Tag Archives: Haus in Allensbach

Museum (II)

Ein Museum: das sind aufgefächerte Einzelheiten, auch einer Epoche. Ein Zusammenhang soll geliefert werden, die Vogelperspektive der Nachgeborenen, mit Konstrukten auf dem jeweiligen Stand der Wissenschaft womöglich.
Die Einzelheiten, Exponate genannt, sind aber bestenfalls Steine in einem Fluss, dessen Wasser schon weiter sind und ein gegenüberliegendes Ufer nicht zu ahnen. Stoff für Tagträume der Betrachter.
Was bei den Besuchern dann Aufmerksamkeit erregt, ist unwägbar. Zuweilen hallt ein schönes Etwas nach, das mit dem Thema der Ausstellung soviel zu tun hat, wie Hühnerkacke mit einem differenziert gebratenen Spiegelei. Vom Besuch des anmutig gestalteten J. P. Hebel-Museum in Hausen bleibt mir seit Jahren: ein mit Gazegespinst verhängter alter Webstuhl in einem Nebenraum, den ich zuerst übersehen hatte. Hebels Vater sei Weber gewesen, war in einer sozialgeschichtlichen Erläuterung zu lesen. Aber dieser Vater starb schon im ersten Lebensjahr des kleinen Johann Peter…

Das enge Haus, in dem ein mongolisches Road-Movie entstand

Manchmal hängt es von Tagesaktualitäten ab, was Menschen im Schauraum in Erregung versetzt. Das war dieser Tage beim Pressegespräch zu sehen, das in den neuen Räumen im Allensbacher Bahnhof stattfand.

Es gibt dort den Raum, den wir „Allensbach“ nennen: Mühlenwegs Lebensumstände der Jahre nach 1935 werden dort angetuscht. Also jene Kontinuitätsleistung, die ihm nach dem Ausstieg aus dem gesicherten Kaufmannsleben, seinen Brüchen, Fluchtphantasien, Auswanderungsplänen ab 1935 gelang: als freischaffender Künstler, der sich zusammen mit seiner Frau Elisabeth die Absatzmöglichkeiten für Bilder, dann auch Texte erst finden musste, als Vater einer auf sieben Kindern anwachsenden Familie; in einem Haus, das von endlosen Besuchertrupps bevölkert wurde.
Wir zeigen den Architekturplan an der Wand, mit Briefzitaten über das ständige Zurechtkommen mit dem engen Wohnraum. Wenn sich die Dix-Familie zu fünft zum Übernachten ansagte, war das eine Freude für alle, und wer in der Waschküche schlafen musste, wurde auch noch geregelt. (Die Besuche der österreichischen Verwandtschaft dauerten länger. Als der beste Freund aus Expeditionstagen kam, Franz Josef Walz, kurz vor seiner Beförderung zum Generalleutnant der Hitler-Armee, blieb er eine ganze Woche: Ein humorvoller Bayer, im Ersten Weltkrieg als Kampfflieger u. a. mit dem „Pour le Mérite“ ausgezeichnet; mit Mühlenweg war in den Felsen bei Baoutou herumgeklettert und beide hatten für den Kameramann Lieberenz Skiabfahrt auf Sanddünen der Gobi gespielt. Walz, den die Mühlenwegkinder liebten.)

An der Wand: ein Original

In diesem Allensbach-Zimmer ist eines der schönsten Originale von Fritz Mühlenweg zu sehen; Öl/Leinwand, 60 x 74 cm. Das Pyramus-und-Thisbe-Motiv, ein Mann und eine Frau, unsichtbar für einander, getrennt durch eine Mauer in einer surrealistischen Landschaft. Er hat es 1955 gemalt, in dem Jahr, als er mit dem Gerstäcker-Preis einen seiner größten öffentlichen Erfolge hatte.
Aber jenes Jahr 1955 hatte mit der schrecklichsten Nachricht begonnen, im Januar war Nelly Dix gestorben, erst 31-jährig. Sie war ihm und seiner Frau die nächste und inspirierendste Freundin gewesen; Fritz und Nelly hielten jeweils als Außenminister die Kommunikation zwischen den Familien aufrecht, wenn wechselseitige Besuche zwischen Hemmenhofen und Allensbach nicht möglich waren. Von den ca. 120 überlieferten Briefen sind 40 vom „Ziehvater“ an die „Ziehtochter“ geschrieben, vom Fünfzigjährigen an die Fünfundzwanzigjährige, viele in einem humorvollen Ton, der gemeinsame Sprachspiele aufnahm. Mit dem Motiv um Pyramus und Thisbe – für Mühlenweg waren Stoffe der klassischen Antike eher exotisch –, hatte sich Nelly Dix in kunsthandwerklichen Arbeiten beschäftigt.

Medienhype

Beim Pressegspräch also war mir, als ob das große Original kaum beachtet wurde. Aufsehen erregte hingegen die viel kleinere Reproduktion eines „Allensbach“-Bilds von Otto Dix an der Wand daneben, in einem Kontext der Freundschaft zwischen beiden Maler.

Idyllischer Untersee mit Zwiebelkirchenturm, der im malerischen Dorf bleibt. Dix hat es 1938 gemalt, auf einem der Malerausflüge mit Mühlenweg am Untersee. Neben dieses Farbbild haben wir einen Dix-Brief montiert, im selben Jahr 38 geschrieben an den Freund in Allensbach. Dix schrieb vermutlich aus Dresden, wo er monateweise lebte. Mit deutlichen Worten über das „Münchner Geschmierz“, womit er wohl auf die Ausstellung „Deutsche Kunst“ anspielte, die parallel zur berüchtigten „Entartete Kunst“ in München gezeigt wurde. Dix, von dem die Nazis viele Dutzend Werke aus den Museen entfernt hatten, schrieb an Mühlenweg: „Bleiben wir die Alten, es lebe die Entartung“.
Um dieses softe Landschaftsbild von Dix also erhob sich ein mehrstimmiges Gespräch, aus dem ich erfuhr, dass es Tage zuvor bei einer Hauswedell & Nolte-Auktion für 220.000 Euronen zu haben war. FAZ müsste man gelesen haben. Bürgermeister Kennerknecht erzählte zudem von einem Anruf, in dem der Gemeinde das Bild zu eben diesem Preis angeboten worden war. Er hatte auf seine professionell karge Weise die passende Antwort: So teuer kommt uns nicht einmal das ganze Mühlenweg-Museum, in dem von einiges Dix zu sehen ist.
Der Tageshype um das Dix-Bild wird abschwellen. Vermutlich werden viele vom „Allensbach“-Raum das imposante Schreibmöbel mit der heruntergeklappten Lade in Erinnerung behalten; man kann dort Schublädchen aufziehen und findet Geschichten. Angeschafft hat es Elisabeth Mühlenweg im Juni 1949 von ihrem Honorar als vielbeschäftigte Illustratorin. Ihr Mann schrieb damals schon über ein Jahr an seinem wild wachsenden Roman um die beiden jugendlichen Geheimnisträger „Großer-Tiger“ und „Kompass-Berg“.

Allensbach zum Beispiel

1948: Familie Mühlenweg vor ihrem Haus in Allensbach

1948: Familie Mühlenweg vor ihrem Haus in Allensbach (Foto: David Hummel; Felder-Archiv, Bregenz)

Welchen Zufall es brauchte, um Fritz und Elisabeth Mühlenweg nach Allensbach zu bringen, wüsste ich immer noch gern. Jemand muss ihnen um die Jahreswende 1934/35 den Tipp gegeben haben, dass in Allensbach am Bodensee an der Straße zwischen Radolfzell und Konstanz ein neu gebautes Haus seit Monaten unbewohnt stehe. Sie erfuhren davon am Hallstätter See.

Im September 1933 hatten sie geheiratet, in Beaucaire in Südfrankreich. Dorthin hatte sich Mühlenweg im Frühjahr abgesetzt. Nach einem Winter, der ungut gewesen war. Er laborierte immer noch am Verlust einer Liebesbeziehung, beschloss, das Sommersemester an der Wiener Akademie zu schwänzen, wollte allein und frei malen. In dem kleinen Städtchen Beaucaire kannte er niemand.
Im nahen Arles hatte van Gogh gemalt. Aber Mühlenweg wurde wohl eher durch literarische Erinnerungen dorthin gelockt. Er hatte Daudets „Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon“ und auch „Der Graf von Monte Christo“ gelesen – Jahre später schrieb er über diese südliche Gegend und ihre Romane eine seiner ersten publizistischen Arbeiten („Tarascon ohne Tartarin – Beaucaire ohne Dumas“), veröffentlicht in „Der deutsche Kulturwart“, wo auch sein Aufsatz über Gedichte der chinesischen Frühzeit abgedruckt wurde – eine, wie der Titel zu erkennen gibt, konservative Zeitschrift; 1941 wurde ihr von Goebbels das Ende gesetzt.

Der Ruhelose will sesshaft werden

In Beaucaire überkam ihn dann doch die Einsamkeit. Er begann einen Briefwechsel mit einer Studienkollegin in Wien, die ihm schon länger gefiel: Elisabeth Kopriwa. Am Ende einer Serie heißlaufender Briefe ließ sich die 23-jährige Malerin locken. Wir merken uns: Der Briefschreiber Mühlenweg ist die erste Erscheinungsweise eines überaus wirkungsmächtigen Erzählers. Seine fast täglich abgeschickten Briefe brachten seine Einsamkeit, eine besondere Sensibilität, seine experimentierende Schaffenskraft und einen hartnäckigen künstlerischen Willen so in Worte, dass sich die schöne Linzerin auf die Reise machte; freilich erst, nachdem sie ihre Semesterarbeit zum Abschluss gebracht hatte. Ihr war die Malerei so wichtig wie ihm. Elisabeth Kopriwa war Vorzeigestudentin der Akademie.
Mühlenweg schickte ihr die Zugverbindungen und fuhr ihr mit der Bahn 300 Kilometer bis Genf entgegen („Ich werde also 5.39 am Bahnhof sein und höre, wenn dieser Zug nicht stimmen sollte, dann bin ich 12.53 eben zum zweitenmal dort und Du brauchst mir nicht zu telegrafieren“). Glückselige Zeit ohne die Kleinlichkeiten der Handys. Und der Zug war pünktlich an jenem 29. Juni 1933.
Dass Elisabeth Kopriwa drei Monate später, bereits schwanger, in der Mairie von Beaucaire diesen Fritz Mühlenweg heiraten würde, mit zufälligen Passanten als Trauzeugen, wird sie sich auf jener Zugfahrt nach Südfrankreich nicht gedacht haben. Bei ihm hingegen hatte sich der Wunsch, zu heiraten und Kinder zu haben, seit der Rückkehr aus der Mongolei mächtig geregt. Er wollte sesshaft werden.
Ein Apotheker baut ein Haus, das lange leer steht

In jenem Hochzeitsmonat September 1933 erwirbt der Gailinger Apotheker Dr. Karl Wolff im Gewann Himmelreich in Allensbach eine Wiese und plant einen Hausbau. Das Dorf beginnt an der Konstanzer Straße – die erst fünf Jahre zuvor für den zunehmenden Durchgangsverkehr angelegt worden ist – zögernd nach Osten hin zu wachsen.
Das unbebaute Grundstück westlich der Wiese, die Wolff kauft, gehört Johann Welschinger, Nachbar nach Osten ist Peter Weltin. Der Apotheker baut für seine betagten Schwestern, – die aber wollen, als das Haus fertig ist, doch lieber nicht an den Rand des Tausendseelen-Dorfs. Statt an der Straße nach Konstanz zu wohnen, wo zwischen Grundstück und Teer noch ein Wassergraben verläuft, ziehen sie doch lieber gleich in die Stadt. Das Haus steht 1934 leer, eigentlich ein Skandal, denn in Allensbach ist Wohnraum Mangelware. Es gibt ein Foto mit aufgezogener Hakenkreuzfahne an einem Mast im kahlen Garten; aber diese Beflaggung ist an nationalsozialistischen Feiertagen an allen Häusern entlang der Straße zu sehen.

Üble Zeitgeschichte, skizziert

Wer keine Landschaft ohne gleichzeitige politische Infrarotaufnahme denken kann: Schon im Jahr bevor Hitler Reichskanzler wurde, waren die Stimmen für die NSDAP in Allensbach bei den letzten freien Reichswahlen von 25% (1930) auf 37% (1932) gestiegen, höher als im Reichsdurchschnitt. Der Historiker Lothar Burchardt lieferte diese Zahlen jüngst in einem Allensbach-Buch; den nach der Machtergreifung als Bürgermeister eingesetzten Obersturmführer Mayer beurteilt er, was seine Amtsführung bis 1945 angeht, mit deutlicher Milde und rechnet ihm an, dass er dem überwiegenden katholischen Bevölkerungsanteil gegenüber unaggressiv blieb. Man kann hinzufügen: Das war nicht ohne politische Passung in einer Erzdiözese, deren Chef Gröber dem Führer das Reichskonkordat aushandelte, also die Anerkennung des NS-Regimes durch den Papst, und der 1934 selber SS-Fördermitglied wurde….
(Weiter vorgegriffen: Es wurde für die fromme Katholikin Elisabeth Mühlenweg im braungetönten Allensbach nicht immer lustig; Inga Pohlmann zitiert in einem biographischen Aufsatz (in: hegau – Jahrbuch 66/2009) aus dem Brief der sechsfachen Mutter im November 1944. Sie wurde aufs Rathaus bestellt, um die fällige Ehrung abzuholen: „Dagegen mußte ich mir gestern in einer entsprechenden Versammlung von Leuten, die so eifrig bestrebt sind, uns die genannten Schwierigkeiten einzubrocken, das Mutterkreuz umhängen lassen.“) Tränen werden selten dokumentiert; Regina Mühlenweg erinnerte sich noch an das zornige Weinen ihrer Mutter bei der Rückkehr vom Rathaus.

Warum ziehen die Mühlenwegs nicht nach Italien?

Aber noch wissen die Mühlenwegs nichts von der Allensbacher Baustelle. In Wien sind beide ab Herbst 1933 wieder an der Akademie eingeschrieben. Elisabeth macht noch eine Zusatzausbildung, mit dem sie Kunstunterricht an der Schule geben könnte, sie schafft das Examen und sie bringt im März 1934 ihre Tochter Regina in Wien zur Welt. Es ist das vom Bürgerkrieg zerrissene Wien, das die Sozialisten vertreibt und sich unter dem Bundeskanzler Dollfuß im Austrofaschismus einrichtet.
Ein paar Monate lang wohnt die junge Familie noch im Haus der Mutter Kopriwa am Hallstätter See. (Wanderer im Netz: wenn es dich gelüstet, eine besonders irreführende kulturtouristische Anmache zu lesen, dann ergoogle dir das Ferienhaus Kopriwa in Bad Goisern, sie verzeichnen dort Elisabeth in doppelter Ausführung, machen ihre brave Mutter Gustava zu einem Gustav…; aber tolle Aussicht auf den See (November 2011): http://www.hallstatt.net/accomodation/action/view/frmArticleID/709/ )

Am liebsten würden sie nach Italien ziehen und sich dort niederlassen. Fritz hat 1932 einige Wochen lang in Assisi gemalt und die Toskana bereist, auch ihre Hochzeitsreise hatte von Beaucaire aus dorthin geführt. Eine finanzielle Grundsicherung für die ersten Jahre bleibt ihm noch aus seinem Vatererbe, dem Anteil aus der Drogerie und den Rücklagen, die ihm sein gut bezahlter Job bei der Mongolei-Expedition verschafft hatte.
Aber eben die Abhängigkeit ihres „freien Künstlerlebens“ von diesem Geld erzwingt auf einmal ihre Niederlassung in Deutschland. Denn die nationalsozialistische Regierung, die insgeheim bereits auf einen Krieg rüstet, verschärft die Devisengesetzgebung. Der Transfer von Reichsmark ins Ausland wird drastisch erschwert.
Über Expeditionskollegen ventiliert Mühlenweg Wohnmöglichkeiten fern vom Bodensee. Nach Konstanz, wo er nun als verkrachter Sohn einer fleißigen Familie gilt, will er auf keinen Fall.

Dann also Allensbach.