Mühlenweg. Eine Erinnerung

Im Gespräch über die Verlagsgeschichte, das seit Monaten im Hintergrund läuft, fragte mich Manfred Bosch gerade danach, warum die Beschäftigung mit Fritz Mühlenweg zu einem Glücksfall wurde:

„Da waren erst einmal nur im Jahr 1991 Erzählungen, die mir gefielen. Und Mühlenwegs Erzählungen gefielen glücklicherweise auch Rotraut Susanne Berner, mit der ich schon länger befreundet war; sie hatte schon für Hans Brügelmanns „Kinder auf dem Weg zur Schrift“ (1983) einen spielerisch prägnanten Umschlag gezeichnet, dessen Motiv sich als graphisches Leitmotiv für die ganze pädagogische Buchreihe weiterverwenden ließ.
Rotraut Susanne Berner war damals noch nicht die in vielen Ländern gedruckte Künstlerin und Autorin der „Wimmelbücher“, aber in der Branche auf vielen Ebenen präsent. Für die ersten beiden Mühlenwegbücher spendierte sie uns enigmatisch schöne Umschlagbilder, die der Neupositionierung dieser Erzählstoffe um Wüstenerfahrung, Wegsuche und Nachdenklichkeit gewiss halfen. Dass wir dann fünf Jahre später – und inzwischen lässt sich sagen: gerade zur Halbzeit des Verlags – noch ein wunderschönes Buch zusammen machen konnten, Mühlenwegs „Nuni“ mit ihren neuen Bildern und ihrer kompletten Buchgestaltung, gehört zu den Höhepunkten.
Du hast recht: es war bei Mühlenweg dieses Dreifache eines leis humorvollen Erzähltons, der seine möglichen Leser in ihrer emotionalen Neugier abholt. Dann die Exotik einer unbekannten Welt mit ihrer ganz anderen, wilderen Natur. Und schließlich eine Perspektivik, die den Abstand zum Getümmel erlaubte – auch dem der Medien. In Asien hatte der Europaflüchter Mühlenweg bei Nomaden etwas erhellend Rückständiges erlebt: dass nämlich Verzicht auf mediale Aufgeregtheiten aus entfernten Gegenden das eigene Leben stärken kann.
Am Anfang konnten für mich nur die beiden ersten Punkte wichtig sein – da erzählte einer spannend und schilderte farbig genau. Und er erfand eine Welt, in der Gier, Hass, Mord, Verrat und Wüstentod durchaus vorkommen, aber er kapriziert sich nicht aufs Hässliche, auf Sinnlosigkeit. Mühlenweg ließ seine Menschen ohne religiöse Bindungen ihre Gefährdung durchstehen, Bedrohungen konnten sie auch stärken, sie blieben freundschaftsfähig. Dieser Asienreisende brachte, erzählend, eine denkwürdige Botschaft der pragmatischen Zuversicht. Die Konturen einer nicht-christlichen Ethik, ausgehandelt in Lebensformen, die den Fremden erst einmal gastfreundlich aufnimmt.
Wie er das schaffen konnte, welche Vita activa dahinter stand, welche Brüche er gewagt hatte: das hat mich dann mehr als 30 Jahre nach seinem Tod die Spuren seiner Biographie suchen lassen. Eine Arbeit, die erleichtert wurde durch den großzügige Zugang, den mir Sabine und Regina Mühlenweg gaben zu einem sorgsam bewahrten Familienarchiv mit privaten Briefen, Manuskriptstufen, einem Fundus von Fotografien.“

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