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Museum im Bahnhof (III)

In einem Museum bleibt ein Hallraum zurück, den die Besucher nicht mitbekommen. Die Echos der ausgearbeiteten und wieder aufgegebenen Themen. Eines davon: Ich hätte gern im Foyer oder Treppenhaus von Mühlenwegs Verhältnis zum Bahnfahren erzählt.

Ein Foto, das die Familie Mühlenweg auf dem Heimweg von der Kommunionsfeier im April 1948 zeigt, im Hintergrund das Allensbacher Bahnhofsgebäude, in dem nun das Museum beheimatet ist. Man hätte folgenden Text dazu gelesen:

Fritz Mühlenweg lehnte Autos ab. Dass exakte Fahrpläne, wie er sie von Deutschland her kannte, nicht überall zu erwarten waren, lernte er in Asien.
Bahnfahren schätzte er als geselliges Reisen. Im Februar 1927 zum Beispiel von Berlin nach Moskau und mit der Transsibirischen bis Peking, 14 Tage lang und über 10.000 km weit.
Als Autor machte er später auch seine Lesereisen per Bahn, tausende Kilometer pro Jahr: vom Allensbacher Bahnhof aus.

Man hätte eines seiner besonders schönen, Balthus-nahen Originale dazu hängen können: Konstanzer Bahnhof aus einer surealen Perspektive von Kreuzlingen her (1948 gemalt, 65×80 Öl/Leinwand). Im selben Jahr 1948 schrieb er an seinem Roman, den er mit einer unfreiwilligen Zugfahrt in Peking beginnen lässt.

Männerphantasien, Fahrpläne

Als Nebenerzählung, die seine Genauigkeit zeigt, vielleicht auch das Überkontrollierte des in Buchhaltung erfahrenen Kaufmanns, zwei Beispiele von Fahrplanbriefen für geliebte Frauen.
Dazu als gedrucktes Zitat oder gestaltetes Faksimile:

„Ich habe mir schon ein Kursbuch gekauft und daraus gesehen, dass Du am besten mit dem Schnellzug fährst, der 9 Uhr 22 abends in Nürnberg eintrifft. Du müsstest allerdings, soviel ich sehe, früh aufstehen und bis Immendingen Bummelzug benützen:
Freiburg ab 4.41 (8.26?) Immendingen an: 8.59 (11.25)
Immendingen ab: 10.12 (11.27) Stuttgart an: 12.37 (15.04)
Stuttgart ab: 17.51 Nürnberg an: 21.22“

Fritz Mühlenweg aus Berlin an Pierina Zandonella in Freiburg i. Br., 6. Juni 1928. Mühlenweg, soeben von der Mongolei-Expedition zurück, schreibt an seine Jugendfreundin Pierina, die in Freiburg i. Br. studiert. Seit 18 Monaten hat sie ihn nicht mehr gesehen. Er will umgehend ein Treffen in Nürnberg. Pierina sagt ab, will nicht umsteigen; sie hat inzwischen den Mann ihres Lebens kennengelernt.

Ein zweites gedrucktes Zitat oder gestaltetes Faksimile:
„Ich werde also 5.39 am Bahnhof sein und höre, wenn dieser Zug nicht stimmen sollte, dann bin ich 12.53 eben zum zweitenmal dort und Du brauchst mir nicht zu telegrafieren.“ Fritz Mühlenweg, Brief aus Beaucaire an Elisabeth Kopriwa, die von Wien kommen wollte.
Mühlenweg fuhr der geliebten Studienfreundin per Bahn am 29. Juni 1933 vom südfranzösischen Beaucaire aus 300 km entgegen, um sie in Genf abzuholen. Der Zug kam pünktlich. Zwei Monate später heiratete das Paar in Beaucaire.

Ein bahnbegeisterter Grüner?

Wie gesagt, dieses wohl zu assoziative Mosaik blieb unausgeführt. Ich hätte gern diesen konservativen Grünen avant-la-lettre mit dem ziemlich einzigen Technikthema gezeigt, das er lebenslang verfolgte.
Das Motiv, dass Mühlenweg ein überzeugter Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel war, haben wir nun aber im Museum auf einer Wand im „Literatur“-Raum: Dort sind auf einer stilisierten Landkarte fast zwei Dutzend Städte und Städtchen markiert, zu denen er ab 1951 per Bahn und Bus auf seinen wochenlangen Lesereisen fuhr. Bei jedem Ort zwischen Freiburg, Hamburg, München, Graz und Bern kann ein längeres Briefzitat gelesen werden. An seine Frau Elisabeth von unterwegs geschrieben, im Zug, im Gasthaus, zwischen zwei Vorträgen.  Ein ziemlich gehetzter Autor, dem der Verlag während der Reise noch neue Auftrittstermine nachschickte. Sozialgeschichtliche Streiflichter auf die Buchszene der frühen Fünfzigerjahre.
PS.
Pierina Zandonella, die seinen Fahrplan verwarf, hat es heimlich dennoch ins Museum geschafft. Auf einem Foto vor einer Berghütte, vielleicht im Jahr 1925. Wir zeigen dort den jungen Drogisten als Outdoor-Typ, im Achter rudernd, mit Skier im Gletschergebiet der Bernina mit Blick auf die Crast‘ Agüzza und kühn kletternd in den Felsen bei Baoutou (China). Ohne diese Vorgeschichte seiner Körperlichkeit hätte er die Strapazen der Gobi schwerlich durchgestanden.

M wie Museum (I.)

Nächste Woche wird es eröffnet. Was ein Museum alles sein kann, weiß ich immer noch nicht. Ein Ort, an dem dieser merkwürdige Könner nun für geraume Zeit nicht mehr verlorengehen kann? Immerhin ist ihm das einmal fast schon passiert: 1991, als ich den ersten Text von ihm aus einem antiquarischen Buch las, gab es im deutschen Buchhandel nur einen, dazu noch gekürzten Roman von Mühlenweg, bei dtv-junior.

Ist das Museum eine stabile Durchgangsstation auf dem Weg zu einer künftig noch viel größeren Bekanntheit? Nicht ausgeschlossen.
Denn es hat eine Drift begonnen, die seine Bücher in die Länder bringt, deren ganz andere Kultur er uns vermitteln wollte. 2011 gab es die mongolische Ausgabe seines Kinderbuchs „Der Familienausflug“, übersetzt von Khulan Khatanbaatar. Und nicht ausgeschlossen, dass im nächsten Jahr die chinesische Ausgabe von „Nuni“ erscheint.

Mit dem Ablauf der Schutzfrist 2031 (nur noch schmale 19 Jahre, nach bisherigem Urheberrecht) wird auch jener ungute Filmvertrag seine Sperrkraft verlieren, der seit 1989 die Verfilmung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ immer weiter verschiebt und so blockiert. Wir hatten in den letzten drei Jahren Anfragen von englischen Filmemachern, auch von einem Hollywood-Profi. Sie hatten die englischsprachige Übersetzung von Isabel and Florence McHugh („Big Tiger and Christian“) gelesen, und den großen Stoff darin gespürt. Es wird – „in der Eile sind Fehler“ – irgendwann eine Verfilmung geben; auch bei Tolkien hat es Jahrzehnte gebraucht.

Literarische Gedenkstätte?

Ist ein Museum eine Kuriositätensammlung? Gewiss auch, wenn man‘s so versteht: dass das Entdecken schöner Einzelheiten eine Neugier entfacht, die dann aufs schriftstellerische Werk aus ist.
Kurios, ja. Von welchem Schriftsteller sonst kann ein Paar uralte Skier ausgestellt werden? Die er, geschultert, auf den Säntis getragen hat, Silvester beim Wetterwart und dann einmal hinab ins Tal… Bretter, die damals noch “Schneeschuhe“ genant wurden und die er auf die Transsibirische mitnahm bei der ersten Reise nach Peking. Mit ihnen lief er im März 1927 dort auf der frisch beschneiten Großen Mauer. Körpergeschichte. Selbstvertrauen in die eigene Kraft und Geschicklichkeit. Witz.

Merkwürdig auch: der Holzkasten mit den 50 großformatigen Glasdias für seine Vortragsreisen – eine Leihgabe des Felder-Archivs in Bregenz. Mühlenweg schleppte ab 1951 zwei solcher Kästen, dazu den Projektor und die Leibwäsche für zwei Wochen mit sich, auf seinen Lesereisen per Bahn. Nach Hamburg, Saarbrücken, Bern, Graz; auch nach Thalmässing, weil ihm von dort jeder Schüler einer Hauptschulklasse einen Brief geschrieben hatte… Seine Erzählungen über die Mongolei zu 100 Schwarz-Weiß-Dias. Er reiste in den letzten Jahren vor dem Fernsehen. Ab 1954 merkte er eine gelinde Enttäuschung bei den Zuhörern: Sie erwarteten bewegte Bilder oder wenigstens farbige.

Max Frisch, keckernd

Kurios auch das Widmungsexemplar von Max Frisch in einer Schubladenvitrine: Frisch schickte ihm den „Stiller“ in der Woche nach einer Begegnung in Braunschweig, wo beiden ein Literaturpreis überreicht worden war. Dazu ein Foto, das gewiss nirgends abgedruckt wurde: auf dem beide ganz unfeierlich feixend lachen. Sehr unpassend in kulturfeierlichem Ambiente der Adenauerzeit.
Dieses Museum gilt ja unter anderem einem sanften Humoristen. Der das Leben ernst zu nehmen gelernt hatte, aber nicht die Welt. Der sich als Leser über die Zähfädigkeit von Selma Lagerlöfs berühmtesten Roman ärgerte, lieber den „Don Quijote“ dreimal las und als Fünfzigjähriger ganz begeistert war von einem Stück Weltliteratur mit dem Titel „Puh der Bär“.

Die Mongolisch-Kladde

Mein Lieblingsding in diesem Museum? In dem von Freddy Overlack – meisterlicher Schreiner in Radolfzell – wunderschön gestalteten schrägen Schaustück im „Asienraum“, direkt neben den Projektionen des Originalfilms aus der Gobi-Expedition, sieht man beleuchtet: Die abgegriffene Kladde, in der sich Mühlenweg die ersten mongolischen Wörter nach Gehör aufschrieb, die er beim Aufsatteln oder an Lagerfeuer bei den Kamelmännern erfragte. Und darunter in eigenem Durchsichtgefäß: ein metallner Steigbügel, seltsames schweres messingschimmerndes, klobiges Ding. Daneben ist die Geschichte zu lesen, in das dieses Ding verstrickt ist:

Sein mongolischer Freund Märin breitete, nach der gut einjährigen gemeinsamen Expeditionszeit auf Hochebene der Gobi und am Edsin-Gol, am allerletzten Tag vor Mühlenweg seine kleine Habe aus und ließ ihn ein Abschiedsgeschenk auswählen. Mühlenweg wusste, dass er in Europa keine Steigbügel mehr brauchte. Aber er wählte das wertvolle Geschenk, weil er so dem Freund seine eigene Wertschätzung zeigen konnte. Dieses schimmernde solitäre Ding nun im Museum, 80 Jahre nach einem Abschied für immer.
Kann ein Museum ein Ort sein, an dem auch Emotionen überliefert werden? Erinnerungen an den gegenseitigen Respekt, in dem sich Menschen unterschiedlicher Kulturen finden können –?

Ein Traum am Edsin-Gol

 

Günter Eich und Fritz Mühlenweg. Eine Konstellation.

 

Für Günter Eich war im Frühjahr 1950 „Der Traum am Edsin-Gol“ eine leichte Art, in die Hörspiel-Produktion der westdeutschen Sender einzusteigen. Der Süddeutsche Rundfunk suchte Stoffe für eine Sendereihe früher deutscher Hörspiele. Sie sollte das Repertoire an szenischen Mitteln hörbar machen, das nach der flüchtigen Radio-Ausstrahlung (und anders nach dem Traditionsbruch der Hitlerzeit) in Vergessenheit geraten war. Eich hatte ein Hörspiel, das seit fast 20 Jahren fertig war. Das Manuskript war freilich verloren, verbrannt mit anderem im Feuer nach einem Bombardement. Aber es lag gedruckt vor, in einem Heft, das er sich ausleihen konnte für eine Abschrift.

„Ein Traum am Edsin-Gol“ war nicht das erste Hörspiel, das der 1907 geborene Günter Eich geschrieben hatte, aber das erste, das er einst als junger Literat gedruckt sah: 1932, im letzten Heft der kurzlebigen Literaturzeitschrift „Die Kolonne“. Sein erster Gedichtband war damals schon erschienen, von Gedichten konnte keiner leben, aber der Lyriker traute sich zu, mit Hörspiel-Arbeiten für die neuen Radiosender eine Existenz als freier Autor zu versuchen. Ein literarischer Freundeskreis in Dresden heizte eine wechselweise Produktivität an,

Im Januar 1933 sollte „Ein Traum am Edsin-Gol“ gesendet werden. Aber in jenem Monat – Hitler wurde Reichskanzler – veränderten sich manche Radioprogramme. Eich ahnte noch nicht, in welche Selbstentfremdung er sich in den Jahren danach bringen würde; gegen gutes Honorar hat er bis in den Krieg hinein für den nationalsozialistisch kontrollierten Rundfunk zahlreiche Hörtexte geschrieben, die von Blut-und-Boden-Mythos bis zu anti-englischen Kampagnen vieles mitmachten.

Hörspiel mit vagen Echos 

„Ein Traum am Edsin-Gol“: Ein Hörspiel-Sujet, das im chinesischen Großraum spielt, ist beim jungen Eich nicht verwunderlich. Er hatte ab 1925 Sinologie studiert, erst in Berlin, 1928/29 auch ein Jahr lang in Paris. Im Wintersemester 1926/27 hatte er in Leipzig bei dem mongolistisch spezialisierten Sinologen Erich Haenisch gehört. Er wird damals nicht erfahren haben, dass in eben jenen Monaten die deutschen Teilnehmer der Hedin-Expedition, darunter Fritz Mühlenweg, in streng diplomatischer Geheimhaltung von Berlin aus nach Ostasien fuhren.

Möglich ist, dass Günter Eich Ende der 20er-Jahre Sven Hedins Expeditionsbericht „Auf großer Fahrt“ kennen lernte; darin sind die Grundlagen wissenschaftlicher Wetterbeobachtung und das Lager am Edsin-Gol  ausführlich geschildert. Er kann auch den Expeditionsfilm gesehen haben, der ab Mai 1929 im Berliner Ufa-Palast lief, ein Stummfilm, zu dessen Begleitung noch ein richtiges Orchester spielte (Mühlenweg lässt sich in einer Action-Szene für den Regisseur aus einem Boot in den Edsin-Gol fallen). Vielleicht ist Eich aber auch dem Desaster am Edsin-Gol als sensationeller Medienstoff begegnet. „Mord und Totschlag in der Wüste Gobi“: was Eich in seinem Hörspiel einen Zeitungsverkäufer ausrufen lässt, kann er sehr wohl in Berliner Zeitungen gelesen haben.

Denn in jener Wetterstation am Edsin-Gol, die von der Hedin-Expedition eingerichtet worden war, hatte nach zwei Jahren in der Wüste ein junger Chinese durchgedreht, es war zu Mord und Selbstmord gekommen. (Mühlenweg wurde Ende 1929 zur Heimführung des deutschen Stationsleiters nach China geschickt. Im Museum zeigen wir Sven Hedins handschriftlichen Brief, in dem er seine Version des Unglücks am Edsin-Gol zu Protokoll gibt.)

 Europäische Leere, projiziert in die Gobi

Eichs Hörspiel ist fast monologisch angelegt, gibt aber über Traum- und Alptraumsequenzen anderen Stimmen immer wieder Raum. Es spielt in einem Zelt am Edsin-Gol. Zwei Jahre schon harren dort die jungen Wissenschaftler Ludwig Krämer und Bernhard Godemann aus, um täglich Wetterbeobachtungen festzuhalten. Eich hat seinen Stoff durch das Tagesdatum aktualisiert: Alles spielt sich am 1./2. Oktober 1931 ab. Ludwig hat seinen Gefährten, der am 10 km entfernten Fluss Edsin-Gol Wasserstandsmessungen ausführen will, mit vergiftetem Trinkwasser losgeschickt und halluziniert allein und bei steigendem Alkoholspiegel, dass sein Mord glückt. Er wird als Universalerbe den Reichtum seines Gefährten erben und hofft, dass auch dessen ferne Geliebte Maria, auf deren Briefe sich Ludwig freut, ihm zufallen wird. Eine paar Stunden lang halluziniert er sich in ein Glück, das ihm seine soziale Herkunft und sein bisheriges Leben vorenthalten haben. Gegen das christlich-bürgerliche „Wer hat, dem wird gegeben“ setzt er den Protest „Hat ein Mensch das Recht, glücklicher zu sein als ein anderer?“

Er wird bald von den Stimmen der Rache und Angst verfolgt. Am andern Morgen kehrt aber überraschend der Totgewähnte zurück. (Trick aus der Literatenkiste: Das vergiftete Wasser war zufällig stehen geblieben.) Ludwig kann die Spur seines Anschlags verwischen und findet zurück aus seinem Wunschwahn, in ein glücklicheres Leben umsteigen zu können. Das Stück endet in der resignativen Selbstbescheidung („Keiner verliert sein Glück, weil ein anderer es will, und niemand wird glücklicher mit Gewalt.“)

Günter Eich wählte die Wüstenszenerie als Ort für den perfekten Mord, weit ab von aller Zivilisation und Beobachtung durch andere. In der leeren Landschaft und der betäubenden Stille können sich Wahnideen und Wünsche ungehindert entfalten.

Eich würzte sein Stück mit Passagen jenes surrealen Humors, der zum Kennzeichen späterer Hörspiele wurde. Das realistische Inventar, das er verwendet, bleibt erstaunlich. In einem Zelt der Hedin-Expedition hatte tatsächlich ein Grammophon gestanden, wie es im Hörspiel vorkommt. Die geographische Situierung des Edsin-Gol stimmt aufs Breiten- und Längengrad genau. Sogar die angegebene Temperatur der Wetterbeobachtung, 8,2 Grad, ist für Oktoberanfang realistisch; die wirkliche Expedition hat erst zu Beginn der zweiten Oktoberwoche ein Absinken der Temperaturen unter den Gefrierpunkt erlebt  – nachzulesen, freilich fürs Jahr 1927, bei Sven Hedin (Auf großer Fahrt, 1928, S. 180).

Mühlenweg hätte das Motiv der entsetzlichen Langeweile wie auch des Lebensverlusts an eine stur messende Wissenschaft in Ludwigs Monologen („Vier Jahre meines Lebens versäumte ich, um zu erfahren, wieviel Regen am Edsin-Gol-Fluss fällt“), nach den vielen Monaten Wetterbeobachtung in der Gobi leicht bestätigen können. Er hätte für sich sogar den Namen der weiblichen Phantasmagorie des Hörspiels vertauschen können: „Aber Maria, wo ist Maria? Wissenschaft: Wasserstand am Edsin-gol, und unterdessen geht Maria durch die Straßen, schlank und braunhäutig.“ (Eich, Ein Traum vom Edsingol, S. 12). Pierina oder Lotte hätte er sagen können, statt Marie. Im Oktober 1931, nicht dem fiktiven, den sich der Literat Eich als Zeitraum seiner Mordphantasie griff, im wirklichen Oktober 1931 richtete der Kamelführer Mühlenweg am herbstlichen Edsin-Gol das Winterlager seiner letzten Expedition ein.

“Und was heißt sogar Mongolei?”

Günter Eich hätte die Aufmerksamkeit für sein realistisches Dekor nur am Rand interessiert. Ihm war der Edsin-Gol ein exotisch klingender Vorwand für sein psychologisches Drama, die Wüste wurde ihm Metapher für die Leere einer verwirrenden Existenz, in ihr leben keine Mongolen, nur ausgesetzte Wissenschaftler gehen ihren abendländischen Mess-Obsessionen nach. Am Anfang des Monologs sagt sein potenzieller Mörder: „Und was heißt sogar Mongolei, was heißt Fluss und Himmel? Nicht wahr, das sind alles Dinge, die es nicht gibt, alles bloß Worte, damit wir uns im Leeren zurechtfinden?“ (Eich, S. 11)

 

 

(Mit speziellem Dank an Adrian Winkler vom WDR: ein Mühlenweg-Leser, der mich vor Jahren auf Eichs Hörspiel aufmerksam machte.)

 

Am Rand der Wüste

 

Felder-Archiv, Bregenz

Fritz Mühlenweg 1932 (Felder-Archiv, Bregenz)

Das Konterfei des Wüstenfahrers: Es ist im Frühjahr 1932 entstanden, vielleicht in Peking, vielleicht in Tientsin. Der 33-jährige Fritz Mühlenweg hat seinen letzten Job als Karawanenführer hinter sich, fünfzehn Monate in der Gobi, zuständig für mongolische Kamelmänner, chinesische Köche, medizinische Versorgung, ein paar Dutzend Kamele und Gerätschaften.

Männergesellschaft, aus der er seine Einsamkeiten suchte. An einem Oktobermorgen 1931 fand er die solitäre Stille, früh morgens auf dem Berg Yaga allein zeichnend: das beglückende Erlebnis, wie ihm die Gestaltung der Landschaftsformation mit ihren Schwingungen gelingt, Stift auf Papier, ein Erweis des eigenen Blicks und das Geschick der Hände. Schon vier Jahre vorher, bei der ersten Expedition hatte er Mal-Utensilien dabei. Schöne, handwerklich strenge Bilder sind damals entstanden: der Innenhof in Paotou, in dem er Nachtwache absolvierte über die Expeditionsgüter. Ein chinesisches Tempelchen (feiner, exotischer Nippes). Diesmal war es anders. Unweit vom Edsin-Gol, wo er für Monate im Winterlager dann lebte, stimmte seine Innenwelt mit der Fertigkeit der Hand überein.

Aber der Wüstenfahrer:  Nun ist er aus der Expedition befreit, sie war zuletzt vor allem langweilig geworden. Und er geht in ein Fotoatelier. Was er im Moment des Blitzes gedacht hat? Eine leuchtende Selbstsicherheit lässt sich aus seinem Blick lesen. Man kann das Foto aber auch mit seinem entwickelten Sinn als Ulk anschauen. Es gibt von ihm – seit seiner Kindheit – einige Aufnahmen, auf denen er Faxen macht. Er hat sich den Scherz erlaubt, an jenem Tag in China noch ein zweites Foto machen zu lassen, nach dem Gang zum Friseur: derselbe Anzug mit Krawatte, das wettergegerbte Gesicht, aber schon mit kurzem Haarschnitt, die freigelegten Halspartien mit hellen Flecken. Der Mann hatte Humor genug, dem Rudel seiner Iche ins Auge zu sehen.

Das Foto vom Wüstenmann, vom Halbwilden. Die Gesichtsfarbe kommt nicht aus den Sommermonaten in der Kieswüste: an Wintertagen musste er am Edsin-Gol fünf Mal am Tag, auch bei weniger als Minuszwanzig Grad, auf dem Holzturm der meteorologischen Station, Messgeräte ablesen und Listen führen („eine ekelhaft stumpfsinnige Arbeit“, schreibt er in einem Brief).

Denn die Expedition diente einem wissenschaftlichen Zweck, der Chef war ein deutscher Meteorologe, der für das übergreifende Projekt, die seit 1927 laufende Zentralasiatische Expedition von Sven Hedin, die Wetterbeobachtungen übernommen hatte. Mühlenweg war schon am Anfang mit dabei gewesen, als Angestellter der neu gegründeten deutschen „Luft Hansa“. Für sie sollte der Kaufmann aus Konstanz die Ausgaben überwachen und die Buchhaltung führen, denn die Reichsregierung sponserte die Expedition mit viel Geld.

Es ging nicht nur um die Erforschung des Klimas in den Wüsten, die von Berlin aus überflogen werden sollten, nach Peking. Vom Berliner Außenamt war diskret ein halbes Dutzend deutscher Militärs in die Expedition infiltriert worden. Das Flugwesen hatte sich schließlich durch die technischen Erfahrungen der Militärflieger im Weltkrieg rasant entwickelt. Deren Augen sahen mehr.

Sein Chef freilich war kein Militär; er hat, ohne Mühlenwegs Namen zu nennen, über die Messarbeiten – beschönigend, wie es der Brauch war – später einen Aufsatz geschrieben. (Waldemar Haude: Reisen und Arbeiten der meteorologischen Sondergruppe 1931732; in: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 1934)

Ein inszeniertes Foto, Mühlenweg dokumentiert den Moment, in dem der Wüstenfahrer bereits in den städtischen Anzug geschlüpft ist. Abends mag er in Peking zu einer Fete gegangen sein. In seinem Adressbuch standen noch Namen von Frauen, mit denen er vor Beginn der Expedition beim Fasching im diplomatischen Viertel getanzt hatte.

Eigentlich wäre er gern noch ein-zwei Jahre in Nordchina geblieben. In der Mongolei war ihm in einer magischen Stunde möglich erschienen, dass ihm ein Leben als Künstler gelingen könnte. Vom ersparten Lohn der Expeditionsarbeit ließ sich ein sparsames Leben auf dem Land finanzieren. Malen im fremden Land. Eine ganz andere biographische Weichenstellung scheint hier auf…

Gerüchte über politische Veränderungen waren nur selten in die Gobi gedrungen, am ehesten von Durchreisenden in den Wüstenoasen. Aber nun erfuhr er, dass die Japaner die Mandschurei besetzt hatten. Das Leben in China wurde zu gefährlich. (Der große Zusammenhang blieb vorerst unsichtbar: Japanische Militärs hatten ihren imperialistischen Raubzug begonnen, sie nutzten den Bürgerkrieg zwischen den Kuomintang-Truppen des Mehrheitsführers Chiang Kai-shek und der erstarkenden Revolutionsbewegung um den Nationalkommunisten Mao Zedong und griffen sich Teile von China. Die Japaner zündeten eine Lunte, die den  Zweiten Weltkrieg von Ostasien her schon anfeuerte.)

 

Vom Bodensee in die Mongolei (und zurück)

Wir hätten vor 13 Jahren starten sollen, zum 100. Geburtstag von Fritz Mühlenweg. Aber wer konnte damals das Wort BLOG schon buchstabieren?

Auch 2000 wäre ein Jubiläum gewesen: Da war sein großer Roman (“In geheimer Mission durch die Wüste Gobi”) gerade ein halbes Jahrhundert auf dem Weg zu immer neuen Lesern. (Jaja, Leserinnen sind immer mitgemeint. Die sehr junge Ulrike Ottinger gehörte einst dazu; ihre Mongolei-Filme kamen später…)

2011 kann an den 50. Todestag von Fritz Mühlenweg erinnert werden. Auch richtet ihm die Gemeinde Allensbach im Bahnhof – Blick über die Gleise auf den Bodensee – ein Museum ein. Es wird ab 2012 eine der literarischen Gedenkstätten des Landes Baden-Württemberg. Mühlenwegs Name kommt so in eine neue Topographie, von Marbach aus konzipiert: zwischen den Museen für Hebel, Hesse, Wieland und Ernst Jünger…