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Ein Traum am Edsin-Gol

 

Günter Eich und Fritz Mühlenweg. Eine Konstellation.

 

Für Günter Eich war im Frühjahr 1950 „Der Traum am Edsin-Gol“ eine leichte Art, in die Hörspiel-Produktion der westdeutschen Sender einzusteigen. Der Süddeutsche Rundfunk suchte Stoffe für eine Sendereihe früher deutscher Hörspiele. Sie sollte das Repertoire an szenischen Mitteln hörbar machen, das nach der flüchtigen Radio-Ausstrahlung (und anders nach dem Traditionsbruch der Hitlerzeit) in Vergessenheit geraten war. Eich hatte ein Hörspiel, das seit fast 20 Jahren fertig war. Das Manuskript war freilich verloren, verbrannt mit anderem im Feuer nach einem Bombardement. Aber es lag gedruckt vor, in einem Heft, das er sich ausleihen konnte für eine Abschrift.

„Ein Traum am Edsin-Gol“ war nicht das erste Hörspiel, das der 1907 geborene Günter Eich geschrieben hatte, aber das erste, das er einst als junger Literat gedruckt sah: 1932, im letzten Heft der kurzlebigen Literaturzeitschrift „Die Kolonne“. Sein erster Gedichtband war damals schon erschienen, von Gedichten konnte keiner leben, aber der Lyriker traute sich zu, mit Hörspiel-Arbeiten für die neuen Radiosender eine Existenz als freier Autor zu versuchen. Ein literarischer Freundeskreis in Dresden heizte eine wechselweise Produktivität an,

Im Januar 1933 sollte „Ein Traum am Edsin-Gol“ gesendet werden. Aber in jenem Monat – Hitler wurde Reichskanzler – veränderten sich manche Radioprogramme. Eich ahnte noch nicht, in welche Selbstentfremdung er sich in den Jahren danach bringen würde; gegen gutes Honorar hat er bis in den Krieg hinein für den nationalsozialistisch kontrollierten Rundfunk zahlreiche Hörtexte geschrieben, die von Blut-und-Boden-Mythos bis zu anti-englischen Kampagnen vieles mitmachten.

Hörspiel mit vagen Echos 

„Ein Traum am Edsin-Gol“: Ein Hörspiel-Sujet, das im chinesischen Großraum spielt, ist beim jungen Eich nicht verwunderlich. Er hatte ab 1925 Sinologie studiert, erst in Berlin, 1928/29 auch ein Jahr lang in Paris. Im Wintersemester 1926/27 hatte er in Leipzig bei dem mongolistisch spezialisierten Sinologen Erich Haenisch gehört. Er wird damals nicht erfahren haben, dass in eben jenen Monaten die deutschen Teilnehmer der Hedin-Expedition, darunter Fritz Mühlenweg, in streng diplomatischer Geheimhaltung von Berlin aus nach Ostasien fuhren.

Möglich ist, dass Günter Eich Ende der 20er-Jahre Sven Hedins Expeditionsbericht „Auf großer Fahrt“ kennen lernte; darin sind die Grundlagen wissenschaftlicher Wetterbeobachtung und das Lager am Edsin-Gol  ausführlich geschildert. Er kann auch den Expeditionsfilm gesehen haben, der ab Mai 1929 im Berliner Ufa-Palast lief, ein Stummfilm, zu dessen Begleitung noch ein richtiges Orchester spielte (Mühlenweg lässt sich in einer Action-Szene für den Regisseur aus einem Boot in den Edsin-Gol fallen). Vielleicht ist Eich aber auch dem Desaster am Edsin-Gol als sensationeller Medienstoff begegnet. „Mord und Totschlag in der Wüste Gobi“: was Eich in seinem Hörspiel einen Zeitungsverkäufer ausrufen lässt, kann er sehr wohl in Berliner Zeitungen gelesen haben.

Denn in jener Wetterstation am Edsin-Gol, die von der Hedin-Expedition eingerichtet worden war, hatte nach zwei Jahren in der Wüste ein junger Chinese durchgedreht, es war zu Mord und Selbstmord gekommen. (Mühlenweg wurde Ende 1929 zur Heimführung des deutschen Stationsleiters nach China geschickt. Im Museum zeigen wir Sven Hedins handschriftlichen Brief, in dem er seine Version des Unglücks am Edsin-Gol zu Protokoll gibt.)

 Europäische Leere, projiziert in die Gobi

Eichs Hörspiel ist fast monologisch angelegt, gibt aber über Traum- und Alptraumsequenzen anderen Stimmen immer wieder Raum. Es spielt in einem Zelt am Edsin-Gol. Zwei Jahre schon harren dort die jungen Wissenschaftler Ludwig Krämer und Bernhard Godemann aus, um täglich Wetterbeobachtungen festzuhalten. Eich hat seinen Stoff durch das Tagesdatum aktualisiert: Alles spielt sich am 1./2. Oktober 1931 ab. Ludwig hat seinen Gefährten, der am 10 km entfernten Fluss Edsin-Gol Wasserstandsmessungen ausführen will, mit vergiftetem Trinkwasser losgeschickt und halluziniert allein und bei steigendem Alkoholspiegel, dass sein Mord glückt. Er wird als Universalerbe den Reichtum seines Gefährten erben und hofft, dass auch dessen ferne Geliebte Maria, auf deren Briefe sich Ludwig freut, ihm zufallen wird. Eine paar Stunden lang halluziniert er sich in ein Glück, das ihm seine soziale Herkunft und sein bisheriges Leben vorenthalten haben. Gegen das christlich-bürgerliche „Wer hat, dem wird gegeben“ setzt er den Protest „Hat ein Mensch das Recht, glücklicher zu sein als ein anderer?“

Er wird bald von den Stimmen der Rache und Angst verfolgt. Am andern Morgen kehrt aber überraschend der Totgewähnte zurück. (Trick aus der Literatenkiste: Das vergiftete Wasser war zufällig stehen geblieben.) Ludwig kann die Spur seines Anschlags verwischen und findet zurück aus seinem Wunschwahn, in ein glücklicheres Leben umsteigen zu können. Das Stück endet in der resignativen Selbstbescheidung („Keiner verliert sein Glück, weil ein anderer es will, und niemand wird glücklicher mit Gewalt.“)

Günter Eich wählte die Wüstenszenerie als Ort für den perfekten Mord, weit ab von aller Zivilisation und Beobachtung durch andere. In der leeren Landschaft und der betäubenden Stille können sich Wahnideen und Wünsche ungehindert entfalten.

Eich würzte sein Stück mit Passagen jenes surrealen Humors, der zum Kennzeichen späterer Hörspiele wurde. Das realistische Inventar, das er verwendet, bleibt erstaunlich. In einem Zelt der Hedin-Expedition hatte tatsächlich ein Grammophon gestanden, wie es im Hörspiel vorkommt. Die geographische Situierung des Edsin-Gol stimmt aufs Breiten- und Längengrad genau. Sogar die angegebene Temperatur der Wetterbeobachtung, 8,2 Grad, ist für Oktoberanfang realistisch; die wirkliche Expedition hat erst zu Beginn der zweiten Oktoberwoche ein Absinken der Temperaturen unter den Gefrierpunkt erlebt  – nachzulesen, freilich fürs Jahr 1927, bei Sven Hedin (Auf großer Fahrt, 1928, S. 180).

Mühlenweg hätte das Motiv der entsetzlichen Langeweile wie auch des Lebensverlusts an eine stur messende Wissenschaft in Ludwigs Monologen („Vier Jahre meines Lebens versäumte ich, um zu erfahren, wieviel Regen am Edsin-Gol-Fluss fällt“), nach den vielen Monaten Wetterbeobachtung in der Gobi leicht bestätigen können. Er hätte für sich sogar den Namen der weiblichen Phantasmagorie des Hörspiels vertauschen können: „Aber Maria, wo ist Maria? Wissenschaft: Wasserstand am Edsin-gol, und unterdessen geht Maria durch die Straßen, schlank und braunhäutig.“ (Eich, Ein Traum vom Edsingol, S. 12). Pierina oder Lotte hätte er sagen können, statt Marie. Im Oktober 1931, nicht dem fiktiven, den sich der Literat Eich als Zeitraum seiner Mordphantasie griff, im wirklichen Oktober 1931 richtete der Kamelführer Mühlenweg am herbstlichen Edsin-Gol das Winterlager seiner letzten Expedition ein.

“Und was heißt sogar Mongolei?”

Günter Eich hätte die Aufmerksamkeit für sein realistisches Dekor nur am Rand interessiert. Ihm war der Edsin-Gol ein exotisch klingender Vorwand für sein psychologisches Drama, die Wüste wurde ihm Metapher für die Leere einer verwirrenden Existenz, in ihr leben keine Mongolen, nur ausgesetzte Wissenschaftler gehen ihren abendländischen Mess-Obsessionen nach. Am Anfang des Monologs sagt sein potenzieller Mörder: „Und was heißt sogar Mongolei, was heißt Fluss und Himmel? Nicht wahr, das sind alles Dinge, die es nicht gibt, alles bloß Worte, damit wir uns im Leeren zurechtfinden?“ (Eich, S. 11)

 

 

(Mit speziellem Dank an Adrian Winkler vom WDR: ein Mühlenweg-Leser, der mich vor Jahren auf Eichs Hörspiel aufmerksam machte.)