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Das Buch, das aus der Gobi kam

Der Maler wird Autor (Felder Archiv, Bregenz)

Im heutigen „Südkurier“ steht über Fritz Mühlenweg als „Jugendbuch-Autor“ eine für die Zeitung gekürzte Fassung: http://www.suedkurier.de/nachrichten/kultur/aktuelles/kultur/In-geheimer-Mission;art410935,5811587

Hier der volle Stoff:

Ein Leser im Herbst 2012

„In Peking gab es Bürgerkrieg… Christian und Großer Tiger waren die besten Freunde. Sie waren bereits zwölf und sie hatten fast immer die gleichen Gedanken.“ So steht es (mit einem großen Smily) auf einem farbig gemalten Plakat, das im November 2012 kam. Die Handschrift eines jungen Lesers mit der Kurzfassung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“, über die Abenteuerreise von Großer Tiger und Christian, die Begegnung mit einem General, der sie mit einer Geheimbotschaft durch die Wüste Gobi schickt. Und dass die beiden Jungen mit einem Soldaten namens Glück und einem gefährlichen Mörder zusammen reisen.
Natürlich freut uns solche Post. Aber faszinierender noch war, was wir über den Briefschreiber erfuhren: Bis dahin war er nicht an die Bücher zu bringen gewesen. Lesen überhaupt fand er langweilig und anstrengend. Als der gut 600 Seiten dicke Schmöker von Fritz Mühlenweg auf seinem Geburtstagstisch lag, war wenig zu hoffen.
Aber dann begann er zu lesen und las weiter, und war in den Wochen danach von der spannenden Geschichte kaum wegzubringen. Und so fasziniert, dass er das Buch unbedingt in seiner Klasse vorstellen wollte. Nun will er unbedingt auch das Mühlenweg-Museum in Allensbach sehen. Dort könnte eigentlich seine Buchbeschreibung nun ausgestellt werden, neben den begeisterten Malbriefen, die eine ganze Schulklasse Anfang der 50er-Jahre an den Autor schrieb.
Es gibt keinen besseren Beweis für die Stärke eines Textes, die Macht einer erfundenen Geschichte und die Wirkung von Sprache. Über das Fortleben eines Buchs bestimmen begeisterte Leser, nicht die Literaturkritiker.
Denn dieser Roman ist vor über 60 Jahren geschrieben worden, von einem Mann, der bis dahin eher als Maler bekannt. Freilich ein Maler mit einer aufregenden Vergangenheit. Bevor sich Fritz Mühlenweg 1935 in Allensbach niederließ, war er mehrmals in der Mongolei gewesen, zudem mit einem Tross von 300 Kamelen und mit einer Expedition, deren Leiter ein damals weltberühmter Forscher war: Sven Hedin.
Mühlenweg hatte damals von einheimischen Kameltreiber Mongolisch gelernt und viel über Land und Leute der Mongolei erfahren. Die Freundlichkeit und Bedachtsamkeit der Mongolen und die Einsamkeit in der Wüste hatten ihn etwas gelehrt, das ihn die gewohnte europäisches Lebensart in kritischem Abstand sehen ließ.

Ein Maler, der 1948 brotlos ist, schreibt einen Roman

Vieles von diesen Erfahrungen brachte er in die Erfindungen seines Romans unter. Er begann 1948 an einer Geschichte zu schreiben, die nahm ihren Anfang mit einer unfreiwilligen Zugfahrt seiner (etwa zwölfjährigen) Helden in Peking. Er schrieb drauflos, mit Bleistift in unbenutzte Kontobücher, er schrieb ohne Plan, und die Geschichte wuchs über viele spannende, geheimnisvolle und naturnahe Episoden auf 500 Seiten. Dann waren seine Helden endlich in Urumtschi angekommen. Das karge, harte Leben der Nomaden in seinem Roman war zugleich die exotische Folie für den Mangel, den viele Deutsche in jenen Nachkriegsjahren selbst erlebten.
Das Manuskript war ungewöhnlich umfangreich für jene Zeit, im Frühjahr 1950 schickte er 350 engzeilig getippte Blätter an zwei Hamburger Belletristik-Verlage und schrieb dazu, er habe für Leser „von 12 bis 70“ geschrieben. Dass die Erlebnisse von Großer Tiger und Christian quer durch die Altersstufen Begeisterung weckten, hatte er erlebt: Seine eigenen Kinder hatten bei häuslichen Lesungen zugehört, aber auch erwachsene Freunde der Familie. Die in Weltliteraturen belesene Mittzwanzigerin Nelly Dix hatte das Manuskript während der Entstehung bekommen und ungeduldig auf Fortsetzungen gewartet.
Mühlenweg hoffte auf den Rowohlt Verlag. Aber dort lehnte eben der Lektor den Roman ab, der selber (unterm Namen Ceram) einen Generationen übergreifenden Bestseller geschrieben hatte („Götter, Gräber und Gelehrte“). Mühlenwegs Buch gehöre in die Jugendliteratur, meinte er.

Ein Roman für alle Lesealter wird als Jugendbuch vermarktet

Fast gleichzeitig erfuhr der Herder Verlag, für den Mühlenwegs Frau Elisabeth seit Jahren religiöse Bücher illustrierte, von dem Romanmanuskript. Herder, ein finanzstarker Verlag mit eigener Druckerei und Buchhandlungen in mehreren Ländern, war zwar streng katholisch ausgerichtet, versuchte aber gerade, sein Jugendbuchprogramm zu erweitern. Mit diesem Abenteueroman, der in der Mongolei spielte, wollte Herder die Dominanz der Karl-May-Bücher auf dem lukrativen Jugendbuchmarkt brechen. Dass der Verlag Fritz Mühlenweg als „den besseren Karl May“ aufbaute und ihn mit seinen authentischen Fotos aus der Wüste Gobi jahrelang auf Dia-Vortragsreisen schickten, war nur konsequent. Als großer Unterschied zu Karl May wurde herausgestellt, dass Mühlenweg das exotische Land seines Romans aus eigener Anschauung kannte. Dafür übersahen sie bei Herder einen anderen Unterschied komplett: Karl May hatte ein kitschiges Christentum in seinen Romanen verarbeitet; Mühlenwegs Romanfiguren werden in eine Welt eingeführt, in der es Gier, Grausamkeit und Rache gibt, aber sie kommen ohne Religion zurecht und stärken einander mit einer Ethik aus Vertrauen, Respekt und gegenseitiger Hilfe.

Jugendbuchautor? Den Ausschlag gab für Mühlenweg, dass ihm Herder ein monatliches Honorarfixum anbot; seine Familie brauchte Geld, in den Wochen seiner erfolglosen Verlagssuche hatte Elisabeth Mühlenweg ihr siebtes Kind zur Welt gebracht.
Tatsächlich machte ihn sein Roman vom Start weg zum bekannten Schriftsteller mit hohen Auflagen. Die alljährlichen Lesereisen wurden zur besseren Einnahmequelle als die Mickerhonorare aus den Übersetzungen seines Romans in Amerika, England, Spanien, Italien…

Der Jugendbuchautor kann nicht mehr wechseln

Aber Mühlenweg merkte rasch, dass er als Jugendbuchautor ein Schriftsteller im Mitteldeck des Dampfers Buchhandel blieb. Die Trennung zwischen (Erwachsenen-)Belletristik und dem weniger angesehenen Jugendbuch war in den frühen 50er-Jahren noch rigide. Die Kollegen von der „Literatur“ hatten nicht nur größeres Renommee, ihre Lesungen wurden auch besser honoriert.
Zur gesellschaftlichen Aufwertung trug erst der 1956 vom Innenministerium gestiftete Jugendbuchpreis bei, auch die wissenschaftliche Erforschung der Jugendliteratur und eine Anzahl von Stipendien und Preisen. Vor allem aber, dass später hochkarätige und erfolgreiche Autoren wie Peter Härtling, Uwe Timm oder David Grossman zugleich immer wieder Bücher für Kinder schrieben.
Fritz Mühlenweg realisierte, dass er in einen Marketingkäfig geraten war, das vor allem dem Verlag nützte, ihn aber auf fatale Weise festlegte. Sein zweiter Mongoleiroman spielte zwar nur noch unter Erwachsenen, er wurde aber von Herder dennoch wie ein Karl-May verkauft.
Das Leben als freier Autor ließ ihm wenig Wahl: In den Jahren danach lieferte er, wofür Herder den Markt hatte. Er schrieb Erzählungen und Kinderbücher („Nuni“); als der Jugendbuchpreis erstmals vergeben wurde, war er als Übersetzer von „Der glückliche Löwe“ unter den Ausgezeichneten.

In der Eile sind Fehler: Mühlenwegs anschwellender Erfolg bei neuen Lesern

Nach Mühlenwegs frühem Tod (1961) wurde sein Hauptwerk nur noch in einer gekürzten Ausgabe gedruckt. Dass kein Lexikon an ihn erinnerte und er fast komplett aus der literarischen Überlieferung gefallen war, hatte aber langfristig einen Vorteil.
Als wir bei Libelle den schwer unterschätzten Autor ab 1991 mit Neuausgaben seiner wichtigsten Werke wieder zugänglich machten, konnten wir das Malheur des Jahrs 1950
bereinigen. Seine Bücher erscheinen fest gebunden und wurden zunächst als Belletristik (für Erwachsene) platziert. Der Buchhandel hatte inzwischen die Kategorie „All-Age-Literatur“, für jene raren Könner wie Tolkien, Kipling oder Saint-Exupery, die für Jung und Alt verständlich und spannend sind, auf jeweils andere Weise gewinnbringend. In dieser Liga kann Fritz Mühlenweg nun wahrgenommen werden. Seit diesem Jahr hat er sogar ein eigenes Museum.

PS: Ja, wir haben inzwischen auch begeisterte Leserechos von über 80jährigen Mühlenweg-Leserinnen.

Mühlenweg und das Radio

Eine Selbstverhinderung.

Im September 1950 wurde vom Stuttgarter Sender her erstmals Günter Eichs Hörspiel „Ein Traum am Edsin-Gol“ ausgestrahlt. Wenn Fritz Mühlenweg in Allensbach ein Radio gehabt hätte… Man kann ins Träumen kommen.

Er hätte über den Sender Eichs Adresse ausfindig machen können. Wir hätten im Archiv vielleicht eine briefliche Antwort, auf welche vertrackte Weise der gewiefte Hörspielautor Eich um 1930 an das Motiv vom Mord am Edsin-Gol gekommen war. Sie hätten noch eine ganz andere Gemeinsamkeit entdecken können: Als Lyriker waren beide von Bildsprache und Naturverhältnis in alten chinesischen Gedichten fasziniert. Mühlenwegs „Tausendjähriger Bambus“ mit den uralten Liedern des Shijing war als Buch lieferbar, Eichs Übertragungen von Su Shih, einem Dichter des 11. Jahrhunderts, konnten damals nur den Lesern der Zeitschrift „Sinn und Form“ bekannt sein. Wie diese Arbeit an fremden Texten die eigene Sprache veränderte – auch dies hätte für die beiden Schriftsteller zum Thema werden können.

 

Aber Fritz Mühlenweg saß in jenem September 1950 über den Fahnenkorrekturen seiner Roman-Kapitel, die am Edsin-Gol spielten. Unter anderem versuchte er, die Verschlimmbesserungen durch das Lektorat noch vor Druckbeginn aus seinem Text zu holen. Um ihn im engen Haus war kein Radiohörspiel sondern die Stimmen von sieben Kindern, von Babygeschrei bis zu pubertärem Gequengel.

Wenn sich Mühlenweg und Eich je begegnet wären, hätten sie sich über ganz unterschiedliche Bedeutungshorizonte des Begriffs „Edsin-Gol“ austauschen können. Eich hat den Fluss nie gesehen, an dessen Ufer Fritz Mühlenweg viele Monate lang lebte, Wettermessgeräte ablas, Aquarelle malte. An den langen Winterabenden hatte er von den mongolischen Kamelmännern am Edsin-Gol Alltagsworte erfragt und nach dem Gehör aufgeschrieben.

In Eichs Hörspiel kommen weder Mongolen noch Chinesen vor. Und doch hätte ein gewitzter Eich den Romanautor Mühlenweg fragen können: Was haben Sie selbst denn alles weggeblendet von Ihren Erfahrungen vor Ort? Sie haben doch die Tschachar-Mongolen als politische Flüchtlinge erlebt, die Geschlechtskrankheiten in den Jurten, das Ungeziefer im Alltag… Mit welchen Leerstellen haben Sie denn Ihre Idylle vom Edsin-Gol eingerichtet, damit sich Ihre Leser daran erfreuen können? Das wäre doch ein Hörspielstoff, Mühlenweg: Ein Erzähler, von Läusen geplagt wie Sie es waren während der Expedition, und Stimmen der Torgot-Mongolen, die über andrängende Fremde aus dem Norden verhandeln… Sie schreiben doch so seltsam gute Dialoge, warum machen Sie daraus nicht Texte für den Funk?

Die beiden Autoren wären an dieser Stelle sehr rasch auf einen schlichten, technikgeschichtlichen Dissens gekommen. Das Medium Radio, in dem der Jüngere schon ab 1930 experimentiert und dabei maßgeblich die Entwicklung der neuen literarischen Form des Hörspiels mitgestaltet hatte, ließ Mühlenweg fast sein ganzes Leben lang beiseite.

Wieso eigentlich? Über die Radiobegeisterung von Mutter und Schwester in Konstanz, die ihm von der Sensation einer direkt übertragenen Zeppelinlandung berichteten, schrieb er während seiner ersten Chinafahrt schon ironisch. Der Aussteiger war damals auf der Suche nach authentischen Erfahrungen, körperlich spürbaren, nach hartem Leben, – nicht nach einer medial vermittelten Gleichzeitigkeit, die ihm trügerisch erschien. Was sollte dieses Pseudo-Dabeisein…

Sein Unbehagen dem Radio gegenüber teilten viele Zeitgenossen. Rundfunkstimmen begannen in die Häuser einzudringen. Was für die einen eine Epochenschwelle von akustischer Belästigung war, begrüßten andere als Zugewinn an Unterhaltung und Wissen, Auflockerung der Langeweile.

Unter den Facetten von Mühlenwegs Widerstands ist eine politische Abwehr unübersehbar. Am deutlichsten formulierte er sie in der Nachkriegszeit: „Allein wir besitzen keinen Radioapparat und wir haben auch nie einen haben wollen, denn die Politik interessiert uns nicht“, schrieb er im Februar 1948 an seinen Expeditionsfreund, den schwedischen Arzt David Hummel.

Er wollte seine Aversion auch nicht abbauen, als der Rundfunk begann, seine literarische Produktivität immer aufmerksamer zu begleiten. Als im Oktober 1947 Vertonungen von Texten aus „Tausendjähriger Bambus“ gesendet wurden – der Kantor Hans Kurig in Halberstadt hatte sie komponiert – war das kein Grund, einen Apparat zu kaufen. Die Mühlenwegs gingen mal schnell zu einer Bekannten, die ein Gerät hatte.

Sein aufsteigender Ruhm als Autor eines Abenteuerromans machte ihn bald für die Sender interessant. Im November 1951 lief „Fritz Mühlenweg erzählt von der Mongolei“ mehrteilig im Schulfunk des Süddeutschen Rundfunks. Im Mai 1953, während einer seiner wochenlangen Lesereisen durch mehrere Bundesländer, machte er Radioaufnahmen in Köln. Auch in Graz nahm der dortige Sender im November 1954 zwei seiner Vorträge auf. Die Nachrichten über Sendungen kamen von weit her: Freunde berichteten ihm, dass auch die BBC Lesungen aus seinem Roman gesendet hatte…

Noch 1956 wählte er einen sarkastischem Ton, um nach Haus zu berichten: „In München sprach ich Englisch in den Radiokasten und Baumann war auch da, ebenso Erich Kästner…“ (Hans Baumann und Erich Kästner: sie bewunderten beide den Jugendbuch-Kollegen.) Als er im selben Jahr, auf Vermittlung des Verlags, ein Hörspiel beim NDR eingereicht hatte, musste er seinem Lektor Rombach gestehen: „Ich selbst habe ja noch nicht einmal  ein Hörspiel gehört. Um  so dankbarer bin ich, dass Sie mir Ihr Licht geliehen haben. (Natürlich ein gestohlener chinesischer Ausdruck.)“.

Mühlenweg merkte zu spät, dass er sich mit seiner Radiophobie um eine Schreiberfahrung und einen lukrativen Arbeitsbereich gebracht hatte. Der Rundfunk verhalf in der jungen Bundesrepublik vielen Literaten zu sicherem Verdienst, wenn sie sich auf die Bedürfnisse des Mediums einstellten. In den Sendern arbeiteten Literaturkenner (Alfred Andersch, Helmut Heißenbüttel, Martin Walser…), die auf ihre Autoren achteten. Mühlenweg hätte Radio-Honorare brauchen können, vor allem in seinen letzten Jahren, als zwei Schlaganfälle ihn an weiteren Lesereisen hinderten.

Der Herder-Verlag vermittelte ihm 1959 auch den Kontakt zu Rose Marie Schwerin beim Kinderfunk des NDR. Die umsichtige Redakteurin hatte u. a. früh Astrid Lindgrens Kinderbücher zu Hörspielen gemacht. Schwerin reagierte begeistert auf Mühlenwegs Adaptation eines Stoffs von C. S. Lewis („Abenteuer im Wandschrank“) – aber dann begann ein schmerzhafter Lernprozess um Kürzungen und um Reduzierung der Personen. Und die rundfunkpädagogische Arbeit ging mit diesem Autor bei jedem neuen Text weiter. „Ich glaube nun allmählich zu begreifen, was der Funk braucht,“ schrieb Mühlenweg an Schwerin zwar im Juli 1960. Dem Sender aber war ein Autor, der zwölf Seiten schickte, wenn nur für neun Seiten Zeit war, bald zu mühsam. Die Kooperation versiegte mit einigen Fünf-Minuten-Texten für die Gutenacht-Sendung.

 

Im Jahr darauf kam das erste Radiogerät im Haus Mühlenweg zum Einsatz, die zehnjährige Tochter Sabine hatte die Anschaffung endlich durchgesetzt. „Wir hören durch einen Schwyzer lichtvolle Erklärungen über die 21. Minute des Fußballspiels Barcelona-Lissabon“, schreibt Mühlenweg am 31. Mai 1961 in einem Brief an seinen Lektor Theo Rombach. Dass ihn zuvor je Fußballergebnisse interessiert hätten, ist nicht überliefert. Im Berner Wankdorf-Stadion hatte – im Europapokalspiel der Landesmeister – Benfica Lissabon über Real Madrid gesiegt.

 

Übersetzungen

Wenn sich die interkulturell turnenden Exzellenzforscher dereinst für Mühlenweg interessieren wollen: es gäbe Stoff genug. Nicht nur die abgegriffenen Notizbücher, in denen er in den ersten Wochen der Expedition 1927 in der Gobi begann, mongolische Wörter nach dem Gehör aufzuschreiben. Alltagswörter, brauchbar. Erfragt von den mongolischen Kamelmännern. Es ging um Tiere, Essen, Wetter, Wassersuche, Einrichten und Abbruch des Lagers. Eine intuitive Methode des Lernens, sie brachte ihn zugleich den Lebensgewohnheiten und dem Wissen der Nomaden näher.

Im Roman “In geheimer Mission“ lässt Mühlenweg (20 Jahre später) in Kapitel 32 den jungen Christian auf solche Weise sein Wörterbuch beginnen: indem er sich von der gleichaltrigen Mongolin Siebenstern die bedeutsamen, weil nützlichen Wörter erfragt. Die Zahlen bis Zehn, die Benennungen für Fluss, Hund, Stern, für Kaltes und Schmales … Zu thematisch geordneten Vokabellisten, immerhin mit gut 500 Wörtern, war er selbst erst während ruhiger Wochen am Edsin-Gol gekommen. Im Monat darauf wurde er von Sven Hedin mit einem Mongolen und einem Chinesen auf Sondermission geschickt, um Proviant für die Expedition zu besorgen: weil er als einziger unter den Deutschen der Expedition sich auf Mongolisch verständigen konnte. Ein Abenteuer, das ihn auf den „Pfad der Nachdenklichkeit“ führte.

Im Allensbacher Museum zeigen wir im Raum „Asien“ das Abschiedsgeschenk des Tschachar-Mongolen Märin. Von ihm hatte er am meisten gelernt hatte. Mühlenweg durfte / sollte sie – dem Brauch folgend – im Frühjahr 1932 aus Märins Habe selbst aussuchen, nach gemeinsamen Monaten in einer meteorologischen Expedition. Grund zur Dankbarkeit hatten die Mongolen: auch die medizinische Versorgung hatte zu Mühlenwegs Aufgaben gehört. Er wählte Märins Steigbügel. Dass er diese klumpigen Eisenbügel nicht gebrauchen konnte, wusste er. In den Augen seines Freundes aber bewies er seine Wertschätzung, indem er etwas Wertvolles annahm, ohne das ein Mann in der Wüste nicht sein konnte. Mühlenweg selbst wünschte sich damals noch, dass er später in die Gobi zurückkäme. Es hat nicht sollen sein. Noch im selben Jahr begegnete er in Wien der Frau, die seinen tiefergehenden Wunsch nach Sesshaftigkeit (zögernd) erfüllte. Und die Besetzung der Mandschurei durch die Japaner trieb ohnehin die meisten Europäer aus China hinaus.

Dies war nur die Einleitung für ein ganz anderes Desiderat interkultureller Forschung: die Rezeption Mühlenwegs in Übersetzungen nämlich. Dass er eine Wirkung nicht nur in Europa hatte, seit den acht Ausgaben in anderen Ländern, die über den Verlag Herder ab 1952 zustande kamen, erfahren wir bei Libelle noch heute. Gestern – wir sind im Juli 2011 – meldete sich Brad Houx (aus Chester, Vermont, USA) über LinkedIn, er hat mit einem Freund in den späten Achtziger Jahren auf den Spuren von „Big Tiger and Christian“ die Reise des Mühlenweg-Romans von Peking nach Urumtschi per Fahrrad angetreten. (Das chinesische Militär war not amused.)

Wer sich für die Titel der Übersetzungen von Mühlenwegs Hauptwerk interessiert, in der Reihenfolge des Erscheinens – sie sind alle im Netz zu finden, am einfachsten über http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.html

US-Amerikanisch: Big Tiger and Christian. Their Adventures in Mongolia. Italienisch: Attraverso il deserto di Gobi: Missione Segreta. Englisch: Big Tiger and Christian. Their Adventures in Mongolia. Niederländisch: Kompas-Berg en Grote-Tijger. Schwedisch: På hemligt uppdrag i Gobiöknen. Spanisch: En misión secreta a través del desierto de Gobi. Französisch: L’heure du dragon. Dänisch: I hemmelig mission gennem Gobi-Ørkenen. Allein was man über die US-Ausgabe bedenken könnte…

Es war Kurt Wolff von seinem New Yorker Pantheon Verlag her, dem als erster der sensationelle Erfolg eines unbekannten Autors bei Herder auffiel. Als in Freiburg schon die vierte Auflage lief (Dezember 1951) fragte er wegen einer Lizenz an, aber mit harten Bedingungen: Er wollte den Roman nur gekürzt machen und das Geleitwort von Sven Hedin sowieso weglassen, das sei politisch nicht akzeptabel für den US-Markt. (Das Geleitwort war nebulös, enthusiastisch und unverdächtig. Aber der große Asienforscher Hedin war nach 1945 persona non grata für die Alliierten. Er hatte Hitlers Berliner Olympiade mit einer Rede miteingeweiht, und als das Reich schon in Schutt und Asche lag, März 1945, hofierte die NS-Wochenschau den Deutschland-Freund anlässlichs eines 80. Geburtstags.) Herder legte Mühlenweg nah, den Bedingungen zuzustimmen.

Ob ihm Kurt Wolff ein Begriff war? Eher nicht. Als KW sein Namenskürzel so langsam zum Begriff eines Kultverlags machte, hatte Fritz Mühlenweg mit Büchern weniger im Sinn gehabt. Da war er Drogistenlehrling, dann Soldat, dann hart arbeitender Kaufmann in den Inflationsjahren gewesen – und in der Freizeit eher auf Wandern, Skifahren, Rudern aus. Dass KW damals Georg Trakl entdeckte, als Erster den deutschschreibenden Böhmen Franz Kafka verlegte, Heinrich Manns „Untertan“ zum Seller machte: das wurde ihm erst Jahrzehnte später zum Kranz geflochten.

(Männer-Geschichtsschreibung: Immer ist nur von KW die Rede, wenn männliche Verleger sein Podest beleuchten.  Er hatte seiner feinen Literaturnase, seinem Sinn für neue literarische Qualitäten zunächst auch dank dem Geld seiner ersten Ehefrau bedenkenlos folgen können. Und seine zweite Frau Helen, die mit ihm vor dem Zugriff der Nazideutschen über Italien, Frankreich nach den USA floh: ohne diese Helen Wolff wäre der Aufbau des Pantheon Verlags in NY so nicht denkbar gewesen. Mühlenweg bekam ab 1951 von Helen Wolff ermunternde Lektoratsbriefe, die ihn auf gutem Kurs halten sollten… Sie hat nach dem Tod ihres Mannes dann noch 30 Jahre lang Verlagsarbeit geleistet und u. a. Günter Grass in den USA bekannt gemacht.)

Die Pantheon-Ausgabe von „Big Tiger and Christian“, feinsinnig übersetzt von den Engländerinnen Isabel und Florence McHugh, erschien 1952, zwar gekürzt, dafür aber marktgerecht illustriert von einem Berliner Emigranten: Rafaello Busoni, der noch in Deutschland begonnen hatte, Klassiker der Weltliteratur zu illustrieren. Und ich habe dieser Tage erst über einen Blog von amerikanischen Mühlenweg-Fans erfahren, dass die Wolffs den Erfolg ihres Buchs mit einem dezenten Trick beförderten: Der eine der beiden Helden, Christian, Sohn eines deutschen Arztes in Peking, der bei Mühlenweg deutsch und chinesisch spricht und versteht, der versteht sich in der Pantheon-Ausgabe auf Chinesisch und Amerikanisch, und wenn er etwas aus seinem Land erzählt, dann ist es “America”.   http://www.allthingsransome.net/rrreviews/bigtigerandchristian.html

60 Jahre danach (erster Teil)

In mongolischer Tracht ... (Foto: Lotte Eckener)

Weil es gerade 60 Jahre her ist: Im Juni 1951 brauchte Mühlenweg Fotos, mit denen der Herder Verlag seine Lesereisen unterstützen wollte. Der Erfolg seines ersten Romans  –über 50.000 im ersten Halbjahr – schürte das Interesse an diesem neuen Autor. Erste, ein wenig chaotische Erfahrungen hatte er im späten Winter auf Lesungen bereits gesammelt, viel Ärger mit dem Dia-Apparat zum Beispiel. Denn er las nicht einfach aus seinem Buch, er reiste mit Dias seiner Originalfotos aus der Mongolei. Glasdias, im älteren Format wohlgemerkt: 9 x12. Wenn es geht, wird man die massiven Holzkästen bald im Museum sehen – man darf ja die Vorgänger der easy-going-downloads nicht einfach vergessen.

Der Verlag wollte Fotos für einen Prospekt, den er den Veranstaltern zur Verfügung stellen wollte. Für Herder war das einfach und billig, man hatte eine der leistungsstärksten deutschen Druckereien im Haus. Mit dem neuen Werbemedium der Lesereisen experimentierte der starke Verlag offensiv;  im 150. Jahr des Bestehens wollte er sich ein moderneres Image verpassen.

Neben konventionellen Porträts wünschten sich die Strategen in Freiburg etwas Besonderes: Fritz Mühlenweg in mongolischer Tracht. Die hatte er, inklusive einer Pelzmütze, einst mitgebracht, sie ruhte seit 20 Jahren auf dem Estrich seines Allensbacher Hauses.

Nicht ganz zufällig hatte Mühlenweg eine hervorragende Fotografin in seinem Bekanntenkreis, Lotte Eckener. Mit ihr hatte er schon im Januar 1948 im Gründungsausschuss des „Kulturbunds“ zusammen gesessen. (Aufgeschlossene Konservative, Liberale aus künstlerischen Berufen, trafen sich im nahen Konstanz regelmäßig. Der Feuilletonleiter des Südkurier L. E. Reindl sorgte u. a. für stramme Abgrenzung gegen links. Man war frankophil, mit der freundlich gewordenen französischen Besatzungsmacht gut vernetzt, – die Anfänge der Deutsch-Französischen Gesellschaft.)

Lotte Eckener also: Sie führte auch nach der Verheiratung mit dem Konstanzer Zahnarzt Paul Simon ihren Geburtsnamen, mit dem sie schon in Berlin als künstlerische Fotografin bekannt geworden war. Ihr berühmter Vater lebte noch, jener Luftschiff-Pionier Hugo Eckener, der Nachfolger des Grafen Zeppelin geworden war.

Die ersten Bodensee-Bildbände mit ihren stimmungsvollen Fotos hatten Lotte Eckener in der Region am See endlich auch bekannt gemacht. Sogar Verlegerin war sie (Simon und Koch: Seit Dorothea Cremer-Schacht sich um die Geschichte der Bodensee-Fotografie kümmert, wissen wir endlich mehr: http://www.sch-8.de/FAB/Kuenstler_LotteEckener.htm. )

//Und weil das nun zu lang wird: Fortsetzung morgen, mit Rezeptionsgeschichte der Fellmütze.//