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I-Ging und Nachwirkungen

Ein Autor, der Herz und Hirn seiner Leser beeindruckt und ihre Phantasie dabei freisetzt, bekommt etwas zurück, und sei‘s im Mosaik seines Nachruhms.

Damit sind nicht die Umsetzungen in andere Medien gemeint, obwohl auch sie bei Mühlenweg dazu gehören: Die Übersetzung der Erzählungen ins Italienische („Segreti della Mongolia“ von Anna Ruchat, 2002), die Hörspielfassung von „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ durch den SWR (2008) oder die auch 2011 noch laufende Bühnenfassung von „Nuni“ durch das Freie Werkstatt Theater in Köln.

Hier geht es um etwas anderes: Leserbegeisterung, die tätig wird, just for the fun of it. In Siegen ist ein Journalist neben seinem Tagwerk einem Motivstrang nachgegangen, der allen Mühlenweg-Lesern vertraut ist. Er macht eine Facette der sprachlichen Wirkung aus.

Denn zum eigentümlichen Gewebe der Roman-Prosa gehören zwar auch sparsam verwendete Adjektive und entschlossen übersichtliche Satzkonstruktionen: Sie haben Mühlenwegs Prosa so alterungsbeständig gehalten, vergleichbar der Sprache seiner Jahrgangsgenossen Bert Brecht und Erich Kästner, und sie öffnen diese Erzählung für „all age“. In einem Verlagsordner finden sich handschriftliche Fanbriefe von Elfjährigen und von 83-Jährigen.

Zudem gibt es, quer über die 700 Seiten der Handlung gestreut, seltsam eindrückliche Sprüche. Mühlenweg hat sie mehreren Romanfiguren zugeteilt, die meisten von ihnen aber dem jungen Chinesen Großer-Tiger in den Mund gelegt. Der will mit weisheitlich anmutenden Sätzen seinem deutschen Freund Christian (Kompass-Berg) eine andere, zuwartende, achtsamere Verhaltensweise und Weltsicht näher bringen. Wenn Sie am Bodensee oder an der Frankfurter Buchmesse oder in Blogs Sätzen begegnen wie: „In der Eile sind Fehler“ oder „Es gibt keine Hilfe“ oder „Keine Besorgnis deswegen“ oder „Unvorsichtiger, du trittst dem Tiger auf den Schwanz“ oder „Die Anfangsschwierigkeit bringt Gelingen“ – dann seien Sie getrost, es sind Leser von „In geheimer Mission“ nahe. Man kann ihnen trauen.

Fritz Mühlenweg traute jugendlichen Lesern (ab dem Schulalter) so viel zu wie Erwachsenen: Bei seinen Lesungen aus dem unfertigen Roman hörten im Allensbacher Haus seine Kinder und erwachsene Freunde zu. Die begeistertste Leserin der ersten Fassung war die damals 25-jährige Nelly Dix. Dieser autodidaktisch sich vorarbeitende Erzähler zielte auf ein Vergnügen am Text, das die Generationen verbinden konnte. Aber er war ein realistischer Autor eigener Prägung: Die Weisheitssprüche klangen aus dem Mund eines Zwölfjährigen doch komisch altklug. So ließ er denn die Herkunft der Sätze von Großer-Tiger auf Belehrungen seines ehrwürdigen Großvaters zurückführen.

Die „Sprüche des Großvaters“ werden von den Erwachsenen im Roman oft mit respektvollem Humor aufgenommen. Sie kommen aber von weiter her. In Mühlenwegs Bücherregal stand die deutsche Übersetzung des „I Ging“. Zuletzt noch, Jahrzehnte nach seinem Tod, stand sie in der Konstanzer Wohnung von Regina Mühlenweg. Mit ihr konnte sich der Siegener Mühlenweg-Leser Peter Barden 2005 noch austauschen, als ihn die Herkunft der „Sprüche des Großvaters“ zu interessieren begann. Der Journalist Barden fand bei genauerer Lektüre heraus, wie viele Dutzend wörtliche Zitate und noch mehr Anklänge aus der I-Ging-Übersetzung des großen Richard Wilhelm von Mühlenweg in das wachsende Manuskript eingearbeitet wurden.

Als Peter Barden sein Manuskript an unseren Verlag schickte („Beharrlichkeit bringt Heil“. Beobachtungen zum Gebrauch des I Ging in Fritz Mühlenwegs „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“), stand darin der Satz: „Dem I Ging in IGM nachzugehen, war mir einfach ein Bedürfnis.“

Ein Bedürfnis; Ja. Wir haben auch eine Examensarbeit aus dem Departement of Landscape Architecture der North Carolina State University von einem anderen Mühlenweg-Begeisterten zugeschickt bekommen: „Big Ger and Little Brad: Their Adventures in China“, Typoskript, 202 Seiten – der Autor Brad Houx, ein Leser der Pantheon-Ausgabe „Big Tiger and Christian“, ist vor reichlich 20 Jahren mit einem Freund per Fahrrad auf die Strecke von Peking nach Urumtschi gegangen … Wenn wir irgendwann einen Sammelband machen mit den Spezialarbeiten von Mühlenweg-Lesern, dann sollte darin auch der Aufsatz der Sinologin Gabriele Goldfuß stehen: Fritz Mühlenweg: Tausendjähriger Bambus: Nachdichtungen aus dem Schi-King (1998 im Bochumer Jahrbuch zur Ostasienforschung abgedruckt).

Im Allensbacher Museum sollen mehr als zwei Dutzend der Sprüche im Treppenhaus hörbar werden. Seltsame Sätze, treppauf. Woher die geheimnisvollen Sätze kommen, liest sich irgendwo an der Wand so:

Der Mühlenweg-Sound und das I-Ging

Die Sprüche der akustischen Installation sind dem Roman „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“ entnommen. Dort gibt Großer-Tiger die Sätze meist als Weisheiten seines chinesischen Großvaters aus. Für Mühlenweg-Leser wurden viele zu geflügelten Worten.

Tatsächlich hat Mühlenweg seinen Personen vierzig wortgenaue Zitate und Dutzende Anklänge aus dem „Buch der Wandlungen“ (I-Ging) in den Mund gelegt. Dieses älteste chinesische Weisheits- und Orakelbuch hält erhellende Sätze für typische Situationen im menschlichen Leben bereit. Es weist den Einzelnen in eine Weltordnung ein, in welcher stetige Veränderbarkeit und das Ausgleichen von Extremen grundlegend sind.

In der 1924 erschienenen ersten Übersetzung durch Richard Wilhelm machte das I-Ging die Generation um Hermann Hesse und C. G. Jung auf chinesisches Weltwissen aufmerksam.