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Museum im Bahnhof (III)

In einem Museum bleibt ein Hallraum zurück, den die Besucher nicht mitbekommen. Die Echos der ausgearbeiteten und wieder aufgegebenen Themen. Eines davon: Ich hätte gern im Foyer oder Treppenhaus von Mühlenwegs Verhältnis zum Bahnfahren erzählt.

Ein Foto, das die Familie Mühlenweg auf dem Heimweg von der Kommunionsfeier im April 1948 zeigt, im Hintergrund das Allensbacher Bahnhofsgebäude, in dem nun das Museum beheimatet ist. Man hätte folgenden Text dazu gelesen:

Fritz Mühlenweg lehnte Autos ab. Dass exakte Fahrpläne, wie er sie von Deutschland her kannte, nicht überall zu erwarten waren, lernte er in Asien.
Bahnfahren schätzte er als geselliges Reisen. Im Februar 1927 zum Beispiel von Berlin nach Moskau und mit der Transsibirischen bis Peking, 14 Tage lang und über 10.000 km weit.
Als Autor machte er später auch seine Lesereisen per Bahn, tausende Kilometer pro Jahr: vom Allensbacher Bahnhof aus.

Man hätte eines seiner besonders schönen, Balthus-nahen Originale dazu hängen können: Konstanzer Bahnhof aus einer surealen Perspektive von Kreuzlingen her (1948 gemalt, 65×80 Öl/Leinwand). Im selben Jahr 1948 schrieb er an seinem Roman, den er mit einer unfreiwilligen Zugfahrt in Peking beginnen lässt.

Männerphantasien, Fahrpläne

Als Nebenerzählung, die seine Genauigkeit zeigt, vielleicht auch das Überkontrollierte des in Buchhaltung erfahrenen Kaufmanns, zwei Beispiele von Fahrplanbriefen für geliebte Frauen.
Dazu als gedrucktes Zitat oder gestaltetes Faksimile:

„Ich habe mir schon ein Kursbuch gekauft und daraus gesehen, dass Du am besten mit dem Schnellzug fährst, der 9 Uhr 22 abends in Nürnberg eintrifft. Du müsstest allerdings, soviel ich sehe, früh aufstehen und bis Immendingen Bummelzug benützen:
Freiburg ab 4.41 (8.26?) Immendingen an: 8.59 (11.25)
Immendingen ab: 10.12 (11.27) Stuttgart an: 12.37 (15.04)
Stuttgart ab: 17.51 Nürnberg an: 21.22“

Fritz Mühlenweg aus Berlin an Pierina Zandonella in Freiburg i. Br., 6. Juni 1928. Mühlenweg, soeben von der Mongolei-Expedition zurück, schreibt an seine Jugendfreundin Pierina, die in Freiburg i. Br. studiert. Seit 18 Monaten hat sie ihn nicht mehr gesehen. Er will umgehend ein Treffen in Nürnberg. Pierina sagt ab, will nicht umsteigen; sie hat inzwischen den Mann ihres Lebens kennengelernt.

Ein zweites gedrucktes Zitat oder gestaltetes Faksimile:
„Ich werde also 5.39 am Bahnhof sein und höre, wenn dieser Zug nicht stimmen sollte, dann bin ich 12.53 eben zum zweitenmal dort und Du brauchst mir nicht zu telegrafieren.“ Fritz Mühlenweg, Brief aus Beaucaire an Elisabeth Kopriwa, die von Wien kommen wollte.
Mühlenweg fuhr der geliebten Studienfreundin per Bahn am 29. Juni 1933 vom südfranzösischen Beaucaire aus 300 km entgegen, um sie in Genf abzuholen. Der Zug kam pünktlich. Zwei Monate später heiratete das Paar in Beaucaire.

Ein bahnbegeisterter Grüner?

Wie gesagt, dieses wohl zu assoziative Mosaik blieb unausgeführt. Ich hätte gern diesen konservativen Grünen avant-la-lettre mit dem ziemlich einzigen Technikthema gezeigt, das er lebenslang verfolgte.
Das Motiv, dass Mühlenweg ein überzeugter Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel war, haben wir nun aber im Museum auf einer Wand im „Literatur“-Raum: Dort sind auf einer stilisierten Landkarte fast zwei Dutzend Städte und Städtchen markiert, zu denen er ab 1951 per Bahn und Bus auf seinen wochenlangen Lesereisen fuhr. Bei jedem Ort zwischen Freiburg, Hamburg, München, Graz und Bern kann ein längeres Briefzitat gelesen werden. An seine Frau Elisabeth von unterwegs geschrieben, im Zug, im Gasthaus, zwischen zwei Vorträgen.  Ein ziemlich gehetzter Autor, dem der Verlag während der Reise noch neue Auftrittstermine nachschickte. Sozialgeschichtliche Streiflichter auf die Buchszene der frühen Fünfzigerjahre.
PS.
Pierina Zandonella, die seinen Fahrplan verwarf, hat es heimlich dennoch ins Museum geschafft. Auf einem Foto vor einer Berghütte, vielleicht im Jahr 1925. Wir zeigen dort den jungen Drogisten als Outdoor-Typ, im Achter rudernd, mit Skier im Gletschergebiet der Bernina mit Blick auf die Crast‘ Agüzza und kühn kletternd in den Felsen bei Baoutou (China). Ohne diese Vorgeschichte seiner Körperlichkeit hätte er die Strapazen der Gobi schwerlich durchgestanden.

Mühlenweg und das Radio

Eine Selbstverhinderung.

Im September 1950 wurde vom Stuttgarter Sender her erstmals Günter Eichs Hörspiel „Ein Traum am Edsin-Gol“ ausgestrahlt. Wenn Fritz Mühlenweg in Allensbach ein Radio gehabt hätte… Man kann ins Träumen kommen.

Er hätte über den Sender Eichs Adresse ausfindig machen können. Wir hätten im Archiv vielleicht eine briefliche Antwort, auf welche vertrackte Weise der gewiefte Hörspielautor Eich um 1930 an das Motiv vom Mord am Edsin-Gol gekommen war. Sie hätten noch eine ganz andere Gemeinsamkeit entdecken können: Als Lyriker waren beide von Bildsprache und Naturverhältnis in alten chinesischen Gedichten fasziniert. Mühlenwegs „Tausendjähriger Bambus“ mit den uralten Liedern des Shijing war als Buch lieferbar, Eichs Übertragungen von Su Shih, einem Dichter des 11. Jahrhunderts, konnten damals nur den Lesern der Zeitschrift „Sinn und Form“ bekannt sein. Wie diese Arbeit an fremden Texten die eigene Sprache veränderte – auch dies hätte für die beiden Schriftsteller zum Thema werden können.

 

Aber Fritz Mühlenweg saß in jenem September 1950 über den Fahnenkorrekturen seiner Roman-Kapitel, die am Edsin-Gol spielten. Unter anderem versuchte er, die Verschlimmbesserungen durch das Lektorat noch vor Druckbeginn aus seinem Text zu holen. Um ihn im engen Haus war kein Radiohörspiel sondern die Stimmen von sieben Kindern, von Babygeschrei bis zu pubertärem Gequengel.

Wenn sich Mühlenweg und Eich je begegnet wären, hätten sie sich über ganz unterschiedliche Bedeutungshorizonte des Begriffs „Edsin-Gol“ austauschen können. Eich hat den Fluss nie gesehen, an dessen Ufer Fritz Mühlenweg viele Monate lang lebte, Wettermessgeräte ablas, Aquarelle malte. An den langen Winterabenden hatte er von den mongolischen Kamelmännern am Edsin-Gol Alltagsworte erfragt und nach dem Gehör aufgeschrieben.

In Eichs Hörspiel kommen weder Mongolen noch Chinesen vor. Und doch hätte ein gewitzter Eich den Romanautor Mühlenweg fragen können: Was haben Sie selbst denn alles weggeblendet von Ihren Erfahrungen vor Ort? Sie haben doch die Tschachar-Mongolen als politische Flüchtlinge erlebt, die Geschlechtskrankheiten in den Jurten, das Ungeziefer im Alltag… Mit welchen Leerstellen haben Sie denn Ihre Idylle vom Edsin-Gol eingerichtet, damit sich Ihre Leser daran erfreuen können? Das wäre doch ein Hörspielstoff, Mühlenweg: Ein Erzähler, von Läusen geplagt wie Sie es waren während der Expedition, und Stimmen der Torgot-Mongolen, die über andrängende Fremde aus dem Norden verhandeln… Sie schreiben doch so seltsam gute Dialoge, warum machen Sie daraus nicht Texte für den Funk?

Die beiden Autoren wären an dieser Stelle sehr rasch auf einen schlichten, technikgeschichtlichen Dissens gekommen. Das Medium Radio, in dem der Jüngere schon ab 1930 experimentiert und dabei maßgeblich die Entwicklung der neuen literarischen Form des Hörspiels mitgestaltet hatte, ließ Mühlenweg fast sein ganzes Leben lang beiseite.

Wieso eigentlich? Über die Radiobegeisterung von Mutter und Schwester in Konstanz, die ihm von der Sensation einer direkt übertragenen Zeppelinlandung berichteten, schrieb er während seiner ersten Chinafahrt schon ironisch. Der Aussteiger war damals auf der Suche nach authentischen Erfahrungen, körperlich spürbaren, nach hartem Leben, – nicht nach einer medial vermittelten Gleichzeitigkeit, die ihm trügerisch erschien. Was sollte dieses Pseudo-Dabeisein…

Sein Unbehagen dem Radio gegenüber teilten viele Zeitgenossen. Rundfunkstimmen begannen in die Häuser einzudringen. Was für die einen eine Epochenschwelle von akustischer Belästigung war, begrüßten andere als Zugewinn an Unterhaltung und Wissen, Auflockerung der Langeweile.

Unter den Facetten von Mühlenwegs Widerstands ist eine politische Abwehr unübersehbar. Am deutlichsten formulierte er sie in der Nachkriegszeit: „Allein wir besitzen keinen Radioapparat und wir haben auch nie einen haben wollen, denn die Politik interessiert uns nicht“, schrieb er im Februar 1948 an seinen Expeditionsfreund, den schwedischen Arzt David Hummel.

Er wollte seine Aversion auch nicht abbauen, als der Rundfunk begann, seine literarische Produktivität immer aufmerksamer zu begleiten. Als im Oktober 1947 Vertonungen von Texten aus „Tausendjähriger Bambus“ gesendet wurden – der Kantor Hans Kurig in Halberstadt hatte sie komponiert – war das kein Grund, einen Apparat zu kaufen. Die Mühlenwegs gingen mal schnell zu einer Bekannten, die ein Gerät hatte.

Sein aufsteigender Ruhm als Autor eines Abenteuerromans machte ihn bald für die Sender interessant. Im November 1951 lief „Fritz Mühlenweg erzählt von der Mongolei“ mehrteilig im Schulfunk des Süddeutschen Rundfunks. Im Mai 1953, während einer seiner wochenlangen Lesereisen durch mehrere Bundesländer, machte er Radioaufnahmen in Köln. Auch in Graz nahm der dortige Sender im November 1954 zwei seiner Vorträge auf. Die Nachrichten über Sendungen kamen von weit her: Freunde berichteten ihm, dass auch die BBC Lesungen aus seinem Roman gesendet hatte…

Noch 1956 wählte er einen sarkastischem Ton, um nach Haus zu berichten: „In München sprach ich Englisch in den Radiokasten und Baumann war auch da, ebenso Erich Kästner…“ (Hans Baumann und Erich Kästner: sie bewunderten beide den Jugendbuch-Kollegen.) Als er im selben Jahr, auf Vermittlung des Verlags, ein Hörspiel beim NDR eingereicht hatte, musste er seinem Lektor Rombach gestehen: „Ich selbst habe ja noch nicht einmal  ein Hörspiel gehört. Um  so dankbarer bin ich, dass Sie mir Ihr Licht geliehen haben. (Natürlich ein gestohlener chinesischer Ausdruck.)“.

Mühlenweg merkte zu spät, dass er sich mit seiner Radiophobie um eine Schreiberfahrung und einen lukrativen Arbeitsbereich gebracht hatte. Der Rundfunk verhalf in der jungen Bundesrepublik vielen Literaten zu sicherem Verdienst, wenn sie sich auf die Bedürfnisse des Mediums einstellten. In den Sendern arbeiteten Literaturkenner (Alfred Andersch, Helmut Heißenbüttel, Martin Walser…), die auf ihre Autoren achteten. Mühlenweg hätte Radio-Honorare brauchen können, vor allem in seinen letzten Jahren, als zwei Schlaganfälle ihn an weiteren Lesereisen hinderten.

Der Herder-Verlag vermittelte ihm 1959 auch den Kontakt zu Rose Marie Schwerin beim Kinderfunk des NDR. Die umsichtige Redakteurin hatte u. a. früh Astrid Lindgrens Kinderbücher zu Hörspielen gemacht. Schwerin reagierte begeistert auf Mühlenwegs Adaptation eines Stoffs von C. S. Lewis („Abenteuer im Wandschrank“) – aber dann begann ein schmerzhafter Lernprozess um Kürzungen und um Reduzierung der Personen. Und die rundfunkpädagogische Arbeit ging mit diesem Autor bei jedem neuen Text weiter. „Ich glaube nun allmählich zu begreifen, was der Funk braucht,“ schrieb Mühlenweg an Schwerin zwar im Juli 1960. Dem Sender aber war ein Autor, der zwölf Seiten schickte, wenn nur für neun Seiten Zeit war, bald zu mühsam. Die Kooperation versiegte mit einigen Fünf-Minuten-Texten für die Gutenacht-Sendung.

 

Im Jahr darauf kam das erste Radiogerät im Haus Mühlenweg zum Einsatz, die zehnjährige Tochter Sabine hatte die Anschaffung endlich durchgesetzt. „Wir hören durch einen Schwyzer lichtvolle Erklärungen über die 21. Minute des Fußballspiels Barcelona-Lissabon“, schreibt Mühlenweg am 31. Mai 1961 in einem Brief an seinen Lektor Theo Rombach. Dass ihn zuvor je Fußballergebnisse interessiert hätten, ist nicht überliefert. Im Berner Wankdorf-Stadion hatte – im Europapokalspiel der Landesmeister – Benfica Lissabon über Real Madrid gesiegt.

 

Ein Traum am Edsin-Gol

 

Günter Eich und Fritz Mühlenweg. Eine Konstellation.

 

Für Günter Eich war im Frühjahr 1950 „Der Traum am Edsin-Gol“ eine leichte Art, in die Hörspiel-Produktion der westdeutschen Sender einzusteigen. Der Süddeutsche Rundfunk suchte Stoffe für eine Sendereihe früher deutscher Hörspiele. Sie sollte das Repertoire an szenischen Mitteln hörbar machen, das nach der flüchtigen Radio-Ausstrahlung (und anders nach dem Traditionsbruch der Hitlerzeit) in Vergessenheit geraten war. Eich hatte ein Hörspiel, das seit fast 20 Jahren fertig war. Das Manuskript war freilich verloren, verbrannt mit anderem im Feuer nach einem Bombardement. Aber es lag gedruckt vor, in einem Heft, das er sich ausleihen konnte für eine Abschrift.

„Ein Traum am Edsin-Gol“ war nicht das erste Hörspiel, das der 1907 geborene Günter Eich geschrieben hatte, aber das erste, das er einst als junger Literat gedruckt sah: 1932, im letzten Heft der kurzlebigen Literaturzeitschrift „Die Kolonne“. Sein erster Gedichtband war damals schon erschienen, von Gedichten konnte keiner leben, aber der Lyriker traute sich zu, mit Hörspiel-Arbeiten für die neuen Radiosender eine Existenz als freier Autor zu versuchen. Ein literarischer Freundeskreis in Dresden heizte eine wechselweise Produktivität an,

Im Januar 1933 sollte „Ein Traum am Edsin-Gol“ gesendet werden. Aber in jenem Monat – Hitler wurde Reichskanzler – veränderten sich manche Radioprogramme. Eich ahnte noch nicht, in welche Selbstentfremdung er sich in den Jahren danach bringen würde; gegen gutes Honorar hat er bis in den Krieg hinein für den nationalsozialistisch kontrollierten Rundfunk zahlreiche Hörtexte geschrieben, die von Blut-und-Boden-Mythos bis zu anti-englischen Kampagnen vieles mitmachten.

Hörspiel mit vagen Echos 

„Ein Traum am Edsin-Gol“: Ein Hörspiel-Sujet, das im chinesischen Großraum spielt, ist beim jungen Eich nicht verwunderlich. Er hatte ab 1925 Sinologie studiert, erst in Berlin, 1928/29 auch ein Jahr lang in Paris. Im Wintersemester 1926/27 hatte er in Leipzig bei dem mongolistisch spezialisierten Sinologen Erich Haenisch gehört. Er wird damals nicht erfahren haben, dass in eben jenen Monaten die deutschen Teilnehmer der Hedin-Expedition, darunter Fritz Mühlenweg, in streng diplomatischer Geheimhaltung von Berlin aus nach Ostasien fuhren.

Möglich ist, dass Günter Eich Ende der 20er-Jahre Sven Hedins Expeditionsbericht „Auf großer Fahrt“ kennen lernte; darin sind die Grundlagen wissenschaftlicher Wetterbeobachtung und das Lager am Edsin-Gol  ausführlich geschildert. Er kann auch den Expeditionsfilm gesehen haben, der ab Mai 1929 im Berliner Ufa-Palast lief, ein Stummfilm, zu dessen Begleitung noch ein richtiges Orchester spielte (Mühlenweg lässt sich in einer Action-Szene für den Regisseur aus einem Boot in den Edsin-Gol fallen). Vielleicht ist Eich aber auch dem Desaster am Edsin-Gol als sensationeller Medienstoff begegnet. „Mord und Totschlag in der Wüste Gobi“: was Eich in seinem Hörspiel einen Zeitungsverkäufer ausrufen lässt, kann er sehr wohl in Berliner Zeitungen gelesen haben.

Denn in jener Wetterstation am Edsin-Gol, die von der Hedin-Expedition eingerichtet worden war, hatte nach zwei Jahren in der Wüste ein junger Chinese durchgedreht, es war zu Mord und Selbstmord gekommen. (Mühlenweg wurde Ende 1929 zur Heimführung des deutschen Stationsleiters nach China geschickt. Im Museum zeigen wir Sven Hedins handschriftlichen Brief, in dem er seine Version des Unglücks am Edsin-Gol zu Protokoll gibt.)

 Europäische Leere, projiziert in die Gobi

Eichs Hörspiel ist fast monologisch angelegt, gibt aber über Traum- und Alptraumsequenzen anderen Stimmen immer wieder Raum. Es spielt in einem Zelt am Edsin-Gol. Zwei Jahre schon harren dort die jungen Wissenschaftler Ludwig Krämer und Bernhard Godemann aus, um täglich Wetterbeobachtungen festzuhalten. Eich hat seinen Stoff durch das Tagesdatum aktualisiert: Alles spielt sich am 1./2. Oktober 1931 ab. Ludwig hat seinen Gefährten, der am 10 km entfernten Fluss Edsin-Gol Wasserstandsmessungen ausführen will, mit vergiftetem Trinkwasser losgeschickt und halluziniert allein und bei steigendem Alkoholspiegel, dass sein Mord glückt. Er wird als Universalerbe den Reichtum seines Gefährten erben und hofft, dass auch dessen ferne Geliebte Maria, auf deren Briefe sich Ludwig freut, ihm zufallen wird. Eine paar Stunden lang halluziniert er sich in ein Glück, das ihm seine soziale Herkunft und sein bisheriges Leben vorenthalten haben. Gegen das christlich-bürgerliche „Wer hat, dem wird gegeben“ setzt er den Protest „Hat ein Mensch das Recht, glücklicher zu sein als ein anderer?“

Er wird bald von den Stimmen der Rache und Angst verfolgt. Am andern Morgen kehrt aber überraschend der Totgewähnte zurück. (Trick aus der Literatenkiste: Das vergiftete Wasser war zufällig stehen geblieben.) Ludwig kann die Spur seines Anschlags verwischen und findet zurück aus seinem Wunschwahn, in ein glücklicheres Leben umsteigen zu können. Das Stück endet in der resignativen Selbstbescheidung („Keiner verliert sein Glück, weil ein anderer es will, und niemand wird glücklicher mit Gewalt.“)

Günter Eich wählte die Wüstenszenerie als Ort für den perfekten Mord, weit ab von aller Zivilisation und Beobachtung durch andere. In der leeren Landschaft und der betäubenden Stille können sich Wahnideen und Wünsche ungehindert entfalten.

Eich würzte sein Stück mit Passagen jenes surrealen Humors, der zum Kennzeichen späterer Hörspiele wurde. Das realistische Inventar, das er verwendet, bleibt erstaunlich. In einem Zelt der Hedin-Expedition hatte tatsächlich ein Grammophon gestanden, wie es im Hörspiel vorkommt. Die geographische Situierung des Edsin-Gol stimmt aufs Breiten- und Längengrad genau. Sogar die angegebene Temperatur der Wetterbeobachtung, 8,2 Grad, ist für Oktoberanfang realistisch; die wirkliche Expedition hat erst zu Beginn der zweiten Oktoberwoche ein Absinken der Temperaturen unter den Gefrierpunkt erlebt  – nachzulesen, freilich fürs Jahr 1927, bei Sven Hedin (Auf großer Fahrt, 1928, S. 180).

Mühlenweg hätte das Motiv der entsetzlichen Langeweile wie auch des Lebensverlusts an eine stur messende Wissenschaft in Ludwigs Monologen („Vier Jahre meines Lebens versäumte ich, um zu erfahren, wieviel Regen am Edsin-Gol-Fluss fällt“), nach den vielen Monaten Wetterbeobachtung in der Gobi leicht bestätigen können. Er hätte für sich sogar den Namen der weiblichen Phantasmagorie des Hörspiels vertauschen können: „Aber Maria, wo ist Maria? Wissenschaft: Wasserstand am Edsin-gol, und unterdessen geht Maria durch die Straßen, schlank und braunhäutig.“ (Eich, Ein Traum vom Edsingol, S. 12). Pierina oder Lotte hätte er sagen können, statt Marie. Im Oktober 1931, nicht dem fiktiven, den sich der Literat Eich als Zeitraum seiner Mordphantasie griff, im wirklichen Oktober 1931 richtete der Kamelführer Mühlenweg am herbstlichen Edsin-Gol das Winterlager seiner letzten Expedition ein.

“Und was heißt sogar Mongolei?”

Günter Eich hätte die Aufmerksamkeit für sein realistisches Dekor nur am Rand interessiert. Ihm war der Edsin-Gol ein exotisch klingender Vorwand für sein psychologisches Drama, die Wüste wurde ihm Metapher für die Leere einer verwirrenden Existenz, in ihr leben keine Mongolen, nur ausgesetzte Wissenschaftler gehen ihren abendländischen Mess-Obsessionen nach. Am Anfang des Monologs sagt sein potenzieller Mörder: „Und was heißt sogar Mongolei, was heißt Fluss und Himmel? Nicht wahr, das sind alles Dinge, die es nicht gibt, alles bloß Worte, damit wir uns im Leeren zurechtfinden?“ (Eich, S. 11)

 

 

(Mit speziellem Dank an Adrian Winkler vom WDR: ein Mühlenweg-Leser, der mich vor Jahren auf Eichs Hörspiel aufmerksam machte.)