Tag Archives: Trojaner

Leserpost (Ein Anfang)

Lieber Libelle Verlag,

könnten Sie uns wohl bitte angeben, wo sich genau die ff. Textstelle aus Fritz Mühlenweg, In geheimer Mission findet: Sie wird dem Buch als letztes Zitat vorangestellt:

“Es muss dir etwas einfallen! Es geht nicht, dass wir mutlos sind.” ,,Dann”, sagte Christian, ,,müssen wir einen Vertrag machen: Nur einer von uns darf verzweifelt sein und ,Es gibt keine Hilfe’ sagen.”
(usw….) und dann musste beide lachen.

Wir möchten es in unserer Hochzeitsfeier verwenden, haben schon alle Mühlenweg Bücher gelesen und zahlreiche Male diesen Satz verwendet. Aber den Ort genau dieser Stelle finden wir gerade nicht.

Für Ihre heutige Auskunft wären wir Ihnen sehr dankbar.


Der Brief kam im Mai 2011. Auch die Dringlichkeit im letzten Satz hat mir gefallen. Wann kann man schon, von der Leserpost-Abteilung des Verlags aus, einer unbekannten Braut behilflich sein …

Die Stelle ließ sich rasch finden (S. 232 der laufenden Ausgabe, im 24. Kapitel); wie oft habe ich diesen Roman schon gelesen – fünfmal, sechsmal?

Dieser Schnellkurs über das Abmachen eines Vertrags zwischen den heranwachsenden Helden bleibt, in einer spannenden Passage als Verzögerungsmoment eingebaut, tiefgründig faszinierend. Die leichte, humorvolle Art, mit der dieser Autor jüngeren und dann zugleich älteren Lesern eine Lebenskunst weitergab. Leben ist gefährlich, Verzagtheit kann vorkommen. Es braucht eine Einübung in Beistand und Durchhalten. Bei aller Freiheit und allen wünschlichen Abenteuern ging es um Verbindlichkeiten.

Mühlenweg, ein getaufter Protestant, Sohn eines freimaurerischen Vaters, hatte mit kirchlichen Religionen nichts im Sinn; ich frage mich immer noch, ob sie das im damals heftig katholischen Herder Verlag (da wurde sogar des Verlegers Kind von Pius XII. getauft…) überhaupt bemerkt haben, als sie den Roman zum Flaggschiff ihres Jugendbuchprogramms machten. Die unaufdringliche Botschaft hinter allen spannenden Begegnungen in Grasland und Wüste hat im Klima des christlichen Rollbacks der westdeutschen Nachkriegszeit wie ein Trojaner gewirkt. (Nein, das ist nicht erforscht. Könnte sich mal jemand dahintermachen? Zuerst vielleicht die Interviews mit den bekannteren Mühlenweg-Lesern der ersten Generation, die oben in der Rubrik „Über Fritz Mühlenweg“ genannt sind?)

Mühlenwegs Menschen fehlt kein Gott, sie handeln – in einer Welt, die ohne Verbrecher, Geldgier, von Menschen gemachtes Unheil und eine höchst gefährliche Natur nicht zu haben ist –  aus einer diesseitigen Ethik heraus. Es geht darum, dem anderen zuwartend, höflich auch, mit respektvollem Interesse, und wenn immer möglich mit Humor zu begegnen.

Eine heitere Gelassenheit, die er aus der Mongolei mitbrachte. Dass er im Jahr 2011 das Motto für eine Hochzeit liefert… „Euer Weg sei leicht und gut!“ hätte er vielleicht mit einem Lächeln gesagt. Dass der Weg von sich aus nicht leicht und nicht immer gut sein kann, wusste er nach einem Vierteljahrhundert Ehe, aber noch im Monat vor seinem Tod konnte er sich ein Leben ohne seine Frau nicht vorstellen.

Im September jährt sich Mühlenwegs Tod zum fünfzigsten Mal. Wir bekommen fast jede Woche von unbekannten Lesern Nachfragen zu diesem Autor. Ja, diese seltsame Lebendigkeit, die von seinen Spracherfindungen ausgeht und die seine Leser immer neu beweisen…