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La Rochelle, von Bordeaux aus

Sommer 1944, Insel Reichenau: Elisabeth (links) mit Kindern bei Fritz Mühlenweg, Hilfszöllner. Am rechten Bildrand: Tami Oelfken. (Unbekannter Fotograf, Felder-Archiv, Bregenz)

Das Mühlenweg-Museum. Seit der Eröffnung vor acht Wochen war ich nur einmal wieder dort, weil noch eine Führung für Vermieter von Touristenzimmern anstand.
Die ersten erfreulichen Einwände kamen auch schon, interessant. Einer Besucherin fiel auf, dass die ausgestellten Ski nicht die gewesen sein können, die Mühlenweg in der Gobi mit dabei hatte: die Skier auf den Fotos aus China sind stärker gebogen. (Prima beobachtet; deshalb ist die Legende in der Vitrine auch betont knapp gehalten, denn die Nachbarin der Mühlenwegs, die seine Ski aufbewahrt hatte, konnte nichts Genaueres über deren Alter sagen.)
Ebenso erfreulich: die Geschichte jenes spanischen Touristen, der eher zufällig ins Museum ging, als er das Mongolen-Foto im Bahnhof sah. Er kam nach reichlicher Zeit wieder aus den Räumen zurück, verblüfft darüber, dass er einem Lieblingsautor seiner spanischen Kindheit wieder begegnet war. Seine Ausgabe der 50er-Jahre ist im „Literatur-Raum“ in der breiten Schublade mit sieben anderen Übersetzungen ausgestellt:

En misión secreta a través del desierto de Gobi, 4 Bände
Bd. 1: Monte-de-Brújula y Gran-Tigre, 316 Seiten Bd. 2: Hacia el Edsin-Gol, 260 Seiten Bd. 3: Dampignak, 348 Seiten Bd. 4: Hacia Urumchi, 271 Seiten
Herder, Barcelona 1956 Übersetzung: Juan Godó Costa, Vorwort: Sven Hedin Illustration: María und Erwin Bechtold.

Ich bleibe also erstmal dort weg. Technik des Loslassens. Das Museum soll sich ohne Overcontrolling (des Erfinders? Bestückers? das Wort Kurator klänge grausam prätenziös…) fortentwickeln. Nun aber hat sich der Elektriker Pius Wehrle, der die Installationen im Museum betreute, eines Bilds erinnert, das seine Eltern einst von Fritz Mühlenweg bekamen. Er stellt das Aquarell dem Museum zur Verfügung, und Claudia Gnädinger, die weiterhin die Gestaltung verbessert, braucht eine Legende.

Es braucht eine Beschriftung

Eine Hafenansicht, französisch, signiert mit „FM 41“. Die mündliche Überlieferung weiß, dass es La Rochelle darstellt, in der Gegend dort war der Allensbacher Fritz Wehrle als Leuchtturmwächter der deutschen Besatzungsmacht eingesetzt.
Über Fritz Mühlenwegs Zeit am Atlantik konnte im Museum ohnehin nichts ausgestellt werden. Eine gute Gelegenheit also, mit diesem Bild knapp die Umstände anzudeuten.

„Fritz Mühlenweg, Hafen von La Rochelle (Aquarell, 1941; Leihgabe von Familie Wehrle)   Seit Juni 1940 ist Mühlenweg u. a. als Dolmetscher zum Zolldienst nach Bordeaux abgeordnet. Im April 1941 kann er im Rahmen eines “Arbeitsurlaubs” in La Rochelle und an der Atlantikküste malen. Er erprobt sich in der Aquarelltechnik.

Den Hafen mit seinen Türmen malt er mehrfach, nicht nur wegen der romantischen Ansicht: Seine Vorgesetzten wollen Bilder für ihre Büros, sie sollen Gebäude und Landschaften berücksichtigen, die für den Grenzschutz der besetzten Gebiete bedeutsam sind.
1947 wird das Bild ein Hochzeitsgeschenk für den Allensbacher Fritz Wehrle, der wie Mühlenweg am Atlantik stationiert war.“

Aus dem historischen Bildraum

Kein Platz war in der Legende für den größeren Hintergrund. Mühlenwegs Frau erwartet in Allensbach ihr fünftes Kind, das im März 1941 zu Welt kommen soll. Seit Monaten versucht der Maler, der in Bordeaux neben öden Büroarbeiten auch wegen seiner Französischkenntnisse im Außendienst eingesetzt wird, wieder an den Bodensee zurückzukommen. Es werden ihm wenig Hoffnungen gemacht: Die Wehrmacht braucht Soldaten an den neuen Fronten auf dem Balkan und in Griechenland, Hitler plant mit seinen Generälen bereits den Angriffskrieg auf die Sowjetunion; an der gesicherten Atlantikküste entlasten die älteren Zollhilfskräfte die Besatzungstruppen.
Zudem will ihn sein Chef nicht mehr missen, er schätzt Mühlenwegs zuverlässiges Arbeiten, hintertreibt womöglich dessen Versetzungswünsche sogar.

Unverhoffte Malerferien mitten im Krieg

Als im Februar 1941 ein weiterer Antrag abgelehnt wird, bekommt Mühlenweg stattdessen einen „Arbeitsdienst“ als Freizeit, die nicht mit dem Urlaub verrechnet wird. Bei einer Inspektion ist an seiner Wand ein Blumenaquarell und überhaupt seine Malkunst aufgefallen. Er soll im nächsten Grenzschutz-Kommando Royan malen, 10 bis 14 Tage lang. Von seinen Bildern, die diskret Anlagen des Grenzschutzes oder Uniformierte zitieren sollen, will die Behörde bei Gefallen etwas ankaufen, sonst kann er arbeiten, was er will.
Die Aquarelle wecken bald Begehrlichkeiten bei mehreren kleinen Chefs, auch braucht man ein Geschenk für den Generalinspekteur. So kommt Mühlenweg zu fast sechs Wochen Malerurlaub, nach Royan noch in den Stützpunkten La Rochelle und Le Sables. Er genießt diese erste Möglichkeit seit mehr als einem Jahr, wieder jeden Tag zu malen. Von den gut zwei Dutzend Aquarellen hält er nur wenige für gelungen, das schreibt er in Briefen an seine Frau Elisabeth, die in Allensbach sonst seine kritische Instanz ist.

“Er ist nicht böse” (Kindermund in La Rochelle)

Ein seltsamer Deutscher. Die für die Besatzungsarmee gezeigten deutschen Filme sind ihm zu langweilig, er geht lieber in die kleinen Kinos und sieht sich die neuen Filme mit Sascha Guitry an. Als er für seine Frau ein Kleid aus schwarzer Spitze kauft, sagt ihm die Verkäuferin ganz verwundert: er sei der erste Deutsche, schwarzer Stoff erscheine sonst nur den Franzosen als chic. In den Straßen von La Rochelle spricht sich bei den Kindern rasch herum: „Il n‘est pas méchant“; worauf er ein Dutzend von ihnen im Gefolge hat, die er bald alle mit Namen kennt – an solchen Tagen leidet die Malerei im Freien ein wenig…
Und er will vor der Rückkehr nach Bordeaux in der Gegend unbedingt noch die Villa von Clémenceau besichtigen, jenes entschiedenen Journalisten, Dreyfus-Verteidigers und furios deutschfeindlichen Politikers, der ihn so fasziniert, dass er einige Zeit lang mit dem Plan einer Biographie umgeht.

Kriegsende am See

Die übrig gebliebenen Aquarelle konnte Mühlenweg schon im Mai 1941 an den Bodensee mitnehmen. Beim Grenzamt Konstanz hatte sich ein Ersatzmann gemeldet, der lieber in Bordeaux Dienst tun wollte. Bis zum Ende des Kriegs, den man sich damals für 1942 erhoffte und der doch vier weitere grausame Jahre lang fortdauern sollte, ging Fritz Mühlenweg in Meersburg, auf dem Schienerberg und in Konstanz auf Patrouille; seine Familie konnte er nur sonntags besuchen.
In Grenzeruniform ist er im Museum auch zusehen, mit Elisabeth und den Kindern auf einem Bootssteg der Reichenau, im Hintergrund das Löchnerhaus. Am rechten Bildrand: Tami Oelfken. Im Raum „Seitenblicke“ gibt es eine Schubladen-Vitrine über Schriftstellerin Tami Oelfken, die nach Schließung ihrer Berliner Reformschule und Berufsverbot durch Deutschland irrte und schließlich in Überlingen unterkam. 1944 feierte sie bei den Mühlenwegs Weihnachten, die „Malerfreunde in Allensbach“ nennt sie auch in ihrem 1946 erschienenen Bericht über die Jahre ihrer Inneren Emigration („Fahrt durch das Chaos“).

Am Rand der Wüste

 

Felder-Archiv, Bregenz

Fritz Mühlenweg 1932 (Felder-Archiv, Bregenz)

Das Konterfei des Wüstenfahrers: Es ist im Frühjahr 1932 entstanden, vielleicht in Peking, vielleicht in Tientsin. Der 33-jährige Fritz Mühlenweg hat seinen letzten Job als Karawanenführer hinter sich, fünfzehn Monate in der Gobi, zuständig für mongolische Kamelmänner, chinesische Köche, medizinische Versorgung, ein paar Dutzend Kamele und Gerätschaften.

Männergesellschaft, aus der er seine Einsamkeiten suchte. An einem Oktobermorgen 1931 fand er die solitäre Stille, früh morgens auf dem Berg Yaga allein zeichnend: das beglückende Erlebnis, wie ihm die Gestaltung der Landschaftsformation mit ihren Schwingungen gelingt, Stift auf Papier, ein Erweis des eigenen Blicks und das Geschick der Hände. Schon vier Jahre vorher, bei der ersten Expedition hatte er Mal-Utensilien dabei. Schöne, handwerklich strenge Bilder sind damals entstanden: der Innenhof in Paotou, in dem er Nachtwache absolvierte über die Expeditionsgüter. Ein chinesisches Tempelchen (feiner, exotischer Nippes). Diesmal war es anders. Unweit vom Edsin-Gol, wo er für Monate im Winterlager dann lebte, stimmte seine Innenwelt mit der Fertigkeit der Hand überein.

Aber der Wüstenfahrer:  Nun ist er aus der Expedition befreit, sie war zuletzt vor allem langweilig geworden. Und er geht in ein Fotoatelier. Was er im Moment des Blitzes gedacht hat? Eine leuchtende Selbstsicherheit lässt sich aus seinem Blick lesen. Man kann das Foto aber auch mit seinem entwickelten Sinn als Ulk anschauen. Es gibt von ihm – seit seiner Kindheit – einige Aufnahmen, auf denen er Faxen macht. Er hat sich den Scherz erlaubt, an jenem Tag in China noch ein zweites Foto machen zu lassen, nach dem Gang zum Friseur: derselbe Anzug mit Krawatte, das wettergegerbte Gesicht, aber schon mit kurzem Haarschnitt, die freigelegten Halspartien mit hellen Flecken. Der Mann hatte Humor genug, dem Rudel seiner Iche ins Auge zu sehen.

Das Foto vom Wüstenmann, vom Halbwilden. Die Gesichtsfarbe kommt nicht aus den Sommermonaten in der Kieswüste: an Wintertagen musste er am Edsin-Gol fünf Mal am Tag, auch bei weniger als Minuszwanzig Grad, auf dem Holzturm der meteorologischen Station, Messgeräte ablesen und Listen führen („eine ekelhaft stumpfsinnige Arbeit“, schreibt er in einem Brief).

Denn die Expedition diente einem wissenschaftlichen Zweck, der Chef war ein deutscher Meteorologe, der für das übergreifende Projekt, die seit 1927 laufende Zentralasiatische Expedition von Sven Hedin, die Wetterbeobachtungen übernommen hatte. Mühlenweg war schon am Anfang mit dabei gewesen, als Angestellter der neu gegründeten deutschen „Luft Hansa“. Für sie sollte der Kaufmann aus Konstanz die Ausgaben überwachen und die Buchhaltung führen, denn die Reichsregierung sponserte die Expedition mit viel Geld.

Es ging nicht nur um die Erforschung des Klimas in den Wüsten, die von Berlin aus überflogen werden sollten, nach Peking. Vom Berliner Außenamt war diskret ein halbes Dutzend deutscher Militärs in die Expedition infiltriert worden. Das Flugwesen hatte sich schließlich durch die technischen Erfahrungen der Militärflieger im Weltkrieg rasant entwickelt. Deren Augen sahen mehr.

Sein Chef freilich war kein Militär; er hat, ohne Mühlenwegs Namen zu nennen, über die Messarbeiten – beschönigend, wie es der Brauch war – später einen Aufsatz geschrieben. (Waldemar Haude: Reisen und Arbeiten der meteorologischen Sondergruppe 1931732; in: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 1934)

Ein inszeniertes Foto, Mühlenweg dokumentiert den Moment, in dem der Wüstenfahrer bereits in den städtischen Anzug geschlüpft ist. Abends mag er in Peking zu einer Fete gegangen sein. In seinem Adressbuch standen noch Namen von Frauen, mit denen er vor Beginn der Expedition beim Fasching im diplomatischen Viertel getanzt hatte.

Eigentlich wäre er gern noch ein-zwei Jahre in Nordchina geblieben. In der Mongolei war ihm in einer magischen Stunde möglich erschienen, dass ihm ein Leben als Künstler gelingen könnte. Vom ersparten Lohn der Expeditionsarbeit ließ sich ein sparsames Leben auf dem Land finanzieren. Malen im fremden Land. Eine ganz andere biographische Weichenstellung scheint hier auf…

Gerüchte über politische Veränderungen waren nur selten in die Gobi gedrungen, am ehesten von Durchreisenden in den Wüstenoasen. Aber nun erfuhr er, dass die Japaner die Mandschurei besetzt hatten. Das Leben in China wurde zu gefährlich. (Der große Zusammenhang blieb vorerst unsichtbar: Japanische Militärs hatten ihren imperialistischen Raubzug begonnen, sie nutzten den Bürgerkrieg zwischen den Kuomintang-Truppen des Mehrheitsführers Chiang Kai-shek und der erstarkenden Revolutionsbewegung um den Nationalkommunisten Mao Zedong und griffen sich Teile von China. Die Japaner zündeten eine Lunte, die den  Zweiten Weltkrieg von Ostasien her schon anfeuerte.)