. Dorthin hatte sich Mühlenweg im Frühjahr abgesetzt. Nach einem Winter, der ungut gewesen war. Er laborierte immer noch am Verlust einer Liebesbeziehung, beschloss, das Sommersemester an der Wiener Akademie zu schwänzen, wollte allein und frei malen. In dem kleinen Städtchen Beaucaire kannte er niemand.
Im nahen Arles hatte van Gogh gemalt. Aber Mühlenweg wurde wohl eher durch literarische Erinnerungen dorthin gelockt. Er hatte Daudets „Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon“ und auch „Der Graf von Monte Christo“ gelesen – Jahre später schrieb er über diese südliche Gegend und ihre Romane eine seiner ersten publizistischen Arbeiten („Tarascon ohne Tartarin – Beaucaire ohne Dumas“), veröffentlicht in „Der deutsche Kulturwart“, wo auch sein Aufsatz über Gedichte der chinesischen Frühzeit abgedruckt wurde – eine, wie der Titel zu erkennen gibt, konservative Zeitschrift; 1941 wurde ihr von Goebbels das Ende gesetzt.

Der Ruhelose will sesshaft werden

In Beaucaire überkam ihn dann doch die Einsamkeit. Er begann einen Briefwechsel mit einer Studienkollegin in Wien, die ihm schon länger gefiel: Elisabeth Kopriwa. Am Ende einer Serie heißlaufender Briefe ließ sich die 23-jährige Malerin locken. Wir merken uns: Der Briefschreiber Mühlenweg ist die erste Erscheinungsweise eines überaus wirkungsmächtigen Erzählers. Seine fast täglich abgeschickten Briefe brachten seine Einsamkeit, eine besondere Sensibilität, seine experimentierende Schaffenskraft und einen hartnäckigen künstlerischen Willen so in Worte, dass sich die schöne Linzerin auf die Reise machte; freilich erst, nachdem sie ihre Semesterarbeit zum Abschluss gebracht hatte. Ihr war die Malerei so wichtig wie ihm. Elisabeth Kopriwa war Vorzeigestudentin der Akademie.
Mühlenweg schickte ihr die Zugverbindungen und fuhr ihr mit der Bahn 300 Kilometer bis Genf entgegen („Ich werde also 5.39 am Bahnhof sein und höre, wenn dieser Zug nicht stimmen sollte, dann bin ich 12.53 eben zum zweitenmal dort und Du brauchst mir nicht zu telegrafieren“). Glückselige Zeit ohne die Kleinlichkeiten der Handys. Und der Zug war pünktlich an jenem 29. Juni 1933.
Dass Elisabeth Kopriwa drei Monate später, bereits schwanger, in der Mairie von Beaucaire diesen Fritz Mühlenweg heiraten würde, mit zufälligen Passanten als Trauzeugen, wird sie sich auf jener Zugfahrt nach Südfrankreich nicht gedacht haben. Bei ihm hingegen hatte sich der Wunsch, zu heiraten und Kinder zu haben, seit der Rückkehr aus der Mongolei mächtig geregt. Er wollte sesshaft werden.
Ein Apotheker baut ein Haus, das lange leer steht

In jenem Hochzeitsmonat September 1933 erwirbt der Gailinger Apotheker Dr. Karl Wolff im Gewann Himmelreich in Allensbach eine Wiese und plant einen Hausbau. Das Dorf beginnt an der Konstanzer Straße – die erst fünf Jahre zuvor für den zunehmenden Durchgangsverkehr angelegt worden ist – zögernd nach Osten hin zu wachsen.
Das unbebaute Grundstück westlich der Wiese, die Wolff kauft, gehört Johann Welschinger, Nachbar nach Osten ist Peter Weltin. Der Apotheker baut für seine betagten Schwestern, – die aber wollen, als das Haus fertig ist, doch lieber nicht an den Rand des Tausendseelen-Dorfs. Statt an der Straße nach Konstanz zu wohnen, wo zwischen Grundstück und Teer noch ein Wassergraben verläuft, ziehen sie doch lieber gleich in die Stadt. Das Haus steht 1934 leer, eigentlich ein Skandal, denn in Allensbach ist Wohnraum Mangelware. Es gibt ein Foto mit aufgezogener Hakenkreuzfahne an einem Mast im kahlen Garten; aber diese Beflaggung ist an nationalsozialistischen Feiertagen an allen Häusern entlang der Straße zu sehen.

Üble Zeitgeschichte, skizziert

Wer keine Landschaft ohne gleichzeitige politische Infrarotaufnahme denken kann: Schon im Jahr bevor Hitler Reichskanzler wurde, waren die Stimmen für die NSDAP in Allensbach bei den letzten freien Reichswahlen von 25% (1930) auf 37% (1932) gestiegen, höher als im Reichsdurchschnitt. Der Historiker Lothar Burchardt lieferte diese Zahlen jüngst in einem Allensbach-Buch; den nach der Machtergreifung als Bürgermeister eingesetzten Obersturmführer Mayer beurteilt er, was seine Amtsführung bis 1945 angeht, mit deutlicher Milde und rechnet ihm an, dass er dem überwiegenden katholischen Bevölkerungsanteil gegenüber unaggressiv blieb. Man kann hinzufügen: Das war nicht ohne politische Passung in einer Erzdiözese, deren Chef Gröber dem Führer das Reichskonkordat aushandelte, also die Anerkennung des NS-Regimes durch den Papst, und der 1934 selber SS-Fördermitglied wurde….
(Weiter vorgegriffen: Es wurde für die fromme Katholikin Elisabeth Mühlenweg im braungetönten Allensbach nicht immer lustig; Inga Pohlmann zitiert in einem biographischen Aufsatz (in: hegau – Jahrbuch 66/2009) aus dem Brief der sechsfachen Mutter im November 1944. Sie wurde aufs Rathaus bestellt, um die fällige Ehrung abzuholen: „Dagegen mußte ich mir gestern in einer entsprechenden Versammlung von Leuten, die so eifrig bestrebt sind, uns die genannten Schwierigkeiten einzubrocken, das Mutterkreuz umhängen lassen.“) Tränen werden selten dokumentiert; Regina Mühlenweg erinnerte sich noch an das zornige Weinen ihrer Mutter bei der Rückkehr vom Rathaus.

Warum ziehen die Mühlenwegs nicht nach Italien?

Aber noch wissen die Mühlenwegs nichts von der Allensbacher Baustelle. In Wien sind beide ab Herbst 1933 wieder an der Akademie eingeschrieben. Elisabeth macht noch eine Zusatzausbildung, mit dem sie Kunstunterricht an der Schule geben könnte, sie schafft das Examen und sie bringt im März 1934 ihre Tochter Regina in Wien zur Welt. Es ist das vom Bürgerkrieg zerrissene Wien, das die Sozialisten vertreibt und sich unter dem Bundeskanzler Dollfuß im Austrofaschismus einrichtet.
Ein paar Monate lang wohnt die junge Familie noch im Haus der Mutter Kopriwa am Hallstätter See. (Wanderer im Netz: wenn es dich gelüstet, eine besonders irreführende kulturtouristische Anmache zu lesen, dann ergoogle dir das Ferienhaus Kopriwa in Bad Goisern, sie verzeichnen dort Elisabeth in doppelter Ausführung, machen ihre brave Mutter Gustava zu einem Gustav…; aber tolle Aussicht auf den See (November 2011): http://www.hallstatt.net/accomodation/action/view/frmArticleID/709/ )

Am liebsten würden sie nach Italien ziehen und sich dort niederlassen. Fritz hat 1932 einige Wochen lang in Assisi gemalt und die Toskana bereist, auch ihre Hochzeitsreise hatte von Beaucaire aus dorthin geführt. Eine finanzielle Grundsicherung für die ersten Jahre bleibt ihm noch aus seinem Vatererbe, dem Anteil aus der Drogerie und den Rücklagen, die ihm sein gut bezahlter Job bei der Mongolei-Expedition verschafft hatte.
Aber eben die Abhängigkeit ihres „freien Künstlerlebens“ von diesem Geld erzwingt auf einmal ihre Niederlassung in Deutschland. Denn die nationalsozialistische Regierung, die insgeheim bereits auf einen Krieg rüstet, verschärft die Devisengesetzgebung. Der Transfer von Reichsmark ins Ausland wird drastisch erschwert.
Über Expeditionskollegen ventiliert Mühlenweg Wohnmöglichkeiten fern vom Bodensee. Nach Konstanz, wo er nun als verkrachter Sohn einer fleißigen Familie gilt, will er auf keinen Fall.

Dann also Allensbach.

Mühlenweg und das Radio

Eine Selbstverhinderung.

Im September 1950 wurde vom Stuttgarter Sender her erstmals Günter Eichs Hörspiel „Ein Traum am Edsin-Gol“ ausgestrahlt. Wenn Fritz Mühlenweg in Allensbach ein Radio gehabt hätte… Man kann ins Träumen kommen.

Er hätte über den Sender Eichs Adresse ausfindig machen können. Wir hätten im Archiv vielleicht eine briefliche Antwort, auf welche vertrackte Weise der gewiefte Hörspielautor Eich um 1930 an das Motiv vom Mord am Edsin-Gol gekommen war. Sie hätten noch eine ganz andere Gemeinsamkeit entdecken können: Als Lyriker waren beide von Bildsprache und Naturverhältnis in alten chinesischen Gedichten fasziniert. Mühlenwegs „Tausendjähriger Bambus“ mit den uralten Liedern des Shijing war als Buch lieferbar, Eichs Übertragungen von Su Shih, einem Dichter des 11. Jahrhunderts, konnten damals nur den Lesern der Zeitschrift „Sinn und Form“ bekannt sein. Wie diese Arbeit an fremden Texten die eigene Sprache veränderte – auch dies hätte für die beiden Schriftsteller zum Thema werden können.

 

Aber Fritz Mühlenweg saß in jenem September 1950 über den Fahnenkorrekturen seiner Roman-Kapitel, die am Edsin-Gol spielten. Unter anderem versuchte er, die Verschlimmbesserungen durch das Lektorat noch vor Druckbeginn aus seinem Text zu holen. Um ihn im engen Haus war kein Radiohörspiel sondern die Stimmen von sieben Kindern, von Babygeschrei bis zu pubertärem Gequengel.

Wenn sich Mühlenweg und Eich je begegnet wären, hätten sie sich über ganz unterschiedliche Bedeutungshorizonte des Begriffs „Edsin-Gol“ austauschen können. Eich hat den Fluss nie gesehen, an dessen Ufer Fritz Mühlenweg viele Monate lang lebte, Wettermessgeräte ablas, Aquarelle malte. An den langen Winterabenden hatte er von den mongolischen Kamelmännern am Edsin-Gol Alltagsworte erfragt und nach dem Gehör aufgeschrieben.

In Eichs Hörspiel kommen weder Mongolen noch Chinesen vor. Und doch hätte ein gewitzter Eich den Romanautor Mühlenweg fragen können: Was haben Sie selbst denn alles weggeblendet von Ihren Erfahrungen vor Ort? Sie haben doch die Tschachar-Mongolen als politische Flüchtlinge erlebt, die Geschlechtskrankheiten in den Jurten, das Ungeziefer im Alltag… Mit welchen Leerstellen haben Sie denn Ihre Idylle vom Edsin-Gol eingerichtet, damit sich Ihre Leser daran erfreuen können? Das wäre doch ein Hörspielstoff, Mühlenweg: Ein Erzähler, von Läusen geplagt wie Sie es waren während der Expedition, und Stimmen der Torgot-Mongolen, die über andrängende Fremde aus dem Norden verhandeln… Sie schreiben doch so seltsam gute Dialoge, warum machen Sie daraus nicht Texte für den Funk?

Die beiden Autoren wären an dieser Stelle sehr rasch auf einen schlichten, technikgeschichtlichen Dissens gekommen. Das Medium Radio, in dem der Jüngere schon ab 1930 experimentiert und dabei maßgeblich die Entwicklung der neuen literarischen Form des Hörspiels mitgestaltet hatte, ließ Mühlenweg fast sein ganzes Leben lang beiseite.

Wieso eigentlich? Über die Radiobegeisterung von Mutter und Schwester in Konstanz, die ihm von der Sensation einer direkt übertragenen Zeppelinlandung berichteten, schrieb er während seiner ersten Chinafahrt schon ironisch. Der Aussteiger war damals auf der Suche nach authentischen Erfahrungen, körperlich spürbaren, nach hartem Leben, – nicht nach einer medial vermittelten Gleichzeitigkeit, die ihm trügerisch erschien. Was sollte dieses Pseudo-Dabeisein…

Sein Unbehagen dem Radio gegenüber teilten viele Zeitgenossen. Rundfunkstimmen begannen in die Häuser einzudringen. Was für die einen eine Epochenschwelle von akustischer Belästigung war, begrüßten andere als Zugewinn an Unterhaltung und Wissen, Auflockerung der Langeweile.

Unter den Facetten von Mühlenwegs Widerstands ist eine politische Abwehr unübersehbar. Am deutlichsten formulierte er sie in der Nachkriegszeit: „Allein wir besitzen keinen Radioapparat und wir haben auch nie einen haben wollen, denn die Politik interessiert uns nicht“, schrieb er im Februar 1948 an seinen Expeditionsfreund, den schwedischen Arzt David Hummel.

Er wollte seine Aversion auch nicht abbauen, als der Rundfunk begann, seine literarische Produktivität immer aufmerksamer zu begleiten. Als im Oktober 1947 Vertonungen von Texten aus „Tausendjähriger Bambus“ gesendet wurden – der Kantor Hans Kurig in Halberstadt hatte sie komponiert – war das kein Grund, einen Apparat zu kaufen. Die Mühlenwegs gingen mal schnell zu einer Bekannten, die ein Gerät hatte.

Sein aufsteigender Ruhm als Autor eines Abenteuerromans machte ihn bald für die Sender interessant. Im November 1951 lief „Fritz Mühlenweg erzählt von der Mongolei“ mehrteilig im Schulfunk des Süddeutschen Rundfunks. Im Mai 1953, während einer seiner wochenlangen Lesereisen durch mehrere Bundesländer, machte er Radioaufnahmen in Köln. Auch in Graz nahm der dortige Sender im November 1954 zwei seiner Vorträge auf. Die Nachrichten über Sendungen kamen von weit her: Freunde berichteten ihm, dass auch die BBC Lesungen aus seinem Roman gesendet hatte…

Noch 1956 wählte er einen sarkastischem Ton, um nach Haus zu berichten: „In München sprach ich Englisch in den Radiokasten und Baumann war auch da, ebenso Erich Kästner…“ (Hans Baumann und Erich Kästner: sie bewunderten beide den Jugendbuch-Kollegen.) Als er im selben Jahr, auf Vermittlung des Verlags, ein Hörspiel beim NDR eingereicht hatte, musste er seinem Lektor Rombach gestehen: „Ich selbst habe ja noch nicht einmal  ein Hörspiel gehört. Um  so dankbarer bin ich, dass Sie mir Ihr Licht geliehen haben. (Natürlich ein gestohlener chinesischer Ausdruck.)“.

Mühlenweg merkte zu spät, dass er sich mit seiner Radiophobie um eine Schreiberfahrung und einen lukrativen Arbeitsbereich gebracht hatte. Der Rundfunk verhalf in der jungen Bundesrepublik vielen Literaten zu sicherem Verdienst, wenn sie sich auf die Bedürfnisse des Mediums einstellten. In den Sendern arbeiteten Literaturkenner (Alfred Andersch, Helmut Heißenbüttel, Martin Walser…), die auf ihre Autoren achteten. Mühlenweg hätte Radio-Honorare brauchen können, vor allem in seinen letzten Jahren, als zwei Schlaganfälle ihn an weiteren Lesereisen hinderten.

Der Herder-Verlag vermittelte ihm 1959 auch den Kontakt zu Rose Marie Schwerin beim Kinderfunk des NDR. Die umsichtige Redakteurin hatte u. a. früh Astrid Lindgrens Kinderbücher zu Hörspielen gemacht. Schwerin reagierte begeistert auf Mühlenwegs Adaptation eines Stoffs von C. S. Lewis („Abenteuer im Wandschrank“) – aber dann begann ein schmerzhafter Lernprozess um Kürzungen und um Reduzierung der Personen. Und die rundfunkpädagogische Arbeit ging mit diesem Autor bei jedem neuen Text weiter. „Ich glaube nun allmählich zu begreifen, was der Funk braucht,“ schrieb Mühlenweg an Schwerin zwar im Juli 1960. Dem Sender aber war ein Autor, der zwölf Seiten schickte, wenn nur für neun Seiten Zeit war, bald zu mühsam. Die Kooperation versiegte mit einigen Fünf-Minuten-Texten für die Gutenacht-Sendung.

 

Im Jahr darauf kam das erste Radiogerät im Haus Mühlenweg zum Einsatz, die zehnjährige Tochter Sabine hatte die Anschaffung endlich durchgesetzt. „Wir hören durch einen Schwyzer lichtvolle Erklärungen über die 21. Minute des Fußballspiels Barcelona-Lissabon“, schreibt Mühlenweg am 31. Mai 1961 in einem Brief an seinen Lektor Theo Rombach. Dass ihn zuvor je Fußballergebnisse interessiert hätten, ist nicht überliefert. Im Berner Wankdorf-Stadion hatte – im Europapokalspiel der Landesmeister – Benfica Lissabon über Real Madrid gesiegt.

 

Ein Traum am Edsin-Gol

 

Günter Eich und Fritz Mühlenweg. Eine Konstellation.

 

Für Günter Eich war im Frühjahr 1950 „Der Traum am Edsin-Gol“ eine leichte Art, in die Hörspiel-Produktion der westdeutschen Sender einzusteigen. Der Süddeutsche Rundfunk suchte Stoffe für eine Sendereihe früher deutscher Hörspiele. Sie sollte das Repertoire an szenischen Mitteln hörbar machen, das nach der flüchtigen Radio-Ausstrahlung (und anders nach dem Traditionsbruch der Hitlerzeit) in Vergessenheit geraten war. Eich hatte ein Hörspiel, das seit fast 20 Jahren fertig war. Das Manuskript war freilich verloren, verbrannt mit anderem im Feuer nach einem Bombardement. Aber es lag gedruckt vor, in einem Heft, das er sich ausleihen konnte für eine Abschrift.

„Ein Traum am Edsin-Gol“ war nicht das erste Hörspiel, das der 1907 geborene Günter Eich geschrieben hatte, aber das erste, das er einst als junger Literat gedruckt sah: 1932, im letzten Heft der kurzlebigen Literaturzeitschrift „Die Kolonne“. Sein erster Gedichtband war damals schon erschienen, von Gedichten konnte keiner leben, aber der Lyriker traute sich zu, mit Hörspiel-Arbeiten für die neuen Radiosender eine Existenz als freier Autor zu versuchen. Ein literarischer Freundeskreis in Dresden heizte eine wechselweise Produktivität an,

Im Januar 1933 sollte „Ein Traum am Edsin-Gol“ gesendet werden. Aber in jenem Monat – Hitler wurde Reichskanzler – veränderten sich manche Radioprogramme. Eich ahnte noch nicht, in welche Selbstentfremdung er sich in den Jahren danach bringen würde; gegen gutes Honorar hat er bis in den Krieg hinein für den nationalsozialistisch kontrollierten Rundfunk zahlreiche Hörtexte geschrieben, die von Blut-und-Boden-Mythos bis zu anti-englischen Kampagnen vieles mitmachten.

Hörspiel mit vagen Echos 

„Ein Traum am Edsin-Gol“: Ein Hörspiel-Sujet, das im chinesischen Großraum spielt, ist beim jungen Eich nicht verwunderlich. Er hatte ab 1925 Sinologie studiert, erst in Berlin, 1928/29 auch ein Jahr lang in Paris. Im Wintersemester 1926/27 hatte er in Leipzig bei dem mongolistisch spezialisierten Sinologen Erich Haenisch gehört. Er wird damals nicht erfahren haben, dass in eben jenen Monaten die deutschen Teilnehmer der Hedin-Expedition, darunter Fritz Mühlenweg, in streng diplomatischer Geheimhaltung von Berlin aus nach Ostasien fuhren.

Möglich ist, dass Günter Eich Ende der 20er-Jahre Sven Hedins Expeditionsbericht „Auf großer Fahrt“ kennen lernte; darin sind die Grundlagen wissenschaftlicher Wetterbeobachtung und das Lager am Edsin-Gol  ausführlich geschildert. Er kann auch den Expeditionsfilm gesehen haben, der ab Mai 1929 im Berliner Ufa-Palast lief, ein Stummfilm, zu dessen Begleitung noch ein richtiges Orchester spielte (Mühlenweg lässt sich in einer Action-Szene für den Regisseur aus einem Boot in den Edsin-Gol fallen). Vielleicht ist Eich aber auch dem Desaster am Edsin-Gol als sensationeller Medienstoff begegnet. „Mord und Totschlag in der Wüste Gobi“: was Eich in seinem Hörspiel einen Zeitungsverkäufer ausrufen lässt, kann er sehr wohl in Berliner Zeitungen gelesen haben.

Denn in jener Wetterstation am Edsin-Gol, die von der Hedin-Expedition eingerichtet worden war, hatte nach zwei Jahren in der Wüste ein junger Chinese durchgedreht, es war zu Mord und Selbstmord gekommen. (Mühlenweg wurde Ende 1929 zur Heimführung des deutschen Stationsleiters nach China geschickt. Im Museum zeigen wir Sven Hedins handschriftlichen Brief, in dem er seine Version des Unglücks am Edsin-Gol zu Protokoll gibt.)

 Europäische Leere, projiziert in die Gobi

Eichs Hörspiel ist fast monologisch angelegt, gibt aber über Traum- und Alptraumsequenzen anderen Stimmen immer wieder Raum. Es spielt in einem Zelt am Edsin-Gol. Zwei Jahre schon harren dort die jungen Wissenschaftler Ludwig Krämer und Bernhard Godemann aus, um täglich Wetterbeobachtungen festzuhalten. Eich hat seinen Stoff durch das Tagesdatum aktualisiert: Alles spielt sich am 1./2. Oktober 1931 ab. Ludwig hat seinen Gefährten, der am 10 km entfernten Fluss Edsin-Gol Wasserstandsmessungen ausführen will, mit vergiftetem Trinkwasser losgeschickt und halluziniert allein und bei steigendem Alkoholspiegel, dass sein Mord glückt. Er wird als Universalerbe den Reichtum seines Gefährten erben und hofft, dass auch dessen ferne Geliebte Maria, auf deren Briefe sich Ludwig freut, ihm zufallen wird. Eine paar Stunden lang halluziniert er sich in ein Glück, das ihm seine soziale Herkunft und sein bisheriges Leben vorenthalten haben. Gegen das christlich-bürgerliche „Wer hat, dem wird gegeben“ setzt er den Protest „Hat ein Mensch das Recht, glücklicher zu sein als ein anderer?“

Er wird bald von den Stimmen der Rache und Angst verfolgt. Am andern Morgen kehrt aber überraschend der Totgewähnte zurück. (Trick aus der Literatenkiste: Das vergiftete Wasser war zufällig stehen geblieben.) Ludwig kann die Spur seines Anschlags verwischen und findet zurück aus seinem Wunschwahn, in ein glücklicheres Leben umsteigen zu können. Das Stück endet in der resignativen Selbstbescheidung („Keiner verliert sein Glück, weil ein anderer es will, und niemand wird glücklicher mit Gewalt.“)

Günter Eich wählte die Wüstenszenerie als Ort für den perfekten Mord, weit ab von aller Zivilisation und Beobachtung durch andere. In der leeren Landschaft und der betäubenden Stille können sich Wahnideen und Wünsche ungehindert entfalten.

Eich würzte sein Stück mit Passagen jenes surrealen Humors, der zum Kennzeichen späterer Hörspiele wurde. Das realistische Inventar, das er verwendet, bleibt erstaunlich. In einem Zelt der Hedin-Expedition hatte tatsächlich ein Grammophon gestanden, wie es im Hörspiel vorkommt. Die geographische Situierung des Edsin-Gol stimmt aufs Breiten- und Längengrad genau. Sogar die angegebene Temperatur der Wetterbeobachtung, 8,2 Grad, ist für Oktoberanfang realistisch; die wirkliche Expedition hat erst zu Beginn der zweiten Oktoberwoche ein Absinken der Temperaturen unter den Gefrierpunkt erlebt  – nachzulesen, freilich fürs Jahr 1927, bei Sven Hedin (Auf großer Fahrt, 1928, S. 180).

Mühlenweg hätte das Motiv der entsetzlichen Langeweile wie auch des Lebensverlusts an eine stur messende Wissenschaft in Ludwigs Monologen („Vier Jahre meines Lebens versäumte ich, um zu erfahren, wieviel Regen am Edsin-Gol-Fluss fällt“), nach den vielen Monaten Wetterbeobachtung in der Gobi leicht bestätigen können. Er hätte für sich sogar den Namen der weiblichen Phantasmagorie des Hörspiels vertauschen können: „Aber Maria, wo ist Maria? Wissenschaft: Wasserstand am Edsin-gol, und unterdessen geht Maria durch die Straßen, schlank und braunhäutig.“ (Eich, Ein Traum vom Edsingol, S. 12). Pierina oder Lotte hätte er sagen können, statt Marie. Im Oktober 1931, nicht dem fiktiven, den sich der Literat Eich als Zeitraum seiner Mordphantasie griff, im wirklichen Oktober 1931 richtete der Kamelführer Mühlenweg am herbstlichen Edsin-Gol das Winterlager seiner letzten Expedition ein.

“Und was heißt sogar Mongolei?”

Günter Eich hätte die Aufmerksamkeit für sein realistisches Dekor nur am Rand interessiert. Ihm war der Edsin-Gol ein exotisch klingender Vorwand für sein psychologisches Drama, die Wüste wurde ihm Metapher für die Leere einer verwirrenden Existenz, in ihr leben keine Mongolen, nur ausgesetzte Wissenschaftler gehen ihren abendländischen Mess-Obsessionen nach. Am Anfang des Monologs sagt sein potenzieller Mörder: „Und was heißt sogar Mongolei, was heißt Fluss und Himmel? Nicht wahr, das sind alles Dinge, die es nicht gibt, alles bloß Worte, damit wir uns im Leeren zurechtfinden?“ (Eich, S. 11)

 

 

(Mit speziellem Dank an Adrian Winkler vom WDR: ein Mühlenweg-Leser, der mich vor Jahren auf Eichs Hörspiel aufmerksam machte.)

 

Am Rand der Wüste

 

Felder-Archiv, Bregenz

Fritz Mühlenweg 1932 (Felder-Archiv, Bregenz)

Das Konterfei des Wüstenfahrers: Es ist im Frühjahr 1932 entstanden, vielleicht in Peking, vielleicht in Tientsin. Der 33-jährige Fritz Mühlenweg hat seinen letzten Job als Karawanenführer hinter sich, fünfzehn Monate in der Gobi, zuständig für mongolische Kamelmänner, chinesische Köche, medizinische Versorgung, ein paar Dutzend Kamele und Gerätschaften.

Männergesellschaft, aus der er seine Einsamkeiten suchte. An einem Oktobermorgen 1931 fand er die solitäre Stille, früh morgens auf dem Berg Yaga allein zeichnend: das beglückende Erlebnis, wie ihm die Gestaltung der Landschaftsformation mit ihren Schwingungen gelingt, Stift auf Papier, ein Erweis des eigenen Blicks und das Geschick der Hände. Schon vier Jahre vorher, bei der ersten Expedition hatte er Mal-Utensilien dabei. Schöne, handwerklich strenge Bilder sind damals entstanden: der Innenhof in Paotou, in dem er Nachtwache absolvierte über die Expeditionsgüter. Ein chinesisches Tempelchen (feiner, exotischer Nippes). Diesmal war es anders. Unweit vom Edsin-Gol, wo er für Monate im Winterlager dann lebte, stimmte seine Innenwelt mit der Fertigkeit der Hand überein.

Aber der Wüstenfahrer:  Nun ist er aus der Expedition befreit, sie war zuletzt vor allem langweilig geworden. Und er geht in ein Fotoatelier. Was er im Moment des Blitzes gedacht hat? Eine leuchtende Selbstsicherheit lässt sich aus seinem Blick lesen. Man kann das Foto aber auch mit seinem entwickelten Sinn als Ulk anschauen. Es gibt von ihm – seit seiner Kindheit – einige Aufnahmen, auf denen er Faxen macht. Er hat sich den Scherz erlaubt, an jenem Tag in China noch ein zweites Foto machen zu lassen, nach dem Gang zum Friseur: derselbe Anzug mit Krawatte, das wettergegerbte Gesicht, aber schon mit kurzem Haarschnitt, die freigelegten Halspartien mit hellen Flecken. Der Mann hatte Humor genug, dem Rudel seiner Iche ins Auge zu sehen.

Das Foto vom Wüstenmann, vom Halbwilden. Die Gesichtsfarbe kommt nicht aus den Sommermonaten in der Kieswüste: an Wintertagen musste er am Edsin-Gol fünf Mal am Tag, auch bei weniger als Minuszwanzig Grad, auf dem Holzturm der meteorologischen Station, Messgeräte ablesen und Listen führen („eine ekelhaft stumpfsinnige Arbeit“, schreibt er in einem Brief).

Denn die Expedition diente einem wissenschaftlichen Zweck, der Chef war ein deutscher Meteorologe, der für das übergreifende Projekt, die seit 1927 laufende Zentralasiatische Expedition von Sven Hedin, die Wetterbeobachtungen übernommen hatte. Mühlenweg war schon am Anfang mit dabei gewesen, als Angestellter der neu gegründeten deutschen „Luft Hansa“. Für sie sollte der Kaufmann aus Konstanz die Ausgaben überwachen und die Buchhaltung führen, denn die Reichsregierung sponserte die Expedition mit viel Geld.

Es ging nicht nur um die Erforschung des Klimas in den Wüsten, die von Berlin aus überflogen werden sollten, nach Peking. Vom Berliner Außenamt war diskret ein halbes Dutzend deutscher Militärs in die Expedition infiltriert worden. Das Flugwesen hatte sich schließlich durch die technischen Erfahrungen der Militärflieger im Weltkrieg rasant entwickelt. Deren Augen sahen mehr.

Sein Chef freilich war kein Militär; er hat, ohne Mühlenwegs Namen zu nennen, über die Messarbeiten – beschönigend, wie es der Brauch war – später einen Aufsatz geschrieben. (Waldemar Haude: Reisen und Arbeiten der meteorologischen Sondergruppe 1931732; in: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 1934)

Ein inszeniertes Foto, Mühlenweg dokumentiert den Moment, in dem der Wüstenfahrer bereits in den städtischen Anzug geschlüpft ist. Abends mag er in Peking zu einer Fete gegangen sein. In seinem Adressbuch standen noch Namen von Frauen, mit denen er vor Beginn der Expedition beim Fasching im diplomatischen Viertel getanzt hatte.

Eigentlich wäre er gern noch ein-zwei Jahre in Nordchina geblieben. In der Mongolei war ihm in einer magischen Stunde möglich erschienen, dass ihm ein Leben als Künstler gelingen könnte. Vom ersparten Lohn der Expeditionsarbeit ließ sich ein sparsames Leben auf dem Land finanzieren. Malen im fremden Land. Eine ganz andere biographische Weichenstellung scheint hier auf…

Gerüchte über politische Veränderungen waren nur selten in die Gobi gedrungen, am ehesten von Durchreisenden in den Wüstenoasen. Aber nun erfuhr er, dass die Japaner die Mandschurei besetzt hatten. Das Leben in China wurde zu gefährlich. (Der große Zusammenhang blieb vorerst unsichtbar: Japanische Militärs hatten ihren imperialistischen Raubzug begonnen, sie nutzten den Bürgerkrieg zwischen den Kuomintang-Truppen des Mehrheitsführers Chiang Kai-shek und der erstarkenden Revolutionsbewegung um den Nationalkommunisten Mao Zedong und griffen sich Teile von China. Die Japaner zündeten eine Lunte, die den  Zweiten Weltkrieg von Ostasien her schon anfeuerte.)

 

I-Ging und Nachwirkungen

Ein Autor, der Herz und Hirn seiner Leser beeindruckt und ihre Phantasie dabei freisetzt, bekommt etwas zurück, und sei‘s im Mosaik seines Nachruhms.

Damit sind nicht die Umsetzungen in andere Medien gemeint, obwohl auch sie bei Mühlenweg dazu gehören: Die Übersetzung der Erzählungen ins Italienische („Segreti della Mongolia“ von Anna Ruchat, 2002), die Hörspielfassung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ durch den SWR (2008) oder die auch 2011 noch laufende Bühnenfassung von „Nuni“ durch das Freie Werkstatt Theater in Köln.

Hier geht es um etwas anderes: Leserbegeisterung, die tätig wird, just for the fun of it. In Siegen ist ein Journalist neben seinem Tagwerk einem Motivstrang nachgegangen, der allen Mühlenweg-Lesern vertraut ist. Er macht eine Facette der sprachlichen Wirkung aus.

Denn zum eigentümlichen Gewebe der Roman-Prosa gehören zwar auch sparsam verwendete Adjektive und entschlossen übersichtliche Satzkonstruktionen: Sie haben Mühlenwegs Prosa so alterungsbeständig gehalten, vergleichbar der Sprache seiner Jahrgangsgenossen Bert Brecht und Erich Kästner, und sie öffnen diese Erzählung für „all age“. In einem Verlagsordner finden sich handschriftliche Fanbriefe von Elfjährigen und von 83-Jährigen.

Zudem gibt es, quer über die 700 Seiten der Handlung gestreut, seltsam eindrückliche Sprüche. Mühlenweg hat sie mehreren Romanfiguren zugeteilt, die meisten von ihnen aber dem jungen Chinesen Großer-Tiger in den Mund gelegt. Der will mit weisheitlich anmutenden Sätzen seinem deutschen Freund Christian (Kompass-Berg) eine andere, zuwartende, achtsamere Verhaltensweise und Weltsicht näher bringen. Wenn Sie am Bodensee oder an der Frankfurter Buchmesse oder in Blogs Sätzen begegnen wie: „In der Eile sind Fehler“ oder „Es gibt keine Hilfe“ oder „Keine Besorgnis deswegen“ oder „Unvorsichtiger, du trittst dem Tiger auf den Schwanz“ oder „Die Anfangsschwierigkeit bringt Gelingen“ – dann seien Sie getrost, es sind Leser von „In geheimer Mission“ nahe. Man kann ihnen trauen.

Fritz Mühlenweg traute jugendlichen Lesern (ab dem Schulalter) so viel zu wie Erwachsenen: Bei seinen Lesungen aus dem unfertigen Roman hörten im Allensbacher Haus seine Kinder und erwachsene Freunde zu. Die begeistertste Leserin der ersten Fassung war die damals 25-jährige Nelly Dix. Dieser autodidaktisch sich vorarbeitende Erzähler zielte auf ein Vergnügen am Text, das die Generationen verbinden konnte. Aber er war ein realistischer Autor eigener Prägung: Die Weisheitssprüche klangen aus dem Mund eines Zwölfjährigen doch komisch altklug. So ließ er denn die Herkunft der Sätze von Großer-Tiger auf Belehrungen seines ehrwürdigen Großvaters zurückführen.

Die „Sprüche des Großvaters“ werden von den Erwachsenen im Roman oft mit respektvollem Humor aufgenommen. Sie kommen aber von weiter her. In Mühlenwegs Bücherregal stand die deutsche Übersetzung des „I Ging“. Zuletzt noch, Jahrzehnte nach seinem Tod, stand sie in der Konstanzer Wohnung von Regina Mühlenweg. Mit ihr konnte sich der Siegener Mühlenweg-Leser Peter Barden 2005 noch austauschen, als ihn die Herkunft der „Sprüche des Großvaters“ zu interessieren begann. Der Journalist Barden fand bei genauerer Lektüre heraus, wie viele Dutzend wörtliche Zitate und noch mehr Anklänge aus der I-Ging-Übersetzung des großen Richard Wilhelm von Mühlenweg in das wachsende Manuskript eingearbeitet wurden.

Als Peter Barden sein Manuskript an unseren Verlag schickte („Beharrlichkeit bringt Heil“. Beobachtungen zum Gebrauch des I Ging in Fritz Mühlenwegs „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“), stand darin der Satz: „Dem I Ging in IGM nachzugehen, war mir einfach ein Bedürfnis.“

Ein Bedürfnis; Ja. Wir haben auch eine Examensarbeit aus dem Departement of Landscape Architecture der North Carolina State University von einem anderen Mühlenweg-Begeisterten zugeschickt bekommen: „Big Ger and Little Brad: Their Adventures in China“, Typoskript, 202 Seiten – der Autor Brad Houx, ein Leser der Pantheon-Ausgabe „Big Tiger and Christian“, ist vor reichlich 20 Jahren mit einem Freund per Fahrrad auf die Strecke von Peking nach Urumtschi gegangen … Wenn wir irgendwann einen Sammelband machen mit den Spezialarbeiten von Mühlenweg-Lesern, dann sollte darin auch der Aufsatz der Sinologin Gabriele Goldfuß stehen: Fritz Mühlenweg: Tausendjähriger Bambus: Nachdichtungen aus dem Schi-King (1998 im Bochumer Jahrbuch zur Ostasienforschung abgedruckt).

Im Allensbacher Museum sollen mehr als zwei Dutzend der Sprüche im Treppenhaus hörbar werden. Seltsame Sätze, treppauf. Woher die geheimnisvollen Sätze kommen, liest sich irgendwo an der Wand so:

Der Mühlenweg-Sound und das I-Ging

Die Sprüche der akustischen Installation sind dem Roman „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ entnommen. Dort gibt Großer-Tiger die Sätze meist als Weisheiten seines chinesischen Großvaters aus. Für Mühlenweg-Leser wurden viele zu geflügelten Worten.

Tatsächlich hat Mühlenweg seinen Personen vierzig wortgenaue Zitate und Dutzende Anklänge aus dem „Buch der Wandlungen“ (I-Ging) in den Mund gelegt. Dieses älteste chinesische Weisheits- und Orakelbuch hält erhellende Sätze für typische Situationen im menschlichen Leben bereit. Es weist den Einzelnen in eine Weltordnung ein, in welcher stetige Veränderbarkeit und das Ausgleichen von Extremen grundlegend sind.

In der 1924 erschienenen ersten Übersetzung durch Richard Wilhelm machte das I-Ging die Generation um Hermann Hesse und C. G. Jung auf chinesisches Weltwissen aufmerksam.

Übersetzungen

Wenn sich die interkulturell turnenden Exzellenzforscher dereinst für Mühlenweg interessieren wollen: es gäbe Stoff genug. Nicht nur die abgegriffenen Notizbücher, in denen er in den ersten Wochen der Expedition 1927 in der Gobi begann, mongolische Wörter nach dem Gehör aufzuschreiben. Alltagswörter, brauchbar. Erfragt von den mongolischen Kamelmännern. Es ging um Tiere, Essen, Wetter, Wassersuche, Einrichten und Abbruch des Lagers. Eine intuitive Methode des Lernens, sie brachte ihn zugleich den Lebensgewohnheiten und dem Wissen der Nomaden näher.

Im Roman “In geheimer Mission“ lässt Mühlenweg (20 Jahre später) in Kapitel 32 den jungen Christian auf solche Weise sein Wörterbuch beginnen: indem er sich von der gleichaltrigen Mongolin Siebenstern die bedeutsamen, weil nützlichen Wörter erfragt. Die Zahlen bis Zehn, die Benennungen für Fluss, Hund, Stern, für Kaltes und Schmales … Zu thematisch geordneten Vokabellisten, immerhin mit gut 500 Wörtern, war er selbst erst während ruhiger Wochen am Edsin-Gol gekommen. Im Monat darauf wurde er von Sven Hedin mit einem Mongolen und einem Chinesen auf Sondermission geschickt, um Proviant für die Expedition zu besorgen: weil er als einziger unter den Deutschen der Expedition sich auf Mongolisch verständigen konnte. Ein Abenteuer, das ihn auf den „Pfad der Nachdenklichkeit“ führte.

Im Allensbacher Museum zeigen wir im Raum „Asien“ das Abschiedsgeschenk des Tschachar-Mongolen Märin. Von ihm hatte er am meisten gelernt hatte. Mühlenweg durfte / sollte sie – dem Brauch folgend – im Frühjahr 1932 aus Märins Habe selbst aussuchen, nach gemeinsamen Monaten in einer meteorologischen Expedition. Grund zur Dankbarkeit hatten die Mongolen: auch die medizinische Versorgung hatte zu Mühlenwegs Aufgaben gehört. Er wählte Märins Steigbügel. Dass er diese klumpigen Eisenbügel nicht gebrauchen konnte, wusste er. In den Augen seines Freundes aber bewies er seine Wertschätzung, indem er etwas Wertvolles annahm, ohne das ein Mann in der Wüste nicht sein konnte. Mühlenweg selbst wünschte sich damals noch, dass er später in die Gobi zurückkäme. Es hat nicht sollen sein. Noch im selben Jahr begegnete er in Wien der Frau, die seinen tiefergehenden Wunsch nach Sesshaftigkeit (zögernd) erfüllte. Und die Besetzung der Mandschurei durch die Japaner trieb ohnehin die meisten Europäer aus China hinaus.

Dies war nur die Einleitung für ein ganz anderes Desiderat interkultureller Forschung: die Rezeption Mühlenwegs in Übersetzungen nämlich. Dass er eine Wirkung nicht nur in Europa hatte, seit den acht Ausgaben in anderen Ländern, die über den Verlag Herder ab 1952 zustande kamen, erfahren wir bei Libelle noch heute. Gestern – wir sind im Juli 2011 – meldete sich Brad Houx (aus Chester, Vermont, USA) über LinkedIn, er hat mit einem Freund in den späten Achtziger Jahren auf den Spuren von „Big Tiger and Christian“ die Reise des Mühlenweg-Romans von Peking nach Urumtschi per Fahrrad angetreten. (Das chinesische Militär war not amused.)

Wer sich für die Titel der Übersetzungen von Mühlenwegs Hauptwerk interessiert, in der Reihenfolge des Erscheinens – sie sind alle im Netz zu finden, am einfachsten über http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.html

US-Amerikanisch: Big Tiger and Christian. Their Adventures in Mongolia. Italienisch: Attraverso il deserto di Gobi: Missione Segreta. Englisch: Big Tiger and Christian. Their Adventures in Mongolia. Niederländisch: Kompas-Berg en Grote-Tijger. Schwedisch: På hemligt uppdrag i Gobiöknen. Spanisch: En misión secreta a través del desierto de Gobi. Französisch: L’heure du dragon. Dänisch: I hemmelig mission gennem Gobi-Ørkenen. Allein was man über die US-Ausgabe bedenken könnte…

Es war Kurt Wolff von seinem New Yorker Pantheon Verlag her, dem als erster der sensationelle Erfolg eines unbekannten Autors bei Herder auffiel. Als in Freiburg schon die vierte Auflage lief (Dezember 1951) fragte er wegen einer Lizenz an, aber mit harten Bedingungen: Er wollte den Roman nur gekürzt machen und das Geleitwort von Sven Hedin sowieso weglassen, das sei politisch nicht akzeptabel für den US-Markt. (Das Geleitwort war nebulös, enthusiastisch und unverdächtig. Aber der große Asienforscher Hedin war nach 1945 persona non grata für die Alliierten. Er hatte Hitlers Berliner Olympiade mit einer Rede miteingeweiht, und als das Reich schon in Schutt und Asche lag, März 1945, hofierte die NS-Wochenschau den Deutschland-Freund anlässlichs eines 80. Geburtstags.) Herder legte Mühlenweg nah, den Bedingungen zuzustimmen.

Ob ihm Kurt Wolff ein Begriff war? Eher nicht. Als KW sein Namenskürzel so langsam zum Begriff eines Kultverlags machte, hatte Fritz Mühlenweg mit Büchern weniger im Sinn gehabt. Da war er Drogistenlehrling, dann Soldat, dann hart arbeitender Kaufmann in den Inflationsjahren gewesen – und in der Freizeit eher auf Wandern, Skifahren, Rudern aus. Dass KW damals Georg Trakl entdeckte, als Erster den deutschschreibenden Böhmen Franz Kafka verlegte, Heinrich Manns „Untertan“ zum Seller machte: das wurde ihm erst Jahrzehnte später zum Kranz geflochten.

(Männer-Geschichtsschreibung: Immer ist nur von KW die Rede, wenn männliche Verleger sein Podest beleuchten.  Er hatte seiner feinen Literaturnase, seinem Sinn für neue literarische Qualitäten zunächst auch dank dem Geld seiner ersten Ehefrau bedenkenlos folgen können. Und seine zweite Frau Helen, die mit ihm vor dem Zugriff der Nazideutschen über Italien, Frankreich nach den USA floh: ohne diese Helen Wolff wäre der Aufbau des Pantheon Verlags in NY so nicht denkbar gewesen. Mühlenweg bekam ab 1951 von Helen Wolff ermunternde Lektoratsbriefe, die ihn auf gutem Kurs halten sollten… Sie hat nach dem Tod ihres Mannes dann noch 30 Jahre lang Verlagsarbeit geleistet und u. a. Günter Grass in den USA bekannt gemacht.)

Die Pantheon-Ausgabe von „Big Tiger and Christian“, feinsinnig übersetzt von den Engländerinnen Isabel und Florence McHugh, erschien 1952, zwar gekürzt, dafür aber marktgerecht illustriert von einem Berliner Emigranten: Rafaello Busoni, der noch in Deutschland begonnen hatte, Klassiker der Weltliteratur zu illustrieren. Und ich habe dieser Tage erst über einen Blog von amerikanischen Mühlenweg-Fans erfahren, dass die Wolffs den Erfolg ihres Buchs mit einem dezenten Trick beförderten: Der eine der beiden Helden, Christian, Sohn eines deutschen Arztes in Peking, der bei Mühlenweg deutsch und chinesisch spricht und versteht, der versteht sich in der Pantheon-Ausgabe auf Chinesisch und Amerikanisch, und wenn er etwas aus seinem Land erzählt, dann ist es “America”.   http://www.allthingsransome.net/rrreviews/bigtigerandchristian.html