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Mühlenweg und das Radio

Eine Selbstverhinderung.

Im September 1950 wurde vom Stuttgarter Sender her erstmals Günter Eichs Hörspiel „Ein Traum am Edsin-Gol“ ausgestrahlt. Wenn Fritz Mühlenweg in Allensbach ein Radio gehabt hätte… Man kann ins Träumen kommen.

Er hätte über den Sender Eichs Adresse ausfindig machen können. Wir hätten im Archiv vielleicht eine briefliche Antwort, auf welche vertrackte Weise der gewiefte Hörspielautor Eich um 1930 an das Motiv vom Mord am Edsin-Gol gekommen war. Sie hätten noch eine ganz andere Gemeinsamkeit entdecken können: Als Lyriker waren beide von Bildsprache und Naturverhältnis in alten chinesischen Gedichten fasziniert. Mühlenwegs „Tausendjähriger Bambus“ mit den uralten Liedern des Shijing war als Buch lieferbar, Eichs Übertragungen von Su Shih, einem Dichter des 11. Jahrhunderts, konnten damals nur den Lesern der Zeitschrift „Sinn und Form“ bekannt sein. Wie diese Arbeit an fremden Texten die eigene Sprache veränderte – auch dies hätte für die beiden Schriftsteller zum Thema werden können.

 

Aber Fritz Mühlenweg saß in jenem September 1950 über den Fahnenkorrekturen seiner Roman-Kapitel, die am Edsin-Gol spielten. Unter anderem versuchte er, die Verschlimmbesserungen durch das Lektorat noch vor Druckbeginn aus seinem Text zu holen. Um ihn im engen Haus war kein Radiohörspiel sondern die Stimmen von sieben Kindern, von Babygeschrei bis zu pubertärem Gequengel.

Wenn sich Mühlenweg und Eich je begegnet wären, hätten sie sich über ganz unterschiedliche Bedeutungshorizonte des Begriffs „Edsin-Gol“ austauschen können. Eich hat den Fluss nie gesehen, an dessen Ufer Fritz Mühlenweg viele Monate lang lebte, Wettermessgeräte ablas, Aquarelle malte. An den langen Winterabenden hatte er von den mongolischen Kamelmännern am Edsin-Gol Alltagsworte erfragt und nach dem Gehör aufgeschrieben.

In Eichs Hörspiel kommen weder Mongolen noch Chinesen vor. Und doch hätte ein gewitzter Eich den Romanautor Mühlenweg fragen können: Was haben Sie selbst denn alles weggeblendet von Ihren Erfahrungen vor Ort? Sie haben doch die Tschachar-Mongolen als politische Flüchtlinge erlebt, die Geschlechtskrankheiten in den Jurten, das Ungeziefer im Alltag… Mit welchen Leerstellen haben Sie denn Ihre Idylle vom Edsin-Gol eingerichtet, damit sich Ihre Leser daran erfreuen können? Das wäre doch ein Hörspielstoff, Mühlenweg: Ein Erzähler, von Läusen geplagt wie Sie es waren während der Expedition, und Stimmen der Torgot-Mongolen, die über andrängende Fremde aus dem Norden verhandeln… Sie schreiben doch so seltsam gute Dialoge, warum machen Sie daraus nicht Texte für den Funk?

Die beiden Autoren wären an dieser Stelle sehr rasch auf einen schlichten, technikgeschichtlichen Dissens gekommen. Das Medium Radio, in dem der Jüngere schon ab 1930 experimentiert und dabei maßgeblich die Entwicklung der neuen literarischen Form des Hörspiels mitgestaltet hatte, ließ Mühlenweg fast sein ganzes Leben lang beiseite.

Wieso eigentlich? Über die Radiobegeisterung von Mutter und Schwester in Konstanz, die ihm von der Sensation einer direkt übertragenen Zeppelinlandung berichteten, schrieb er während seiner ersten Chinafahrt schon ironisch. Der Aussteiger war damals auf der Suche nach authentischen Erfahrungen, körperlich spürbaren, nach hartem Leben, – nicht nach einer medial vermittelten Gleichzeitigkeit, die ihm trügerisch erschien. Was sollte dieses Pseudo-Dabeisein…

Sein Unbehagen dem Radio gegenüber teilten viele Zeitgenossen. Rundfunkstimmen begannen in die Häuser einzudringen. Was für die einen eine Epochenschwelle von akustischer Belästigung war, begrüßten andere als Zugewinn an Unterhaltung und Wissen, Auflockerung der Langeweile.

Unter den Facetten von Mühlenwegs Widerstands ist eine politische Abwehr unübersehbar. Am deutlichsten formulierte er sie in der Nachkriegszeit: „Allein wir besitzen keinen Radioapparat und wir haben auch nie einen haben wollen, denn die Politik interessiert uns nicht“, schrieb er im Februar 1948 an seinen Expeditionsfreund, den schwedischen Arzt David Hummel.

Er wollte seine Aversion auch nicht abbauen, als der Rundfunk begann, seine literarische Produktivität immer aufmerksamer zu begleiten. Als im Oktober 1947 Vertonungen von Texten aus „Tausendjähriger Bambus“ gesendet wurden – der Kantor Hans Kurig in Halberstadt hatte sie komponiert – war das kein Grund, einen Apparat zu kaufen. Die Mühlenwegs gingen mal schnell zu einer Bekannten, die ein Gerät hatte.

Sein aufsteigender Ruhm als Autor eines Abenteuerromans machte ihn bald für die Sender interessant. Im November 1951 lief „Fritz Mühlenweg erzählt von der Mongolei“ mehrteilig im Schulfunk des Süddeutschen Rundfunks. Im Mai 1953, während einer seiner wochenlangen Lesereisen durch mehrere Bundesländer, machte er Radioaufnahmen in Köln. Auch in Graz nahm der dortige Sender im November 1954 zwei seiner Vorträge auf. Die Nachrichten über Sendungen kamen von weit her: Freunde berichteten ihm, dass auch die BBC Lesungen aus seinem Roman gesendet hatte…

Noch 1956 wählte er einen sarkastischem Ton, um nach Haus zu berichten: „In München sprach ich Englisch in den Radiokasten und Baumann war auch da, ebenso Erich Kästner…“ (Hans Baumann und Erich Kästner: sie bewunderten beide den Jugendbuch-Kollegen.) Als er im selben Jahr, auf Vermittlung des Verlags, ein Hörspiel beim NDR eingereicht hatte, musste er seinem Lektor Rombach gestehen: „Ich selbst habe ja noch nicht einmal  ein Hörspiel gehört. Um  so dankbarer bin ich, dass Sie mir Ihr Licht geliehen haben. (Natürlich ein gestohlener chinesischer Ausdruck.)“.

Mühlenweg merkte zu spät, dass er sich mit seiner Radiophobie um eine Schreiberfahrung und einen lukrativen Arbeitsbereich gebracht hatte. Der Rundfunk verhalf in der jungen Bundesrepublik vielen Literaten zu sicherem Verdienst, wenn sie sich auf die Bedürfnisse des Mediums einstellten. In den Sendern arbeiteten Literaturkenner (Alfred Andersch, Helmut Heißenbüttel, Martin Walser…), die auf ihre Autoren achteten. Mühlenweg hätte Radio-Honorare brauchen können, vor allem in seinen letzten Jahren, als zwei Schlaganfälle ihn an weiteren Lesereisen hinderten.

Der Herder-Verlag vermittelte ihm 1959 auch den Kontakt zu Rose Marie Schwerin beim Kinderfunk des NDR. Die umsichtige Redakteurin hatte u. a. früh Astrid Lindgrens Kinderbücher zu Hörspielen gemacht. Schwerin reagierte begeistert auf Mühlenwegs Adaptation eines Stoffs von C. S. Lewis („Abenteuer im Wandschrank“) – aber dann begann ein schmerzhafter Lernprozess um Kürzungen und um Reduzierung der Personen. Und die rundfunkpädagogische Arbeit ging mit diesem Autor bei jedem neuen Text weiter. „Ich glaube nun allmählich zu begreifen, was der Funk braucht,“ schrieb Mühlenweg an Schwerin zwar im Juli 1960. Dem Sender aber war ein Autor, der zwölf Seiten schickte, wenn nur für neun Seiten Zeit war, bald zu mühsam. Die Kooperation versiegte mit einigen Fünf-Minuten-Texten für die Gutenacht-Sendung.

 

Im Jahr darauf kam das erste Radiogerät im Haus Mühlenweg zum Einsatz, die zehnjährige Tochter Sabine hatte die Anschaffung endlich durchgesetzt. „Wir hören durch einen Schwyzer lichtvolle Erklärungen über die 21. Minute des Fußballspiels Barcelona-Lissabon“, schreibt Mühlenweg am 31. Mai 1961 in einem Brief an seinen Lektor Theo Rombach. Dass ihn zuvor je Fußballergebnisse interessiert hätten, ist nicht überliefert. Im Berner Wankdorf-Stadion hatte – im Europapokalspiel der Landesmeister – Benfica Lissabon über Real Madrid gesiegt.

 

Fellmütze, vor 60 Jahren (zweiter Teil)

Lotte Eckener also machte im Allensbacher Haus jenes Foto, das für Mühlenwegs Schriftstellerlaufbahn der Fünfzigerjahre eine Weiche stellte.

Die Verkleidung aus der Reisekiste hatte er so in der Mongolei wohl nie getragen, nur die Fellmütze ist von einem Foto aus dem eiskalten Winter 1927 in Hami bekannt: Der verlegen Grinsende trägt da aber einen dicken halblangen europäischen Überzieher, dazu die über die Kniee reichenden Filzstiefel, denen man noch die tagelange Flucht zu Fuß durch die Gobi ansieht. Neben ihm sein mongolischer Gefährte Pantje, ohne Fellmütze, den Kopf mit einer Filzkappe bedeckt, im schmucklosen fast bodenlangen Gewand, kein Pelzbesatz, aber mit breiter Bauchbinde.

Im frühen Sommer 1951 spielte Mühlenweg im exotischen Habit für die Fotografin den entschlossen dreinblickenden Asienreisenden, – wir wollen annehmen: mit jenem Vergnügen, das er auch bei Fasnachtskostümierungen empfand. Die Marketingstrategie seines Verlags brauchte die Fiktion: Das Outfit passte zum Vorwort, das Sven Hedin für den Roman geschrieben und in dem er jahrelange „gemeinsame Wanderungen“ durch die Wüsten Zentralasiens beschworen hatte. Es passte auch zu den Fotos in den zehnkiloschweren Diakasten, die der Autor zu seinen Lesungen mitschleppte.

Denn er sollte als „der bessere Karl May“ aufgebaut werden, einer der nicht wild herum geflunkert hatte übers Indianerland, sondern Land und Leuten begegnet war, die in seinem Roman vorkamen. Und er trat in Städten auf, in denen noch die Plakate der anderen Asienhändlern hingen, die in Vorträgen aus eigener Erfahrung berichteten: Heinrich Harrer und Wilhelm Filchner reisten in Sachen Tibet.

Als ob das so einfach ginge: den Leuten aus einem Roman zu begegnen. Mühlenweg machte in einer seiner ersten Lesungen vor Schülern eine bizarre, eigentlich dramatische Erfahrung: Sie fragten ihn nach den Figuren seiner erfundenen Handlung, sie wollten wissen, wie es Naidang, Siebenstern und Großer Tiger seither ergangen sei. Er musste lernen, sich herauszureden, um die schlichte Identifikation der jungen Leser nicht allzu sehr zu enttäuschen. Und um den Balanceakt durchzuhalten, den eine doppeldeutige Positionierung seines Romans  auf dem Markt erforderte.

Lotte Eckeners Mongolen-Foto mit der Fellmütze begleitete in der Werbemaschine des Herder Verlags seinen immer noch zunehmenden Erfolg.  Als Mühlenweg im Herbst 1951 die erste seiner langen Lesereisen begann, war das Auditorium Maximum in Freiburg mit 900 Zuhörern überfüllt. In Düsseldorf meldeten sich 2000 an, er wurde gebeten, seinen Vortrag drei Mal zu halten.  Honorar? Meist 20 DM. Seltener 50. Die Übernachtungen  zahlte er selbst. Eine Netzkarte spendierte der Verlag erst im Jahr darauf.

Im Jahr darauf begann er auch zu ahnen, dass er in eine Falle lief. Er war als Jugendbuchschriftsteller und auf einer Mongolenschiene festgeschrieben. In seinem zweiten Roman („Tal ohne Wiederkehr“, 1952, – für uns heißt das Buch: „Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit“) kommen zwar keine Heranwachsenden mehr vor; aber weil die mehrheitlich jugendlichen Leser sehnsüchtig einen weiteren Mühlenweg erwarteten, erschien auch dieser Text als Jugendbuch.

Das Lektoratsgutachten hielt präzise fest: „Ab 14 Jahren, nach oben nicht begrenzt. Jüngere Leser werden in dem Buch vermissen, dass keine Jugendlichen vorkommen. Auch ist es sachlicher erzählt als das erste Buch, so dass das Lesealter etwas höher rückt.“ – Auch dieses Buch wurde ein Erfolg, inklusive der Übersetzungen; noch fünf Jahre nach dem Tod des Autors hat Herder Großauflagen von 100.000 gewagt.

Im November 1955 schreibt der 57-Jährige, der immer noch tourt, zwischen Vorträgen in Lünen und Iserlohn an seine Frau: „Nein, wie mir die liebe Mongolei allmählich verleidet wird. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Hoffentlich gelingt mir das angefangene Buch, denn wie leicht lautet die Kritik: „Schuster, bleib bei deinem Leisten“ (sprich Jugendbuch), es sei denn, ich brächte es zu einem guten Ende.“

Das angefangene Buch war der Roman über einen Kunstraub in Gent, an dem er seit Jahren arbeitete. Er gelang ihm nicht mehr. Mühlenweg blieb nur noch ein gutes Jahr, dann schlug bei diesem körperlich immer gesunden, immer starken Mann der erste Schlaganfall zu. Er verlor seine Handschrift. Der zweite Schlag – im November 1958 während eines Besuch beim Malerfreund Julius Bissier – machte ihm für Monate ein Gehen ohne Hilfe unmöglich.

Als Herder anlässlich Mühlenwegs 60. Geburtstag den Buchhändlern eine Schaufensterwerbung anbot, konnten sie sich auch das Mongolen-Foto bestellen. Sein treuer Lektor Theo Rombach tröstete ihn mit Nachrichten um seine sieben lieferbaren Bücher und seine vier Übersetzungen. Mühlenweg malte, mit seiner Linken, eines seiner wundersamen surrealistischen Bilder: „Das Kartenhaus“.